03.04.2010

KAPITALISMUS„Wutgetränkte Apathie“

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer über den Bewusstseinswandel der Deutschen in der Krise und ihr neues Feindbild: den Langzeitarbeitslosen
Heitmeyer, 64, leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Seit acht Jahren befragt er jährlich 2000 Personen, um herauszufinden, wie sich ihre politischen, sozialen und wirtschaftlichen Einstellungen verändert haben(*1).
SPIEGEL: Herr Heitmeyer, wie fühlen sich die Deutschen mitten in der Krise?
Heitmeyer: Vier von fünf sind der Ansicht, "die Wirtschaftskrise müssen am Ende Leute wie ich ausbaden", und sie haben damit wohl recht. Von der Finanzkrise waren unmittelbar nur ein paar Banker betroffen und Leute, die bei Pleite-Instituten Geld angelegt haben. Die Wirtschaftskrise spüren schon sehr viel mehr Menschen. Eine Million Beschäftigte sind in Kurzarbeit, und die Angst, arbeitslos zu werden, frisst sich durch die Gesellschaft. Das ganze Ausmaß der Krise werden wir aber erst erleben, wenn die Fiskalkrise zuschlägt. Bisher haben wir den Zusammenbruch durch aberwitzige Staatsverschuldung verhindert. Aber diese Verschuldung führt bekanntlich dazu, dass die öffentlichen Haushalte brutal sparen müssen: Schwimmbäder werden geschlossen werden, Bibliotheken werden teurer, Abwasser- und Kitagebühren steigen, am Schluss kommt diese Krise bei jedem Einzelnen an. Und das ahnen die Menschen bereits heute, und die Spaltung der Gesellschaft wird immer größer.
SPIEGEL: Wie groß ist die Zukunftsangst wirklich?
Heitmeyer: Die Mehrheit der Bevölkerung ist erheblich verunsichert. Mehr als 90 Prozent erwarten eine Zunahme von Armut und sozialem Abstieg. Die meisten gehen davon aus, ihren Lebensstandard nicht mehr halten zu können. Vor dem Hintergrund der Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik ist das ein Drama. Früher ging der Fahrstuhl nach jeder Krise wieder aufwärts, und alle wurden mitgezogen, auch die mittleren und die unteren Schichten. Nun ist der Fahrstuhl außer Betrieb - oder führt eher nach unten. Und vor allem: Die Statusangst macht anfällig für die Abwertung anderer.
SPIEGEL: Mit welchem Resultat?
Heitmeyer: Die Wut ist außerordentlich groß - in allen gesellschaftlichen Schichten. Mehr als 80 Prozent sind wütend über die finanziellen Folgen der Krise. Wütend sind die Menschen aber auch, dass die Politik nichts aus der Krise lernt. Sie erleben, dass die Regierungen nicht die Kraft haben, wirkungsvolle Regeln für den Finanzmarkt durchzusetzen.
SPIEGEL: Diese Wut wird aber nirgends sichtbar.
Heitmeyer: Sie findet kein Ventil. Ob das gut ist, wage ich zu bezweifeln. Wir haben es mit einer wutgetränkten Apathie in der Bevölkerung zu tun. Die Apathie liegt auch daran, dass die Wut kein konkretes Objekt hat.
SPIEGEL: Vielleicht demonstrieren die Leute hier ja nicht, weil sie zufriedener sind, als Sie glauben.
Heitmeyer: Nein, unglaublich viele Menschen sind alles andere als zufrieden. Ich halte es für gefährlich, wenn die Politik diese Stimmung nicht wahrnimmt, denn viele suchen sich neue Sündenböcke. Mehr als die Hälfte glaubt inzwischen, schuld an der Wirtschaftskrise seien auch diejenigen, die den Sozialstaat ausnutzen.
SPIEGEL: Das ist ja ziemlicher Unsinn.
Heitmeyer: Im Gegensatz zu früher, wo es unter anderem gegen Schwule, Muslime oder Ausländer ging, geraten jetzt Langzeitarbeitslose ins Visier. 47 Prozent der Menschen sind der Ansicht, dass "die meisten Langzeitarbeitslosen nicht wirklich daran interessiert sind, einen Job zu finden". 57 Prozent sagen, es sei "empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen". Gegen keine Gruppe finden sich in der Gesellschaft so viele Vorbehalte wie gegen Menschen, die schon länger keine Arbeitsstelle mehr haben.
SPIEGEL: Die FDP glaubt, man müsse nur die Anreize zur Jobsuche erhöhen, um die Arbeitslosigkeit abzubauen.
Heitmeyer: Wer so denkt, will nicht zur Kenntnis nehmen, wie sehr die Chancen regional ungleich verteilt sind, wie sich die Arbeitswelt verändert hat, und macht Langzeitarbeitlose zum neuen Feindbild. Gerade bei Leuten in den unteren Schichten findet man übrigens das Bedürfnis, sich von Personen abzugrenzen, die in der Sozialhierarchie noch weiter unten stehen. Insgesamt 61 Prozent sagen mittlerweile, in Deutschland müssten zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden. Jeder Dritte sagt: "In Zeiten der Wirtschaftskrise können wir es uns nicht leisten, allen Menschen die gleichen Rechte zu garantieren."
SPIEGEL: Wem nutzt die Verunglimpfung von Langzeitarbeitslosen denn?
Heitmeyer: Es hört sich zynisch an, aber jede Gesellschaft stabilisiert sich insbesondere in Krisen durch Randgruppen, die man abwerten kann. So sorgt die Gruppe der Langzeitarbeitslosen dafür, dass Arbeitnehmer sich anpassen. Wenn ich die Gefahr vor Augen habe, sozial abzustürzen, strenge ich mich mehr an, bin flexibler, disziplinierter und gehe selbst dann zur Arbeit, wenn ich mich krank fühle. Der US-Publizist Robert Samuelson hat gesagt, wenn keine Angst existiert, den Arbeitsplatz zu verlieren, gibt es keinen wirtschaftlichen Fortschritt. Das ist systemische Brutalität.
SPIEGEL: Hartz IV als Instrument der Einschüchterung?
Heitmeyer: Wir können belegen, dass die Mittelschicht seit Einführung von Hartz IV massive Angst hat. Das führt dazu, dass Mitmenschen vor allem nach ihrer Nützlichkeit bewertet und damit auch abgewertet werden. Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskriterien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen.
SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Heitmeyer: Wenn Menschen heute jemand kennenlernen, lassen sie sich häufig von einem Nutzenkalkül leiten, also der Frage, was nützt mir dieser oder jener Kontakt? Fast 80 Prozent sagen, dass sie rational abwägen, was ihnen bestimmte Kontakte bringen. Das ist Kälte.
SPIEGEL: Sie zeichnen das Bild einer ängstlichen und ökonomistischen Gesellschaft.
Heitmeyer: Nicht alle denken so, aber erstaunlich viele. 28 Prozent sagen, wir nehmen zu viel Rücksicht auf Versager. Auffällig ist, dass dieses Denken ebenfalls wieder vor allem in den unteren Schichten anzutreffen ist. Je niedriger die soziale Stufe, desto größer scheint die Ellbogenmentalität. Der Druck wird nach unten weitergegeben.
SPIEGEL: Beklagt jetzt schon ein linker Soziologe wie Sie den Werteverfall?
Heitmeyer: Mit Werteverfall kann ich nichts anfangen. Jedenfalls glaubt die Mehrheit der Menschen, dass unsere Kernnormen erodieren. Drei von vier Befragten sagen, dass sich Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness in dieser Gesellschaft nicht mehr verwirklichen lassen. Das ist gefährlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und erzeugt Desintegration - für mich eines der beunruhigendsten Ergebnisse unserer diesjährigen Untersuchung.
SPIEGEL: Rechte Parteien profitieren von dieser Stimmung bisher aber nicht. Im Gegenteil: Die Menschen wenden sich insgesamt ab von der Politik.
Heitmeyer: Ja, viele Menschen sind enttäuscht von der Politik. Sie merken, dass die Demokratie die Kontrolle verliert gegenüber dem Kapital, das wiederum Kontrolle gewinnt und gnadenlos ausübt. Die Mehrheit der Bevölkerung traut der Politik grundsätzlich nicht mehr zu, die großen Probleme zu lösen.
SPIEGEL: Schwindet damit auch die Akzeptanz der Demokratie generell?
Heitmeyer: Die Demokratie ist in einer Krise, die Teilnahme an Wahlen, auch an der Bundestagswahl, ist gesunken. Wir beobachten eine tiefgreifende politische Resignation, ich nenne das Demokratie-Entleerung. 53 Prozent derjenigen, die sich von der Wirtschaftskrise bedroht fühlen, sagen, "es ist sinnlos, sich politisch zu engagieren". Und 74 Prozent sagen: "Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut." Ganz unmerklich scheint unser demokratisches System zu verrotten.
(*1) Wilhelm Heitmeyer (Hg.): "Deutsche Zustände. Folge 8". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 15 Euro.
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 14/2010
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