19.04.2010

SUCHTFixerstube light

Deutschlands erster Trinkraum für arbeitslose Alkoholiker in Kiel überzeugt nicht nur die Gäste. Andere Kommunen wollen nachziehen.
Es ist morgens um halb elf, und im Kieler "Sofa" ist schon mächtig was los. Am Tisch vorn links haben die Männer die ersten vier Runden Pils bereits hinter sich, aus dem Radio dröhnen harte Gitarrenriffs, ein junges Mädchen hopst einem anderen Gast auf den Schoß und bittet um einen Schluck. Eine Glasflasche kullert über den Boden, die verqualmte Luft ist zum Schneiden. An der Theke drehen sich Atze und Dirk hustend eine Filterlose und fragen, ob man etwas trinken wolle.
Willkommen in der derzeit aufregendsten Filiale des deutschen Sozialstaats. Das also ist sie, die Einrichtung, für die sich viele deutsche Städte derzeit so brennend interessieren.
Das "Sofa" sieht aus wie eine Eckkneipe auf St. Pauli, und es fließt ähnlich viel Alkohol. Hier verkehren etwa 70 Stammgäste zwischen 18 und 70, an den Wänden hängen Fußballwimpel, und oben links hinter der Theke läuft ein Fernseher, meist ohne Ton. Einen Unterschied allerdings gibt es zu anderen Bierschwemmen - und der ist entscheidend.
Ein Teil der Kosten wird mit Steuergeldern aus der Kieler Stadtkasse finanziert. Das "Sofa" ist Deutschlands erster Trinkraum, eine Art Fixerstube light. Wer hierherkommt, hat fast immer eine schwere Alkoholsucht und darf sich sein Billigbier und die günstige Sangria selbst mitbringen. Muss er auch, denn an der Theke gibt's nur Limo und starken Kaffee. "Ist doch super", sagt Dirk und verzieht sein tätowiertes Gesicht zu einem Grinsen, "oder nicht?"
Bislang ist die Kieler Rechnung aufgegangen. Stadtbekannte und arbeitslose Trinker, die vorher mit ihren Saufgelagen in der Innenstadt die Wut der Bürger auf sich zogen, sind nach und nach ins wärmere "Sofa" gezogen. Ein absolutes Win-win-Geschäft, findet Christoph Schneider vom Kieler Wohnungsamt. Schließlich lasse sich die Szene so auch "viel besser erreichen".
Das Kieler Trinkerparadies elektrisiert Behördenmitarbeiter überall in der Republik. Denn die meisten Städte haben ähnliche Probleme. Viele rufen an, um sich zu erkundigen. Die Freiburger und die Hamburger waren so interessiert, dass sie gleich anreisten. Und in Dortmund wird wohl demnächst ein eigenes "Sofa" eröffnet, in der Nordstadt, die von hoher Arbeitslosigkeit geplagt ist.
Dort hat man genug vom Urin-Gestank, von Spielplätzen voller Scherben und von Alkoholisierten, die auch nach Mitternacht noch grölen. Der Versuch vieler Städte, das Problem durch Platzverweise zu lösen, durch partielle Alkoholverbote oder - wie am Hamburger Hauptbahnhof - durch klassische Musik aus dem Lautsprecher, ging meist daneben. Die Verscheuchten zogen einfach weiter und fielen an anderer Stelle unangenehm auf.
Und das "Sofa"? War von Anfang an ein Erfolg. Stress oder Ärger gibt es selten, wer auffällt, bekommt vorübergehend Hausverbot und muss einige Tage lang woanders picheln. "Der Laden brummt", sagt Kai. Er ist 49, Hartz-IV-Empfänger und gilt bei der Arbeitsagentur als unvermittelbar. Immerhin hat er eine feste Bleibe, wie die meisten Stammgäste. Obdachlose lassen sich nur selten im "Sofa" blicken.
Früher haben Kai und seine Kumpel aus Nachschubgründen vor dem benachbarten Aldi-Markt gebechert. Dann bekamen sie Ärger mit dem Marktleiter und mussten auf den Vorplatz eines Altenheims ausweichen, doch da wurden kurz nach ihrer Ankunft die Bänke abgebaut. Die Lösung kam mit dem "Sofa", einer Kooperation der Stadt Kiel und dem Sozialverein "Hempels", der in Schleswig-Holstein auch eine Straßenzeitung herausgibt.
Der Sozialpädagoge Reinhard Böttner leitet das "Sofa". Er sitzt zwei Etagen über seiner Einrichtung in einem winzigen Büro und kann nicht erkennen, warum man den Trinkraum auch als Kapitulation der Sozialarbeit ansehen könnte. Als Abstellkammer für alkoholkranke Hartz-IV-Empfänger und junge Menschen ohne Schulabschluss und Perspektive.
Da müsse er "eindeutig" widersprechen, sagt er. Das "Sofa" sei vermutlich eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt noch an die städtischen Trinker heranzukommen. "Glauben Sie, man kann einfach in die Szenen hereingehen und denen gut zureden?", fragt er.
Böttner und seine Leute versuchen es mit "niedrigschwelligen Angeboten", also mit der sanften Tour; sie drängen sich nicht auf, sondern geben Tipps, wenn sie gefragt werden, und das werden sie oft. Sie helfen bei Ärger mit den Vermietern, dem Stromanbieter oder dem Amt. Sie informieren über Angebote zur Alkoholentwöhnung und bieten Stammgästen Ein-Euro-Jobs hinter der Theke, in der angeschlossenen Suppenküche oder bei der Straßenzeitung an.
"Einige sind jetzt trocken und haben wieder einen geregelten Tagesablauf", sagt Böttner, der demnächst eine zweite Filiale eröffnen wird. Es steht auch schon fest, wer dort gegen festes Entgelt hinter der Theke stehen und für Ordnung sorgen wird: Kai. Den die Arbeitsagentur als "unvermittelbar" einstuft.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 16/2010
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