DER SPIEGEL



ENERGIE

Aufstand der Sonnenkönige

Von Dohmen, Frank; Klawitter, Nils; Reuter, Wolfgang

Die Förderung der Solarenergie hat absurde Dimensionen angenommen, doch die geplante Kürzung stößt auf massiven Widerspruch: Nicht nur die betroffenen Firmen wehren sich dagegen, sondern auch Bundesländer, die von der bisherigen Regelung profitieren.

Die in Deutschland praktizierte Solarförderung hält Stuart Brannigan für ziemlich übertrieben: Dass die jetzt drastisch schrumpfen soll, sei "absolut notwendig", sagt der Brite.

Wie bitte? Spricht so ein Solarmanager, dessen Firma vor allem durch die deutsche Förderung innerhalb von sechs Jahren vom Kleinunternehmen zum Großkonzern wurde? Brannigan ist Europa-Chef des chinesischen Solarherstellers Yingli. Beliebt hat er sich durch solche Sätze in der Fotovoltaik-Branche nicht gerade gemacht. In der deutschen schon gar nicht.

Erst im Jahr 2004 begann Yingli als kleine Fotovoltaik-Werkstatt in Baoding südlich von Peking mit der Produktion von Solarzellen. Sechs Megawatt schaffte man damals pro Jahr. Das reichte für die Dächer von ein paar Dörfern.

Inzwischen beträgt der Jahresumsatz der Firma über eine Milliarde Dollar. Yingli ist Sponsor der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. In den Zeitungen ist von einem "Solarriesen" die Rede, einem Riesen made in Germany.

Denn fast die Hälfte der Yingli-Produktion geht nach Deutschland - angesogen durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000. Es garantierte für eingespeisten Sonnenstrom bis zu 57 Cent pro Kilowattstunde. Inzwischen ist die Vergütung auf bis zu 39 Cent abgesenkt - immer noch etwa das Sechsfache des normalen Herstellerpreises. Doch auch mit den neuerlichen Kappungen kann Brannigan gut leben: Von den Einschnitten dürfte gerade Yingli profitieren - mit den Stückkosten der Chinesen kann kaum jemand mithalten.

"Auf dieses Gesetz", findet Brannigan dennoch, "können die Deutschen stolz sein. Ohne Hilfe des Gesetzgebers hät-ten sich die erneuerbaren Energien in Deutschland auch kaum so dynamisch entwickelt. Und aus einer Nischenindustrie ist eine Branche mit weltweiter Bedeutung geworden: Fast 80 000 Arbeitsplätze hängen allein in Deutschland an der Solarindustrie.

Doch zumindest bei der Solarförderung ist der Gesetzgeber weit übers Ziel hinausgeschossen. Rund 14 Milliarden Euro müssen die Stromkunden für die 20 Jahre laufende Förderung allein für die 2009 installierten Anlagen aufbringen - Tendenz steigend, weil die Deutschen immer mehr Kollektoren auf ihre Dächer montieren. Insgesamt werden die bis 2013 installierten Anlagen die Verbraucher über 70 Milliarden Euro kosten, schätzen Ökonomen. Dank der großzügigen Förderung wächst auch auf manchen Äckern inzwischen kein Getreide mehr, sie sind gepflastert mit blauschimmernden Modulen, die sich auf automatischen Ständern Richtung Sonne neigen. Und das alles für eine Strommenge, die gerade einmal 1,1 Prozent des deutschen Bedarfs deckt.

Dass es so nicht weitergehen kann, hat inzwischen auch die Bundesregierung erkannt. Zusätzlich zur (seit 2009 geltenden) jährlichen Kappung um rund zehn Prozent soll die Förderung zum 1. Juli noch mal drastisch um 16 Prozent reduziert werden.

Die Branche ist entsetzt. In ganzseitigen Anzeigen beschworen die Solarfirmen die "sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin", die Finger vom EEG zu lassen.

Frank Asbeck, Chef des deutschen Fotovoltaik-Riesen Solarworld und eine Art Lautsprecher der Branche, fürchtet eine Sonnenfinsternis und sieht eine "Pleitewelle" auf die Branche zukommen. Nach der Krise 2009 sei der Sonnensektor immer noch labil. Kaum eine Firma schreibe schwarze Zahlen - außer Solarworld natürlich.

Tatsächlich hat Asbeck das einzige vollintegrierte Unternehmen hierzulande geschaffen. Von der Siliziumaufbereitung über die verkaufsfertigen Module bis zum Recycling alter Produkte wird alles selbst gemacht. "Sonnenkönig" nennen sie ihn im sächsischen Freiberg, wo Solarworld produziert.

Im ehemaligen Zentrum des Silber-bergbaus hat Asbeck eine hochautomatisierte Fertigung aufgebaut. Hier schaf-fen rund 1200 Mitarbeiter, wofür Yingli noch knapp 6000 braucht. Auf etwa 18 Monate schätzt Asbeck den Technologievorsprung der Deutschen. Doch ob es den tatsächlich noch gibt, ist umstrit-ten. "Auch wir nutzen europäisches Equipment", sagt Brannigan. Rund 350 Millionen Dollar hat er 2009 dafür ausgegeben.

Lange war das EEG vor allem für die deutschen Solarhersteller ein Segen. Mit der sicheren Vergütung wurde ein Markt geschaffen und die Industrie zur Serienfertigung angestachelt. Nur deutlich billiger wurden die Module nicht. Erst Chinesen und Taiwaner setzten die Deutschen unter Druck und brachten massenhaft billigere Produkte auf den Markt.

Das Ergebnis: Der Anteil der deutschen Zellen und Module sinkt kontinuierlich. Stammte im Jahr 2007 noch gut jede fünfte irgendwo auf der Welt verbaute Zelle aus Deutschland, so waren es im vergangenen Jahr gerade noch 15 Prozent - Tendenz sinkend.

Selbst wenn die Einspeisevergütung stetig schrumpft - aufgrund der fallenden Materialpreise blieb der Bau von Solarpaneelen bis heute extrem attraktiv. Bis zu 30 Prozent Rendite steckten in manchen Anlagen. Entsprechend schnellten die Zahlen nach oben - und die Kosten für jeden Stromverbraucher.

Legt man die Zahlen des Bundesumweltministeriums zugrunde, wird jeder Solararbeitsplatz mit rund 150 000 Euro pro Jahr von den Verbrauchern bezuschusst. Der Solarverlag Photon allerdings bezifferte die Förderung im vergangenen Jahr auf 218 000 Euro - alles hochgerechnet auf 20 Jahre.

Im Gegensatz zur subventionierten Kohle hat die Solarenergie jedoch ein gutes Image, sie gilt als umweltfreundlich und zukunftsträchtig. Deshalb schreckte die Politik stets vor harten Einschnitten zurück. Und auch jetzt laviert die Regierung. Erst vor wenigen Wochen verschob sie die bereits für April geplante 16-Prozent-Kürzung auf den Sommer.

Tatsächlich sorgen die erneuerbaren Energien zwar für sauberen Strom. Bei weitersteigenden Rohstoffpreisen und zunehmend knappen Ressourcen könnten sie in absehbarer Zeit sogar preiswerter werden als der herkömmlich erzeugte Strom. Doch noch ist es nicht so weit.

Im Gegenteil: Derzeit führt die hohe Förderung gar zu sozialer Unwucht, wer kein Haus besitzt, das er mit einer glitzernden Solaranlage bestücken kann, der finanziert die Öko-Investments der gutsituierten Zahnärzte oder Anwälte.

"Ein großer Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 7000 Kilowattstunden wird 2010 mindestens hundert Euro allein für die Solarstromförderung zahlen", sagt Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Doch die Förderung ist auch aus einem anderen Grund problematisch. Letztlich bezahlen die Bürger in den sonnenarmen nördlichen und in den ärmeren Bundesländern im Osten die Solarstromanlagenbetreiber in den reichen Südländern.

In Bayern etwa sind im vergangenen Jahr knapp 40 Prozent der deutschen Solaranlagen installiert worden. Von den rund 14 Milliarden Euro, die das EEG den Besitzern der im Jahr 2009 aufgestellten Anlagen garantiert, fließen rund 5,5 Milliarden Euro in den Freistaat. Auf diese Weise gelangt ein Teil der bayerischen Milliarden für den Länderfinanzausgleich wieder zurück.

Kein Wunder also, dass Ministerpräsident Horst Seehofer massiv gegen die Kürzung der Solarförderung wettert - nachdem er sie noch vor wenigen Monaten als viel zu hoch kritisiert hatte. Vor allem den geplanten Wegfall der Förderung für Anlagen auf Freiflächen - ein lukratives Geschäft für mehr und mehr bayerische Landwirte - will Seehofer nun verhindern. Mittlerweile sind die Umweltpolitiker der schwarz-gelben Koalition sowohl im Bund als auch in den Ländern zutiefst zerstritten.

Vieles deutet darauf hin, dass die Causa vor dem Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag landen wird: Wenn nur ein Land der überwiegend in den neuen Bundesländern angesiedelten Industrie ausschert, ist die schwarz-gelbe Mehrheit dahin. Sachsen-Anhalt hat bereits mit seinem Veto gedroht.

Die verfahrene Lage und die übertrieben hohe Förderung hat viel mit einem simplen Trick zu tun, mit dem die Branche die Politik jahrelang an der Nase herumführte: Sie machte sich einfach kleiner, als sie in Wirklichkeit war.

Eigentlich sieht das EEG vor, dass die Einspeisevergütungssätze in regelmäßigen Abständen überprüft und angepasst werden. Als Grundlage für diese Berechnungen dienten den Parlamentariern bisher stets die Branchenprognosen über die pro Jahr neuinstallierte Solarleistung. Und genau diese Schätzungen fielen stets relativ niedrig aus (siehe Grafik). So niedrig, dass eine angemessene Kürzung der Sätze nicht notwendig erschien.

So ging das Ministerium 2007 anhand der vorliegenden Zahlen für das Jahr 2009 von einer Förderung des Solarstroms in Höhe von gut zwei Milliarden Euro aus, weil die Verbände den Einbau neuer Module mit einer Leistung von knapp 600 Megawatt kalkuliert hatten. Tatsächlich wurden es 3800 Megawatt - mit Kosten von rund 14 Milliarden Euro für die nächsten 20 Jahre.

Selbst der wohl prominenteste Solarverfechter und SPD-Energieexperte Hermann Scheer sagt inzwischen, dass es mit der Förderung "so nicht weitergehen kann". Er warnt allerdings vor zu abrupten Schritten. Scheer schlägt nun eine gleitende Absenkung mit kleineren Kürzungen vor - auch so könne man in den nächsten zwei Jahren auf die von vielen Experten geforderten Kostensenkungen von 30 Prozent kommen. Mit dem heimlichen Kleinrechnen, so der Solarfreund Scheer, habe sich die Branche keinen Gefallen getan: "Ich habe immer davor gewarnt, die wirklichen Zubauzahlen kleinzurechnen."

Doch auch jetzt wird schon wieder getrickst. Im Namen der Sonne leistet die Branche, vor allem aber Asbeck, heftigen Widerstand - offenbar mit Erfolg. Wer nämlich den Strom seiner Anlage selbst verbraucht, so der Plan von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), soll die Kürzung weitgehend minimieren können. Das sei "Asbeck pur", heißt es bei der Konkurrenz. Einen ähnlichen Vorschlag, gibt Asbeck zu, habe der Branchenverband BSW in die Diskussion mit dem Umweltminister eingespeist.

Ursprünglich wollte man sich offenbar auch gemeinsam für die Freiflächenförderung einsetzen, doch daran hat Asbeck weniger Interesse: Mit ihren Dünnschichtmodulen ist etwa die Konkurrenz des US-Riesen First Solar auf dem Feld oft günstiger. Asbecks Fokus ist deshalb das Dach - einen entsprechenden Bausatz für den Eigenbedarf bietet Solarworld bereits an: Er besteht aus einer Batterie und einem Solarmodul, womit die Kunden bis zu 100 Prozent des produzierten Stroms selbst verbrauchen können.

Asbecks Freund Scheer hält die neue Eigenbedarfsregelung für unnötig. Es entstünden neue Schlupflöcher, die nicht mehr kontrolliert werden könnten. So etwas sei auch gar nicht nötig: Die Solartechnologie, so Scheer, sei eine herausragende Technologie. Dass ihr Anteil an der Stromerzeugung trotz der hohen Förderung so winzig ist, stört ihn nicht. Ihre Zeit werde kommen, glaubt er: In 10, 20 oder 30 Jahren, sagt Scheer, könne diese Technik wichtige Teile der Stromversorgung übernehmen.

Auch Frank Asbeck arbeitet darauf hin. Er hat gerade mit Larry Hagman gesprochen, der einst den Bösewicht J. R. Ewing in der Fernsehserie "Dallas" spielte und nun in einem Werbespot für Solarworld mitmachen soll. "Der ist ein echter Öko", sagt Asbeck. Hagman soll in einem Schaukelstuhl sitzen als J. R. Ewing. Neben ihm wird sein Familienrivale Bobby ins Bild gerückt. "War doch 'ne super Idee, dass wir rechtzeitig aus dem dreckigen Ölgeschäft ausgestiegen sind", soll Hagman sagen. "Und dann so krächzig lachen", sagt Asbeck.


DER SPIEGEL 16/2010
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