19.04.2010

KULTURKAMPFGesichter des Islam

Was geschieht, wenn sich ein muslimischer Geistlicher zu den Werten des Westens bekennt? In Frankreich nutzt Präsident Sarkozy die Thesen eines Imam für seine Zwecke - der fordert ein Verbot der Burka und wird deshalb von seiner eigenen Gemeinde bedroht.
Hassen Chalghoumi ist gerade der bekannteste Imam Frankreichs, der umstrittenste auch, obwohl er nicht Hass, sondern Frieden predigt, was dazu geführt hat, dass nun Einsatzwagen der Polizei vor seiner Moschee stehen, wenn die Freitagsgebete laufen. Er geht jetzt nur noch im Schutz zweier Leibwächter aus, und manchmal, wenn ihm der ganze Rummel zu viel wird, nimmt er seine Frau und die fünf Kinder und sucht für ein, zwei Wochen das Weite, damit sich die Wogen ein bisschen glätten, die ganze Aufregung um ihn und seine Thesen. Aber bislang geht bei jeder Heimkehr alles nur wieder von vorn los. Chalghoumi führt ein gehetztes Leben in diesen Wochen.
Es gibt in Frankreich fünf Millionen Muslime, seit langem oder vor kurzem erst eingewandert aus aller Welt, vielleicht sind es auch acht Millionen, niemand weiß das genau. Es gibt unter ihnen, heißt es, 1400 Frauen, die die große Bur-ka tragen, in Schwarz oder Blau, vielleicht sind es auch nur 400. Jedenfalls wagte es Hassen Chalghoumi, das Tragen der Burka öffentlich zu verurteilen, und er begrüßte die Idee, den Vollschleier per Gesetz zu verbieten, aber das hätte er besser nicht getan.
Chalghoumis Geschichte ist die eines Mannes, der nicht allzu viel über sich preisgibt, während andere alles über ihn zu wissen glauben. Unstrittig ist, dass er 1972 in Tunis geboren wurde, 1996 nach Frankreich einwanderte, dass er im Jahr 2000 französischer Staatsbürger wurde, aber vielleicht war das auch erst zwei Jahre später. Hassen Chalghoumi widerspricht sich manchmal, oder er erinnert sich falsch, oder er wird ungenau zitiert. Es ist nicht ganz leicht, aus ihm schlau zu werden, aber leicht ist es, ihn zu mögen. Er ist ein sanfter Mensch, und er hat die Eleganz eines trainierten Tänzers.
Seine Heimat heißt Drancy, das ist eine nördliche Vorstadt von Paris, 66 000 Einwohner, eine der ärmsten Kommunen Frankreichs. Vom Pariser Stadtzentrum aus braucht man im Auto keine halbe Stunde dorthin, und doch ist es eine weite Reise. Am Boulevard périphérique, dem Autobahnring um die schöne Stadt, endet alle Schönheit. Es geht bald durch eine ganz andere Welt, durch Gewerbegebiete, an Brachflächen und Friedhöfen entlang, vorbei an aufgegebenen Fabriken und an Gleisanlagen, über denen Unkraut wuchert. Der erste Eindruck von Drancy ist der, dass sich in der Mittagszeit lange Schlangen bilden vor den Armenküchen wohltätiger Vereine.
Hier draußen wurde Chalghoumi nach und nach zu einer Figur von nationalem Interesse. Die Medien, die Regierung, selbst der Präsident im Elysée-Palast wurden zum ersten Mal auf ihn aufmerksam, als er im Mai 2006 damit anfing, ziemlich radikale Sätze zu sagen, aber nicht etwa gegen die bestehende Ordnung, gegen die Republik und ihre Werte; Chalghoumi sagte Sätze, die klangen wie aus der Verfassung abgeschrieben. Gute Sätze, systemkonforme, friedliche.
Er bekannte sich damals vor aller Öffentlichkeit zum Grauen des Holocaust, er reichte den Juden Frankreichs die Hand, er sprach von Aussöhnung, Annäherung, das war unerhört für einen muslimischen Geistlichen, und so wurde Chalghoumi bald als "Imam des Friedens" in der Öffentlichkeit herumgereicht. In seiner eigenen Gemeinde aber begann es zu rumoren, damals schon. Chalghoumi fand die Reifen seines Autos zerstochen, Unbekannte demolierten seine Wohnung. Der Imam des Friedens säte Unfrieden, erntete Gewalt, sehr wahrscheinlich aus den eigenen Reihen.
Seine religiöse Ausbildung hatte er schon hinter sich, als er 1996 auf dem nahen Großflughafen von Roissy, Charles de Gaulle, als Einwanderer ankam wie so viele vor ihm, so viele nach ihm. Er lebte erst in Bobigny, im Departement Seine-Saint-Denis, das um die hundert Moscheen zählt, genug Arbeit für einen wie ihn, der vier Jahre lang den Koran studiert hatte, auf Schulen in Syrien und Pakistan, er war auch schon ein eifriger Mekka-Pilger. Bis 2002 arbeitete er halbtags als Prediger in Bobigny, und den anderen halben Tag verdiente er Geld als FedEx-Lagerist im Getümmel des Flughafens Charles de Gaulle. Hier beginnen die widersprüchlichen Versionen über sein Leben.
Der französische Geheimdienst führt ihn damals als Islamisten reinsten Wassers, "der außergewöhnlich radikale Positionen vertritt". Spitzel melden den Behörden, dass Chalghoumi zum Dschihad aufrufe und während der großen Freitagsgebete verkünde, dass, wer im Dschihad sterbe, ganz gewiss das Paradies erlange. Wie zum Beweis für diese Funde wird Chalghoumi im August 2003 seine Zugangskarte für den Flughafen Roissy entzogen, "aus Sicherheitsgründen". Aber das kann viel heißen oder gar nichts.
Es war damals die Zeit des noch jungen Irak-Kriegs, die Zeit nicht lange nach dem schwarzen 11. September, die Zeit, in der viele diffus verdächtigt wurden, die nicht zu Gott, sondern zu Allah beteten. Viele Pariser Flughafenarbeiter verloren damals ihre Codekarten, einfach, weil sie Muslime waren. Weil sie ihren Bart zu lang trugen. Oder weil sie syrische Stempel im Pass hatten oder Visa für Algerien.
Chalghoumi trägt keinen Bart, nur die Haare auf der Kinnspitze lässt er stehen. Die Vorwürfe, die seine Vergangenheit betreffen, bestreitet er allesamt. Was die Hasspredigten in Bobigny angehe, sei er verwechselt worden mit anderen Imamen. Zum Dschihad habe er nie aufgerufen, und wenn, dann nur im Sinne des Propheten Mohammed, dass jeder Gläubige aufgerufen sei "zum beständigen Dschihad mit sich selbst". Und Roissy? Die Codekarte? "Man hat sie mir abgenommen, weil ich einige Mekka-Fahrten hinter mir hatte", sagt Chalghoumi, "aber glauben Sie mir: Seit meiner Ankunft in Frankreich hatte ich niemals Probleme mit der Polizei." Niemals? "Niemals."
Das Treffen mit ihm findet statt an einem kühlen Werktag in der Moschee von Drancy. Sie steht erst seit 2008, hingebaut an den Rand einer großen ShoppingMall namens Avenir, das heißt Zukunft. Wenn sich die Betenden hier gen Mekka verneigen, haben sie einen Carrefour-Hypermarché im Rücken, neben sich den Großparkplatz des Einkaufszentrums und vor sich einen Bahndamm. Das ist nicht bildlich gemeint, sondern wirklich so: An den Freitagen kommen die Gläubigen in so großer Zahl, 1500 Menschen und mehr, in allen Trachten Nordafrikas, dass der Betsaal viel zu klein wird. Helfer legen dann draußen Teppiche aus für die überzähligen Beter, die dort, unter freiem Himmel, zwischen Carrefour und Bahndamm, ihren Gottesdienst verrichten.
Im Innern ist der große Gebetsraum mit rotem Teppich ausgelegt; stünden nicht Bücherregale in einigen Ecken und gäbe es die Mihrab nicht, die Gebetsnische mit ihren billigen Arabesken, könnte es auch eine Turnhalle sein oder die Lobby eines deutschen Landratsamts.
Der Bau war eine Art Geschenk des neuen Bürgermeisters von Drancy. Er ist ein Mann der "Neuen Mitte", dem das Kunststück gelang, die Kommunisten nach fast 40 Jahren Regierungszeit aus dem Rathaus zu vertreiben, ein Pragmatiker, der das in Frankreich eiserne Prinzip der Trennung von Staat und Kirche glattweg ignorierte, als er die Moschee errichten ließ für 1,8 Millionen Euro, für die vielen Muslime in seiner Stadt. Für den Imam des Friedens, der sagte, er wolle den "finsteren Islam" erleuchten.
Hassen Chalghoumi empfängt in einem kleinen Büro im Obergeschoss der Moschee, vor einem Schreibtisch stehen Polstermöbel, es gibt süßen Tee und an den Wänden geschwungene Suren, golden auf kleine Teppiche geprägt. Chalghoumi schüttelt die Hände, einen weißen Fez auf dem Kopf, im Gesicht seine traurigen Augen, er sagt: "Ich habe nicht sehr viel Zeit. Wollen Sie ein Foto machen? Dann machen wir es am besten gleich."
Schon steht er und federt voraus, hinunter in den Betsaal, er weiß, was Fotografen wollen. Bilder sind ihm wichtig. Bilder seiner selbst. Man kann sie nicht so leicht verdrehen wie Worte. Und Chalghoumi ist sich seiner fotogenen Wirkung bewusst: Die Bilder zeigen immer einen bescheidenen Mann, von dem keinerlei Bedrohung ausgeht. Die Bilder zeigen den guten Muslim. Den Imam, auf den Frankreich gewartet hat.
In den vergangenen Wochen war er immer wieder und überall zu sehen: Chalghoumi auf Seite eins von "Le Parisien" und "Aujourd'hui en France", den größten Tageszeitungen des Landes. Bilder im "Figaro", ganzseitige Porträts in "Le Monde", in "Libération", in den Magazinen. Selbst Fernsehbilder produziert Hassen Chalghoumi, er ist Thema in den 20-Uhr-Nachrichten, er ist zu Gast im "Grand Journal" von Canal Plus, wo sich sonst Minister, Olympiasieger und Hollywood-Größen einfinden. Chalghoumi ist selbst ein Star geworden, ein Stern der Republik. Der gute Muslim, einer zum Herzeigen, einer, der nicht ständig anklagt und fordert und alles in Frage stellt.
Sein aktueller Ruhm gipfelte Ende Januar, als er per Zeitungsinterview wissen ließ, dass er ein Burka-Verbot gutheiße. Seitdem spätestens ist der Frieden dahin, jedenfalls sein eigener und der in seiner kleinen Gemeinde. Nur Tage nach dem Interview störten 20, 30, vielleicht 40 Leute lautstark den Gottesdienst in Drancy, rangelten ums Mikrofon, wollten reden über den "Imam der Juden", wie sie ihn nannten, über einen "Imam, der in unserem Namen spricht und uns verrät", und sie verlangten Chalghoumis Rücktritt.
Der Vorfall machte großes Aufsehen, weil das Umfeld des Imam, vielleicht seine persönlichen Berater, von denen er einige hat, eine Pressemitteilung verfasste, in der es hieß, ein "islamistisches Kommando" habe die Moschee gestürmt, geschändet und den Imam bedroht. Es war, im Kleinen, das Szenario, das Frankreich seit Jahren fürchtet: dass sich im Weichbild seiner Städte islamistische Zellen bilden; dass Koran-Fanatiker den Hass in die Köpfe der Vorstadtjugend füllen; dass ein gewichtiger Teil der Einwanderer nichts am Hut hat mit der Republik; dass die Araber aufeinander losgehen.
Chalghoumi stützte solche Befürchtungen noch, indem er öffentlich sagte, er befinde sich in Lebensgefahr, er habe Morddrohungen erhalten. Er hält daran fest, auch Wochen später. Der Vorwurf, sagt er, dass er ein "Imam der Juden" sei, ein Imam, der vom Glauben abfalle, der die Muslime verrate, komme einer Morddrohung gleich. Seine zwei Leibwächter sitzen mit im Büro während des Gesprächs, später begleiten sie ihn zu seinem Renault Clio vor der Moschee, und wenn sie die Glastür öffnen, bewegen sie hektisch den Kopf nach links und rechts, als wäre mit Heckenschützen zu rechnen auf dem Bahndamm, auf dem Großparkplatz.
Chalghoumis Feinde versammeln sich jetzt jeden Freitag vor der Moschee und keifen, sie bringen dicke Lautsprecher mit und sammeln Unterschriften für seine Absetzung. Der zuständige Präfekt hat ihnen verboten, auf dem Carrefour-Parkplatz zu agitieren, also stehen sie jetzt immer auf der Wiese direkt vor dem Gotteshaus. Einmal riefen sie sogar zu einer Kundgebung vor das Rathaus von Drancy, und vor 30, 40 Demonstranten wurde gegen den Bürgermeister gewettert, gegen Chalghoumi, gegen den Zionismus.
Abdelhakim Sefrioui, der Anführer, ein mürrischer Mann, der an kalten Tagen stets einen grauen Fischgrätmantel trägt und um den Hals einen Palästinenserschal, nannte Chalghoumi einen Lügner und den Bürgermeister gleich mit. Er sagte, "im Land des Laizismus wird Hand angelegt an den Islam". Der Staat gründe "im Geheimen Moscheen, um den Islam von innen heraus zu zerstören".
In einem Gespräch am Rande, auf dem öden, kalten Platz, auf dem ein junger Charles de Gaulle in Bronze schreitet, holte Sefrioui noch weiter aus. Frankreich sei ein Freund Israels, also ein Freund "von Terroristen, die Kinder massakrieren". Chalghoumi sei ein nützlicher Idiot, der dazu beitrage, die Muslime "zur Vogelscheuche der Republik" zu machen. Überhaupt die Republik. Sie sei "verjudet", sagt Sefrioui. Verjudet? "O ja, Monsieur, und das ist noch ein viel zu mildes Wort." Im Kreis standen junge, frierende Männer in knöchellangen Röcken, bärtig, und nickten.
Die kleine Kundgebung, es sprachen auch verschleierte Frauen und Augenzeugen des angeblichen Moschee-Sturms, wurde auf verrückte Weise ständig konterkariert durch die Hochzeitsgesellschaften, die an diesem Samstag im Halbstundentakt vor dem Rathaus von Drancy vorfuhren. Algerische, marokkanische, tunesische Festgesellschaften zogen glücklich und lärmend am Häuflein der Wütenden vorüber, begleitet von lustigen Bläsergruppen. Maghrebinische Frauen, vollendet westlich aufgeputzt, in kurzen Röcken, mit roten Lippen, tanzten über den Rathausplatz dem Standesamt zu und hatten keinen Blick für die verfrorenen Agitatoren nahebei.
Denn natürlich hat die gewaltige Mehrheit der Muslime in Frankreich mit dem Islam und dem Koran heute so viel zu tun wie die französischen Christen mit dem Christentum und der Bibel, also nicht weiter viel. Es ist nur auch in Frankreich so, dass das Land im Würgegriff der Weltkrise steckt, dass Präsident Nicolas Sarkozys Regierung ihren Versprechen weit hinterherläuft, dass immer neue Wahlen anstehen und zündende Themen fehlen. Die Debatte über die Burka, der Ruhm von Hassen Chalghoumi, sind Kinder dieses aufgeregten Klimas.
Ein kommunistischer Abgeordneter hatte die Burka-Debatte im vergangenen Sommer vom Zaun gebrochen, und weil er in der Nationalversammlung gleich Mitstreiter in allen Parteien fand, wurde eine Kommission und bald ein Gesetzesvorhaben daraus. Man berief sich auf die Frauenrechte, auf die Republik, auf alles, was Frankreich heilig ist. Dass auf den Straßen kaum jemand je eine Frau in der Burka gesehen hatte, dass der ganze Auftrieb angesichts der kleinen Zahl der Fälle vielleicht ein wenig groß geraten war, störte die Politik nicht weiter.
Dass die Regierung ungefähr zeitgleich eine Debatte über die "nationale Identität" anzettelte, auch dass die Schweizer Ende November gegen Minarette stimmten, das alles passte plötzlich ungut zusammen. Es konnte sich leicht so anfühlen, für einen Muslim in Europa, als liefe ein falsches Spiel gegen den Islam, als könnte Frankreich die Muslime als Sündenböcke gerade gut gebrauchen.
Die Burka-Debatte verebbte kurzzeitig, die Regionalwahlen standen an Mitte März, aber sie wurden zum Desaster für das Rechtsbündnis des Präsidenten - und nun führt Sarkozy persönlich die Anti-Burka-Fraktion an. "So hart wie möglich" wünscht er sich nun ein Gesetz gegen den Vollschleier, um wieder Punk-te zu machen beim Volk, das sich abwendet.
Chalghoumi, der Imam zum Vorzeigen, statt aufzustehen gegen dieses Frankreich, das seiner Religion gerade spürbar auf den Leib rückt, statt zu protestieren gegen eine Politik, die Wahlen zu gewinnen trachtet mit antiislamischen Parolen, bekannte und bekennt sich nur immer lauter zu diesem Frankreich, zur Republik. Dafür erhält er wieder viel Beifall - aber aus Sicht seiner Glaubensgenossen von der ganz falschen Seite. In den eigenen Reihen, in Drancy und anderswo, ist der Applaus längst verstummt.
"Ich möchte ein republikanischer Imam sein", sagt Hassen Chalghoumi, und ungefähr so wird auch das Buch heißen, dessen Veröffentlichung er plant, indem er für einen "europäischen Islam", einen "französischen Islam" plädieren will.
Sein gesprochenes Französisch ist holprig, es passt gar nicht zu seiner sonstigen Eleganz, aber die Stoßrichtung seiner Sätze ist glasklar. Es geht "gegen den finsteren Islam", gegen den Hass, gegen die Gewalt, gegen die Muslim-Bruderschaft, die die Jugend der Banlieue aufwiegeln will, gegen Extremisten, gegen Salafisten. "Wir müssen das katastrophale Image unserer Religion wieder aufhellen", sagt er.
Chalghoumi geht zu weit, finden viele. An den Freitagen, vor der Moschee in Drancy, werfen ihm auch augenscheinlich gemäßigte, westlich gekleidete, glattrasierte Männer vor, eine Marionette der Macht zu sein. Er solle nicht Politik machen, sondern den Koran auslegen. Er solle die Angelegenheiten der Muslime "unter Muslimen" regeln und nicht vor aller Welt. Er solle sich nicht derart den Juden andienen, wie er es tue.
Die Juden. Sie spielen eine große Rolle in der Geschichte Hassen Chalghoumis. Es ist offenkundig, dass viele Muslime in Frankreich Probleme mit ihnen haben. Dass viele, auch in Drancy, auch in Bobigny, Tausende Kilometer weit weg, nicht fertig werden mit Israel. Dass sie sich diffus solidarisch fühlen mit Palästina. Wenn der Gaza-Streifen brennt, brennen in der Pariser Banlieue noch mehr Autos als sonst. "In den Köpfen vieler meiner Glaubensbrüder", sagt Chalghoumi, "sind die Juden noch immer die Milliardäre, die Zinswucherer. Damit muss endlich Schluss sein." Das ist ein selbstverständlicher Satz in Frankreich, in Europa - aber nicht in seiner eigenen Gemeinde.
Im Januar 2009, als die israelische Offensive im Gaza-Streifen lief und auch im französischen Fernsehen schlimme Bilder produzierte, stellte sich Chalghoumi wieder demonstrativ auf die unerwartete Seite. Er verurteilte Israel nicht. Er sagte, Israel und der Gaza-Streifen seien weit weg. Er sagte: Der Palästina-Konflikt ist keine Angelegenheit der Franzosen. Er sagte: "Wo kommen wir hin, wenn wir die Konflikte der ganzen Welt nach Frankreich importieren?" Damit stand er dem Elysée-Palast sehr nahe, aber der muslimischen Gemeinde stand er sehr fern.
Ferner noch, als er in jenem Mai vor vier Jahren den Holocaust Holocaust nannte, ein "Verbrechen ohne Vergleich". Er war damals der erste Imam überhaupt, der sich in Frankreich so weit vorwagte. Er tat es an einem der Orte des Verbrechens, in Drancy selbst. Dort, im Meer der grauen Häuser, steht noch immer ein großer, trauriger Wohnblock in U-Form, der den deutschen Nazis und ihren willigen französischen Helfern als zentrales Sammellager für die Juden diente vor deren Abtransport nach Auschwitz. Über 60 000 Menschen, 6000 Kinder, wurden von hier in die Todeslager geschickt, nach den großen Razzien in Paris und anderswo.
Ein alter Eisenbahnwaggon erinnert heute daran, davor ein bemühtes Mahnmal aus Naturstein. Die Wohnungen, die einst Kerker waren, sind heute wieder vermietet, es sitzen Tauben im Gras, als wäre nichts. Hier, während einer Feierstunde, bekannte sich Chalghoumi zu seiner Trauer über die Untaten. Und er schloss mit den Worten, dass die Juden und die Muslime, "die Kinder Israels und Ismaels", derselben Familie entspringen und allesamt Cousinen und Cousins seien. Dass das mutig war, zeigte sich nur Tage später, als er seine Wohnung demoliert vorfand.
Seither ist Chalghoumi immer vorneweg, wenn es darum geht, ein besseres, helleres Bild des Islam zu verbreiten. Dass er damit die Mehrheit der praktizierenden Muslime in Frankreich repräsentiert, steht außer Frage. Dass er die radikale Minderheit aufgeweckt hat, ebenso. "Es wird ein langer Kampf", sagt er, "aber wir werden ihn führen." Rastlos kämpft er, und er wirkt schon ein wenig müde.
Im Sommer hat er eine neue Konferenz der Imame begründet, es waren Minister da bei der Taufe, Vertreter der jüdischen Gemeinde, Diplomaten der amerikanischen und anderer Botschaften. Chalghoumi hat auf Konferenzen des EU-Parlaments in Brüssel gesprochen, er nimmt als Tischredner an Abendessen der Jüdischen Gemeinde teil, er hat den Gaza-Streifen bereist in Gesellschaft von Rabbinern, er darf für seine Anliegen selbst im Elysée-Palast werben, und der Präsident persönlich, später auch der Premierminister, haben ihn öffentlich am Arm gefasst, belobigt und wortgleich gesagt, dass sie stolz auf ihn seien und dass er ihre volle Unterstützung habe.
Es ist ein bisschen so, dass die Republik den Imam Chalghoumi erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe. Das macht es seinen Feinden leicht, die bösen Gerüchte über ihn zu streuen, er sei ein "Agent des Systems". Und er selbst spielt ihnen noch in die Hände mit seinen Reden und Interviews, die immer ein wenig zu perfekt sind, ein wenig zu eifrig, ein wenig zu konform. "Ich bin ein Symbol", sagt Chalghoumi, nicht ohne Stolz, er gefällt sich gut in der Rolle des einsamen Vorkämpfers. "Die Moschee von Drancy ist ein Symbol. Und die Feinde wollen uns zerstören." Das sind große Worte, zu groß vielleicht für einen Kleinstadt-Prediger. Sie stacheln den Widerstand nur immer weiter an, statt ihn zu besänftigen. Chalghoumi, der Imam des Friedens, stiftet Unfrieden. Vielleicht muss das so sein. Vielleicht braucht es diesen Kulturkampf. Aber die Moschee von Drancy, deren Wirken jetzt von regelmäßigen Depeschen der Presseagenturen begleitet wird, ist darüber ein Ort der Pöbeleien und Rangeleien geworden, ein Ort der Zwietracht.
Freitag für Freitag ziehen jetzt Chalghoumis Feinde auf, immer ein paar mehr, sie kommen mittlerweile auch schon von weiter her. Es sind geübte Redner darunter, die sich manchmal zu seltsamen Thesen versteigen, wenn sie etwa fordern, nicht der Islam müsse sich auf Frankreich zubewegen, sondern Frankreich auf den Islam, denn er sei die allein gültige Lehre. Seit neuestem wird mit Fotos von zerfetzten Kinderleichen aus Gaza gewedelt. Und angeblich gibt es schon über tausend Unterschriften für Chalghoumis Absetzung. Vielleicht sind seine Tage als Imam gezählt.
Vielleicht verliert die Republik ihren guten Muslim wieder. Den Imam zum Herzeigen. Hat er Angst? Um sich? Seine Familie? "Ich habe nur Angst um meine Gemeinde, um diese Moschee", sagt er. Ein wenig zu perfekt ist das wieder, ein wenig seltsam auch, weil Chalghoumi es zwischen Tür und Angel hinsagt, in Eile, auf dem Weg nach draußen, in seine kleine Welt zwischen Carrefour, Großparkplatz und dem Bahndamm, der die Sicht nach Mekka verstellt. ◆
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 16/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 16/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KULTURKAMPF:
Gesichter des Islam