Von Winter, Steffen
Auf der Bühne ist Klaus Ernst von niemandem zu bremsen. Wenn er sonntags bei Anne Will sitzt und dem Gesprächskreis zum Thema Lohnsklaverei eine Weile ruhig zuhören muss, dann zerrt es förmlich an ihm. Ernst rutscht auf seinem Sessel hin und her, bis er dem Millionenpublikum im breiten Bayerisch endlich die Welt so erklären kann, wie sie wirklich sei. "Wenn Sie mit dem linken Fuß im kalten Wasser stehen und dem rechten im heißen, dann ist es unter dem Hintern nicht lauwarm."
Ein echter Ernst. Das Publikum johlt, der FDP-Mann in der Runde ist sprachlos, der Unternehmensberater pikiert, die Raumpflegerin erheitert, und Anne Will schwankt irgendwo dazwischen.
Ernst liebt solche Auftritte. Man kann auch sagen, er ist dafür berüchtigt. Bayerische Landesbanker werden bei solchen Gelegenheiten schnell mal zu "Affen", die Grünen zu "Kompost". Der Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler schleudert er dann ein anzügliches "runter mit dem Pelz" entgegen. Der Fanclub jubelt, der Rest ist hin- und hergerissen.
So wie die ganze Partei. Seit Ernst Ende Januar als einer von künftig zwei Bundesvorsitzenden der Linken nominiert wurde, laufen sich Freunde wie Feinde warm: In seinem eigenen bayerischen Landesverband kursiert eine Gefahrenwarnung vor dem agilen Gewerkschafter, viele ostdeutsche Parteimitglieder lasten ihm die unfeine Demontage des Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch an.
Die Personalie Ernst steht dafür, dass neben Kommunisten und ehemaligen Stasi-Zuträgern, Intellektuellen und spinnerten Sektierern auch handfeste Politiker im Soziotop der Linken Karriere machen können. In der Figur Ernst bündeln sich alle Kämpfe, die in der vereinigten Linken derzeit toben: Mann gegen Frau, Ost gegen West, WASG gegen PDS, Lafontaine-Jünger gegen Bartsch-Realos. Der Bayer ist eine echte Herausforderung für den Bundesparteitag Mitte Mai in Rostock. Seine Wahl ungewiss.
Ernst ist Widerstand gewohnt. Damals, 2004, machte er so lange in der SPD ge-gen die Hartz-IV-Gesetze Stimmung, bis die ihn nach 30 Jahren Mitgliedschaft ausschloss. Er hat danach einfach weiter- gelärmt, die von vielen belächelte "Initiative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" aufgebaut, aus der später die WASG hervorging. Hat die westdeutsche Splitterpartei in den Schoß der PDS geführt und Oskar Lafontaine zum Mitmachen überredet.
Ernst hat große Politik im Hinterzimmer betrieben - immer hemdsärmlig und direkt. "Grad muss die Welt sein", sagt der Linke gern. Und so versucht er nun auch, sie sich geradezubiegen.
Ein Samstagmorgen Ende März, im schwarzen Dienst-BMW rollt er von Berlin gen Norden. Kreisparteitag der Linken in Pasewalk. Kurz vor Polen. Ein heikles Terrain. Im Osten ist Ernst schon offen als "Zumutung" bezeichnet worden. Die Menschen hier fremdeln mit seinem Dialekt. Und West-Gewerkschafter, die die 35-Stunden-Woche in den von Arbeitslosigkeit geplagten Osten bringen wollten, sind ohnehin suspekt.
Auch Ernst fremdelt, und zwar mit den speziellen Befindlichkeiten. Als Stasi-Vorwürfe gegen den Ehemann seiner designierten Co-Vorsitzenden Gesine Lötzsch aufkamen, hat er wieder einen Bierzelt-Spruch rausgehauen: Es sei doch "merkwürdig", ewig nachzuforschen, ob nicht noch jemand "einen Schäferhund hat, der einen Mauerflüchtling gebissen hat". Die SED-Opfer waren entsetzt, "Bild" kürte ihn zum Verlierer des Tages. "Alles Quatsch", knurrt er leicht genervt im Fond des Wagens. Er habe doch nur sagen wollen, dass es keine Sippenhaft gebe.
Ernst muss häufig Dinge wieder geraderücken. Etwa die Geschichte mit Dagmar Enkelmann. Als WASG und PDS sich langsam annäherten, sei die ihm in Berlin als fesche "Sekretärin" von Lothar Bisky aufgefallen. Er hat den Schwank gern selbst schenkelklopfend verbreitet. Tatsächlich war die Blondine und einstige "Miss Bundestag" aber stellvertretende Parteichefin. Die linken Frauen halten Ernst seither für einen Macho, der kaum wählbar ist. Er habe, erklärt der Bayer, einfach nur launig illustrieren wollen, wie wenig man sich damals kannte.
Doch die Lage ist selbst in der weiß-blauen Heimat ungemütlich. Ein Grund ist Franc Zega, Landessprecher der Linken in Bayern. Er hat es zu bundesweiter Bekanntheit gebracht, weil er in einem Brief an die Basis vor Ernsts Wahl zum Bundesvorsitzenden warnte. Die Vorwürfe erinnern an die Spätphase des Politbüros: Ernst spalte, grenze aus und versuche den Landesverband "gutsherrlich" zu dominieren. Er sei somit "definitiv nicht als Bundesvorsitzender" geeignet.
Zega, 66, sitzt am Augsburger Hauptbahnhof über einem Kaffee und lächelt milde. Er übernahm die Landespartei Ende 2008 im Handstreich; reiste als Ersatzdelegierter zum Parteitag an und fuhr als Chef davon. Der von Ernst unterstützte Favorit war krachend durchgefallen. Seither herrscht Krieg im Landesverband, und der designierte Bundesvorsitzende steht mitten im Getümmel. Ende dieser Woche ist Sonderparteitag der Linken in Bayern. Es geht um einen neuen Vorstand. Die Ernst-Fraktion hat Zega zum Verzicht aufgefordert, im Würzburger "Backöfele" haben sich die Protagonisten gar zu einem geheimen Gesprächsversuch getroffen. Doch Zega tritt wieder an - und nimmt rein gar nichts zurück.
Dabei sucht er durchaus nach freundlichen Worten, wenn er Ernst beschreiben soll. Der sei ein netter Kerl, habe aber leider starke populistische Züge. Ernst baue ein Netzwerk von Gewerkschaftern aus und versuche die Basis zu schwächen. Er stehe für eine Kaderpartei à la SED: "Wer ihm folgt, der wird befördert." Und die Landtagswahl, bei der die Linke den Einzug ins Parlament knapp verpasste, lastet Zega natürlich Ernst an. Dieser sei im Wahlkampf zu wenig über Land gezogen.
Kein Zweifel, auf dem Sonderparteitag wird es laut werden. Und die Kameras werden auf Klaus Ernst gerichtet sein. Es könnte ein Signal für Rostock werden.
Kann Ernst, der Unbeugsame, ausgleichen? In linken Internetforen wird ein "altmodisch daherkommender Chef- und Hierarchiekult" bei den Linken in Bayern beklagt. Von Eitelkeiten, Intrigen und Kofferträgertum ist die Rede. Der Dachauer Linke Axel Mende findet, die Linke sei unter Ernst "ein Instrument drittklassiger, zu kurz gekommener Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre" geworden. Ernst schaffe Zwietracht und profitiere auch finanziell: "Schon wieder ein Kapitalist, der die Arbeiter führen will."
Ernst sitzt im Wagen Richtung Osten und bläst die Backen auf. "Jo da haut's mir ja den Vogel dreimal raus." Er mag das bayerische Theater nicht mehr hören, es nervt auf dem Weg nach oben. Gerade gab es eine Landesvorstandssitzung, die mit dem lautstarken Auszug der halben Führung endete. Die Schatzmeisterin hat hingeworfen und Landes- und Bundesvorstand mitgeteilt, ihr sei die Zeit zu schade, sich "mit destruktiven Anträgen, Wortbeiträgen und ehrabschneidenden E-Mails zu beschäftigen".
Lafontaines designiertem Nachfolger geht es wohl ähnlich, nur hinwerfen käme nie in Frage. Klaus Ernst hat sich immer durchgeboxt. Mit 15 floh er vor dem autoritären Stiefvater, schaffte eine Lehre als Elektromechaniker, wurde Betriebsrat. Die Gewerkschaft ermöglichte ihm ein Studium der Volkswirtschaftslehre und Sozialökonomie. Seit 1984 ist er hauptamtlicher Funktionär. Und nun ein Kapitalist, ein machtgeiler Mann des Apparates? "Ich hatte genug Angebote, auch aus der Wirtschaft. Ich habe sie nie angenommen", sagt der Bayer trotzig. Nie habe es ihn in Ämter gezogen, aber Lafontaine wollte nun mal nicht mehr.
Doch plötzlich steht alles auf dem Prüfstand: der gepachtete Hof hoch oben in Tirol, seit Jahren sein zweites Zuhause. Ist das eine angemessene Immobilie für einen, der Hartz-IV-Opfer vertreten soll? Und wie ist das mit dem Porsche 911 Carrera, den er sich seit zehn Jahren gönnt?
Früher hat Ernst zurückgedroschen, wie kürzlich noch einmal im Münchner Biergarten. Da hat einer "Kommunist" herübergebrüllt. Er hat mit "Trottel" gekontert. Den Porsche würde er normalerweise verteidigen: "Wir predigen nicht nur Wein, wir trinken ihn auch."
Der neue Klaus Ernst, der designierte Bundesvorsitzende, muss jetzt aufpassen. Auf dem Schoß liegen die Unterlagen für "Anne Will", darunter ein Ausdruck aus dem Internet. Der Porsche ist demnach nur noch gut 25 000 Euro wert. So viel wie ein normaler Mittelklassewagen. Das ist die neue Verteidigungslinie.
Der Dienst-BMW hält, Ernst eilt zu den Pasewalker Genossen. Ein Saal voll grauer Köpfe, das Ambiente in der DDR: Der IG-Metaller steht mitten in der alten SED-Kreisleitung. Er lobt die ihm völlig unbekannte Landschaft und gibt in Demutspose zu, daheim in Bayern noch weit entfernt zu sein von den tollen ostdeutschen Wahlergebnissen.
Natürlich bringt er den Gag mit den Grünen. Dass die nicht mehr grün seien, sondern schon kompostiert. Auch auf Frau Schaeffler mag er nicht verzichten. Ernst will ausgerechnet haben, dass sie für ihr einstiges Vermögen eigentlich 108 000 Jahre hätte arbeiten müssen: "Dafür sieht sie doch wirklich gut aus."
Der Applaus ist ordentlich, nur die Linken-Landrätin mault, sie hätte Inhalte in Ernsts Rede vermisst. Der Vorhalt muss ihm bekannt vorkommen. Er lässt sich in den Fond seines BMW fallen - und vom Fahrer erst mal erklären, wo er eigentlich gerade ist.
DER SPIEGEL 15/2010
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