Von Wensierski, Peter
Wenn es um Missbrauch geht, kennt der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff kein Pardon. "Wir sorgen für vollständige Auf-klärung solcher Taten und bestrafen die schuldig gewordenen Täter", predigte er in der Osternacht. "Wir kümmern uns um Opfer und bieten menschliche, therapeutische und pastorale Hilfen an."
In seinem Bistum lebt der 19-jährige Christopher. Jahrelang, bis 2007, sagt er, habe sich der katholische Pfarrer Georg K. an ihm vergangen. Es ist einer der aktuellsten Fälle in der katholischen Kirche, in dem schwere Vorwürfe erhoben werden.
"Aufklärung" und "Hilfe" seien bis heute nicht bei ihm angekommen, sagt Christopher: "Ich möchte, dass Pfarrer K. endlich gerecht bestraft wird und an keine anderen Kinder mehr herankommt." Mussinghoff und der Deutschen Bischofskonferenz wirft er vor, für seinen Peiniger mehr zu tun als für ihn: "Ich habe das Vertrauen in Hilfe durch die katholische Kirche verloren."
Monatelang haben die deutschen Bischöfe gehadert und den Sexskandal in ihren Reihen verdrängt. Jetzt aber verspricht sogar Papst Benedikt XVI. "Transparenz" sowie eine schonungslose Aufklärung der Verbrechen und fordert "Buße" und "Reue". An diesem Freitag, wenn in Berlin erstmals der Runde Tisch der Bundesregierung mit Vertretern aus Kirche und Gesellschaft tagt, soll es sogar schon um "Versöhnung" gehen. Und dar-um, das "Leid der Opfer anzuerkennen".
Wie glaubwürdig sind solche Versprechen? Ist die Kirche ernsthaft zur Aufarbeitung ihres Sexproblems bereit? Oder fällt ihr "Geschwätz"-Vorwurf gegen die Presse und deren Berichterstattung auf sie selbst zurück - weil großen Worten kaum überzeugende Taten folgen?
Trotz Telefonberatung, Anlaufstellen, Missbrauchbeauftragten und wortreichen Betroffenheitserklärungen schlägt nun bei vielen Opfern die Hoffnung auf Gerechtigkeit in Enttäuschung um. Die von der Bischofskonferenz kurz vor Ostern freigeschaltete Hotline war gleich zu Beginn derart überlastet, dass bei Tausenden Anrufversuchen nur wenige hundert Telefonate geführt werden konnten.
Etliche derjenigen, die sich in den vergangenen Wochen dazu durchgerungen hatten, ihr Schweigen zu brechen, sind inzwischen unzufrieden. Sie fühlen sich abgespeist durch Floskeln, Standard-E-Mails oder Anrufbeantworter. "Es wird nicht schonungslos aufgeklärt", kritisierte der bei den Regensburger Domspatzen missbrauchte Alexander Probst vor zwei Wochen in der Talkshow "Anne Will", "wenn es irgendwie geht, wird gar nicht aufgeklärt", sondern ausgesessen.
So mancher Bischof will Missbrauch als Problem früherer Jahrzehnte abtun, in denen Gewalt gegen Kinder angeblich "normal" gewesen sein soll. Weil es damals mehr Priester gab, war zudem die die Zahl der Übergriffe höher. Aktuelle Fälle passen da nicht ins Bild.
Danach sieht es auch im Fall Georg K. aus. Bereits am 8. Januar 2010 hatten die Eltern von Christopher im bischöflichen Ordinariat von Aachen gemeldet: "Unser Sohn wurde von Georg K. jahrelang missbraucht." Seitdem haben sie nie wieder von den zuständigen Herren gehört.
Die vorgeworfenen Taten wären nicht verjährt. Der mutmaßliche Täter ist bekannt, und für den Priester ist sein Bistum in der Verantwortung. Beweismittel könnten beschafft, andere Betroffene und Zeugen ermittelt werden.
Trotzdem haben Mussinghoff, der auch Stellvertreter des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, ist, und sein Bistum den Fall nicht zur Anzeige gebracht. Da trotz der Leitlinien der Bischofskonferenz offenbar nichts geschah, gingen die Betroffenen auf Rat der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" zur Polizei. "Weil die Kirche trotz Anzeige der Eltern und trotz monatelanger Debatte über sexuellen Missbrauch ihren eigenen Versprechungen nicht nachgekommen ist, müssen die dafür Verantwortlichen zurücktreten, allen voran Heinrich Mussinghoff, der Bischof von Aachen", sagt deren Sprecher Johannes Heibel.
Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft in Krefeld. Es geht um den Verdacht schweren Missbrauchs, um Sexspiele unter Alkohol- und Drogeneinfluss, um pornografische Fotos und Videos.
Georg K. soll Christopher schon vom zehnten Lebensjahr an schwer missbraucht haben. Auch andere Kinder sollen betroffen gewesen sein. Bereits vor Jahren wiesen ein Pfarrer und Gemeindemitglieder das Bistum auf fragwürdige Partys mit Ministranten und Saunabesuchen Minderjähriger im Pfarrhaus hin (SPIEGEL 1/2010).
Mussinghoffs Leute führten zwar Gespräche mit K., der bis heute sexuellen Missbrauch leugnet und von "Intrigen" spricht. Den Hinweisen aber gingen sie in der Gemeinde und unter den Jugendlichen offenbar nicht gründlich genug nach. 2007 ließen sie ihn anstandslos zur deutschen Gemeinde nach Johannesburg in Südafrika wechseln - ohne dort über die Vorgeschichte genau zu informieren.
Dabei waren die Vorgänge in K.s Gemeinde im Bistum Aachen brisant. Systematisch erschlich sich der Seelsorger offenbar das Vertrauen der Minderjährigen - so erklärte es Christopher jetzt auch den Ermittlern. Ein anderer Betroffener berichtet: "Er erlaubte uns in seinem Pfarrhaus und auf Freizeitfahrten Dinge, die wir zu Hause nicht durften: rauchen, Alkohol, Haschisch. Er verschenkte Han-dys, Spielkonsolen oder Notebooks."
Das geschah offenkundig nicht ohne Gegenleistung. Den Minderjährigen S. soll der Pfarrer nach einer Party mit viel Alkohol im Pfarrhaus vor Zeugen erst unsittlich berührt und dann in sein Bett gelegt haben. Auch Christopher sagt, er habe so etwas erlebt: "Er hat mir Rauschmittel gegeben, um mich wehrlos zu machen. Wir haben Haschisch geraucht im Pfarrhausgarten und dazu Weihrauchschalen angemacht, damit die Nachbarn nichts mitbekamen." Nach einer Jugendfeier, da war Christopher zwölf, wurde Pizza gegessen und Bier getrunken. Es ging weiter mit Schnaps bis tief in die Nacht. "Ich hatte keine Erfahrung mit Alkohol und war nicht mehr Herr meines Körpers."
"Georg K. hat mich ins Pfarrhaus getragen, ins Bett gelegt. Erst hat er mich, dann sich komplett ausgezogen. Dann hat er sich auf mich gelegt und missbraucht." Sex sei sein Dauerthema gewesen, sagt Christopher, "K.s Computer war voll mit Pornos, er bewegte sich in einschlägigen Foren. Ich musste als Kind die Rolle eines Partners übernehmen." Von Sexspielzeugen ist die Rede, von Gleitcreme, die stets auf dem Nachtisch stand. Noch heute hasst Christopher jegliche Creme, sogar Sonnenmilch vermeidet er. "Ich habe mich immer unheimlich dreckig und benutzt gefühlt, nach einem Missbrauch musste ich immer lange duschen, um dieses Gefühl loszuwerden."
Der junge Mann glaubt, dass es noch wesentlich mehr Opfer gibt. Er erinnert sich an die Schamhaarsammlung des Priesters, die sich, akkurat in Plastikdosen sortiert, im Schreibtisch seines privaten Arbeitszimmers befand. Auch habe K. Videoaufnahmen und Digitalfotos von sexuellen Handlungen gemacht. "Die Leute vom Bistum müssten nur herkommen und mit allen endlich mal reden", sagt Christopher.
Als sein Vater Anfang Januar den Leiter der Personalabteilung des Bistums, Heiner Schmitz, über den Missbrauchsvorwurf Christophers durch K. informierte, habe der geantwortet: "Ach, bislang hatte ich gedacht, das wären nur Gerüchte, da wäre nichts dran."
Die Familie des jungen Mannes versteht nicht, warum bis heute niemand vom Bistum wenigstens zu einem Gespräch gekommen ist. Auch die Krefelder Staatsanwaltschaft hat trotz der Hinweise auf Pornovideos noch keine Durchsuchung der bis heute bestehenden Wohnung des Pfarrers bei Aachen veranlasst und keinen Haftbefehl beantragt. "Der Beschuldigte hat alle Zeit der Welt, Beweismaterial beiseitezuschaffen", klagt ein Betroffener.
K. ist weit weg in Südafrika. Doch das Problem ist damit nicht aus der Welt, so leicht werden das Bistum und die Deutsche Bischofskonferenz, bei der der Geistliche seit 2007 beschäftigt ist, den Fall nicht los.
St. Bonifatius in Johannesburg: Erst kurz vor Ostern kam es in der deutschen Gemeinde wegen K. zum Eklat. Angereist war der Leiter des Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz, Peter Lang. Nur am Rande kam er auf der Generalversammlung der deutschen Gemeinde auf Priester K. zu sprechen. Dabei hatten mehrere Eltern, die dessen mutmaßliche Übergriffe auf Kommunionskinder 2008 zur Anzeige gebracht hatten, ein großes Bedürfnis, endlich einmal darüber zu reden.
Ein betroffener Vater ergriff das Wort. "Was ich so traurig und enttäuschend finde: Als die fünf Elternpaare Unterstützung und Hilfe brauchten - wo kam sie her? Jedenfalls nicht von der Kirche! Kein Wort von irgendjemandem aus der Gemeinde, kein einziger Anruf, wie es denn den Jungen gehe, kein Besuch, um zu sehen, wie sie es bewältigen, keine Frage, ob jemand Hilfe braucht. Wo wart ihr?"
Doch die Diskussion wurde von einem Gemeindemitglied abgewürgt durch Verweis auf die Tagesordnung, die Eltern der betroffenen Kinder verließen den Kirchensaal. Lang ließ das zu und sprach auch nicht mehr mit den Eltern, machte ein allgemeines Gesprächsangebot und wollte stattdessen den beschuldigten Priester besuchen.
Da dessen Vertrag in Johannesburg ohnehin abgelaufen ist, soll er dort nicht mehr in die Gemeinde zurück. Trotz der Anschuldigungen in Deutschland ist bislang nicht entschieden, ob er wieder als Seelsorger eingesetzt wird.
Noch hat Bischof Mussinghoff im Fall K. nichts von den Versprechen seiner Osternachtpredigt umgesetzt.
"Angerufen hat ja nur der Vater. Der Junge hätte sich als Opfer schon selbst bei uns melden müssen", sagt ein Sprecher des Bistums Aachen zu den Vorwürfen, "nicht wir bei ihm."
Für Mussinghoff ist der Fall Georg K. nicht die erste Begegnung mit dem Thema, zuletzt hatte er mit einem Fall in Krefeld zu tun, der viele Ähnlichkeiten besaß. Man scheint nichts daraus gelernt zu haben. Der Krefelder Pfarrer hatte ebenfalls Minderjährige in seine Sauna eingeladen - am Ende stellte sich heraus, dass der Priester Teil eines lokalen Pädophilenrings war, mit Kontakten zur europäischen Pädophilenszene. Er reichte vom Priester über einen Erzieher im Kirchendienst bis zum leitendenden Angestellten im Rathaus der Stadt.
"Angesichts dieser Erfahrungen der Bistumsspitze hätten bei den ersten Hinweisen auf Georg K.s Saunaumtriebe im Ordinariat die Alarmglocken klingeln müssen", kritisiert Johannes Heibel von der "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch" das Wegsehen der Kirche.
Doch das Bistum Aachen war auch damals schon milde mit dem Täter umgegangen. Der Mann blieb selbst nach seiner Verurteilung noch lange im Kirchendienst, arbeitete sogar trotz eines erneuten Rückfalls und auch nach seiner Entlassung aus dem Klerikerstand im Aachener Domarchiv. "Das", sagt der 19-jährige Christopher, "möchte ich mit Georg K. nicht erleben müssen."
DER SPIEGEL 16/2010
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