12.04.2010

SEXUALITÄTDie besseren Männer

Ist es schwulenfeindlich, wenn der Außenminister kritisiert wird, weil er mit seinem Partner auf Reisen geht? Dürfen Schiedsrichter Männer lieben? Die Republik ist toleranter geworden - aber schwierig ist das Leben für Homosexuelle in Deutschland immer noch.
Jedes Mal, wenn der Modemacher Michael Michalsky vor einem Schaufenster von H&M steht und dort Cliquen von rausgeputzten Teenagern abfällige Bemerkungen über Schwule machen, denkt er: "Ihr Idioten, es sind doch Schwule, die euren Geschmack definieren. Schwule, die dafür sorgen, dass ihr gut riecht. Schwule, die eure Sonnenbrillen entwerfen, eure Jeans, eure Turnschuhe. Alles, worauf ihr stolz seid, stammt von Schwulen."
Michalsky sitzt im Berliner Restaurant Borchardt an einem Tisch in der Mitte. Dunkles Holz, rotes Leder, weit genug von der Bar, um nicht angerempelt zu werden, nah genug, um erkannt zu werden. Der Platz der Wichtigen.
Michael Michalsky, schwarzes T-Shirt, Jeans, 43 Jahre alt, legt keinen großen Wert darauf, schwul zu wirken. Andererseits hat er kein Problem, sich offen zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen. Es sei nur nicht der wesentliche Teil seiner Identität. Die Reihenfolge gehe so: "Ich bin Michael Michalsky, und dann bin ich auch noch homosexuell."
Sich zu outen, den Mitmenschen einzugestehen, dass man Männer liebt, ist für jeden Homosexuellen ein Kraftakt, immer noch, aber die Gesellschaft hat es ihnen in den letzten vier Jahrzehnten einfacher gemacht.
Je älter die Schwulen sind, desto dramatischer ist ihre Geschichte; der Hamburger Immobilienmakler Karl-Heinz Ramke, 70 Jahre alt, kann eine andere erzählen als der 56-jährige Klaus Wowereit oder der TV-Star Thomas Hermanns, 47; der Hotelier Dietmar Holzapfel, 53, eine andere als der Unternehmer Harald Christ, 38 Jahre alt.
Schwule der ersten Generation wie Ramke kämpften lange mit ihrem Outing, lebten ein Doppelleben. Nicht alle, aber viele Schwule der dritten Generation wie Michalsky bekennen sich früh zu ihrer Homosexualität, nutzen sie als Ausdruck ihrer Individualität.
"Ich habe nie darunter gelitten, schwul zu sein", sagt Michalsky. Wenn die anderen Jungs in seiner Heimatstadt Bad Oldesloe auf dem Fußballplatz rackerten, habe er an der Bushaltestelle die hübschen Mädchen unterhalten. Er habe seine sexuelle Andersartigkeit als Auszeichnung empfunden. "In den achtziger Jahren waren die coolen Jungs schwul."
Das frühe Erkennen von Trends hat Michalsky später als Designer von Levi's und Adidas so wohlhabend und erfolgreich gemacht, dass er jetzt seit drei Jahren sein eigenes Label "Michalsky" betreibt. Und so wie Michalsky sich in seiner Jugend für einen Walkman von Sony und Platten von Boy George entschied, so sah er auch seine Sexualität. "Die Schwulen waren einfach besser", sagt Michalsky, "sie hatten die bessere Stimmung in ihren Discos, die bessere Mode sowieso."
Nachdem sich in den letzten Jahren viele Männer geoutet haben, verzichten Schwule vor allem in der Politik und im Kulturbetrieb auf jenes Versteckspiel, das ihnen jahrhundertelang aufgezwungen wurde. Mit Klaus Wowereit in Berlin und Ole von Beust in Hamburg regieren zwei offen schwule Bürgermeister zwei der wichtigsten deutschen Metropolen.
Und wenn Außenminister Guido Westerwelle seinen Lebensgefährten Michael Mronz auf Auslandsreisen mitnimmt, ist nicht seine Homosexualität Thema von Debatten, sondern die Verquickung von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Dass Westerwelle versucht, Kritikern Schwulenfeindlichkeit zu unterstellen, stößt besonders bei Schwulen auf Widerspruch.
Auch Dietmar Holzapfel, eine der zentralen Figuren der Münchner Homosexuellen, gehört zu den Westerwelle-Kritikern. "Homosexualität ist kein Freibrief; die Vorwürfe der Günstlingswirtschaft als Ausdruck von Homophobie darzustellen ist schädlich." Wenn der Außenminister seinen Lebenspartner auf Auslandsreisen mitnehme, profitiere er zudem von der eingetragenen Lebenspartnerschaft, für die er sich vor zehn Jahren, als sie politisch durchgesetzt wurde, nicht eingesetzt habe. Westerwelle wird von vielen Schwulen kritisiert, weil er sich bisher politisch wenig für ihre Belange engagierte.
Es sind Männer wie Dietmar Holzapfel, die dafür gesorgt haben, dass Schwule in deutschen Großstädten angesehene Leute des Gemeinwesens sind. In seinem Hotelrestaurant Deutsche Eiche zählten der verstorbene Queen-Frontmann Freddie Mercury und der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder zu den Stammgästen. Business-Netzwerke wie der Bundesverband schwuler Führungskräfte Völklinger Kreis treffen sich hier, "auch homosexuelle Kirchenleute", sagt Holzapfel.
Zentraler Aspekt der schwulen Community, so Holzapfel, sei die Sexualität, man unterstütze sich aber auch in geschäftlichen Dingen, als Netzwerk. "Mein Hausarzt ist schwul, mein Augenarzt ist schwul, mein Zahnarzt ist schwul, amüsanterwei-se nur mein Friseur nicht", sagt Holzapfel und grinst.
In vielen Teilen Deutschlands gibt es heute schwule Sportvereine, schwule Gesangskreise, schwule Wanderclubs, schwule Steuerberater, auch in vermeintlich schwulenfeindlichen Institutionen wie der Polizei, der Bundeswehr, in manchen Unternehmen haben sich Netzwerke gebildet. In den politischen Parteien müsste niemand mehr seine sexuelle Orientierung verstecken, nicht bei den Grünen und in der SPD, schon gar nicht in der FDP. Bei den Konservativen formiert man sich in der LSU, Lesben und Schwule in der Union.
Klaus Wowereit war ein Beschleuniger dieser Entwicklung, er war der erste wichtige Politiker, der sich outete, eine Aktion, die auch hätte schiefgehen können. Es war ein Risiko damals, 2001, auf dem Berliner Landesparteitag der SPD.
Wowereit konnte sich nicht auf die Vorteile eines schwulen Netzwerks verlassen - das Netzwerk des Karrierepolitikers war seit den siebziger Jahren die SPD. Wowereit wusste seit seiner Pubertät, dass er schwul war; er machte daraus kein Geheimnis, aber er konnte jahrelang auf die Diskretion der Medien vertrauen.
Dies änderte sich, als Wowereit zu jenen gehörte, die die Große Koalition in Berlin wegen des Bankenskandals platzen ließen. Als sich abzeichnete, dass er selbst ins Amt des Regierenden Bürgermeisters drängte, begann die Sprin-ger-Presse in seinem Privatleben zu recherchieren. Wowereit trat die Flucht nach vorn an und outete sich mit jenem Satz, der nun zu seinem Motto gewor-den ist: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so."
Sein Bekenntnis damals wirkte wie ein Befreiungsschlag für andere Politiker. Beust sagt, dass "Wowereits Selbstouting schon ein Quantensprung" war.
Er sei mit seiner Entscheidung, sich zu outen, allein gewesen damals, sagt Wowereit heute. "Alle Strategen waren der Meinung ,Lieber nicht'." Inzwischen glaubt er, dass ein Schwuler in Deutschland Kanzler werden könnte.
Es gibt Psychologen, die Schwulen eine deutlich höhere soziale Intelligenz, ein Mehr an Elastizität und Charme zuschreiben, weil deren alte Welt beim Coming-out oft zerbricht und eine neue zusammengesetzt werden muss.
Ein Geheimnis des Erfolgs von Wowereit ist, dass er im besten Sinne schwul wirkt, ohne sein Schwulsein an die große Glocke zu hängen. Außerdem hat er sich nie gedrängt, ein Bürgermeister der Schwulen zu sein, einer, dessen Lieblingsthema Schwulenpolitik ist. Genau auf diesem Gebiet wagt er inzwischen einen bemerkenswerten Vorstoß.
Zusammen mit Ole von Beust und dem Bürgermeister von Bremen, Jens Böhrnsen, hat er einen Antrag in den Bundesrat eingereicht, der dem Verbot der Diskriminierung von Homosexuellen Verfassungsrang verschaffen soll. Bisher verbietet Artikel 3 des Grundgesetzes Benachteiligungen wegen Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft, Glaube, religiöser und politischer Anschauungen sowie Behinderungen. Wowereit will nun, dass ausdrücklich die "sexuelle Identität" in diese Aufzählung mit aufgenommen werden soll.
Dies ist sinnvoll, weil trotz und wahrscheinlich auch wegen der großen rechtlichen Fortschritte der Schwulen unter Rot-Grün viele Deutsche immer noch schwer überwindbare Vorurteile hegen. "Es ist viel erreicht worden", sagt Wowereit, "aber das heißt nicht, dass alles in Ordnung ist."
Mehr als ein Viertel der Deutschen, fand der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer heraus, findet es immer noch "ekelhaft", wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Etwa 30 Prozent tun sich schwer mit der Tatsache, dass Homosexuelle jetzt heiraten dürfen.
Auch bei der öffentlichen Diskussion über die Schwulenaffäre unter DFB-Schiedsrichtern behindern alte Ressentiments eine unaufgeregte Erörterung der Vorgänge. Der DFB-Präsident, schon länger darum bemüht, im DFB ein Klima zu schaffen, in dem sich schwule Fußballer problemlos outen können, agiert derart ungeschickt, dass er seinem Anliegen eher schadet als nützt. Dass die schweigende Mehrheit in deutschen Stadien daran möglicherweise wenig Interesse hat, belegten die Äußerungen des ehemaligen Schalke-Managers und Überzeugungsmachos Rudi Assauer, der sagte: "Die, die sich outen, werden plattgemacht. Von ihren Mitspielern und den Leuten im Stadion. Diese Hetzjagd sollte man ihnen ersparen."
Die Schwulen in Deutschland haben für ihren langen Marsch von einer kriminalisierten Randgruppe in die Mitte der Gesellschaft vier Jahrzehnte gebraucht. Bis zum Jahr 1969 waren erwachsene Schwule in Deutschland, sobald sie ihre Sexualität auslebten und dies bekannt wurde, ein Fall für den Richter. Aufgrund des Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs drohten bis zu fünf Jahre Gefängnis, dazu der Ruin der bürgerlichen Existenz. Homosexuelle waren geächtet, darin spiegelte sich auch das Erbe der Nazis. Die Nationalsozialisten verfolgten sie und ermordeten zwischen 5000 und 15 000 Homosexuelle in Konzentrationslagern. Die Überlebenden wurden nach 1945 von der Bundesrepublik nicht rehabilitiert; Schwule galten ja immer noch als Gesetzesbrecher.
Die Lockerung des Paragrafen 175 bestärkte die Schwulen, sich offen zu organisieren und zu demonstrieren. Die Subkultur breitete sich aus mit eigenen Kneipen, Kinos, Darkrooms und Straßenumzügen mit Transparenten wie "Trau dich, Trau dich, wenn du Homo bist".
Diesen befreiten, hedonistischen Lebensstil traf in den achtziger Jahren das Aids-Virus mit voller Wucht. Unsicherheit, Angst und Tod erschütterten die Szene. Viele Heterosexuelle zeigten jetzt nicht mehr Unverständnis, sondern Mitleid; die Aids-Schleife auf dem Revers, Filme wie "Philadelphia", Konzerte wie das Memorial für Freddie Mercury schufen ein neues Klima, in dem den Schwulen Entgegenkommen signalisiert wurde.
1994 kam es zur endgültigen Streichung des Paragrafen 175, 2001 zum Lebenspartnerschaftsgesetz, von vielen Schwulen als "Ehe light" kritisiert, und 2009 zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass Homosexuelle, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben, gegenüber Eheleuten bei der Hinterbliebenenrente nicht benachteiligt werden dürfen.
Wer den Lebensweg des Karl-Heinz Ramke versteht, der begreift, wie sich das Schwulsein in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Als Ramke, heute 70 Jahre alt, zum ersten Mal nach St. Georg kam, Ende der siebziger Jahre, verdiente er gut, er war gerade zu einem der beiden Inhaber der Immobilienfirma Haueisen aufgestiegen, er hatte sich etwas aufgebaut, eine Familie mit einem Sohn und einer Tochter, ein Haus in Winterhude, er war eine Art Immobilienhai, und er war nicht schwul. Das allerdings kann man sich schwer vorstellen, wenn man ihn heute so anschaut.
Ramke trägt einen je nach Lichteinfall gräulich oder bläulich schimmernden Anzug, dazu braune, handgenähte Lederschuhe mit einer weißen Lasche, wie sie Meyer Lansky im New York der zwanziger Jahre getragen hat. Vom Dachgarten seines Penthouse schaut er hinunter auf St. Georg. Der Stadtteil war nicht immer schwul, er ist es geworden in den letzten 30 Jahren, und daran hat Ramke seinen Anteil.
Manche da unten auf den Straßen nennen ihn den König dieses Viertels, den König von St. Georg. Karl-Heinz Ramke hat hier in den letzten 30 Jahren Dutzende Häuser gekauft, Wohnungen und Läden sanieren lassen und weiterverkauft, viele Wohnungen und Geschäftsräume besitzt er noch selbst.
1973 schloss er einen Kaufvertrag über ein Haus mit einem seiner Kunden. Der Kunde brachte seinen Bruder mit, der hieß Mecki, und Ramke verliebte sich sofort. Er war 33 Jahre alt. Doch die Liebe blieb folgenlos, Ramke riss sich zusammen, er hatte zwei kleine Kinder. Es sollte noch weitere zwölf Jahre dauern, bis Ramke seinen, wie er sagt, ersten Kontakt haben sollte, aber nur noch vier Jahre, bis er zum ersten Mal nach St. Georg fuhr.
Er, der damals noch heterosexuelle Immobilienmanager aus Winterhude, kaufte Haus für Haus in St. Georg. Nur er kaufte, nur er fühlte sich hingezogen in diese Gegend, in die nun Ende der siebziger Jahre verstärkt Schwule zogen. Er sanierte, wandelte Mietwohnungen in Eigentum um und verkaufte - vor allem an wohlhabende homosexuelle Paare.
Es kamen die achtziger Jahre, immer mehr Schwule zogen in die Wohnungen und Ladenlokale. Auch in anderen Städten markierte die schwule Bewegung ihre ersten Territorien, in München am Gärtnerplatz, in West-Berlin in Schöneberg, es waren Schutzräume vor der heterosexuellen Welt, die sie in den Jahrzehnten zuvor unterdrückt hatte.
Im Jahr 1985 entschloss sich auch Karl-Heinz Ramke, einen ersten Schritt zu wagen. Mehr als zehn Jahre hatte er sich den verboten, doch dann erzählte ihm ein schwuler Freund in St. Georg von diesem Männerbordell in St. Pauli. Ramke stieg in seinen Porsche, fuhr hin und kam verändert zurück. Es dauerte noch einmal drei Jahre, dann setzte sich Ramke mit seiner Frau und seinen Kindern, beide im Teenager-Alter, zusammen und erklärte ihnen, dass er schwul sei, dass er ausziehen und fortan in St. Georg wohnen werde.
Das schwule Territorium war jetzt attraktiv. Und Ramke, der aus der Mitte der Gesellschaft kam, dann an ihren Rand geriet, stand plötzlich wieder in der Mitte. Denn die hatte sich verschoben.
Heute, sagt Ramke, verkauft er nicht mehr häufiger an Schwule als an Heterosexuelle. Der Revierkampf ist nicht mehr nötig, in einer Stadt wie Hamburg gehört das Schwule zum täglichen Straßenbild, und wer auf seinen Straßen in St. Georg jetzt noch schwul ist und wer nicht, das vermag er kaum noch zu erkennen. Die Heterosexuellen sehen ja inzwischen genauso aus, sagt Ramke, und unter seinen Immobilienfreunden kleiden sich einige inzwischen wie er.
Die Wirtschafts- und Finanzwelt allerdings ist neben dem Profifußball eine der letzten gesellschaftlichen Nischen, in denen angenommen wird, dass ein Bekenntnis zur Homosexualität die Karriere zerstören könnte. In der Wirtschaft, sagt Harald Christ, Unternehmer und vergangenes Jahr ein Wirtschaftsexperte in Frank-Walter Steinmeiers Schattenkabinett, dominiere noch das konventionelle Männerbild. Jeder Banker braucht Testosteron, ein Haus und eine Frau und, wenn es geht, auch Kinder und einen Hund. "Ich werde sie nicht nennen", sagt Christ, "aber ich kenne in einigen Großunternehmen schwule Vorstände. Männer, die ein komplettes Doppelleben führen."
Christ sitzt in seinem Büro im teuren Teil der Friedrichstraße, in einem Gebäude aus Stahl und Glas, das Quartier 206 gegenüber, vierter Stock. Rote Ledersessel mit Stahlrohr, verfremdete Ansichten der Stadt Hamburg an der Wand.
Die Firma HCI Capital, ein Schifffahrtsinvestor, brachte er 2005 an die Börse, verkaufte später noch weitere Anteile und soll damit rund 80 Millionen Euro verdient haben. In Berlin besitzt er nun die Firma Conomus Treuhand, sie kauft Firmen auf oder Beteiligungen und vergibt Risikokapital.
Er kennt Manager, sagt Christ, die zwar eine echte Ehefrau und echte Kinder haben, aber eben auch eine Zweitwohnung mit meist jüngerem männlichem Mitbewohner.
"Ich habe einmal nachts auf Facebook einen ziemlich bekannten Spitzenmanager getroffen. Der schrieb mich an, wusste aber nicht, wer ich war. Er wollte sich mit mir zum Sex verabreden, aber er ahnte nicht, dass wir ein paar Tage vorher zusammen ein Geschäftsessen hatten."
Und trotzdem bewegt Christ sich immer noch in einer Welt, in der es Schwule offiziell nicht gibt. Auch er hat am Anfang die obligatorische gute Freundin mitgebracht, die als Lebensgefährtin ausgegeben wurde. Aber man hält das nicht aus auf Dauer, sagt Christ, der permanente Druck, die Lebenslüge. Trotzdem, wäre er ein Manager auf der mittleren Ebene, sagt Christ, er würde so lange warten mit dem Outing, wie es geht.
"Für die meisten Manager gilt: Oute ich mich und komme damit garantiert in keine Top-Position, denn so ist es - oder halte ich meine Scheinwelt aufrecht und behalte dafür alle Optionen. Ich will niemandem vom Coming-out abraten, im Gegenteil. Trotzdem ist das eine rationale Überlegung."
In vielen amerikanischen Unternehmen aus dem IT- und Finanzbereich ist man schon dazu übergegangen, schwule Spitzenkräfte an Elite-Universitäten mit Info-Veranstaltungen und Abendessen zu rekrutieren. Man will es sich nicht mehr leisten, Spitzenkräfte zu verprellen, nur weil deren Schwulsein in der Firma zu Problemen führen könnte.
In Deutschland, so besagt eine Studie der Universität Köln, halten immer noch mehr als die Hälfte der Homosexuellen ihre Sexualität im Berufsleben geheim.
Harald Christ hatte Schwierigkeiten erwartet, wieder eine Führungsposition angeboten zu bekommen. "Ich bin überrascht", sagt Christ, "es ist mit dem Outing viel besser gelaufen, als ich je geglaubt hätte. Ich habe jetzt sogar zwei Angebote fürs Management in großen deutschen Börsenunternehmen. Es ändert sich gerade wahnsinnig viel."
Das habe man auch gerade gut an Guido Westerwelle sehen können. Als die Vorwürfe gegen seine Dienstreisenpraxis immer lauter wurden, versuchte Westerwelles Umfeld die Angriffe auf antischwule Ressentiments zu schieben, ein absurder, peinlicher Erklärungsversuch.
"So etwas schadet uns", sagt Christ in Richtung Westerwelle. "Die schwule Opferrolle funktioniert nun wirklich nicht mehr und ist ein Rückschritt. Das sollte auch der Außenminister begreifen."
Als Harald Christ in die Politik kam, war er überrascht. In der Politik gab es viele Schwule, vor allem in der FDP, sagt er, nicht nur die bekannten Aushängeschilder, sondern auch auf den unteren Ebenen. Christ war bald klar, woran das lag. Natürlich seien das immer auch Klischees, aber es stimme eben auch, dass Schwule oft ein feineres, elastischeres, klügeres Sozialverhalten gelernt haben als heterosexuelle Testosteron-Männer. Außerdem wissen sie sich zu benehmen, sind im Zweifelsfall verbindlich und riechen gut. Beste Voraussetzung für einen Posten als Außendarsteller. Das Auswärtige Amt jedenfalls hat einen soliden Ruf als schwulenfreundlichstes Ministerium der Republik. "Es gibt eine Tradition schwuler Diplomaten, die älter ist als das Amt selbst", sagt ein Ex-Diplomat. Guido Westerwelle führt die Tradition nur fort. Schon vor 50 Jahren gab es Gerüchte über homosexuelle Neigungen seines Amtsvorgängers Heinrich von Brentano. Einmal darauf angesprochen, soll Konrad Adenauer nur gekontert haben: "Bei mir hat er es noch nit versucht."
Es ist jenes Schillern aus Geist und Chuzpe, das den Schwulen im Kulturbetrieb das Leben immer schon ein wenig leichter gemacht hat. Dank solcher Künstler wie Oscar Wilde, Truman Capote gab es für Schwule im Kulturbetrieb eine angenehme Nische, auch weil ihr Talent zur Extrovertiertheit sich mit dem deckte, was die Natur des Showgeschäfts ist.
In Deutschland politisierte der Regisseur Rosa von Praunheim 1971 mit seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt" das Schwulsein. Auch Rainer Werner Fassbinder lebte offen seine Homosexualität, andere, wie Alfred Biolek und Hape Kerkeling, wurden von Praunheim gegen ihren Willen geoutet. "Das war ein Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aids-Krise", rechtfertigte Praunheim später seinen Verrat. Für Kerkeling und Biolek war es eine schwere Verwerfung. "Sensiblere Naturen als ich hätten sich womöglich in einer Kurzschlusshandlung mit dem Föhn in die Badewanne gelegt", kommentierte Kerkeling öffentlich. Für Biolek war der Wegfall des Schutzschirms noch irritierender. "Ich habe einen Schlag bekommen, der sehr weh getan hat", sagte Biolek später, "aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gelöst." Als Zwangsgeoutete wurden Biolek und Kerkeling beliebter als zuvor.
Dass man als Künstler auch durch sein Bekenntnis zum Schwulsein Karriere machen kann, dafür steht der Berliner Thomas Hermanns. Seine Karriere als Entertainer ist ein fortdauerndes Coming-out. Er bedient sich im ehemals schwulen Underground - in der Disco-Kultur, der Travestie, bei Operetten.
Thomas Hermanns steht an der Bar seines "Quatsch Comedy Clubs" in Berlin und sagt, 90 Prozent aller deutschen Komiker seien nicht schwul, aber er hätte es nur als Schwuler schaffen können, sonst hätte er eine Lüge gelebt, und das hätte ihn gehemmt. Die TV-Ausgabe von "Quatsch-Comedy" auf ProSieben läuft seit 1997. Darüber hinaus hat Hermanns als Regisseur von Musicals wie "Grease", als Drehbuchautor und als Fernsehmoderator Erfolge gefeiert. "Die zentrale Frage eines Jungen während seines Coming-out ist: ,Wo finde ich andere, die so sind wie ich?'", sagt Hermanns. Dank der Veränderungen in Kultur, Medien und Alltag, vor allem im Fernsehen und im Internet, sei dies heute kein Problem mehr. "Beneidenswert", sagt Hermanns, "wäre die Welt damals schon so weit gewesen, ich hätte mir vier Jahre Herumirren gespart."
Er war 17, als ihn ein Freund zu Nürnbergs einziger Schwulengruppe mitnahm. Sie hieß "Fliederlich" und tagte in einem Ladenlokal. Keine Spur von schrillem Glamour, "ein Öko-Vereinsheim". Trotzdem fühlte er sich auf einmal seltsam komplett oder, wie Hermanns heute sagt, "erwachsen".
Hermanns nutzte die Bühne, um von seinem Schwulsein zu profitieren. Er ließ sich bei Karstadt ein Kleid aus rosafarbenem Satin zuschneiden. "Ich war Demo und Disco zugleich", sagt Hermanns. "Eine Rosa Luxemburg mit Glitzerkugel und sehr viel Pink". Anfang der Neunziger brachte er aus Amerika zwei neue Ideen mit: Die eine hieß Karaoke, die andere Stand-up-Comedy. Als ProSieben auf ihn aufmerksam wurde, überlegte Hermanns kurz, ob er jetzt im Scheinwerferlicht sein Schwulsein wieder verstecken solle. Er ließ es bleiben. "Ich hätte meine Inspirationsquelle verraten", sagt Hermanns.
Er ist jetzt wohlhabend, verheiratet mit dem Medienunternehmer Wolfgang Macht. Er lebt umgeben von jungen Familien am Prenzlauer Berg. In einer rein schwulen Welt zu existieren interessiere ihn nicht, sagt er. "Man braucht kein schwules Lokal mehr", sagt Hermanns, "wenn man in einem normalen Lokal seinen Freund küssen kann und gute Musik läuft."
Und dennoch gibt es ihn natürlich immer noch, den Schwulen als Hassfigur. Vor allem an Schulen geht es laut einer Studie des Niedersächsischen Sozialministeriums "homophob" zu. Gut zwei Drittel der Befragten finden, dass sie wegen ihres Schwulseins größeren Belastungen ausgesetzt sind als heterosexuelle Jungs. Mehr als die Hälfte gab an, verspottet zu werden. Homosexuelle Jugendliche haben ein viermal höheres Suizidrisiko als Heterosexuelle. Die Lehrergewerkschaft GEW fand heraus, dass die Beschimpfung "schwule Sau" die am häufigsten gebrauchte Beleidigung in der Schule ist. Auch Fernsehsendungen, Mobiltelefone und Klamotten werden mit dem Adjektiv "schwul" bevorzugt verunglimpft.
Diese Schwulenfeindlichkeit meint Michael Michalsky, wenn er sich über die Teenager vor den Schaufenstern von H&M aufregt. Im Borchardt, zwei Tische weiter, hat sich zusammen mit drei Frauen Alice Schwarzer niedergelassen, die Verfechterin der Frauen- und Lesbenrechte. Michalsky fühlt sich mit Lesben nicht verbunden, sieht sich nicht an ihrer Seite. Viele schwule Männer können mit lesbischen Frauen wenig anfangen. Während Schwule oft Frauen verehren, lehnen viele Lesben Männer ab; während Schwule das Exaltierte und Schillernde zelebrieren, wundern sie sich über Lesben, die sich gern wie Bauarbeiter, Holzfäller und Heizungsmonteure kleiden.
Natürlich sind dies immer Klischees, natürlich treffen sie nicht immer zu. Die Fernsehmoderatorin Anne Will etwa, die sich lässig dazu bekennt, mit der Professorin Miriam Meckel zusammenzuleben, hat in den letzten Jahren viel dazu beigetragen, dass sonntagabends in den deutschen Wohnzimmern die Furcht vor "dem anderen" sinkt.
Man kann das für überheblich halten, aber jene schwule Welt, um die Männer wie der Münchner Dietmar Holzapfel gerungen haben, reizt Michalsky nicht. Oft sei vom Zusammengehörigkeitsgefühl nur noch das Dasein als Zielgruppe übrig. Der Kampf um das, was Marketing-Experten den "Pink Euro" nennen, um die Schwulen als Markt, als stilprägende Doppelverdiener ohne Kinder, mit Zeit zum Geldausgeben.
Betrachtet man eine normale deutsche Fußgängerzone, so zeigt sich, dass Spuren schwulen Stils bis in die Provinz vorgedrungen sind. Da sind die Parfümerien mit Kosmetik für Männer, die Latte-macchiato-Bars, die Tattoo- und Piercing-Läden, die Friseure, die jungen Männern Haarschnitte à la David Beckham verpassen.
Die Abkapselung einer rein schwulen Subkultur hingegen, mit schwulen Gemüsehändlern, schwulen Reisekatalogen, ist für einen wie Michalsky eher ein Stück Nostalgie als ein Stück Zukunft. Ein Auto für Schwule? Eine Espressomaschine? Gibt es nicht. "Gut so, das wäre wie im Ghetto", sagt Michalsky, "und an einem solchen Ort fühle ich mich nicht wohl."
Wieder so ein Punkt, wo sich der Designer einig ist mit seinem Duzfreund Wowereit. Der hatte mal bemerkt, dass es ein Gradmesser für die Normalität einer Gesellschaft sei, wenn einer seinen Anwalt nicht nach sexueller Präferenz wähle, sondern danach, ob er der beste für den jeweiligen Fall sei. Wowereit muss es wissen. Er ist schließlich Jurist.
Von Thomas Hüetlin, Philipp Oehmke und Antje Windmann

DER SPIEGEL 15/2010
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