03.04.2010

Mit leeren Händen

Von Ehlers, Fiona; Schmitz, Gregor Peter; Schwarz, Ulrich; Smoltczyk, Alexander; Wensierski, Peter

Der zögerliche Umgang des Papstes mit den Sündenfällen seiner Priester weitet sich zur Kirchenkrise aus und schürt die Empörung über sein Pontifikat. Benedikt hat es sich mit Juden und Muslimen, mit vielen Katholiken und auch mit den Deutschen verdorben, die bei seiner Wahl so stolz auf ihn waren.

Herr!", so beginnt der Mann. Es ist Nacht, an den Ruinenmauern flackern die Schatten der Fackeln. "Oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist." Das sind düstere Sätze. Besonders von einem Kirchenfürsten.

Und er macht weiter, spricht vom Unkraut auf dem Acker des Herrn, vom Dreck, der sich ausgebreitet hat, vom Verrat der Priester am Herrn: "Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Wir selber verraten dich immer wieder." Er fleht: "Erbarme dich deiner Kirche: Auch mitten in ihr fällt Adam immer wieder."

Das waren prophetische Sätze. Von einer Bitternis und Illusionslosigkeit getragen, wie sie einem altgedienten Kardinal und Glaubenswächter wohl nur über die Lippen kommen, wenn er die Akten des Schmutzes bis zum Überdruss studiert hat.

Joseph Ratzinger war es, der genau vor fünf Jahren, Ostern 2005, seiner katholischen Kirche die Leviten las. Es war die bittere Anklage eines alten Kirchenmannes, der offenbar wenig Hoffnung hatte und dem Ruhestand entgegensah. Sie war als Vermächtnis gemeint, als Mahnung - nur die konkreten Verfehlungen hat er nicht benannt.

Fünf Jahre später hat der alte Adam den Menschen Ratzinger wieder eingeholt. Der Schmutz der Kirche ist - weiß Gott! - aus den Geheimdossiers, aus den verschwiegenen Winkeln von Sakristeien, Seminaren und Schulen ans Tageslicht gedrungen. Und als Oberhaupt der Kirche steht Joseph Ratzinger selbst inmitten dieses Schmutzes. Er ist der Steuermann auf diesem angeschlagenen Schiff.

Aus allen Ecken der Welt erreichen ihn Vorwürfe und immer drängendere Appelle, sein Schiff endlich wieder seetüchtig zu machen. Die Missbrauchsfälle, die anfänglich nur das Problem nationaler Bischofskonferenzen waren, vor allem der amerikanischen, der irischen und der deutschen, haben sich zu einer Krise der gesamten katholischen Kirche addiert, die nun mit Macht über den Vatikan hereinbricht und dort den obersten Hirten trifft, der gar nicht weiß, wie ihm so plötzlich geschehen ist.

In Deutschland fragt das Kirchenvolk immer lauter, warum er bislang kein Wort zu den Verbrechen der Priester in seinem Heimatland gesprochen hat. Christian Weisner, Vorstandsmitglied der Reformbewegung "Wir sind Kirche", ist vom Papst tief enttäuscht: Benedikt XVI. habe "das wahre Ausmaß der Verunsicherung nicht wahrgenommen".

Die Polen sind ihm böse, weil sie fürchten, seine Tatenlosigkeit angesichts der Krise könne das Ansehen "ihres" Papstes Johannes Paul II. beschädigen, dessen Seligsprechung sie schon bald erwarten. "Ein öffentliches Mea Culpa hätte ihm Glaubwürdigkeit im Kampf um die Reinheit der Kirche verliehen", schreibt die "Gazeta Wyborcza".

Die Iren, denen Benedikt einen Hirtenbrief geschrieben hat, in dem er die Verantwortung für die Missbrauchsfälle örtlichen Bischöfen und, nicht gerade ein Ausweis von Reumütigkeit, der "Säkularisierung der irischen Gesellschaft" zugeschrieben hat, zeigten sich enttäuscht. In der "Sunday Tribune" forderte der Kommentator Maurice O'Connell: "Warum konnte Benedikt nicht in ein Flugzeug steigen und zwölf Opfern die Füße waschen?"

In den Vereinigten Staaten schließlich, wo in den vergangenen Dekaden rund 12 000 Missbrauchsfälle bekannt geworden waren, werfen die Medien dem Papst bereits persönlich die Vertuschung der Skandale vor, will ihn ein Opfer-Anwalt gar zum Erscheinen vor Gericht zwingen. Viele Gläubige, die vor 30 Jahren unter der Lust ihrer Priester gelitten haben, haben die Hoffnung auf Reue von höchster Stelle verloren. "Der Papst ignoriert das Leid der Opfer. Taten, nicht bloß Worte sind gefragt", sagt deren Sprecher David Clohessy. Auf einmal bedroht der weltweite Empörungschor das ganze Pontifikat des Papstes aus Deutschland.

Benedikt XVI. war angetreten mit dem Projekt eines Sich-Versöhnens über den Rand der Kirche hinweg. Der frischgewählte Papst wollte mit dem Wort regieren, mit Diskursen, nicht mit Verboten. Das hatte er als Leiter der Glaubenskongregation 23 Jahre lang tun müssen. Jetzt sollte ein offener, selbstbewusster Dialog geführt werden. Mit der säkularen Welt, mit dem Islam, den Juden, den Traditionalisten in den eigenen Reihen. Vielleicht sogar mit den Gefolgsleuten Luthers.

Nun, nach fünf Jahren im Amt, ist das Projekt des Benedikt gescheitert, der Hirte verloren in einer Welt, die ihn nicht mehr versteht. Denn die säkulare Welt steht diesem Intellektuellen-Papst inzwischen bestenfalls gleichgültig gegenüber, wenn nicht gar feindlich. Der Dialog mit den Juden ist nach der Affäre um den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson zurückgeworfen worden, in Teilen des Rabbinats herrscht nur noch eisiges Schweigen, und die geplante Seligsprechung von Pius XII. wird daran kaum etwas ändern.

Viele Muslime haben Benedikt die Vorlesung in Regensburg nie verziehen, wo er sich, mutig in der Sache, doch ungeschickt im Vermitteln, mit Gewalt und Islam auseinandersetzte.

Selbst die radikalen Reformgegner, die Piusbrüder und andere Traditionalisten sind nicht mit fliegenden Bannern zurück nach Rom geeilt. Obwohl der Ratzinger-Papst ihnen alle Türen geöffnet hat, die lateinische Messe als gleichberechtigt erklärte und die Exkommunikation ihrer Bischöfe aufhob. Benedikts Versöhnungsgeste nach rechtsaußen brüskierte dagegen die liberaleren Diözesen in Deutschland und Frankreich.

Natürlich: Das Amt des Pontifex maximus ist nicht dazu da, dass dessen Träger von der Welt geliebt wird. Nachdem Pius IX. gestorben war, versuchten einige Römer 1881, sich des Sarges zu bemächtigen, um ihn in den Tiber zu werfen. Heute, zu Beginn der Ostertage, scharen sich nur noch die getreuesten Pilger um ihren Oberhirten. Der Rest der Welt, geschockt vom Ausmaß der Missbrauchsfälle, blickt mit Skepsis nach Rom, und schon sind erste Rufe zu vernehmen, Benedikt möge die Verantwortung für seine sündigen Hirten übernehmen und zurücktreten.

In der italienischen Zeitschrift "MicroMega" formulierte der Priester Don Paolo Farinella für den Papst bereits eine entsprechende Erklärung, zu halten vor irischen Gläubigen: "Ich komme zu euch mit leeren Händen, um euch um Verzeihung zu bitten", wegen der Strenge des Zölibats, wegen der Zustände in den Priesterseminaren, wegen des tausendfachen Missbrauchs der Kinder. "Ich werde mich in ein Kloster zurückziehen und die Tage, die mir bleiben, Buße tun für mein Versagen als Priester und Papst."

So weit ist es noch nicht, längst noch nicht. Nach wie vor können sich 80 Prozent der Deutschen nicht vorstellen, Benedikt werde sich ausgerechnet am fast vergessenen Coelestin V. ein Beispiel nehmen, der im 13. Jahrhundert zurücktrat, als er fürchtete, seinem Amt nicht mehr gewachsen zu sein.

Dennoch bleibt die Frage offen, warum ihm nichts mehr gelingen will, diesem anfangs so umjubelten Pontifex?

Es ist die Tragödie eines Mannes, der eigentlich nur Bücher schreiben wollte und erst am Ende seines Lebens in das vatikanische Herkulesamt beordert wurde. Er wolle "ein einfacher, demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn" sein, so sagte Benedikt XVI. ganz zu Beginn, in aller Bescheidenheit.

Doch bislang ist Joseph Ratzinger eher ein Schrebergärtner im Weinberg gewesen, kein Landschaftsarchitekt und auch keiner, der unfruchtbare Rebstöcke herausreißt.

Er hat sich das Misstrauen der säkularen Welt zugezogen und die Skepsis der anderen Religionen. Er hat keinen Weg gefunden, damit umzugehen. Immer wieder, nach jeder neuen Affäre, jedem Missverständnis und jeder Ungeschicklichkeit, wirkt sein Handeln wie notgedrungen. Es mangelt ihm an jener Gabe seines Vorgängers, der stets die richtigen symbolischen Gesten fand. Johannes Paul II., der Charismatiker auf dem Heiligen Stuhl, leitete die Kirche während des Höhepunktes der amerikanischen Missbrauchskrise, die seiner Beliebtheit gleichwohl nichts anhaben konnte. Noch als er die Welt an seinem Sterben teilhaben ließ, strömten die Massen auf den Petersplatz, um ihm nahe zu sein.

Natürlich trifft zu, was der englische Autor Gilbert Chesterton schon Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb. Zu allen Zeiten sei "der Glaube allem Anschein nach vor die Hunde gegangen. Doch stets war es der Hund, der starb".

Das mag manchen trösten.

Viele Katholiken aber leiden an ihrem Papst. Nicht weil sie ihn für unfähig oder auch nur unsympathisch hielten. Sondern weil sie nicht mitansehen können, wie dieser außergewöhnliche Mensch sich selbst im Wege steht. Vor allem das "Wir sind Papst"-Volk hat sich abgewandt von ihm.

Nach einer SPIEGEL-Umfrage teilen 73 Prozent der von TNS Forschung befragten Deutschen die Überzeugung, dass der Papst "nicht angemessen" mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche umgeht.

Nach den Enthüllungen über die klerikalen Sünden ist die Ernüchterung vielerorts sogar in Aggression umgeschlagen, in Häme und oft in billigen Spott über alles Kirchliche. In den Online-Foren der Republik, den digitalen Stammtischen, ergießt sich seit einigen Wochen Verachtung über die Kirche.

Dort heißt es: "Dass die Kirche immer nur zugibt, was eh nicht mehr zu leugnen ist, zeigt doch, dass der Vatikan, wenn überhaupt, nur eines bedauert: dass die Priester erwischt wurden."

Und auch das war zu lesen: "Die Institution Kirche ist ein moralisch verkommener Verein alter Männer. Davon kann man sich nur deutlichst distanzieren."

Auch an Empfehlungen, die die Zukunft der Kirche betreffen - von Gläubigen wie von Nichtgläubigen -, mangelt es nun nicht mehr. Plötzlich wissen alle, was die Kirche falsch gemacht hat in den vergangenen Jahrhunderten: der Zölibat und der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt; die knöcherne Hierarchie alter Männer, die Verfolgung jeglicher Öffnung in der Theologie; die blinde Verdammung von Verhütung und Geburtenkontrolle in den armen Regionen der Erde; das ewiggestrige Unverständnis gegenüber Homosexualität; das Misstrauen gegenüber Technologie und moderner Kultur; die ständigen Nadelstiche und Provokationen gegen die evangelischen Kirchen, die Juden und den Islam.

Der Theologe Ratzinger hat die Doktrinen und Vorschriften seiner Kirche immer wieder verteidigt, häufig klug und mit exquisiter Gelehrsamkeit. Er verwies auf die Lehren der Kirchenväter, der Konzilien und die ganze Heilige Schrift.

Eine Zeitlang genoss er sogar das ungeteilte Wohlwollen des Feuilletons. Selbst in den Spalten der erzprotestantischen Hamburger "Zeit" erweichte der sonst so skeptische Blick auf Rom.

Dennoch drang Benedikts Botschaft nicht durch. Der oberste Theologe, Prof. Dr. Papst, verlor den engen Kontakt zu seinen Schutzbefohlenen. Es ist dem Meister des Wortes nicht gelungen, auch nur einer einzigen seiner Positionen eine Legitimität in der öffentlichen Meinung zu verschaffen.

Das kann an der öffentlichen Meinung liegen.

Oder aber an den Positionen.

Das Wohlwollen der Deutschen "ihrem Papst" gegenüber war jedenfalls nicht von Dauer. Die meisten seiner Landsleute haben sich in Wahrheit längst in einer privaten Glaubenswelt eingerichtet. Sie haben durchaus den Wunsch nach einer metaphysischen Zentralheizung, wenn's kälter wird im Leben. Aber bitte ohne Institution und ohne Zumutungen.

Die Christenheit hat "müde den Herrn verlassen", genauso wie es Ratzinger vor fünf Jahren, beim Kreuzweg am Kolosseum in Rom, festgestellt hat. Es herrsche die große "Banalisierung des Menschen, die keine Ideologie mehr braucht, sondern sich einfach gehen lässt".

Der Papst aber, dieser eulenäugige alte Mann mit der hohen Stimme, ist einfach nicht so kuschelig wie der Dalai Lama. Er hat keine klare Botschaft wie der Wahlkämpfer Barack Obama. Auch seine Propagandisten in Deutschland möchte niemand auf einer einsamen Insel dabeihaben, geschweige denn von ihnen durch die Wüste geführt werden.

Die Zeit des Vatikan-Chics ist vorbei.

Der Flirt der Berliner Republik mit diesem Mann dauerte nur zwei Sommer lang.

Eine Zeitlang war es angesagt, nicht nur bürgerlich und preußisch zu sein, sondern auch Ratzinger gelesen zu haben. Autoren begannen plötzlich zu pilgern, Feuilletons suchten Indizien für die Wiederkehr des sakralen Raumes, und es galt als Versprechen für die Zukunft der Kinder, wenn die Berliner Bourgeoisie sie auf das Canisius-Kolleg schicken konnte.

Und doch: Die Ernüchterung setzte schnell ein. Je länger Benedikt agierte, desto deutlicher wurde, dass er nicht die Öffnung zur modernen Welt wollte, welche die Öffentlichkeit - womöglich aus illusionären Gründen - von ihm erwartete.

Seine Wiederbelebung der traditionalistischen lateinischen Messe, die Rückkehr zur Idee der Judenmission in der neuen Karfreitagsfürbitte, die Abkehr von der kritischen Bibelforschung in seinem Jesusbuch - all dies waren nur die kleineren, eher unauffälligen Restaurationsschritte, deren Bedeutung vor allem aufmerksame Kircheninsider rasch als Menetekel erfassten.

Gerade in Deutschland kippte die Stimmung über die eigene Kirche hinaus erstmals stärker, als Benedikt im Sommer 2007 die hier lebenden 25 Millionen evangelischen Christen mit einem Verdikt aus dem Vatikan brüskierte: Ihre Glaubensgemeinschaften könnten "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn genannt werden". Das Signal "Dogma statt Dialog" empörte aber auch die katholische Basis, die vielerorts in der Ökumene längst weiter vorangekommen war als ihre Kirchenoberen. Selbst dem damaligen deutschen Katholikenchef, dem Mainzer Kardinal Karl Lehmann, passte ganz offensichtlich dieser Kurs Benedikts nicht, er versuchte ihn durch seine Stellungnahmen abzumildern.

Auch Hans Küng, der alte Freund aus den Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und spätere Gegenspieler, musste ernüchtert feststellen, das eine Papstaudienz gleich zu Beginn des Pontifikats noch keinen Frühling in der Kirche macht. "Ich hatte angenommen, dass die Einladung an mich die erste einer Reihe von kühnen Taten sei, zu denen der Papst fähig sei. Aber er hat die Welt enttäuscht. Er hat seitdem keine Zeichen der Erneuerung mehr gesetzt, sondern ist im Gegenteil ein ums andere Mal zum Rückschritt hinter die Errungenschaften des Konzils angetreten."

Ratzinger hätte vom Amt her die Chance gehabt, als Papst eine andere Linie einzuschlagen als vorher in seinem Amt als Chef der Glaubenskongregation, wo er fast ein Vierteljahrhundert der oberste Glaubenskommissar war. Als Benedikt hat er diese Chance schnell verspielt und ist in seine alte Rolle zurückgefallen. Ratzingers Biografie ist so zu seiner Lebensfalle geworden - zum Schaden für die katholische Kirche.

Joseph Ratzinger, geboren am 16. April 1927 in Marktl am Inn, ist der Sohn eines bayerischen Gendarmen. Das Geld ist knapp, dennoch besuchen Joseph und sein älterer Bruder Georg das Gymnasium.

Bereits in der zweiten Klasse kaufen die Eltern dem jüngsten Sohn Joseph ein Missale - das Messbuch, welches der Priester am Altar benutzt. Die Religion wird für Ratzinger das, was er später ein "rationales Abenteuer" nennt. Bloßer Weihrauch, naive Glaubensstärke, das war nie sein Katholizismus.

Die Schule meldet ihn in der Hitlerjugend an, daran kann er nichts ändern, aber er geht selten hin. Schließlich wird er als Flakhelfer nach München eingezogen. Das Kriegsende erlebt er in einem Gefangenenlager bei Ulm.

1951 wird Joseph Ratzinger zum Priester geweiht. In der Seelsorge hat er nur kurz gearbeitet, die Alltagssorgen der Gläubigen kaum je aus eigenem Erleben kennengelernt.

Stattdessen macht er schnell als Theologe Karriere. 1958 wird der 31-Jährige Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie. 1962 avanciert er zum Bischofsberater beim Konzil. Dort vertritt Ratzinger ebenso liberale wie vatikankritische Ansichten - für die individuelle Freiheit des Christenmenschen und gegen den Allmachtsanspruch der römischen Kurie. Damals klagt Ratzinger, die Kirche habe zu "straffe Zügel, zu viele Gesetze, von denen viele dazu beigetragen haben, das Jahrhundert des Unglaubens im Stich zu lassen, anstatt ihm zur Erlösung zu helfen".

Nach dem Konzil gehört Ratzinger mit Hans Küng und Karl Rahner zu den Reformern in der Kirche. 1966 holt ihn sein Freund Küng an die Universität Tübingen auf den Lehrstuhl für Dogmatik. 1968 unterschreibt er wie 1360 Kollegen weltweit eine von Küng entworfene Resolution "Für die Freiheit der Theologie".

Doch noch im selben Jahr hat der progressive Konzilstheologe ein traumatisches Erlebnis, das sein Denken und Handeln bis heute erklärt: Während der 68er- Revolte erlebt er, wie seine Studenten die Darstellung des Kreuzestods Christi als "sadomasochistische Verherrlichung von Schmerz" schmähen und in seiner Vorlesung skandieren: "Verflucht sei Jesus". In den Tübinger Hörsälen, damals ganz im Bann des großen marxistischen Philosophen Ernst Bloch, sei ihm klar geworden, sagt er 1983 in einem SPIEGEL-Gespräch, "dass das, was wir mit dem Konzil gewollt haben, in sein Gegenteil umschlug".

Für den 41-jährigen Kleriker sind die Tübinger Erfahrungen ein tiefer Schock, der ihn radikal verändert: Der weltoffene Theologe wandelt sich zu einem furchtsamen Dogmatiker, dem die unverrückbar von Gott vorgegebene Wahrheit seither alles bedeutet. Dieser Wahrheit, die nicht verfügbar ist, hat sich für den Kirchenmann Ratzinger alles unterzuordnen.

Und Hüterin der absoluten sittlichen Wahrheit ist die katholische Kirche. Als Erzbischof von München und Freising lässt Ratzinger sich 1977 den Spruch "Cooperatores veritatis" auf den Schulterschal sticken: Mitarbeiter der Wahrheit. Die Vorstellung, dass Wahrheit sich dem Menschen, auch dem Gottgläubigen, nur bruchstückhaft erhellt, dass Wahrheit mithin keine fixe Größe ist, sondern sich in Zeit und Raum unterschiedlich darstellt, je nach Kultur und Tradition, solches Denken ist für Ratzinger, wie er immer wieder verächtlich betont, verdammenswerter "Relativismus".

In Ratzingers Welt ist der Mensch eher Objekt denn handelndes Subjekt. Kritiker dieses Papstes registrieren immer wieder die distanzierte Kühle, die er selbst dann ausstrahlt, wenn er sich betont herzlich an Menschen wendet. Das Charisma greifbarer Nächstenliebe, das der Menschenfänger Johannes Paul II. ausstrahlte, geht ihm völlig ab.

1981 holt Johannes Paul II. den bis dahin bereits mit der Kardinalswürde ausgezeichneten Erzbischof als obersten Glaubenswächter nach Rom. Als Erstes kümmert sich Ratzinger auf Wunsch des Papstes um Lateinamerika. Linke Priester drohen da, nach Meinung des polnischen Papstes, die Gläubigen in die Irre marxistischer Überzeugungen zu führen. Er stellt den Befreiungstheologen Leonardo

Boff an den Pranger und verdammt das theologisch begründete Engagement für eine Kirche der Armen.

Mehr als zwei Jahrzehnte wacht der Kardinal von Rom aus darüber, dass die Gläubigen in aller Welt, vor allem aber die Funktionärskader der Kirche, die Priester und Bischöfe, auf Linie bleiben. Die sanften Gesten, die Schüchternheit und die hohe Stimme können täuschen: Joseph Ratzinger ist auch ein eiserner Kreuzritter.

Als Papst, dem in den ersten Monaten seines Pontifikats nichts als Begeisterung entgegengeschlagen war, geriet er dennoch rasch in die Kritik. Schon seine Regensburger Rede im September 2006 provozierte Islamisten in aller Welt zu Gewalttaten gegen Christen. Nur mühsam konnten die Wogen der Empörung geglättet werden. Viele glaubten aber noch an ein Missverständnis, der gelehrte Professor habe sich nur ungeschickt ausgedrückt, als er den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos zitiert hatte: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden."

Dann kam der Eklat im Januar 2009, als ausgerechnet der deutsche Papst den Holocaust-Leugner Williamson aufwertete, den einst exkommunizierten Bischof der Piusbruderschaft, einer reaktionären Glaubensgruppe, die Benedikt XVI. unbedingt in seine Kirche wieder aufnehmen wollte. Aus Angst vor einem dauerhaften Schisma riskierte der Papst weltweit das Ansehen des Katholizismus.

Als Benedikt XVI. dann einige Monate später Israel besuchte, was erst nach etlichen Ausflüchten und Erklärungen möglich war, wurde sein Auftritt in der Gedenkstätte Jad Vaschem als "nahezu steril", "emotionslos", schlicht "enttäuschend" kritisiert. Oberrabiner Israel Meïr Lau hatte sich mehr menschliche Anteilnahme am Leid der ermordeten Juden gewünscht. Stattdessen habe der Papst "nur eine allgemein gehaltene Rede ohne Leidenschaft, Anteilnahme und Gefühl" gehalten. "Nicht einmal die Wörter 'sechs Millionen Juden' hat er in den Mund genommen."

Ratzinger war schon immer ein scheuer Mensch. Aber aus seiner Tübinger Erfahrung hat er eine unüberwindbare Angst mitgebracht: die Angst um die Kirche. Ratzinger hat über den heiligen Augustinus promoviert, jenen Kirchenvater, für den der Christ als Fremder durch die Welt irrt, in stetem und ohne himmlische Gnade vergeblichem Bemühen, sich dem Gottesstaat zu nähern.

Von Augustinus hat er zudem die Leibfeindlichkeit übernommen, die der Kirchenvater im 4. Jahrhundert in der Kirche salonfähig gemacht hat, und den Pessimismus, jenes No-Future-Denken, was alles Irdische betrifft. Von der Welt jenseits der Mauern von Kirche und Vatikan ist im Zweifel nichts Gutes zu erwarten.

Und wenn es ein wahres Leben gibt im falschen, dann nur im Inneren der Kirche. Allein die Mauern des Vatikans versprechen Schutz.

Nicht länger. Anders als in der Vergangenheit lässt sich die weltweite Empörung nicht länger in den betroffenen Diözesen einfangen. Auch vom Oberhirten in Rom wird eine Erklärung verlangt. Zumal dann, wenn der Papst selbst während seiner Kirchenkarriere mit diesen Problemen konfrontiert war. Schon in Ratzingers Münchner Oberhirtenzeit gibt es den Fall des Priesters Peter H., der in den vergangenen Wochen den Pontifex eingeholt hat.

Der Kleriker war im Bistum Essen wegen Kindesmissbrauchs auffällig geworden. In der Obhut der Erzdiözese München sollte er eine Therapie machen. Ratzinger stimmte zu. Doch sein Generalvikar setzte den Mann sofort wieder in der Gemeindearbeit ein - angeblich ohne Wissen des Münchner Oberhirten. Priester H. missbrauchte in den folgenden Jahren weitere Kinder, erst 2008 wird er aus der Seelsorge entfernt. Das Erzbistum München musste vergangene Woche sogar einen Krisenseelsorger nach Garching und Bad Tölz schicken, wo der sündige Hirte eine Spur seelischer Zerstörungen hinterlassen hat.

Auch der jüngste Hirtenbrief zum sexuellen Missbrauch in Irland löste vor allem Enttäuschung aus. "Was hätte es ihn gekostet, in ein paar Sätzen auch auf die dramatische Entwicklung in Deutschland einzugehen", klagten Mitglieder der katholischen Jugend BDKJ. Selbst der Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky brachte zum Schluss eines Bußganges durch die Straßen der Hauptstadt hervor: "Wir leiden darunter, dass es so viel Versagen in der Kirche gibt."

Dem Menschen Ratzinger ist die Welt außerhalb von Kirche und Vatikan, die Welt der Macht und die Macht des Weltlichen immer unheimlich gewesen. Auch während seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation mühte er sich nicht, das für einen Kirchenfürsten übliche Klientelnetz um sich zu knüpfen. Intrigieren und höfisches Taktieren waren seine Sache nicht. Der Theologieprofessor, der keinen Widerspruch zwischen Vernunft und Glaube gelten lässt, war immer von der Macht der Argumente überzeugt.

Er wusste, es würde nicht leicht werden. "Die Gesellschaft hasst uns, weil wir ihr im Wege stehen", vertraute er seinem Biografen Peter Seewald einmal an. So konnte ihn der Aufruhr der vergangenen Wochen nicht wirklich überraschen.

Getroffen hat er ihn schon.

Besonders, dass der ihm wohl engste Mensch, sein Bruder Georg, ins Zwie-licht gezogen wurde, hat Ratzinger geschmerzt. Während seiner Jahrzehnte als strenger, zuweilen körperlich strafender Leiter der Regensburger Domspatzen hätte Georg Ratzinger, so die Nachrede, von Missbrauchsfällen im Internat der Vorschule des Chores wissen müssen.

Zu seinem Namenstag, dem Fest des heiligen Josef von Nazaret, saßen die beiden Brüder, der "Bücher-Ratz" Joseph und der "Orgel-Ratz" Georg, nebeneinander im Prunksaal des Papstpalastes, der Sala Clementina. Der Hirtenbrief an die irischen Katholiken war gerade unterschrieben. Zerbrechlich sahen sie aus, die weißen Haare ein wenig zaus. Das Henschel Quartett spielte für sie Haydns "Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze".

"Es wäre besser gewesen, das Schweigen zu bewahren", sagte anschließend der jüngere der beiden Brüder, der Papst. Er meinte die gebotene Stille nach dem Verklingen der Musik. Aber er konnte nicht schweigen, sprach volle acht Minuten lang über Zweifel und Vergeben und das Sichanvertrauen an etwas Höheres, sprach über die Schönheit und jene schwierige Materie, "das menschliche Fleisch" - welches ihm so fern ist.

Und doch die letzten Jahre seines Pontifikats bestimmen wird.

Es war ein anrührender Moment. Wohl einer der wenigen Momente, wo der Papst nicht von seinen Amtsgeschäften vor sich hergetrieben wurde. Dabei ist Joseph Ratzinger keineswegs der Verstockteste im Lager der Verschweiger gewesen.

Der Fall jenes "Father" Lawrence Murphy aus Milwaukee beispielsweise, der etwa 200 Jungen einer Taubstummenschule nachgestellt hatte, wurde erst 20 Jahre nach dem letzten Missbrauch nach Rom gemeldet. Streng nach Kirchenrecht war das Vergehen damit bereits verjährt. Dennoch unterstützte Ratzingers Glaubenskongregation die Eröffnung eines Verfahrens gegen Murphy. Sein Stellvertreter Kardinal Tarcisio Bertone empfahl die Einstellung des Prozesses erst, nachdem Murphy, bereits sterbenskrank, in einem Brief an Ratzinger um Gnade gebeten hatte.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Ratzinger im Jahr 2001 Johannes Paul II. zu jenem päpstlichen Schreiben, dem "Motu Proprio", gedrängt, in dem die Kirche verpflichtet wurde, alle Missbrauchsfälle an die römische Zentrale zu melden und dort zu verhandeln.

Kritiker sehen darin einen Versuch, die Skandale im Vatikan unter Kontrolle zu behalten und in aller Diskretion abzuwickeln. Der Vatikan versichert, die vorgeschriebene "päpstliche Geheimhaltung" diene allein dem Schutz der Beteiligten und habe nie eine Anzeige an die weltliche Justiz ausgeschlossen.

Das bezweifeln viele Gläubige. Von nun an jedenfalls liefen alle Dossiers über pädophile Geistliche über den Schreibtisch von Joseph Ratzinger. Niemand in der Weltkirche hatte einen besseren Überblick, wie es in den Seminaren und katholischen Instituten tatsächlich aussah. Und genau deshalb droht der katholischen Kirche nun ein Verfahren, das sich zum schlimmsten Alptraum der Vatikan-Juristen ausweiten könnte - und an dessen Ende die Aufforderung an den Papst stehen könnte, sich wegen der Missbrauchsvorwürfe vor einem weltlichen Gericht zu verantworten.

"Ich will wissen, wann der Vatikan von den Missbrauchsfällen wusste und was er wusste", sagt Anwalt William McMurry, der drei mutmaßliche Opfer von Übergriffen durch Priester in Kentucky vertritt. Ihre Klage hat nun das Bundesbezirksgericht in Louisville erreicht und könnte durch alle Instanzen bis zum Obersten Gerichtshof in Washington wandern. Die Kläger reklamieren, dass der Vatikan verantwortlich sei, wenn seine Angestellten Schaden angerichtet hätten. Mit dieser Klage wollen die Amerikaner einen Rechtsweg eröffnen, der über Jahre verschlossen schien: Sie sind entschlossen, einen direkten Anspruch von Missbrauchsopfern gegen den Vatikan durchzusetzen.

Jeff Anderson, ein Anwalt aus Minnesota, der seit 1983 Hunderte Missbrauchsopfer vertreten und Millionen Dollar an Entschädigungszahlungen erstritten hat, wartet genau auf eine solche Gelegenheit. Anderson sorgte in den vergangenen Wochen für weltweite Schlagzeilen, als er der "New York Times" Dokumente über den Fall von Pater Murphy zuspielte. Nun hofft er auf den größten denkbaren Preis: eine Vorladung des Heiligen Vaters selbst. "Wir stehen an einem Wendepunkt", sagt der Anwalt. "Alle Probleme, die wir in den USA haben, führen zurück nach Rom. Nichts wird sich ändern, bis sich die Vertreter dort ändern."

Zwar halten Rechtsexperten eine Vorladung von Benedikt XVI. vor ein US-Gericht für extrem unwahrscheinlich. Doch allein ein langer Rechtsstreit darüber ist peinlich genug.

Ratzingers Kirchenjuristen haben sich bereits eine ausgeklügelte Verteidigungsstrategie zurechtgelegt. Sie argumentieren, als Staatsoberhaupt des Vatikans genieße der Papst Immunität gegen Klagen vor US-Gerichten. Amerikanische Bischöfe, die Missbrauchsfälle vertuschten, seien im Übrigen keine weisungsgebundenen Angestellten des Kirchenstaats.

Dabei hat sich Ratzinger in seiner Kirche eigentlich immer für ein hartes Vorgehen gegen die Sünder in den Soutanen eingesetzt. Für ihn ist die Priesterweihe ein zentrales Sakrament, das Amt eine ständige Selbstprüfung bei strenger Disziplin.

Ratzinger setzte beispielsweise seine harte Linie gegen den Mexikaner Marcial Maciel Degollado durch. Der Gründer der mächtigen Priesterkongregation Legionäre Christi soll sich wie ein Borgia-Papst aufgeführt haben, mehrere Kinder gezeugt und missbraucht haben.

Johannes Paul II. hatte diesem von ihm hochverehrten Diener Gottes trotz aller Gerüchte noch 2001 eine Festmesse auf dem Petersplatz gewidmet. Eine der ersten Aktionen Ratzingers in seinem neuen Amt als Papst war die Verbannung Maciel Degollados in ein Kloster.

Aber wie die allermeisten Bischöfe damals (und viele noch heute) ist Ratzinger auch überzeugt, zu große Offenheit nütze nur dem Gegner.

Auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise in der USA, am 30. November 2002, stellte Ratzinger sich Fragen an der katholischen Universität San Antonio in Murcia, im Südosten Spaniens. Es gebe natürlich auch Sünder in der Kirche, erklärte er, "aber ich persönlich bin überzeugt, dass hinter den ständigen Presseberichten über die Sünden katholischer Priester, vor allem in den USA, eine geplante Kampagne steht", mit dem Ziel, "die Kirche in Misskredit zu bringen".

Ihre Vertuschungsversuche musste die amerikanische Kirche teuer bezahlen. Deutlich über zwei Milliarden Dollar Entschädigung für die Untaten von etwa 5000 Priestern mussten die US-Diözesen bisher aufbringen, einige von ihnen meldeten darüber Insolvenz an.

Das Gesetz des Schweigens, diese omertà cattolica, in Sachen Missbrauch galt damals noch ungebrochen. Die Kardinäle Bernard Law in Boston und Roger Mahony in Los Angeles gehörten zu entgegengesetzten Lagern in der Kirche, der eine konservativ, der andere liberal. Aber beide waren sich einig, dass der gute Ruf der Kirche wichtiger sei als die Wahrheit.

Dahinter mag auch der weitverbreitete Glaube an die Therapierbarkeit von Sexualstraftätern gestanden haben. Im Vordergrund stand der Reflex, "es sei die Pflicht vor Gott, den einfachen Gläubigen vor jedem Zweifel zu beschützen", so der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen.

Einen tiefen Blick ins Innenleben des Vatikans gestattete vergangenen Sonntag der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn. Als 1995 der schwere Missbrauch von Internatsschülern durch den Kardinal Hans Hermann Groër bekannt wurde, verhinderte das Umfeld des damaligen Papstes Johannes Paul II. eine Untersuchungskommission. Die "diplomatische Fraktion" unter den Höflingen habe alles auf die Medien schieben wollen - gegen den Widerstand des heutigen Papstes: "Ratzinger hat mir damals traurig gesagt: Die andere Partei hat sich durchgesetzt."

In seinem Hirtenbrief an die irischen Gemeinden ist Benedikt XVI. weiter gegangen als je ein Papst vor ihm. "Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und Reue aus, die wir alle fühlen", schrieb er. Aber es war eben doch nicht das von vielen erhoffte Eingeständnis persönlichen Versagens. Benedikt kritisierte einige Bischöfe, nicht das gesamte, autoritär verknöcherte "System Bischof". Und er hat die Gelegenheit versäumt, in die Offensive zu gehen, "Ich" zu sagen und über seine Zeit als Erzbischof in München zu sprechen.

"Kann Benedikt noch glaubhaft andere Bischöfe anführen, wenn seine eigene Bilanz, jedenfalls bis 2001, nicht besser ist?", fragt der Benedikt-Biograf John Allen.

Im Vatikan scheint derweil die Schockstarre vorüber. Nach den Tagen betretenen Schweigens zu den immer neuen Enthüllungen geht nun der Vatikan zum Gegenangriff über, und die Verteidiger des Papstes geben sich in der Sache ebenso hart wie die Kritiker.

Benedikts Helfer, alte, oft emeritierte Bischöfe, bewaffnet mit Mikrofonen und Kontakten zu Chefredakteuren und Fernsehdirektoren, treten zur Verteidigung des Pontifex an und errichten eine Mauer um ihr Oberhaupt, so dick wie die Mauer um den Kreml, glaubt ein Vatikanexperte von "La Repubblica".

Sie ziehen in eine Art Abwehrkrieg und nennen ihn selbst so, einen "Krieg, der im Gange ist zwischen der Kirche und der Welt, zwischen Satan und Gott", so der ehemalige Bischof von Acerra, Antonio Riboldi. Denn wer den Papst angreift, dem ist dies vom Teufel eingeflüstert worden - behauptet Padre Gabriele Amorth, seit 25 Jahren Exorzist im Vatikan, und verkündet seine Überzeugung vor jeder Fernsehkamera, die ihm hingehalten wird.

Kurz vor den Osterfeierlichkeiten beschweren sich die kirchlichen Würdenträger über die "Verbissenheit", die "antichristliche Hasskampagne" der Medien, die angeblich nur den Papst in Misskredit bringen soll.

Die französischen Bischöfe, die in der Missbrauchsaffäre deutlich besser dastehen als ihre deutschen oder irischen Kollegen, weil sie schon zeitig dafür gesorgt haben, dass einschlägige Untaten der weltlichen Gerechtigkeit überantwortet wurden, senden Solidaritätsadressen nach Rom, und Bischöfe bitten die Gläubigen in aller Welt, "in diesen harten Zeiten" für den Heiligen Vater zu beten, "damit Gottes Gnade ihn unterstütze".

Allein der deutsche Kardinal Walter Kasper, schon immer ein etwas distanzierterer Wegbegleiter seines Kollegen Ratzinger, räumte im Mailänder "Corriere della Sera" ein, die Kirche habe zumindest in einigen Fällen früher zu Missbrauchsvorfällen geschwiegen". Er fordert den Vatikan zum Großreinemachen auf, der Weg zur Erneuerung sei "unumkehrbar, und das ist auch gut so". Aber auch er ist der Überzeugung, dass die Angriffe auf Benedikt "über die Grenze von Gerechtigkeit und Anstand hinausgehen".

Am vergangenen Palmsonntag sprach der Papst dann selbst, und es klang, als spreche er sich trotzig Mut zu: Der Glaube verleihe "die Kraft, sich nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern zu lassen", sagte er vor 50 000 Anhängern auf dem Petersplatz. Der Vertuschungsvorwurf als bloßer Klatsch von Ungläubigen?

Vor der Predigt tat Benedikt XVI. etwas, was er an den Palmsonntagen der vergangenen Jahre vermieden hatte. Er ließ sich im Papamobil über den Petersplatz fahren, während die Gläubigen ihm zujubelten und ihre Palmwedel schwenkten. Das war vor rund 2000 Jahren, beim Einzug des Religionsstifters in Jerusalem, nicht anders. Doch Papstsprecher Lombardi beeilte sich, keine unzulässigen Vergleiche aufkommen zu lassen. Der Papst wolle sich nicht verschanzen, er wolle, sagte Lombardi, sichtbar sein auch für die Gläubigen in den hintersten Reihen.

Einer seiner engsten Vertrauten setzt sich dagegen von solch trotzigen Gesten ab. Der Wiener Erzbischof Schönborn hat am Mittwoch im Stephansdom in einer Bußpredigt ein Schuldbekenntnis abgelegt: "Wir bekennen, den Namen Gottes, der Liebe heißt, verraten zu haben."

Das war, endlich, das Eingeständnis, das alle Welt eigentlich vom Papst aus Deutschland erhofft hatte.

(*1) Links: Ratzinger-Schwester Maria.

DER SPIEGEL 14/2010
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