12.04.2010

FUSSBALL Das Familienduell

Die Halbbrüder Jérôme und Kevin-Prince Boateng sind als Söhne eines afrikanischen Einwanderers in Berlin aufgewachsen. Bei der Weltmeisterschaft in wenigen Wochen könnten sie Gegner sein: Der eine spielt für Deutschland, der andere hat sich für Ghana entschieden.
Jérôme Boateng hat sich vier Tätowierungen stechen lassen, eine davon in den rechten Unterarm. In Frakturschrift zieht sich das Wort "Agyenim" fast vom Handgelenk bis zum Ellenbogen. Das ist Ashanti-Twi, die Sprache seines Vaters. Es bedeutet "der Große", und so lautet sein zweiter Vorname: Jérôme Agyenim Boateng. Die Mutter aus Berlin, der Vater aus Ghana, 21 Jahre alt, Verteidiger in der deutschen Nationalelf.
Ghana ist ein Land, in dem er noch nie gewesen ist, dem er sich aber verbunden fühlt, irgendwie. Genau erklären kann Jérôme sich das selbst nicht. Er hört gern Musik aus Ghana, weil sie fröhlich klingt, und er hat ein paar ghanaische Freunde. "Aber mir war früh klar, dass ich nur für Deutschland spielen will."
Kevin-Prince Boateng hat sich 13 Tätowierungen stechen lassen, eine davon in den rechten Oberarm. Sie zeigt einen Totenkopf mit vier Assen, dazu den Spruch "The world is yours", die Welt gehört dir.
Kevin-Prince ist ein Halbbruder von Jérôme, sie haben denselben Vater. Auch er ist ein guter Fußballer, er bevorzugt Lieder von Bushido, einem Rapper, der von Nutten und Analsex singt. Seine Mutter heißt Christine, über sie ist er mit Helmut Rahn verwandt. Der "Boss", der Deutschland im Finale der WM 1954 zum Titel schoss, ist sein Großonkel.
Kevin-Prince wurde in Berlin geboren, genau wie Jérôme. Ghana, die Heimat seines Vaters, kennt auch er vor allem aus Erzählungen. Aber er sagt: "Ich bin stolz, Afrikaner zu sein."
Kevin-Prince Boateng, 23 Jahre alt, will für die Black Stars spielen, so wird Ghanas Nationalmannschaft genannt. Er hat einen ghanaischen Pass beantragt, es ist nur noch eine Formsache, der Fußballverband Ghanas setzt alles daran, dass der Profi bei der WM in Südafrika dabei ist.
Die Halbbrüder standen zusammen für Hertha BSC auf dem Platz, in der Jugend, bei den Amateuren, den Profis. Vor drei Jahren verließen sie den Verein. Jérôme spielt jetzt beim Hamburger SV, Kevin-Prince in der englischen Premier League für Portsmouth.
Ihre Wege könnten sich am Abend des 23. Juni wieder kreuzen. Dann trifft Deutschland bei der WM im Soccer-City-Stadion von Johannesburg auf Ghana. Es ist das letzte Spiel der Gruppe D, und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es zum Familienduell kommt: Der eine, Kevin-Prince Boateng, greift an, der andere, Jérôme, versucht, ihn daran zu hindern.
Wie viele Einwandererkinder haben Jérôme und Kevin-Prince Boateng ein diffuses Verhältnis zu Nationalität und Herkunft, zwei Herzen schlagen in ihrer Brust. Doch welchem sollen sie folgen?
Kevin-Prince Boateng läuft durch die Lobby des Hilton-Hotels in Southampton, seine Augen sind zwei dünne Striche, die Jeans schlabbert, und die Füße stecken in klobigen Turnschuhen. Seine Schultern sind so breit, wie man es sich von einem Nationalspieler wünscht.
Für viele Beobachter stand fest, dass er früher oder später in der deutschen Auswahl landen würde. Kevin-Prince Boateng spielte 41-mal für Junioren-teams des DFB. Im Juli 2005 erzielte er das "Tor des Monats", als er in einer Partie der U19-Nationalmannschaft den Ball von der Mittellinie in die Maschen hämmerte. 2006 wählte eine Jury ihn zum besten Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Doch vorigen Sommer gab er bekannt, nur noch für Ghana stürmen zu wollen. Es war ein überraschender Entschluss, aber Kevin-Prince ließ sich nicht davon abbringen.
Kevin-Prince blickt sich in der Lobby um, er sucht seinen Manager. Der steht in der Ecke beim Fernseher, ein kleinerer Herr aus Köln, mit Aktentasche und schulterlangen Haaren. Er ist früher mal mit dem Rucksack durch Indien gereist, "ein Jahr lang habe ich auf der Straße gelebt, da lernste Demut", sagt er.
Die beiden lassen sich in die Sessel fallen. Kevin-Prince kramt sein Handy aus der Jackentasche und guckt gedankenverloren auf das Display. Sein Manager sagt: "Wenn Ghana Weltmeister wird, brennt der ganze Kontinent. Und der Kevin wird ein Star." Das ist der Plan.
Jérôme Boateng sitzt bei Salentino, einem Italiener in Hamburg-Winterhude, ein Platz am Fenster, draußen wird es gerade dunkel, Regen prasselt gegen die Scheibe. Er duftet dezent nach Parfum, in beiden Ohren trägt er einen Brillanten. Er bestellt Rucolasalat und eine Flasche stilles Wasser. Jérôme Boateng ist für einen Nationalspieler schmaler, als man denkt. Er redet leise, wirkt fast schon schüchtern. "Ich habe nie daran gedacht, für Ghana zu spielen", sagt er.
Warum nicht?
"Weil es keinen Sinn macht. Ich bin in Deutschland zu Hause. Ich mag die Menschen hier, die Mentalität", sagt er. "Dass Kevin eine andere Wahl getroffen hat, ist seine Sache. Aber er ist mein Halbbruder, ich freue mich für ihn."
Jérôme Boateng ist in Berlin-Wilmersdorf aufgewachsen, in einer Wohnung mit drei Zimmern, nicht weit entfernt vom Kurfürstendamm. Sein Vater zog aus, als Jérôme fünf war. Seine Mutter war Stewardess bei British Airways, inzwischen fertigt sie im Schichtdienst Passagiere für die Lufthansa ab.
Martina Boateng kommt vom Zahnarzt ins Bistro, ein Backenzahn musste raus, ihr Oberkiefer ist betäubt. Sie bestellt einen Kaffee, obwohl sie noch nichts trinken soll. Jérômes Mutter sagt, sie wollte nie, dass ihr Sohn Fußballer wird. Er sollte etwas Vernünftiges lernen, etwas mit Zukunft. "Ich habe ihn mit der Frage genervt: Warum sollst ausgerechnet du es schaffen, Profi zu werden?"
Sie war auch dagegen, dass er die Jugendakademie von Hertha BSC besuchte, weil sie nichts von Gesamtschulen hält. Trotzdem ging Jérôme bis zur zehnten Klasse auf die Poelchau-Oberschule, eine "Eliteschule des Sports". Er war schlecht in Biologie, Physik und Mathematik, aber seine Mutter hat Wert gelegt auf gute Noten.
Martina Boateng trinkt vorsichtig einen Schluck Kaffee, die Spritze wirkt noch. "Damals habe ich nicht erkannt, wie geradeaus Jérôme seinen Weg gegangen ist. Heute muss ich sagen: Hut ab."
Kevin-Prince, sein Halbbruder, kam oft zu Besuch. Jérôme ging mit ihm ins Kino, sie spielten Tischtennis oder Basket-ball. Meistens Fußball. "Kevin war Jérômes Idol", sagt Martina Boateng. Sie verdreht die Augen, als würde sie nicht gern daran denken. "Ich mag Kevin wirklich. Er ist lustig, ein Clown. Er liebt es, Leute zum Lachen zu bringen. Aber er kann sich nicht unterordnen, hat eine große Klappe und hält sich nicht an Regeln. Das schlägt immer wieder durch." Sie befürchtete damals, er würde schlechten Einfluss auf ihren Sohn ausüben.
Eine Weile redete Jérôme eine Art Türksprech, er sprach in rudimentären Sätzen ohne Artikel. Mehr war da nicht. Heute ist Jérôme der Phänotyp des modernen Profis. Er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Er spielt mit der Playstation. Seine Mutter sagt: "Jérôme hat von allein erkannt, dass es nicht so klasse ist, was Kevin alles abzieht."
Man kann die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Halbbrüder schon an ihrer Spielweise erkennen. Jérôme verteidigt diszipliniert, mit Übersicht, er ist ruhig am Ball. Kevin-Prince kann dirigieren und abschließen, aber er agiert körperbetont, fast zornig. Vergangenes Jahr traf er einen Gegenspieler mit gestrecktem Bein an der Schläfe. Die Wunde musste mit sieben Stichen genäht werden.
Martina Boateng zieht ihren Mantel an. Auf dem Weg nach draußen sagt sie, sie habe erwartet, dass Jérôme für Deutschland spielt. Wie sie es findet, dass Kevin-Prince sich für Ghana entschieden hat, möchte sie nicht verraten. Nur so viel sagt sie: "Kevin kommt aus dem Wedding. Ich bewundere ihn dafür, dass er sich da rausgekämpft hat."
Der Wedding. Das Viertel wird in Berlin auch "dritter Hinterhof" genannt. Jeder Dritte, der in diesem Stadtteil lebt, ist Ausländer, die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 15 Prozent, 15 000 Straftaten werden im Jahr verübt, die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist hoch.
Kevin-Prince war anderthalb Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ. Seine Mutter kickte bei Meteor 06, sie malochte in einer Keksfabrik, hörte auf damit, weil sie sich um die Kinder kümmern musste, sie hat zwei Jungs und drei Mädchen. Sie bekam Sozialhilfe, heute arbeitet sie als Altenpflegerin.
Ein Mann in Parka läuft durch den Nieselregen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. "Gehen wir ein Stück", sagt er. Es ist George Boateng, der ältere Bruder von Kevin-Prince, Jérômes anderer Halbbruder. Er führt ins Hinterzimmer eines Cafés. George Boateng ist 27 und mit einer türkischen Kurdin verheiratet, sie haben zwei Kinder. Er war in der Jugend ein begabter Fußballer, zerstörte seine Karriere aber auf eigene Rechnung.
Als Teenager war er der Schrecken der Straße: "Ich habe viel Mist gebaut. Schlägereien, Bewährungsauflagen. Ich raste schnell aus, ich war ein schlechtes Vorbild für Kevin. Seinen Ruf hat er mir zu verdanken." Nachdem er seine Frau kennengelernt habe, sei er ruhiger geworden. "Seit zehn Jahren habe ich nicht mehr falsch geparkt."
Dafür wollte er vor drei Jahren mit seinem Bruder auf den damaligen Hertha-Trainer Falko Götz losgehen. Der hatte einem Journalisten gesagt, er sei mal bei Kevin-Prince zu Hause gewesen: "Er hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern." George Boateng lehnt sich vor. Der Götz sei nicht gerade ein Held, sagt er. Hinter ihm blinken Daddelautomaten, kalter Zigarettenrauch liegt in der Luft.
Wenn man ihn auf die Affären seines Bruders anspricht, richtet er sich im Stuhl auf. "Ich bin der Letzte, der behauptet, Kevin ist ein Engel. Aber er ist ein guter Mensch. Ich bin das nicht. Ich bin aggressiv. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht so werden wie ich." Mehr möchte er dazu nicht sagen.
Er will lieber über Jérôme sprechen, seinen Halbbruder. "Jérôme ist mein Ruhepol, wenn er den Raum betritt, pegeln alle runter. Kevin ist ehrgeizig, Jérôme ein Perfektionist. Er lebt für den Erfolg."
George ist Jérômes schärfster Kritiker und größter Fan. Sie telefonieren täglich, diskutieren über das letzte Training, analysieren Spielzüge. "Jérôme ist wie ein Schwamm, er saugt alles auf." In ihrem Leben zählen Fußball und Familie. In dieser Reihenfolge. Hin und wieder unterhalten sie sich auch über ihren Vater.
Prince Boateng wartet in einer Kneipe am Adenauerplatz, er hockt am Tresen, trägt eine elegante Weste, zwei Armreife und drei Ringe. Eine Narbe auf der Wange kennzeichnet ihn als Kind vom Stamm der Aduana.
Er ist 1981 aus Sunyani, einer Stadt im Westen Ghanas, über Ungarn nach Deutschland gekommen. Er wollte Betriebswirtschaft studieren, aber daraus wurde nichts. Zu viel Papierkram. Er hat sich als Kellner und Discjockey durchgeschlagen, später italienische Mode verkauft und gelegentlich als Model gejobbt.
Er hat seinen Söhnen viel erzählt über das Leben in Afrika. Seine Eltern waren Farmer, die Kakao und Kaffee angebaut haben. Sein jüngster Bruder hat für die ghanaische Nationalelf gespielt. Er selbst hat es nur zu den Reinickendorfer Füchsen geschafft, in die Regionalliga.
Zweimal im Jahr fährt Vater Boateng nach Ghana. Zurzeit lässt er in der Hauptstadt Accra ein Haus bauen, es ist fast fertig. Seine Kinder sollen darin wohnen, wenn sie ihn begleiten wollen. Das Afrikanische an Jérôme und Kevin-Prince, sagt er, sei ihre Geschmeidigkeit. Ihre Lockerheit. "Beide können super tanzen."
Und was ist deutsch an ihnen?
Er überlegt kurz. "Jérôme ist pünktlich und zuverlässig. Über Kevin kann man so was ein bisschen schwieriger sagen."
Es war ihm immer wichtig, dass seine Kinder so viel Zeit miteinander verbringen wie möglich. Er hat mit den beiden trainiert, als sie noch klein waren. Mal durften sie den Ball nur mit dem linken Fuß spielen, mal nur mit dem rechten. Mal übten sie Freistöße, mal Kopfbälle. Seine Söhne rannten, tricksten, schossen auf Bolzplätzen, die aussahen wie Käfige, eingezäunt von hohen Stahlgittern. Kevin schnippelte den Ball per Hacke von hinten über seinen Kopf und ließ ihn vorn auf seinem Fuß abtropfen. Er trug dabei Gummistiefel.
Jérôme ging zu Tennis Borussia Berlin, in seinem ersten Spiel schoss er fünf Tore. 2002 wechselte er zu Hertha, wo Kevin-Prince schon war. Es gibt Trainer, die halten sie für die größten Talente, die jemals für den Club gespielt haben.
Vergangenen Oktober debütierte Jérôme Boateng in der deutschen Nationalmannschaft, er stand beim entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Russland in der Startelf. Sein Vater saß in Jérômes Wohnung vorm Fernseher. "Mit Tränen in den Augen", sagt er. Kurz vor der Pause sah Jérôme wegen eines Fouls an der Strafraumgrenze die gelbe Karte. "Musste der Schiri nicht geben", sagt der Vater. In der 69. Minute zog Jérôme einem Russen die Beine weg, Gelb-Rot.
"Er hat sich für Deutschland geopfert", sagt Prince Boateng. Es soll nicht eitel klingen, eher entschuldigend. "Er ist etwas zu spät losgelaufen, er konnte nur noch foulen, sonst wäre der Russe allein aufs Tor zugelaufen. Als er vom Feld ging, hat es mir das Herz zerrissen."
Zu Kevin-Prince habe er den Kontakt verloren, sagt er, als sein Sohn vor drei Jahren nach England ging. Kevin-Prince zog durch Nachtclubs und feierte Partys. Er kaufte sich an einem Tag drei Autos, einen Lamborghini, einen Hummer und einen Cadillac Oldtimer. Und er kleidete sich neu ein: 160 Paar Schuhe, 200 Kappen, 20 Lederjacken.
"Der Junge hat Hilfe gebraucht, aber er hat niemanden an sich rangelassen", sagt der Vater. Er hat versucht, ihn zu erreichen, hat angerufen, SMS geschickt. "Kevin hat nie geantwortet." Dann wirkt er für einen Moment abwesend, als ginge er in Gedanken alles noch mal durch.
Dass Kevin-Prince für Ghana spielen wird, hat der Vater aus der Zeitung erfahren. Er wäre froh gewesen, sein Sohn hätte es ihm selbst erzählt. Erst seit Dezember haben sie wieder mehr miteinander zu tun, seine Schwiegertochter hatte vermittelt. Vater und Sohn sprachen sich aus, von abends um neun bis morgens um vier. Prince Boateng sagt, wenn Deutschland bei der WM auf Ghana trifft, "schlage ich mich auf keine Seite. Die bessere Mannschaft soll gewinnen".
Was hält er davon, dass Kevin-Prince für sein Vaterland antreten will? "Ich akzeptiere das. Ich stehe voll hinter ihm. Der DFB hat ihm das Gefühl gegeben, er werde nicht mehr gebraucht."
Er spricht von den Ereignissen im Mai vorigen Jahres. Vor der U21-Europameisterschaft in Schweden fuhr die Mannschaft ins Trainingslager an den Tegernsee, ein Spieler musste noch aussortiert werden. Der Mannschaftsrat sollte entscheiden. Einer, der dabei war, aber seinen Namen nicht nennen will, sagt: "Es hat Kevin erwischt, weil er mehrfach zu spät zu Besprechungen gekommen ist. Der Gedanke war: Wer so unzuverlässig ist, gefährdet das ganze Projekt. Wenn man den Titel gewinnen will, darf keiner ausscheren. Er war außerdem verletzt."
Als Kevin-Prince es erfuhr, brach er in Tränen aus. Sein Halbbruder versuchte ihn zu trösten. Deutschland gewann das Turnier. Jérôme spielte überragend.
Matthias Sammer, der Sportdirektor des DFB, drückt es so aus: "Bei Kevin-Prince sind Undiszipliniertheiten und Egoismen erkennbar. Jérôme ist von seiner sportlichen und mentalen Konstitution der Stärkere." Der eine passt zu Deutschland, soll das wohl heißen, der andere nicht.
Der Manager von Kevin-Prince sitzt in Southampton im Hotel, neben dem Sessel steht seine Aktentasche. Er sagt, Kevin-Prince werde auch so seinen Weg gehen. "Der Kevin ist ein guter Sänger. Vielleicht nimmt er bald eine Platte auf."
Man würde Kevin-Prince gern fragen, warum er für Ghana spielen wird, möchte mit ihm über Identität sprechen. Doch umsonst gibt es nichts. "Was können Sie Herrn Boateng denn bieten?", fragt der Manager.
Auf keinen Fall Geld.
Der Manager überlegt. Dann erklärt er, man solle eine Vereinbarung unterzeichnen: Der komplette Text müsse von ihm gelesen und freigegeben werden, bevor er veröffentlicht wird. "Ich muss Herrn Boateng schützen."
Es gibt kein Interview.
Kevin-Prince Boateng hat sich wohl auch für Ghanas Nationalteam entschieden, weil er mit Deutschland eine Rechnung offen hat, selbst wenn er das bestreitet. Jérôme Boateng spielt für Deutschland, weil es ihm logisch erscheint. Bei ihm entschied der Verstand.
Jérôme guckt beim Italiener in Hamburg aus dem Fenster, es regnet immer noch. Was würde er am 23. Juni tun, wenn sein Halbbruder mit dem Ball am Fuß aufs Tor zuliefe, und er wäre der letzte Mann, der ihn daran hindern könnte?
Jérôme denkt kurz nach. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. "Ich würde erst mal versuchen, ihm den Ball wegzunehmen. Ganz fair." Aber wenn es sein muss, sagt er, grätscht er ihn um.
Von Grossekathöfer, Maik

DER SPIEGEL 15/2010
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