19.04.2010

„Warum sterben Kameraden?“

43 gefallene deutsche Soldaten konfrontieren das Land mit einer Wahrheit, welche die friedliebende Nation nie hören wollte. Die Deutschen führen einen Krieg, und der SPIEGEL dokumentiert die Aussagen von Bundeswehrangehörigen über den Alltag an der Front und den Umgang mit dem Tod.
Nichts ist zu sehen von den Taliban, die, gut versteckt, vorigen Donnerstag auf den herannahenden Militärkonvoi warten. Vorneweg fahren afghanische Verbände, dahinter die verbündeten Isaf-Soldaten, einige Schweden, Belgier und die Deutschen. Für die Wagen der heimischen Soldaten interessieren sich die Aufständischen nicht, sie warten auf das letzte Fahrzeug des Konvois, einen Eagle-IV-Panzerwagen, an seinen Seiten die Farben der deutschen Flagge.
Es sind bayerische Soldaten, die am vergangenen Donnerstag mit der afghanischen Armee der Region Baghlan unterwegs sind, 60 Kilometer südlich von Kunduz. Sie sind hier wegen der "Dutch Bridge", die über den Kunduz-Fluss führt. Die holländische Brücke ist strategisch wichtig, wer die Region kontrollieren will, muss auch die Brücke kontrollieren.
Auf der kurvigen Straße nähern sich die Verbündeten der Brücke. Links und rechts des Flusses türmen sich die Berge auf, die dem Feind Deckung bieten. Kurz vor der Überquerung hält der ganze Zug an, die Kommandeure besprechen sich. Sie beschließen, dass die Afghanen den Übergang zuerst passieren sollen, dann der Panzerwagen der Deutschen und mit ihm Soldaten, die ihn zu Fuß begleiten. Jetzt zünden die Taliban die Sprengfalle.
Es ist eine ohrenbetäubende, gewaltige Explosion, als um 14.30 Uhr Ortszeit der Sprengsatz detoniert, vermutlich ein gezündeter Raketenkopf. Er reißt den deutschen Panzerwagen auseinander. Drei deutsche Soldaten verlieren ihr Leben: Jörn R., ein Major aus Weiden, 38, der das Kommando führte; sein Stabsunteroffizier Josef K., ein 24-Jähriger aus Bayern; und Hauptfeldwebel Marius D., 32.
Es bleibt nicht der einzige gezielte Angriff auf die Bundeswehr an diesem Tag. Wenige Kilometer südlich wird eine Gruppe deutscher Soldaten von mehreren Seiten beschossen, auch das ein Hinterhalt. Die Geschosse durchschlagen das Fahrzeug eines Beweglichen Arzttrupps, die beiden Soldaten im Führerhaus bleiben unverletzt, aber sie treffen den 33-jährigen Oberstabsarzt im hinteren Teil des Wagens. Die Soldaten fliehen aus dem brennenden Fahrzeug vom Typ Yak, nur für den Mediziner gibt es keine Rettung. Er stirbt gegen 18.30 Uhr an diesem Tag, vier Stunden nach dem Angriff auf den deutschen Panzerwagen.
Es sind die deutschen Opfer 40, 41, 42 und 43 in diesem Krieg.
Die Nachricht von der Katastrophe erreichte Angela Merkel per SMS. Es war früher Morgen in San Francisco, sie war im pompösen Fairmont-Hotel über der Stadt untergebracht und hatte gerade einen heiteren Tag hinter sich, ein Mittagessen in Los Angeles, zu dem auch Heidi Klum und Thomas Gottschalk geladen waren, danach ein Besuch der Filmstudios von Warner Brothers - schöne Stunden in der Traumfabrik, und jetzt, eine Nacht später, holte die Realität sie brutal ein. Vier deutsche Soldaten sind in Afghanistan gefallen, stand in kleinen Buchstaben auf dem Display ihres Handys.
Merkel rief sofort Außenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg an. Schneller Austausch, dann saß sie beim Frühstück im Fairmont mit ihren engsten Beratern zusammen, Beate Baumann, Christoph Heusgen, Jens Weidmann, Ulrich Wilhelm. Gedrückte Stimmung, letzte Abstimmungen.
Um 8.40 Uhr stand Merkel im Empire Room des Hotels und sprach zu den mitreisenden Journalisten. Schwarze Jacke, schwarzes Hemd, schwarze Hose. So war sie auch zur Trauerfeier für die drei Soldaten erschienen, die nicht einmal 14 Tage zuvor, keine hundert Kilometer vom neuen Anschlagsort entfernt gestorben waren. Gehört die schwarze Kleidung von jetzt an auf jeder Reise dazu?
Merkel wirkte angefasst, traurig. Ihre Hände bildeten wieder mal ein kleines Dreieck vor ihrem Körper, das ist die Geste, in der sie Sicherheit findet. "Unsere Gedanken sind in dieser Stunde bei den Angehörigen", sagte sie - was soll sie auch sonst sagen? Dem Mitgefühl folgte Entschlossenheit: "Wir müssen diesen Einsatz fortführen."
Merkel war einmal Klimakanzlerin, sie war und ist Krisenkanzlerin, und im Empire Room sprach sie in einer Rolle, die sie auf keinen Fall übernehmen wollte: Kriegskanzlerin.
Aber so ist es nun. Wer noch leugnen will, dass Deutschland in einen Krieg verwickelt ist, verhöhnt die Soldaten und veralbert die Bevölkerung. Sieben deutsche Soldaten sind innerhalb von zwei Wochen in Afghanistan gefallen.
Sie sind Opfer, Kriegsopfer. Das ist ein Wort, das Deutschland lange nicht mehr bewegt hat, das kaum zu ertragen ist. Weshalb sich die Politik auch schwertut, damit umzugehen. Nach der ersten Attacke am Karfreitag brach ein Streit aus über die Ausrüstung der Bundeswehr. Der designierte Wehrbeauftragte des Bundestags Hellmut Königshaus forderte allen Ernstes, dass der "Leopard 2" in Afghanistan aufräumen solle. Der Panzer ist dafür nicht geeignet - er würde jede Lehmhütte mitnehmen, wissen die Soldaten - und Königshaus ist womöglich ebenso wenig geeignet für sein neues Amt.
Nun geht es um das Mandat. "Die Bundesregierung steht in der Verantwortung zu klären, was wir in Afghanistan jetzt eigentlich zu tun haben", forderte der SPD-Abgeordnete Klaus Barthel. "Die Grundlage für das Mandat habe sich nicht verändert", entgegnete sein Fraktionskollege Rainer Arnold. "Das kann die Regierung im Alleingang gar nicht." Alles hilflose Versuche, dem Unfassbaren beizukommen. Wer über Paragrafen und Mandatskriterien redet, erfasst nicht, worum es wirklich geht.
Deutschland ist im Krieg. Das ist der bittere Satz, mit dem diese Gesellschaft fertig werden muss. Es ist der Satz, den die Politik meidet, der aber notwendig ist, um das Richtige tun zu können.
Keine andere Nation tut sich so schwer mit diesem Satz, denn mit dem Wort Krieg verbinden die Deutschen Millionen Tote, zerstörte Städte und die größte Scham, die je eine Nation auf sich geladen hat: den Holocaust und den totalen Krieg, also enthemmte Vernichtung und Selbstvernichtung.
Afghanistan ist ein anderer Krieg, aber es ist ein Krieg - also die Allgegenwart von Töten und Sterben für deutsche Soldaten. Und sie, deren Einsatz in Afghanistan schon länger dauert, als der ganze Zweite Weltkrieg gedauert hat, haben natürlich als Erste erfahren, dass sich ihre Arbeit nicht allein um saubere Brunnen, asphaltierte Straßen, effiziente Krankenhäuser und neue Mädchenschulen dreht, sondern um Überfälle und Sprengstofffallen, um die Suche nach dem Feind und um Deckung vor seinen Angriffen, um Feuergefechte und Raketenbeschuss, um Töten und Sterben.
Kaum ein in Afghanistan stationierter Soldat will seinen Namen sagen, aber alle wollen reden. Den Leuten in der Heimat haben sie schließlich die Erfahrung des Kriegsalltags voraus. Sie haben den Deutschen eine Wahrheit mitzuteilen, die denen von ihren Politikern nach wie vor lieber verschwiegen wird. Sie bleiben anonym, der Feind soll schließlich den einzelnen Fremden nicht identifizieren können. Aber noch wichtiger ist den Soldaten, dass in Deutschland kein krankes Hirn sich einen Spaß daraus machen kann, Freundin, Eltern oder Nachbarn anzurufen und zu verkünden, der Freund, der Sohn, der Nachbar sei leider Opfer eines Angriffs geworden - alles schon geschehen.
Zwischen dem verdrucksten Umgang mit dem Krieg daheim und der Erfahrung vor Ort liegen naturgemäß Welten. Da ist der Offizier der Spezialkräfte mit seinen insgesamt fünf Einsätzen in Afghanistan, für den das Töten, wenn es denn sein muss, nur ein Ausweis seiner Professionalität ist und das er erledigen würde, "wenn es mein Auftrag verlangt: gezielt dosiert und ohne jedes emotionale Engagement".
Und da ist die Führerin eines Beweglichen Arzttrupps, die beim Bergen von Verletzten unter Beschuss nur noch "eine große Wut" verspürt. Sie empfindet es als persönliche Befreiung, dass auch "wir Rettungsassistenten zum Sturmgewehr greifen dürfen", um "nicht mehr so hilflos" zu sein. Ihr Fazit: "Es war total befreiend, endlich zurückschießen zu können."
Natürlich versuchen sie alle zu beschreiben, was das ist: Todesangst. Für den einen ist es das fast schon automatische Losrennen zur nächsten Deckung und für den anderen eine physische Sensation, die sich für immer in den Körper einbrennt. Weniger oft, aber nicht weniger deutlich sprechen sie über eine Tatsache ihres Lebens im Krieg, mit der ihre Zuhörer in der Heimat womöglich noch weniger konfrontiert werden möchten als mit ihrem Leid: Deutsche Soldaten schießen auch und töten - nicht nur Taliban sondern auch unbeteiligte Zivilisten und, wenn es ganz schlimm kommt, sogar Kinder.
Aber egal, was Deutschlands Soldaten aus ihrem Kriegsalltag berichten, einen Gegner neben den Taliban haben alle gemeinsam - die Politiker, alle Politiker, egal welcher Partei, die den Deutschen die wahre Lage verheimlichten und den Truppen die Mittel verweigerten, ihren Job angemessen ausüben zu können. "Wir wollen endlich die Erlaubnis, militärisch zurückzuschlagen", sagt ein Stabsfeldwebel mit viel Erfahrung.
Manchmal ist der Frust unspezifisch, der reine Ärger darüber, dass, wie ein Unteroffizier meint, "wir hier den Arsch ins Feuer halten, aber die in Deutschland am liebsten erklären, am Hindukusch hätten wir alles im Griff". Dabei wisse jeder Soldat, dass das eine Lüge ist: "Wenn wir alles im Griff haben, warum sterben dann meine Kameraden?"
Dann wieder ist der Ärger präziser wie die Analyse jenes Oberstleutnants, der die wahren Probleme nicht in mangelhafter Ausrüstung oder unzureichender Ausbildung sieht. "Die Ursachen für die großen Fehler" lägen vielmehr "im Duckmäusertum in den Reihen der Bundespolitik, aber auch in der Generalität: Alles soll gut sein, alles so aussehen, als gäbe es keine Probleme."
Es ist eben kein Krieg, von dem die Deutschen etwas wissen wollen. Viele würden sich lieber nicht eingestehen müssen, dass das Bild, das sie von sich am liebsten pflegen, nicht mehr zutreffend ist. Wir sind nicht mehr nur die friedliebende, vom Krieg für immer geheilte Nation, wir sind wie Amerikaner, wie Briten, wie Kanadier oder Niederländer. Eigentlich: wie der Rest der Welt - eine Nation, die auch Krieg führt.
Der erste Reflex sagt: weg da, raus aus Afghanistan. Das ist nichts für Deutschland. Von den Teenagern, die am Freitag, dem Tag nach dem Angriff von Baghlan, auf dem Hamburger Kreiswehrersatzamt in Harvestehude zur Musterung erscheinen, will nicht ein einziger nach Afghanistan. "Vor drei, vier Jahren hätte ich mich wohl noch verpflichtet", sagt der Abiturient Thilo von Polier. "Aber jetzt will ich meine Leistung nicht dafür geben, später erschossen zu werden."
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Deutschen eine im Herzen pazifistische Nation, die vor allem zurückschreckt, was an diese schrecklichen Jahre erinnert. Als der Krieg noch ein kalter war, kam man ganz gut durch mit dieser Haltung. Nun geht es darum, das Töten und das Sterben in die Gesellschaft zu integrieren. Die Bundesrepublik ist schon jetzt nicht mehr so, wie sie vor diesem Einsatz war. Der Krieg, der Afghanistan verändern soll, ist nach Deutschland gesickert und hat hier einiges verändert. Ein Minister ist zurückgetreten, ein Generalinspekteur und ein Staatssekretär wurden in den Ruhestand versetzt. Es gibt die Bedrohung durch Terroristen, die Deutschland aus Afghanistan herausbomben wollen, und es gibt die Gegenmaßnahmen des Staates, die das Land in eine ständige Debatte über den Widerspruch von Sicherheit und Freiheit gestürzt haben. Es gibt eine Tapferkeitsmedaille für Soldaten, ein Ehrenmal, und es gibt wieder eine gesellschaftliche Figur, die lange keine Rolle mehr gespielt hat: den Veteranen.
Der Veteran ist der Mensch, der aus dem Krieg kommt. Er hat geschossen und ist beschossen worden. Er hat zerstörte Körper gesehen, Sterbende, Tote. Er kennt die akute Angst um das eigene Leben, er weiß, wie es ist, getötet zu haben. Das gilt nicht für alle, die in Afghanistan waren, aber für alle gilt, dass sie über Monate mit der Vorstellung von alldem leben mussten. Und es gilt nun auch für Frauen. Die Veteranin ist ein neues Geschöpf für die Bundesrepublik.
Der Veteran und die Veteranin haben Erfahrungen gemacht, die sie vom allergrößten Teil der Gesellschaft abgrenzen, Erfahrungen, die schwer zu verarbeiten sind. Hollywood hat viele Geschichten erzählt von den Heimkehrern aus Vietnam, auch einem in der Heimat ungelittenen Krieg, Heimkehrern, die nicht klarkamen mit ihren Erinnerungen und dem zivilen Leben. "Afghanzy" nennen Russen die Veteranen ihres Krieges in Afghanistan. Auch mit diesem Wort werden eher problematische Charaktere verbunden.
Schon am Eingang des Berliner Bundeswehrkrankenhauses, hinten rechts in der Cafeteria, finden sich kleine Indizien dafür, wie schwer sich die Truppe mit den seelischen Verwundungen tut, die ihre Veteranen aus Afghanistan davongetragen haben. In einer Glasvitrine liegen Schlüsselanhänger mit Durchhalteparolen, die die Soldaten, die in psychologischer Behandlung sind oder auf Krücken die Klinikflure entlanghumpeln, für 3,50 Euro das Stück kaufen können. "Klagt nicht, kämpft", steht auf einem Schlüsselanhänger in Frakturschrift. Ein anderer beruhigt: "Wo Schmerzen sind, ist auch noch Leben."
Ein paar Treppen höher sitzt Oberstarzt Peter Zimmermann. Er ist der Chef der psychiatrischen Abteilung des Berliner Bundeswehrkrankenhauses und behandelt die Heimkehrer, die vom Krieg gezeichnet sind. Zitternde, gebrochene Männer oft, die erst lernen müssen, über ihre Erlebnisse in Afghanistan oder anderen Einsatzgebieten zu sprechen. Zimmermann sagt, es sei für einen Soldaten leichter geworden, sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen, er weiß aber auch, dass in vielen Truppenteilen ein Mann immer noch als Memme gilt, wenn er zum Psychologen geht und über seine Probleme reden will.
Nach Angaben des Sanitätsdienstes der Bundeswehr wurden im vorigen Jahr 466 Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt, kurz PTBS, was immerhin fast doppelt so viele sind wie im Jahr zuvor. Dazu kommen die Soldaten, die zwar wegen "einsatzbedingter psychischer Störungen" behandelt werden, aber in der Statistik nicht als PTBS-Fälle auftauchen.
Die Kölner Psychologin Sibylle Beate Dunker kommt nach einer Umfrage unter Afghanistan-Heimkehrern zu dem Ergebnis, dass rund sieben Prozent der Soldaten aus einem Kontingent die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung erfüllen - etwa siebenmal so viele, wie sich tatsächlich behandeln lassen. Für ihre jüngst verfasste Dissertation hat Dunker rund 650 Soldaten des 14. Kontingents nach ihren Einsatzerlebnissen befragt: Rund die Hälfte der Männer und Frauen berichtete von belastenden Erfahrungen, wie von Gefechten mit Taliban oder von Beschuss durch Handwaffen oder Raketen. Andere waren Opfer von Anschlägen oder versuchten Attentaten. Jeder vierte dieser Gruppe hatte mit Toten oder Verletzten zu tun. Die wenigsten von ihnen gehen zu Psychologen wie Peter Zimmermann in Berlin.
Der hat dort zudem die Aufgabe, ein Traumazentrum aufzubauen, das der Bundeswehr helfen soll, Soldaten vor und nach Auslandseinsätzen besser zu betreuen. Das Problem ist, Zimmermann findet kaum Personal. Viele Ärzte und Psychiater wollen entweder nicht zur Bundeswehr oder haben, wenn sie dort waren, ihren Job gekündigt, weil sie zu wenig verdienen oder nicht riskieren wollten, in den Krieg geschickt zu werden.
Der hat nun von Deutschland 43 Tote gefordert. Die Zahl klingt zu klein, als dass sie eine Gesellschaft prägen könnte. Aber mit Kriegsopfern ist es anders als mit Verkehrsopfern. Wer als Soldat im Krieg stirbt, stirbt nicht für sich, er stirbt im Auftrag eines Landes. "Deutschland verneigt sich vor ihnen", hat Angela Merkel bei der Trauerfeier für die drei Opfer der Karfreitagsattacke gesagt.
Es kann gut sein, dass Deutschland bald mehr Szenen erleben wird wie die Trauerfeier von Selsingen am Freitag vor zwei Wochen. In der kleinen, weiß gekalkten Dorfkirche in Selsingen, 70 Kilometer von Bremen entfernt, schien es vielen, als habe sich zum ersten Mal das ganze Land vereint, um den Soldaten das letzte Geleit zu geben. Auf den schmalen Bänken drängten sich Abgeordnete, ein Ministerpräsident, zwei Bundesminister und die Kanzlerin. Kameraleute des Fernsehens und Pressefotografen rangen um die besten Bilder.
Guttenberg saß in der ersten Reihe bei den Frauen, Freundinnen, Kindern, Eltern der Toten. Zum ersten Mal hat er den Einsatz am Hindukusch ohne Einschränkung als Krieg bezeichnet. "Was wir am Karfreitag in Kunduz erleben mussten, bezeichnen die meisten verständlicherweise als Krieg. Ich auch." Dann verneigte er sich vor den Toten.
Am Tag nach dieser Trauerfeier besuchte Angela Merkel das Einsatzführungskommando bei Potsdam. Dort wurde ihr dieser Krieg mit einer Geschichte erklärt, die sie nicht losgelassen hat: Ein afghanischer Bauer geht mit seinem Kind auf ein Feld. Ein Bauer und sein Kind, ein friedlicher Anblick. Aber auf dem Feld ist eine Waffengrube, aus der sich der Bauer eine Kalaschnikow holt, und jetzt ist er ein Talib, aber das Kind ist immer noch bei ihm.
Für Merkel ist dies ein Bild für den asymmetrischen Krieg, den Krieg, in der eine reguläre Armee wie die Bundeswehr auf einen Gegner trifft, der meistens als Kombattant nicht kenntlich ist, der kurz auftaucht, schießt und verschwindet, und wer ihn jagen will, gefährdet Zivilisten, die für ihn Tarnung und Deckung sind.
Sie sagt, dass sie das "sehr umtreibt". Sie hat auch die Rede, die sie am vergangenen Donnerstag an der Universität Stanford hielt, geändert und viel über den Krieg geredet. Er ist jetzt ihr Thema geworden, spät, erst nach den beiden jüngsten Attacken. Lange hat sie sich verhalten wie die meisten deutschen Politiker. Der Krieg ist unpopulär in der Bevölkerung, und deshalb wurde lange so getan, als gäbe es ihn nicht. Die Soldaten fühlten sich im Stich gelassen. Es wäre Merkels Aufgabe gewesen, diesen Krieg eher in die Gesellschaft zu integrieren.
Wie schwer sich Deutschland mit diesem Thema tut, zeigt die ganze Geschichte der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Es dürfte ja längst kein Geheimnis mehr sein, aber es ist immer noch eins: Schon seit 1992 rücken - ohne Unterbrechung - Bundeswehrsoldaten zu weltweiten Militäreinsätzen aus. Die Politik hat sie ganz langsam und skrupulös aus den Kasernen geholt und über die Grenzen geschickt.
Vor der Wiedervereinigung nahm die Bundeswehr nicht an internationalen Blauhelm-Missionen Teil. Deutschland schickte allenfalls bei Erdbeben, Dürre- oder Hochwasserkatastrophen seine Soldaten.
Keine Partei hielt es für möglich, deutsche Soldaten zu Kampfeinsätzen in andere Länder zu schicken. Es hätte dem Selbstverständnis der Bundesrepublik als geläutertem Staat fundamental widersprochen.
Das sollte sich nach der Wiedervereinigung ändern, allerdings nur sehr langsam. Deutschland wurde Schritt für Schritt zum normalen Staat, wobei die jeweiligen Regierungen der öffentlichen Meinung immer voraus waren. "Instinkte im Hinblick auf unsere Zurückhaltung, wie sie die Deutschen in den letzten 40 Jahren gelernt haben, lassen sich nicht einfach wegkommandieren", sagte Verteidigungsminister Volker Rühe im Jahr 1992.
Damals hatte Rühe 145 freiwillige Sanitätssoldaten nach Kambodscha geschickt, sie sollten dort Verletzte und Kranke behandeln. Kambodscha ist die erste Beteiligung der Bundeswehr an einer internationalen Friedensmission.
So wurde auch der erste größere Einsatz mit Kampfsoldaten verstanden. 1993 richtete die Bundeswehr ein Feldlager im somalischen Belet Huen ein. Es war der ruhigste Teil des Landes, woanders, in der Hauptstadt Mogadischu vor allem, tobte schon damals ein fürchterlicher Bürgerkrieg. Die Deutschen bohrten Brunnen, niemand musste sterben, niemand musste töten. Ein Somali, der nachts in das Lager eindrang, war der Einzige, der sein Leben verlor.
Die Bundeswehr beteiligte sich 1995 an der Nato-geführten Friedenstruppe für Bosnien-Herzegowina. Die Zäsur kam 1999, als sich deutsche "Tornados" an den Luftangriffen der Nato auf Serbien beteiligten. So sollte der Krieg im Kosovo beendet werden. Bis heute ist umstritten, ob es sich um einen völkerrechtswidrigen Einsatz gehandelt hat. Der damalige Außenminister Joschka Fischer bemühte Auschwitz, um die deutsche Hilfe bei der Bombardierung eines Landes zu rechtfertigen. Etwas Ähnliches dürfe sich nicht wiederholen, deshalb müsse die Bundeswehr mitkämpfen. Das war sehr dick aufgetragen und zeigte die deutsche Unsicherheit mit dem Thema Krieg.
Die Auslandseinsätze waren stets von heftigen innenpolitischen Debatten begleitet. Nicht nur der Sinn der jeweiligen Mission wurde in Frage gestellt. Viele Bürger empfanden immer noch Unbehagen bei dem Gedanken, dass ihre Soldaten im Ausland kämpfen. Die Rolle der Bundeswehr hatte sich fundamental geändert. Das Misstrauen der Deutschen gegen sich selbst nicht.
Diese Diskrepanz bestimmt bis heute die deutsche Politik, auch in Afghanistan. Die Kanzler von Helmut Kohl über Gerhard Schröder bis Angela Merkel haben deutsche Soldaten in immer gefährlichere Missionen geschickt. Es war der Preis, den die Verbündeten dafür verlangten, dass sie Deutschland seine volle außenpolitische Souveränität zurückgegeben hatten.
Amerikaner, Briten und Franzosen sahen nicht ein, warum ihre Soldaten für Ziele sterben sollen, die auch die Deutschen teilten. Aus dem Irak-Krieg zur Befreiung Kuwaits konnte die Regierung Kohl sich noch herauskaufen. Im Kosovo-Krieg war das nicht mehr möglich.
Statt den Bürgern diese Entwicklung zu erklären, versuchten alle Regierungen, sie zu verschleiern. Die rot-grüne Koalition bezeichnete den Isaf-Einsatz in Afghanistan gern als "Friedensmission". Es ginge um das Bauen von Brunnen, um Demokratie und Mädchenschulen. Man glaubte, nur so könne den Deutschen der Einsatz vermittelt werden.
SPD-Verteidigungsminister Peter Struck versuchte 2002, eine offene Debatte über den Sinn der Mission anzustoßen. Deutschlands Sicherheit "wird am Hindukusch verteidigt", sagte er. Es war eine radikale Aussage, die so ziemlich alles in Frage stellte, was in der Bundesrepublik über Jahrzehnte gegolten hatte. Struck wunderte sich selbst darüber, dass über seine Behauptung nie wirklich gestritten wurde.
Es schien ja alles gut zu sein. Die Bundeswehr war schon bald im sicheren Norden stationiert. Die Deutschen leisteten Aufbauhilfe, kämpfen mussten Amerikaner, Briten, Kanadier und die Afghanische Nationalarmee. Weil nur die Linke gegen den Einsatz war, entfiel der Zwang, ihn entschlossen zu verteidigen. Alle anderen Parteien mogelten sich lieber durch, so gut es ging.
Irgendwann ging es nicht mehr. Immer mehr deutsche Soldaten starben, als die Kämpfe sich auch in den Norden verlagerten. Und nicht nur das. Immer mehr Menschen wurden auch von deutschen Soldaten getötet.
Wie nah das Töten und das Sterben in Afghanistan liegen, zeigt ebenfalls der Karfreitag vor zwei Wochen. Es ist nicht nur der Tag, an dem drei deutsche Soldaten sterben, es ist auch der Tag, an dem sechs afghanische Soldaten sterben - durch deutsches Feuer. Ein vertraulicher Nato-Bericht schildert, dass der Tod der Afghanen keine Notwendigkeit hätte sein müssen. Ein Pick-up-Truck und ein Geländewagen der Afghanen fahren an diesem Abend auf eine Gruppe deutscher Soldaten zu, die sich zur Ablösung ihrer Kameraden ins Gefecht bewegen, sie sind im Kampfmodus. Der Nato-Bericht schildert die Sicht der Afghanen, wonach die Deutschen zwar rote Leuchtkugeln als Stopp-Signal abgeschossen hätten, aber danach das Feuer eröffneten. Die Deutschen gaben zu Protokoll, nur einer der afghanischen Wagen habe gehalten, der andere sei ausgeschert und weitergefahren.
Die tödlichen Schüsse wären wohl vermeidbar gewesen, wenn die Kommunikation funktioniert hätte: Die Afghanen hatten die Bundeswehr über ihre belgischen Trainer unterrichtet, dass sie in Richtung der Deutschen unterwegs waren, sie wollten ja helfen. Die Bundeswehr behauptet aber, die Afghanen hätten bei ihrer Meldung an das deutsche Camp ihre Fahrtrichtung falsch angegeben. Die Soldaten werden trotzdem mit der moralischen Last leben müssen, sechs Männer getötet zu haben, derentwegen sie doch eigentlich am Hindukusch stationiert sind.
Bei dem Bombardement zweier Tanklaster bei Kunduz auf deutschen Befehl am 4. September 2009 starben wohl über hundert Menschen, darunter viele Zivilisten. Der deutsche Oberst Klein hatte den Befehl gegeben und dabei die Einsatzregeln verletzt.
Es war ein Wendepunkt, zumindest in der öffentlichen Debatte in Deutschland. Nun wurde offen und viel über den deutschen Einsatz in Afghanistan diskutiert, und allmählich setzte sich auch der richtige Begriff durch: Krieg.
Bis dahin hatte es einen grotesken Tanz um dieses Wort gegeben. Verteidigungsminister Franz Josef Jung weigerte sich strikt, den Krieg einen Krieg zu nennen. Er weigerte sich auch, die toten Soldaten als Gefallene zu bezeichnen. Soldaten fallen im Krieg, in Afghanistan starben sie bloß. Schließlich sprach Jung doch von Gefallenen, das Wort Krieg aber blieb tabu. Auch die Kanzlerin nahm es nicht in den Mund.
Es schien, als wollten die Berliner Politiker ihren Landsleuten das Wort nicht zumuten, aus Angst, sie könnten den Einsatz dann noch stärker in Frage stellen. Dabei wussten die Bürger längst, dass die Realität sich nicht nach den Begrifflichkeiten der Politiker richtet.
Es war Struck, der Merkel im vergangenen Jahr aufforderte, endlich von Krieg zu reden. Doch Merkel schwieg. Jungs Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg sprach im November vergangenen Jahres als Erster von "kriegsähnlichen Zuständen". Er verstehe, wenn Soldaten von Krieg sprächen.
Aber auch der schneidige Soldatenversteher war ein Meister im Beschwichtigen. Wenn er davon sprach, die deutschen Einheiten würden künftig "mehr Präsenz in der Fläche zeigen", fügte er gleich hinzu, das bedeute natürlich "nicht automatisch mehr Risiko für die Soldaten". An der holländischen Brücke südlich von Kunduz zeigte sich, dass diese Aussage einfach nicht der Wahrheit entsprach.
Weil Krieg allerdings kein gültiger Rechtsbegriff ist, legte die Bundesregierung im Februar fest, dass es sich in Afghanistan um einen "nicht-internationalen bewaffneten Konflikt" handele. Es ist ein technokratischer Begriff aus der Sprache der Völkerrechtler, der sehr weit weg ist von Verstümmelung, Zerstörung, Tod, Töten, Blut, den Wörtern des Krieges.
Auch Westerwelle hält nichts davon, dass Wort Krieg offiziell zu benutzen. Es ist ihm zu unpräzise. Man weiß nicht, welche politischen Folgen es haben könnte. Guttenberg sorgte noch einmal für eine Verrenkung, als er sagte, "umgangssprachlich" könne man durchaus von einem Krieg reden. Es war eine Annäherung an das richtige Wort, aber es war auch verdruckst.
Noch immer versuchen die führenden Politiker der Koalition, den wahren Charakter der Mission zu verschleiern. Westerwelle spricht gern davon, dass er nicht nur in der Bundesregierung, sondern auch international den Vorrang des zivilen Wiederaufbaus durchgesetzt habe. Ziviler Wiederaufbau, das klingt konstruktiv, friedlich, eben ganz anders als Krieg.
Mindestens ebenso peinliche Verschleierungsmanöver wie die um die Definition des Bundeswehreinsatzes richteten sich zudem auf die militärische Lage am Hindukusch. Während die deutschen Regierungspolitiker, die den Einsatz befürworten, immer wieder mit der Lupe nach vorzeigbaren Erfolgen suchten, blieb es dem amerikanischen Befehlshaber General Stanley McChrystal vorbehalten, den Krieg nicht nur Krieg zu nennen - das ist schließlich sein Metier -, sondern auch darauf hinzuweisen, dass der Westen in Gefahr schwebe, ihn zu verlieren.
Sicher, die Taliban werden die internationalen Truppen in Afghanistan militärisch niemals schlagen, umgekehrt ist es allerdings genauso. Konventionelle Armeen wie die der Briten oder Sowjets scheiterten am Hindukusch, weil sie irgendwann die Verluste unter ihren Soldaten und den monströsen Aufwand an Material nicht länger tragen mochten. Am Ende gewann stets, wer den längeren Atem hatte - die lokalen Widerstandskämpfer.
Ideologisch aufgerüstete Guerilla-Krieger wie die Taliban sind leidensfähig, sie schlafen in kalten Höhlen, essen monatelang nur trockenes Brot, wenn die Lage dies erfordert. Sie glauben auch nicht daran, dass geschützte Fahrzeuge oder Panzerhaubitzen ihre Lage verbessern würden. Allah allein entscheidet über Leben und Tod, über Sieg und Niederlage.
Immer wieder musste die westliche Allianz eroberte Räume in Afghanistan aufgeben, weil sie auch im neunten Jahr der Invasion mit inzwischen über 100 000 Soldaten aus 44 Ländern sowie der afghanischen Armee noch immer nicht über ausreichend Kräfte verfügt, um diese Gebiete dauerhaft zu verteidigen. Siebenmal so viele Soldaten wären nötig, um eine vergleichbare Präsenz pro Kopf der Bevölkerung herzustellen, wie sie die internationale Gemeinschaft etwa 1999 nach dem Krieg um das Kosovo aufgeboten hatte.
Kurzfristig verdrängte Taliban kehren deshalb wieder zurück wie beispielsweise in jenen Kunduz-Distrikt Chahar Darreh, wo am Karfreitag die drei Bundeswehrsoldaten fielen. Nach ihrer Rückkehr rächen sich die Extremisten grausam an den Kollaborateuren, foltern oder töten sie. Die afghanische Bevölkerung in den Aufstandszentren hat deshalb wenig Grund, sich mit den Vertretern der internationalen Gemeinschaft und der Regierung einzulassen. Die Menschen warten lieber ab, wer gewinnen wird, und stellen sich unterdessen mit beiden Seiten gut. Die meisten Afghanen glauben jedoch inzwischen: Die Ausländer werden gehen, die Taliban bleiben.
Der amerikanische Befehlshaber Stanley McChrystal ist davon überzeugt, dass er diesen Trend wieder umkehren kann. Westliche und afghanische Militärs sollen künftig stets eng verknüpft operieren. Vor allem sollen die Truppen dort, wo die Taliban vertrieben wurden, auch bleiben, bis die Polizei stark genug ist, Sicherheit zu garantieren, bis die Regierung nachrückt, ein Distriktgouverneur und ein Dorfrichter ihre Ämter angetreten haben und der Aufbau läuft. Die jüngste Isaf-Offensive in der Drogen- und Aufstandsprovinz Helmand gilt als Testlauf für dieses Konzept, in wenigen Wochen soll in Kandahar, dem spirituellen Zentrum der Taliban, der nächste große Angriff starten.
Diese Woche will McChrystal beim Besuch in Berlin für seinen neuen Ansatz werben, der für die Soldaten aber auch neue Risiken birgt. Mehr Kämpfer sollen in kleinen Außenposten im Feld operieren und bieten damit mehr Angriffsmöglichkeiten. Vor allem sollen internationale Trainingsteams mit den afghanischen Kameraden stets gemeinsam an die Front vorrücken - der Verbund, der vergangene Woche unter Beschuss geriet, war ein solches Team.
Im Vorfeld seines Besuchs lobte der General zwar die Deutschen für ihre beeindruckende "Leistungsfähigkeit", gleichzeitig ließ er aber ein ganzes Brigade Combat Team mit 5000 US-Soldaten, mit Kampfhubschraubern und einem eigenen Aufklärungsbataillon in den Norden verlegen. Die Amerikaner trauen den defensiv eingestellten Deutschen den offensiven Kampf gegen die Taliban nicht zu. Kunduz ist jedoch in gleich mehrerer Hinsicht wichtig für die gesamte Afghanistan-Mission: symbolisch, weil es schon früher die Hochburg der Taliban im Norden war, aber auch strategisch, weil hier eine der wichtigsten Nachschubrouten für die Isaf-Mission aus dem Norden Richtung Kabul verläuft. Um Kunduz und die Straße nach Süden wird schon bald die bisher erste große Schlacht der Amerikaner außerhalb ihrer ursprünglichen Kampfgebiete im Süden und Osten erwartet.
Die Operation, bei der die deutschen Soldaten vorige Woche gefallen sind, ist denn auch bezeichnend für die derzeitige Lage am Hindukusch. Es ging um die Sicherung zweier strategisch wichtiger Brücken und um die Verbindungsstraße "Pluto", die Nordafghanistan mit dem Süden verbindet. Wer die Straße und die Brücken kontrolliert, beherrscht die Region, auf Nato-Karten ist das Gebiet gelb und orange markiert, so wie die umkämpfte Krisengegend um Kunduz. Es gibt wenige Polizisten und viele Kriminelle, ein sicherer Hafen für die Taliban. So wie es aussieht, ist es nicht die afghanische Regierung, die in Baghlan das Sagen hat, das sollte die Offensive ändern.
Im Winter hatte die afghanische Armee eine erste Brücke genommen und mit einem Kontrollposten gesichert, aber im Winter waren die Taliban auch aus der Gegend verschwunden. Die meisten hatten sich in ihre Dörfer zurückgezogen oder waren zum Überwintern nach Pakistan gegangen, im März kamen sie zurück. Sie kämpften zuerst gegen die Männer von der Hisb-i-Islami, einer konkurrierenden Milizgruppe, und seitdem die Taliban diese Machtprobe gewonnen haben, fordern sie auch die afghanische Armee und die Ausländer heraus.
Ende März starteten die afghanischen Truppen deshalb zusammen mit den deutschen und belgischen Soldaten die Operation Taohid, was für "gemeinsam" steht, weil sie eben auch ein Signal der Solidarität sein sollte. Operational Mentor and Liaison Team, kurz OMLT (sprich: Omlett), nennt die Nato diese Partnerschaften. Lange Zeit hat die Bundeswehr nur innerhalb der Kasernen und im geschützten Raum mit den Afghanen geübt. Nun rückten die deutschen Soldaten gemeinsam mit ihnen vor - es ist im Kleinen das, was demnächst Alltag sein soll. Seite an Seite kämpfen, so sieht es McChrystals Strategie vor.
Aber der Widerstand war heftiger als erwartet, die Operation fuhr sich fest, schließlich mussten die Alliierten sich zurückziehen. Glaubt man der Bundeswehr, dann standen die afghanischen Truppen, welche die Speerspitze der Operation sein sollten, kurz vor der Auflösung, obwohl es sich bei Kabuls Soldaten um eine Vorzeigeeinheit handeln soll.
Afghanen und Deutsche gruppierten sich neu, und am vergangenen Mittwoch
morgen begann Teil zwei der Operation Taohid, diesmal mit nahezu 3000 afgha-
nischen Soldaten, hundert Deutschen und ein paar Schweden und Belgiern. Wie es scheint, hatten die Taliban darauf nur gewartet.
Einer ihrer Anführer, der örtliche Taliban-Kommandeur Maulawi Amanullah, konnte sich hinterher kaum einfangen über seinen Sieg gegen die Fremden. Seine Männer hatten bewusst ihre Taktik geändert und zuerst die fremden Streitkräfte angegriffen. Wenn Ausländer getötet werden, brüstete sich der Talib, verlassen die sofort das Schlachtfeld, und wir gewinnen den Kampf.
Für die Bundeswehr wird die neue Strategie von US-Kommandeur McChrystal neue Gefahren bringen. Es steht zu vermuten, dass bei der engen Zusammenarbeit mit den heimischen Truppen mehr Soldaten als früher sterben werden. Denn die Bundeswehr soll dorthin gehen, wo die Afghanen leben, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Das ist zwar eine plausible Strategie, aber dadurch werden die Soldaten verwundbarer. Doch sagen das weder Westerwelle noch Guttenberg, noch Merkel.
Was passiert also, wenn es bald weitere Tote gibt?
Vor allem in CSU und FDP ist die Skepsis gegenüber dem Einsatz groß. Die Kritik ist bislang deshalb so gedämpft, weil die SPD auch die letzte Mandatsverlängerung mitgetragen hat. Allein möchte die Koalition den Krieg nicht verantworten. Die Haltung von Union und Liberalen könnte sich ändern, wenn die Sozialdemokraten von ihrem Ja zum Einsatz abrücken. Das ist gut möglich.
Laut aktueller Umfrage sind 70 Prozent der Bundesbürger gegen den Einsatz und wünschen sich einen möglichst schnellen Abzug der Bundeswehr. Viele von Deutschlands Intellektuellen halten den Krieg für ein Verbrechen (siehe Seite 28). Mit jedem neuen Toten wird der Ruf danach lauter werden. Das ist der Koalition durchaus bewusst. "Der Druck auf die Politik, den Einsatz zu beenden, wird steigen", sagt der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz. "Umso wichtiger ist es, die Zusammenhänge und die wesentlichen Gründe für den Einsatz immer wieder zu erklären." Auch der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, erwartet, dass die Stimmung sich noch stärker gegen den Einsatz wenden wird. Er wirft den Vorgängerregierungen vor, den Einsatz verharmlost zu haben. "Ich verstehe es, wenn die Bevölkerung den Eindruck hat, es sollte etwas beschönigt werden." Einen Grund, das Mandat zu verändern, gebe es aber nicht.
Einige Unionspolitiker geben dem Druck schon jetzt nach. "Es gibt Regionen in Afghanistan, wo wir schon in diesem Jahr mit dem Abzug beginnen können", sagt der außenpolitische Experte der CSU, Thomas Silberhorn.
Damit wächst auch in der SPD die Versuchung, den Unmut über den Kampf in Afghanistan politisch zu nutzen.
Die Sozialdemokraten haben gerade erst einen Balanceakt hinter sich, sie haben der Versuchung widerstanden, sich im Wahlkampf und danach aus Populismus von einem Einsatz zu distanzieren, den sie stets mitgetragen haben. Wenn es nach der SPD geht, soll der Abzug der Bundeswehr 2011 beginnen und der letzte deutsche Soldat Afghanistan zwischen 2013 und 2015 verlassen. Über diese Position der Parteispitze durfte sogar die Basis diskutieren.
In den ersten Stunden nach der jüngsten Attacke hielt sich die SPD zurück, Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier übernahm die Kommentierung und bestätigte, dass der Abzug im nächsten Jahr beginnen müsse. Er riet: "Wir müssen besonnen und verantwortlich reagieren."
Die Grünen sehen sich durch die Anschläge in ihrer Skepsis gegenüber dem neuen Afghanistan-Konzept bestätigt. "Die Bundesregierung hat verschwiegen, dass die verstärkte Ausbildung und der gemeinsame Einsatz mit den Afghanen ein erheblich höheres Risiko für die deutschen Soldaten bedeuten", sagt Fraktionschef Jürgen Trittin. "Jetzt plötzlich über Krieg zu reden ist bloß die Flucht in Semantik."
Bislang steht die Bundesregierung zu dem Einsatz, verkauft ihn aber stets mit der Perspektive für einen Abzug. Diese Perspektive heißt ANA, das Kürzel für die Afghanische Nationalarmee. Bei ihrem ersten Statement im Hotel Fairmont in San Francisco zu den vier Toten hat Angela Merkel gleich zweimal erwähnt, dass sie eine Übergabe der Verantwortung an die Afghanen anstrebe, und deshalb hat die Bundesregierung schon zuvor beschlossen, die Zahl der Ausbilder in Afghanistan zu erhöhen.
Doch selbst wenn Ausbildung und Ausrüstung der ANA stark verbessert würden, bleibt zweifelhaft, dass sich Präsident Hamid Karzai ohne fremde Truppen halten kann.
Die Perspektive auf einen raschen Abzug besteht deshalb nur für den, der in Kauf nimmt, dass das Land an die Taliban zurückfällt.
Merkel sprach dagegen von einer "Übergabe in Verantwortung". Das kann auch heißen, dass die Bundeswehr noch zehn Jahre in Afghanistan sein wird, vielleicht auch zwanzig, und vielleicht mit einem hohen Blutzoll.
Aber was ist die Alternative? Wenn die Nato das Land verlässt und die ANA den Taliban unterliegt, könnte Afghanistan wieder zur Basis für den islamistischen Terrorismus werden. Zudem könnten die Taliban das Nachbarland Pakistan ungestört destabilisieren, mit dem Ziel, auch hier die Macht zu übernehmen und Herren über die pakistanischen Atombomben zu werden. Solchen Horror werden die Amerikaner nicht zulassen.
Könnte sich Deutschland also davonstehlen im Vertrauen darauf, dass die USA die Lücken schon füllen werden? Vielleicht schon, aber dann würde sich Deutschland seinem wichtigsten Verbündeten gegenüber unmöglich machen.
So bitter das ist, die Bundeswehr wird aus all diesen Gründen noch länger in Afghanistan bleiben müssen. Bis die ANA wirklich reif ist für eine Übergabe der Verantwortung, woran die Deutschen mit aller Macht arbeiten sollten, wird es weitere Kämpfe geben. Sie sind notwendig, um den Norden zu stabilisieren. Das wird Opfer fordern. Deutschland sollte sich darauf einstellen.
Am Donnerstag vergangener Woche hielt Angela Merkel eine Rede an der Universität von Stanford. Sie wollte vor allem über Wissenschaft und Forschung reden, aber wegen der toten Soldaten sprach sie über den Krieg, und sie fand Worte, die eine Art Programm sind, Worte, an denen man sie messen wird:
"Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Freiheit leben können. Wenn ich zum Beispiel den Einsatz in Afghanistan nehme, dann weiß ich, dass sowohl hier in den Vereinigten Staaten von Amerika als auch bei uns zu Hause viele Menschen Zweifel haben, ob dieser Einsatz notwendig und ob er richtig ist. Ich respektiere diese Zweifel. Aber ich will auch hinzufügen, dass ich ganz bewusst hinter diesem Einsatz, hinter unserem gemeinsamen Einsatz in Afghanistan stehe, damit das Land stabilisiert wird, bis es selbst für seine Sicherheit sorgen kann."
Einen Tag später, am Freitagnachmittag, wird das Rollfeld des usbekischen Bundeswehrstützpunktes Termes zum Umschlagplatz für das Leid. Auf den Betonplatten steht die Hitze: Um 16.04 Uhr zerschneiden die Rotorblätter eines Hubschraubers die Stille. Der tarngrüne CH-53 bringt einen der verletzten Soldaten aus Kunduz. 14 Minuten später landet eine Transall aus Masar-i-Scharif. An Bord vier weitere Verwundete - und Minister Guttenberg. Der Minister, der am Mittwoch die Truppen in Afghanistan besucht hatte und nach der Todesnachricht sofort wieder zurückgeflogen war, hat sich ein beigefarbenes T-Shirt der Bundeswehr geliehen, jetzt prangen zwei kleine Deutschlandfahnen am Oberarm. So marschiert er nun mit großen Schritten, leicht vorgebeugt quer über das Rollfeld. Guttenberg kann Krise.
Er berichtet, die Soldaten seien betroffen, aber gefasst. Von den Verletzten sei der eine oder andere sogar schon wieder "zum Scherzen aufgelegt". Das trifft zumindest nicht auf die zu, die 200 Meter hinter ihm in den grauen "Medevac"-Airbus, das fliegende Krankenhaus der Bundeswehr, getragen werden.
Ob denn nicht das Geschehen beweise, dass die neue Strategie für seine Soldaten in Afghanistan gefährlicher sei?
Nein, sagt Guttenberg. Er bleibe dabei. Die Situation für die Soldaten werde nicht zwingend gefährlicher, auch nicht zwingend ungefährlicher. Dann der Satz, der inzwischen zum Mantra geworden ist: "Der Einsatz ist und bleibt gefährlich." Am Ende des Tages steht dem Minister aber nicht der Krieg, sondern eine Aschewolke im Weg. Drei Stunden wartet der Airbus Flugnummer GOV MED 2 auf eine Abfluggenehmigung. Um 19.40 Uhr ist es so weit. Fünf Soldaten lassen den Krieg hinter sich.

Oberfeldwebel, 29

Führerin eines Beweglichen Arzttrupps, 2009 in Afghanistan
"Im Gefecht spürt man eine große Wut. Viel Zeit zum Denken bleibt einem da nicht, das kommt alles erst hinterher. Wenn ich das jetzt so höre, dann kommen diese Bilder wieder hoch, wie ich unter Beschuss die Verletzten geborgen habe. Es ist eine völlig absurde Extremsituation, in der es für jeden ums Überleben geht. Das kann man nicht üben. Man hofft einfach, dass man da heil wieder herauskommt. Ich war sehr froh, als auch wir Rettungsassistenten zum Sturmgewehr greifen durften. Danach fühlte ich mich nicht mehr so hilflos. Es war total befreiend, endlich zurückschießen zu können. Ich weiß nicht, ob ich jemanden getötet habe. Ich hätte jedenfalls keine Probleme damit, wenn das so gewesen wäre.
Am Donnerstag hätte ich fast heulen können. Ich schicke bald wieder zwei Leute aus meinem Zug nach Afghanistan. Die schlachten uns da gerade ab. So schlecht sind wir doch gar nicht. Es hört sich vielleicht blöd an, aber ich wäre jetzt am liebsten wieder da unten."

Stabsfeldwebel, 45
derzeit Feldlager Kunduz
"Das sind doch nicht die letzten gefallenen Soldaten. Da brauchen wir uns doch nichts vorzumachen. Wir wollen aber endlich die Erlaubnis, militärisch zurückzuschlagen. Damit wir instinktiv handeln können. Wenn jemand von rechts schießt, will ich einfach auch nach rechts schießen dürfen, ohne mir über die Rechtslage Sorgen machen zu müssen."

Hauptfeldwebel, 31

2009 in Afghanistan
"Wenn man in einen Hinterhalt gerät, dann herrscht Hektik. Wir brauchen dann erst mal eine Findungsphase: Wer steht wo unter Beschuss? Das fühlt sich mies an, und das ist noch nett ausgedrückt. Der Feind ist einfach immer überlegen, weil er sich den Ort ausgesucht hat und sich auskennt. Das Gefühl ist schrecklich, vor allem, wenn man im Fahrzeug sitzt. Da fühlt man sich wie in der Falle, weil man ja permanent zu sehen ist. Ich war immer froh, wenn ich absitzen konnte. Da verliert man zwar den Schutz des Fahrzeugs, aber man ist ein kleineres Ziel. Und man kann wieder selbst handeln, schießen, sich verstecken."

Stabsgefreiter

derzeit Feldlager Kunduz
"Meine Freundin hat Riesenschiss, dass mir was passiert. Ich selbst habe eigentlich keine Angst. Ich bin ja die ganze Zeit beschäftigt, wir arbeiten hier sieben Tage die Woche. Da hat man nicht so viel Zeit zum Nachdenken. Ich mache den Job, weil ich Soldat bin. Es gibt einen Auftrag, es gibt einen Befehl, deshalb mache ich das. Wozu all das gut ist, müssen andere sagen. Aber ich glaub schon, dass es unterm Strich gut ist, was wir hier machen. Ich verstehe nur nicht, warum die Afghanen das nicht einsehen. Vielleicht muss ich sogar sechs Monate in Afghanistan bleiben, wir hören nur, dass ein paar Offiziere da so etwas diskutieren. Ich fände es in Ordnung. Aber meine Freundin dreht durch, wenn sie das mitkriegt. Finde ich irgendwie bescheuert, dass sie einem das nicht von vornherein sagen, wie lange der Einsatz dauert."

Offizier, 44

2009 in Kunduz
"Der erste Einschlag kommt immer überraschend. Erst wenn der Rauch aufsteigt, realisiert man langsam, was da gerade passiert. Wenn ich von einem meiner Männer über Funk hören musste, er stehe im Feuerkampf, dann kam das immer routinemäßig rüber, nie panisch. Aber ich hatte dann die Angst, dass gleich die Nachricht folgt, es gebe Ausfälle. Natürlich kann jede meiner Entscheidungen zum Tod führen, aber so ist das eben im Krieg. Das weiß jeder. Rachegedanken hatte ich nie, aber ich wollte einfach nicht verlieren. Klar habe ich gedacht: lieber die als wir. Ich muss seit dem Einsatz immer wieder von den Gefechten und Kampfsituationen erzählen. Das hilft."

Jan S., 30, Hauptmann

Fallschirmjägerbataillon 373, derzeit Feldlager Kunduz
"Als ich im März nach Kunduz kam, habe ich mir geschworen, alle meine Männer wieder nach Hause zu bringen. Das Versprechen konnte ich nicht halten. Am Karfreitag gerieten wir in Isa Khel, das ist ein kleines Dorf in der Taliban-Hochburg Chahar Darreh, in einen Hinterhalt. Es ging alles sehr schnell. Innerhalb von Sekunden wurden wir von mehreren Seiten angegriffen, drei meiner Kameraden fielen, es war der schwerste Tag meines Lebens. Ich war für sie verantwortlich, doch ich konnte nichts tun. Meine Männer sind gut ausgebildet, sie können kämpfen, doch wir hatten einfach Pech. Ich habe mich oft gefragt, ob wir einen Fehler gemacht haben, doch es gab keinen Ausweg aus dieser Situation. Der Krieg, das Sterben, ja, auch das Töten sind für mich seit meinem ersten Tag in Kunduz reale Teile meines täglichen Lebens. Jeden Moment draußen kann es passieren. 2007 war ich schon mal in Afghanistan, damals konnten wir uns noch bewegen, aus den Fahrzeugen raus, ran an die Menschen. Heute ist alles anders. Bei unserer Einweisung Anfang April waren auf den Karten für unser Einsatzgebiet mehrere Gegenden als No-go-Area markiert. Für meine Männer und mich ist das frustrierend. Am ersten Tag draußen in Chahar Darreh merkten wir, wie gefährlich das Gebiet wirklich ist. Wir suchten nach einer versteckten Mine, da wurden wir mit mehreren Panzerfäusten beschossen, über Stunden waren wir im Gefecht, schossen zurück gegen einen unsichtbaren Feind. Wenn eine Panzerfaust nicht vorzeitig explodiert wäre, hätte eines unserer "Fuchs"-Fahrzeuge einen Treffer bekommen, es hätte sicher Verletzte oder Tote gegeben. So ging es eigentlich jeden Tag weiter, wenn wir draußen waren, bis es Karfreitag passierte. Der Gegner nutzt unsere Schwäche, dass wir gut sichtbar sind, gnadenlos aus. Am Anfang wollten wir noch etwas erreichen, dem Gegner vielleicht ein Stück des Raumes wegnehmen. Doch nach dem Tod meiner Männer fragen wir uns manchmal, ob es das noch wert ist. Warum unser Leben riskieren, wenn die Taliban doch gleich wiederkommen, sobald wir weg sind? Wir kämpfen um unser Leben und um unseren Auftrag, wenn es den überhaupt noch gibt. Am Ende kämpfen wir hier in Kunduz vor allem ums eigene Überleben. Dafür, dass nicht weitere meiner Männer sterben, dass ich wenigstens den Rest meiner Truppe nach Hause bringen kann. Wir haben gelernt zu töten und tun dies auch. Wer auf uns schießt, den erschießen wir. Doch so einfach ist es oft nicht. Jeder von uns kennt den Auftrag, wir sollen die Zivilbevölkerung so gut wie es geht schützen, schließlich kämpfen wir ja für sie. Doch wie macht man das, wenn man beschossen wird? Wie soll ich meinen Männern erklären, dass sie mit dem Schießen erst warten sollen, wenn wir in Lebensgefahr sind?"

Unteroffizier

derzeit Feldlager Kunduz
"Man lernt in der Ausbildung ständig, dass man mit Waffen umgehen muss und dass es nicht ungefährlich ist in Afghanistan. Außerdem verfolgen wir natürlich auch in den Medien, was in Afghanistan abgeht. Dann kommen wir hierher und stellen fest: Es ist alles ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Wir wissen eigentlich sehr wenig über den Gegner. Und wir kennen trotz des Unterrichts die Kultur kaum. Ich wusste bis vor ein paar Tagen nicht einmal, wieso die Bauern hier auf den Feldern immer in Richtung Westen beten, wo die Muslime es bei uns in Deutschland immer gen Osten tun. Bis mir jemand erklärte, dass immer Richtung Mekka gebetet wird. Wäre ja gut gewesen, so etwas schon vorher zu wissen. Aber ich hatte auch kaum Zeit, mich privat damit zu beschäftigen oder irgendwelche Bücher über Afghanistan und den Islam zu lesen. Als ich in meine neue Unterkunft hier in Kunduz kam, bekam ich einen Schreck, als ich den Alarmplan sah: Es gibt mehrere Alarmstufen, nämlich dass draußen unsere Soldaten oder Verbündeten angegriffen werden, dass womöglich demnächst eine Rakete auf unser Lager abgefeuert wird, dass bereits eine Rakete unterwegs ist, dass der Feind direkt vor unserem Lager steht und dass der Feind schon in unser Lager eingedrungen ist. Erst als ich das las, wurde mir klar: Mein Gott, die Gefahr ist real."

Hauptmann, 32

Kompaniechef bei den Fallschirmjägern, 2009 in Kunduz
"Wir waren mit meiner Kompanie in Somalia, auf dem Balkan, im Kongo, dann waren wir in Afghanistan, zum zweiten Mal. Diesmal rief ich vor dem Abflug meine Männer und ihre Familien zusammen, ich sagte: 'Wir kommen vielleicht nicht mehr alle zurück.' Ich hoffe, es kommt anders, aber damit muss man immer rechnen."

Panzergrenadier

Aufklärungsbataillon 13, 2009 in Afghanistan
"9. August 2009, 5.00 Uhr. Wir stehen marschbereit, um zurück nach Masar-i-Scharif zu fahren. 5.07 Uhr: Wir rollen los. Ich hab mein Nachtsichtgerät auf, es fängt an zu dämmern. Es folgen nun zehn Minuten, die sich nachhaltig in mein Gedächtnis gebrannt haben. Wir verlassen das Feldlager, fahren gut einen Kilometer in Richtung der Hauptverbindungsstraße, nach Masar-i-Scharif. Am Straßenrand steht ein kräftig gebauter Mann mit weißem Umhang und einem Handy in der Hand. Bei der Auswertung der nun folgenden Ereignisse fiel uns im Nachhinein auf, dass er sich schon bei unserer Ankunft in Kunduz an genau derselben Stelle befand. Wir biegen links auf die Hauptstraße ab, ich bin dabei, die Nachtsichtbrille hochzuklappen, da es recht schnell hell wurde. Auffällig, dass keine Fahrzeuge zu sehen waren. Normalerweise herrscht um diese Zeit schon reger Verkehr auf den Straßen. Meine rechte Hand liegt außerhalb der Luke, und ich halte damit meine Maschinenpistole fest, da ich wie immer über Luke fahre. Wir sind das zweite Fahrzeug der Marschgruppe. Knapp 30 Meter vor meinem Fahrzeug gibt es auf einmal eine heftige Explosion! Es stellte sich später heraus, dass eine Panzerfaust auf uns abgefeuert wurde, die unser Fahrzeug nur um einen bis zwei Meter verfehlte. Das Panzerfaustprojektil schlug links neben uns in einem Felsen ein. Es folgte Beschuss durch Handwaffen. Mein Schütze erwiderte sofort das Feuer und hielt den Feind nieder. Ich selbst eröffnete das Feuer aus meiner Maschinenpistole. Nachdem ich in kürzester Zeit das ganze Magazin verschossen hatte, ging ich unter Luke, um den Panzerschutz aufzusuchen. Wir haben den Feind dann durchstoßen, waren gerade dabei, uns zu sammeln, da eröffnete eine weitere Person das Feuer. Ich verschoss mein zweites Magazin, und mein Schütze hielt den Feind wiederum mit dem MG nieder. Noch nie verspürte ich in meinem Leben so einen Adrenalinschub."
Aus: "Mit der Panzergrenadierbrigade 37 'Freistaat Sachsen' im Einsatz, April 2009 bis März 2010, Erlebnisse von Soldaten im Einsatzjahr der Brigade".

Hauptgefreiter

derzeit Feldlager Kunduz
"Ich versuche, nicht so oft darüber nachzudenken, was auf mich zukommen kann. Sterben und Töten, das sind Themen, mit denen ich mich theoretisch auseinandergesetzt habe. Ich weiß, dass der Job gefährlich ist. Aber irgendwie glaube ich trotzdem nicht, dass mir etwas passieren kann. Jeder Gefallene ist einer zu viel. Aber man muss das so sehen: Ich bin seit vier Wochen in Afghanistan, und seither sind sieben Bundeswehrsoldaten getötet worden. Bei einer Gesamtzahl von etwa 4300 deutschen Soldaten im Einsatz in Afghanistan ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, dass es mich trifft."

Offizier der Spezialkräfte

fünf Einsätze in Afghanistan, zuletzt 2009
"Töten und getötet werden betrachte ich aus einer professionellen Perspektive. Ich habe nicht getötet, aber neben mir sind Kameraden gestorben, wir haben eng zusammengearbeitet, wir kannten uns gut, wenn sie auch nicht direkt aus meinem Verband waren. Als ich aus dieser lebensgefährlichen Situation zurückgekehrt bin, habe ich so etwas wie Angst oder Trauer nicht empfunden. Ich dachte vielmehr darüber nach, wie man das hätte vermeiden können, wie ich die Rettung der Verwundeten hätte optimieren können. Das beschäftigte mich mehr als der Gedanke, dass es auch mich hätte treffen können. Angst habe ich eher als ein Gefühl der Spannung empfunden, dass ich im Einsatz versagen könnte. Ich würde töten, wenn es mein Auftrag verlangt, gezielt, dosiert und ohne jedes emotionale Engagement. Die Vorstellung, dass durch mich unbeteiligte Zivilisten sterben, aus Nachlässigkeit, aus Dummheit oder Unkenntnis, wäre für mich dagegen unerträglich. Das wäre unprofessionell. In einer anderen Situation hingegen, in der ich ganz auf mich allein gestellt war, in der ich von Aufständischen hätte gefangen genommen oder getötet werden können, zog ich einen imaginären Kreis um mich herum und verabredete mit mir selbst, dass, sollte jemand in diesen Kreis eindringen, ich sofort von der Waffe Gebrauch machen würde. Töten und getötet werden liegen eben eng beieinander. In einer bestimmten Operation war ich einmal gezwungen, mehrere Nächte lang allein 'im Indianerland' zu arbeiten, so nennen wir feindlich kontrolliertes Gebiet. Jedes Mal, wenn ich rausging, sagte der US-Soldat, der das Tor des Lagers bewachte: 'Heute bist du fällig.' Und jedes Mal, wenn ich zurückkam, sagte er mit zynischem Unterton: 'Du lebst ja immer noch.' Eigentlich wollte er mir sagen, ich sei total verrückt und das Risiko viel zu hoch. Aber ich war damals so von meinem Auftrag getrieben, dass ich dem keine Bedeutung schenkte und meine natürlichen Warnsignale unterdrückt habe."

Oberstleutnant Thomas Blank, 45

Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 261
"Ich trage Verantwortung für 90 Männer, die zurzeit in Afghanistan stationiert sind und zusammen mit Soldaten eines Grenadierbataillons die 2. Infanterie-Kompanie Kunduz bilden. Unter den Kameraden, die am Donnerstag gefallen sind, war auch ein Bekannter von mir, ein weiterer Kamerad aus alten Tagen liegt zurzeit schwerstverwundet im Krankenhaus. Wenn Meldungen von Toten oder Verletzten aus Afghanistan eingehen, ist die allererste Frage, die mir immer durch den Kopf rauscht: Ist es einer von uns? Da fühlt man wie eine Familie. Grundsätzlich kann man sagen, dass einen auch im Einsatz die Sorge um die eigenen Männer stets mehr umtreibt als die Angst, das eigene Leben zu verlieren. Schließlich muss ich später auch den Angehörigen in die Augen sehen und erklären: Ich war dabei, ich habe sie geführt. Nach meiner Erfahrung kommt keiner unverändert aus dem Einsatz zurück, so oder so. Ich rate jedem vor einem Einsatz dazu, sich in Gedanken auch schlimmste militärische Lagen vorzustellen. Sich auszumalen, wie man etwa reagieren würde, wenn plötzlich ein zwölfjähriges Kind einen mit einer Waffe angreift. Oder ein Kamerad im Feuer vor einem liegt. Das geht an die Grenzen dessen, was man sich vorstellen will. Aber bei der Entscheidung in diesem Augenblick ist der Soldat ganz allein - deshalb muss man sich gedanklich vorbereiten. Der enge Kontakt zu den Kameraden ist bei der Verarbeitung solcher Erlebnisse ganz besonders wichtig. Manche können das ganz gut wegstecken. Etwa wenn sie sich in Erinnerung rufen können, dass sie selbst angegriffen wurden und sich eben verteidigt haben."

Stabsunteroffizier

derzeit Feldlager Kunduz
"Die Verbindung nach Hause ist echt miserabel. Es gibt viel zu wenige Internetanschlüsse, und das Handynetz funktioniert auch nicht wirklich. Wenn man sich im Camp in den Gebäuden aufhält, gibt's meistens gar kein Netz, die Häuser sind ja alle abgeschirmt. Ich würde gern viel öfter zu Hause anrufen. Verbindung über Facebook und so sollen wir nicht halten. Das ist zwar nicht verboten, aber unsere Vorgesetzten sagen, aus Selbstschutz sollten wir sehr zurückhaltend damit sein, Informationen ins Netz zu stellen. Wir dürfen hier auch nicht fotografieren, weder im Feldlager noch draußen. Dabei würde ich meiner Frau und den Kindern gern mal ein paar Bilder schicken. In jeder Einheit gibt es einen Fotobeauftragten, nur der darf fotografieren und auch nur mit einer ganz bestimmten Kamera. Wenn der die mal bei einer Patrouille vergisst, haben wir halt Pech gehabt."

Hauptfeldwebel

Fernmeldebataillon 701, 2009 in Afghanistan
"Als Kameraden aus einer anderen Nation von Aufständischen eingeschlossen waren und im Kampf standen, ging der Auftrag an unsere Kompanie: Entsatz der eingeschlossenen Kräfte, was bedeutet, die Kameraden da rauszuholen. Für mich der längste Kampf, den wir während unseres Einsatzes hatten. In rund zwei Kilometer Entfernung zum Kampfgeschehen entschieden wir uns, abgesessen den Angriff zu starten. Es war körperlich anstrengend, da das Gelände sehr schwierig war. Und es war psychisch belastend, da man da hinging, wo bereits gekämpft wurde. Man konnte es auch deutlich hören. Ich hatte einen richtig guten Zugführer und war während des Gefechts froh, wenn ich ihn sah oder nur hörte. Das beruhigte. Auch die Luftunterstützung durch die Amerikaner beruhigte. Luftunterstützung ist Gold wert, das habe ich während des gesamten Einsatzes schätzen gelernt. Die Hitze, 55 Grad in der Sonne, und der Staub haben es uns zusätzlich noch schwergemacht. Der Kampf dauerte lang, aber das Ergebnis war, dass wir unsere Kameraden freigekämpft haben. Beim Ausweichen fielen einige Kameraden dehydriert in Ohnmacht. Nun mussten wir diese mitten im Gefecht auf die Fahrzeuge heben. Ein Mensch ohne Bewusstsein kann richtig schwer sein, und wir haben unsere letzten Kraftreserven rausgeschrien, um unsere Kameraden erst einmal sicher auf die Fahrzeuge zu verbringen. Als wir alle ausgewichen waren und ins Feldlager zurückfuhren, kamen mir das erste Mal die Tränen."
Aus: "Mit der Panzergrenadierbrigade 37 'Freistaat Sachsen' im Einsatz, April 2009 bis März 2010, Erlebnisse von Soldaten im Einsatzjahr der Brigade".

Wolfgang Petersen, 49

Sanitätsoffizier, 2009 klinischer Leiter der medizinischen Abteilung in Kunduz
"2003 konnte ich noch in einem ungepanzerten Fahrzeug durch Kunduz fahren und den Kontakt zu den örtlichen zivilen Kliniken halten. Das wurde später immer schwieriger. Wir Fachärzte mussten meist in der umzäunten Kaserne bleiben und konnten deshalb immer weniger Zivilisten behandeln. Nun gehen die Einheimischen zunehmend auf Distanz. Sie sehen, dass sich die Bundeswehr kaum selbst schützen kann, und haben deshalb wenig Vertrauen, dass die Bundeswehr einheimische Unterstützer schützen kann. Ich selbst habe mehrere Raketenangriffe auf das Bundeswehrlager erlebt. Außerdem habe ich Soldaten medizinisch versorgt, deren Fahrzeuge in Sprengfallen geraten waren. Sie litten unter Verbrennungen und Knall-Traumen durch die Explosionen, einige hatten auch Splitter-Verletzungen. Der Zusammenhalt unter den Soldaten ist stark, Soldaten und Sanitäter haben aber zunehmend Angst davor, auf Patrouille zu gehen. Ich habe derzeit keinen Rat, wie man die Situation verbessern könnte. Die Bundeswehr hat in diesem asymmetrischen Krieg keine Chance. Es gibt so viel unwegsames Gelände dort, die Taliban sind nicht zu erkennen, weil sie als Zivilisten auftreten. Es ist wohl unmöglich, in diesem Land eine dauerhafte stabile Ordnung zu erreichen."

Stabsunteroffizier

derzeit Feldlager Kunduz
"Die Stimmung ist schlecht. Nach Karfreitag, nachdem drei unserer Kameraden von den Taliban getötet worden waren, überwogen bei uns Wut und Trauer. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das mit jedem neuen Angriff ändert. Immer häufiger fragen sich manche inzwischen nach dem Sinn des Ganzen. Wieso machen wir das hier eigentlich? Eine Woche nach dem ersten Vorfall, am Freitag und Sonntag, verbrachten wir jeweils den ganzen Tag im Bunker. Die Bunker muss man sich nicht so vorstellen wie in alten Kriegsfilmen, es sind keine Kellerverliese oder in die Erde eingelassene Betonklötze. Alle festen Gebäude hier im Feldlager Kunduz sind Bunker, darin ist man vor Raketenangriffen halbwegs geschützt. Man erkennt diese Gebäude an ihrer gelben Farbe. Darin gibt es Unterkünfte und Büros, wir verbringen also auch so eine Menge Zeit im Bunker, wenn man so will. Wer aber in Zelten wohnt, und das sind nicht wenige, muss bei Alarm sofort in so ein Gebäude. Schnell Alarmrucksack greifen, irgendwas anziehen, falls man im Bett liegt, und ab in den Bunker! Wenn man dann zwei ganze Tage auf so einer Stube hockt, die Tür geschlossen, drückt das natürlich ganz schön aufs Gemüt. Am Anfang denkt man noch: Dir passiert schon nichts. Aber wenn man den ganzen Tag im Bunker sitzt und weiß, dass die Raketen über einen fliegen und einen womöglich treffen, bekommt man plötzlich ein ganz anderes Gefühl von der Bedrohungslage."
(*1) Am 4. September 2009.
(*2) Am 3. April bei Kunduz.
Von Ralf Beste, Ulrike Demmer, Jan Friedmann, Matthias Gebauer, John Goetz, Christoph Hickmann, Simone Kaiser, Hasnain Kazim, Fabian Klask, Susanne Koelbl, Kerstin Kullmann, Dirk Kurbjuweit, Ralf Neukirch, Christoph Scheuermann und Holger Stark

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