19.04.2010

ESSAYChimerika? Chindia!

Die Welt sortiert sich neu - Verlierer ist der Westen. Von Erich Follath
Zwei Politiker von Weltformat, deren Namen man sich merken sollte: Den einen habe ich interviewt; er hat eine Website, die ihm viel Ärger macht, aber auch viele Wähler bringt. Den anderen werde ich hoffentlich bald interviewen, aber die Chancen, ihn privat kennenzulernen, sind gleich null; mit ihm übers Internet zu kommunizieren - undenkbar, er bekämpft das freie Netz mit allen Mitteln. Allerdings ist er auch nicht auf Wähler angewiesen. Die beiden sind die neuen Stars der internationalen Politik, und sie kommen nicht aus den USA oder Russland, den klassischen alten Machtzentren: Shashi Tharoor, 54, ist Staatsminister im Auswärtigen Amt in Neu-Delhi, Yang Jiechi, 59, ist Außenminister in Peking.
Tharoor und Yang vertreten das demokratische Indien und das von der Kommunistischen Partei regierte China, die einzigen Staaten der Erde mit mehr als einer Milliarde Einwohnern, gemeinsam stellen ihre Völker fast 40 Prozent der Weltbevölkerung. Aber es geht nicht nur um Masse, sondern auch um Klasse, um Erfolg: Tharoor und Yang repräsentieren die einzigen großen Länder, die im vergangenen Krisenjahr beeindruckende wirtschaftliche Wachstumsraten geschafft haben. Und während Indien und China für einen ganz und gar unterschiedlichen Ansatz stehen, wie man die Zukunft bewältigen kann, eint sie doch derzeit ein Selbstvertrauen, das an Arroganz grenzt. Und ein gemeinsames Credo: Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konzepte der USA und Europas gehören in den Papierkorb der Geschichte, wir gehen unseren eigenen Weg - mit dem Westen, wenn es für uns Vorteile bringt, aber gern auch gegen den Westen.
Sie sind die Zukunft, sie fühlen sich als die kommenden Herren der Welt. Überschätzen sich die asiatischen Emporkömmlinge, unterschätzen sie die Schwierigkeiten bezüglich der immer noch nötigen Aufholjagd gegenüber dem Westen?
Die gemeinsame Skepsis des Duos Tharoor & Yang gegenüber Washington und London ist jedenfalls auf den ersten Blick verblüffend. Beide Politiker sind, anders als der Großteil der Elite in ihren Heimatländern, im Westen ausgebildet. Tharoor besuchte die renommierte Fletcher School of Law an der Tufts University in Massachusetts und promovierte dort mit 22 Jahren zum Juristen. Yang machte seinen Abschluss 25-jährig an der nicht minder angesehenen Londoner School of Economics. Und sie blieben lange in Schlüsselpositionen im Ausland. Der Inder wurde Uno-Untergeneralsekretär und einer der Stellvertreter von Kofi Annan in New York; der Chinese stieg zum Botschafter der Volksrepublik in Washington auf. Wenn die beiden sich jetzt auf eigene Konzepte besinnen, dann wohl nicht aus Voreingenommenheit gegenüber dem Westen und sicher nicht aus Unkenntnis. Sondern gerade, weil sie ihn so gut kennen. Weil sie die USA und die EU im Niedergang glauben - und als Vorbild, als Bezugspunkt, abgeschrieben haben.
Es macht Spaß, sich mit Shashi Tharoor zu streiten. Er ist ein Schöngeist und Polit-Profi, ein Mann für literarische Salons wie politische Hinterzimmer, unverkennbar Repräsentant der privilegierten indischen Oberschicht; sein Vater war ein einflussreicher Verlagsmanager. Shashi Tharoor hat preisgekrönte historische Bücher geschrieben, kennt sich aber auch bestens in der Filmbranche aus, wie sein Roman "Bollywood" beweist. Man sagt dem Frauentyp einen Flirt mit der Schauspielerin Nicole Kidman nach, was er triumphierend lächelnd dementiert. Und im Gespräch wieder mühelos zu seinen politischen Themen wechselt: von China-Wirtschaftszahlen über Clausewitz-Kriegstheorien bis zu Cricket-Erfolgsrezepten. Er wäre sehr gern Uno-Generalsekretär geworden und galt als aussichtsreicher Kandidat für die Annan-Nachfolge - bis sich die Weltgemeinschaft mit der Wahl des Südkoreaners Ban Ki Moon wieder einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigte. Tharoor kehrte nach Indien zurück. Er ließ sich von der Kongress-Partei als Kandidat aufstellen und eroberte 2009 den Kerala-Wahlkreis Thiruvananthapuram mit einem Erdrutschsieg. Seinen Twitter-Kommentaren folgen mehr als 500 000 Inder, ein Rekord für das Land. Premier Manmohan Singh holte den Aufsteiger in die Regierung.
Das Lieblingssujet des Universaltalents Tharoor ist seine Heimat. "Indien ist das wichtigste Land für die Zukunft der Welt", zitiert er den britischen Historiker E. P. Thompson. Für den Dichter-Politiker steht Neu-Delhi im Schnittpunkt der entscheidenden Debatten unserer Zeit. Ob ein demokratisches System es schafft, die Bevölkerung aus der Armut zu führen oder ob es dafür eines autoritären zentralistischen Systems bedarf; ob der Meinungspluralismus den religiösen Fundamentalismus zurückdrängen kann; ob die Globalisierung Chancen zu einer eigenständigen Entwicklung bietet oder zwangsläufig zu einer "Coca-Colonisierung" führt: Tharoor ist fest davon überzeugt, die Stärke seines Landes liege in seiner Fähigkeit, fremde Einflüsse zu absorbieren und sie "mittels einer eigentümlichen indischen Alchemie" zu etwas Spezifischem, Neuem, Originärem zu machen. Da er diese schöpferischen Fähigkeiten nun entfesselt sieht, kann Indien seiner Meinung nach "das 21. Jahrhundert zu seinem eigenen machen" - manchmal gemeinsam, manchmal in atemraubender Konkurrenz mit der Volksrepublik China.
Dieses überbordende Selbstvertrauen hat gerade erst wieder Bundespräsident Horst Köhler bei seinem Besuch in Indien erlebt. Fast mitleidig wurde dem Staatsgast bedeutet, viel habe Berlin ja nicht mehr zu bieten, nun, da die Direktinvestitionen indischer Unternehmer in Deutschland die in umgekehrter Richtung überholt hätten. Und es stimmt ja: Wer heute durch die Hightech-Zentren von Bangalore und Hyderabad fährt, wer die Fachbereiche Informationstechnologie, Gentechnik und Lasermedizin an den Spitzenuniversitäten besucht, wer das kreative Chaos auch in aufstrebenden Großstädten wie Pune erlebt, kann nicht anders als beeindruckt sein. Im Katastrophenjahr 2009 schaffte Indien fast sieben Prozent Wachstum, in der EU dagegen fiel die Wirtschaftsleistung durchschnittlich um mehr als vier, in Russland um fast acht Prozent - und auch die USA, mit ihrem maroden Häusermarkt und den Bankenspekulationen Ausgangspunkt der weltweiten Krise, lagen mit knapp drei Prozent im Minus. Indien holt sich Nukleartechnologie aus den USA, moderne Waffen aus Russland, Erdöl aus Iran, ohne irgendwelche Rücksichtnahmen auf Washington oder die EU. Indien misst sich fast nur noch mit diesem anderen Erfolgsspieler auf dem Weltmarkt: mit der Volksrepublik China.
Gern wird dieser Tage in Neu-Delhi der Pekinger Elder Statesman und Ex-Premier Zhu Rongji zitiert: "Ihr seid führend in Software, wir sind führend in Hardware", sagte der. "Gemeinsam sind wir die Nummer eins auf der Welt!" Das klingt nun gar nicht mehr nach "Chimerika", der in letzter Zeit so häufig beschworenen Allianz zwischen Drachen und Adler, zwischen der Volksrepublik und den USA, nach einer Symbiose zwischen den Pazifik-Anrainern, die angeblich gemeinsam eine symbiotische Kraft entfalten und den Rhythmus der internationalen Politik vorgeben. Indische Dienstleistungsgesellschaft ergänzt chinesische Weltfabrik, während beide parallel dazu um Forschungsprojekte und Patente, um die besten Köpfe der Welt ringen: Das klingt nach einem anderen Zukunftskonzept. Nach einer Drachen-Elefanten-Hochzeit. Chimerika war gestern, kommt jetzt Chindia?
Die Frage führt direkt zum chinesischen Außenminister, zu Shashi Tharoors ungleichem Kompagnon, mit Residenz in der geheimnisvollen, abgeschirmten Zhongnanhai-Machtzentrale von Peking.
Es könnte durchaus Spaß machen, sich mit Yang Jiechi zu streiten. Mit ihm auch mal über seine Jugend zu diskutieren und herauszubekommen, wie er es damals während der Kulturrevolution schaffte, ein Visum und einen Studienplatz im Westen zu ergattern. Ist er selbst mit den Roten Garden mitgezogen, als die von Mao Aufgehetzten ihre "reaktionären" Lehrer verprügelten, als sie den heute so verehrten Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping ("Egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse") demütigten? Damals, als das Angepasstsein, das er heute so perfekt beherrscht, etwa ganz anderes, "Revolutionäres" bedeutete? Aber persönliche Dinge sind von einem chinesischen Spitzenpolitiker kaum zu erfahren. Sie werden verschwiegen, als gäbe man mit jeder privaten Information etwas vom großen kollektiven Erfolgsgeheimnis preis; für Kalligrafie interessiere sich Yang, enthüllt eine offizielle chinesische Regierungswebsite, in Fernost ist das etwa so weit verbreitet und aufschlussreich wie die eingestandene Leidenschaft fürs Radfahren.
Und so haben wir keine Ahnung davon, ob Yang einmal in seinem Leben aufbegehrt hat, wie es Tharoor mit seinen wütenden Artikeln tat, als Indira Gandhi den Ausnahmezustand erklären ließ, Oppositionelle verhaftete und die Grundrechte einschränkte. Ob er heute seine Stimme erhebt, wenn in der Führung kontrovers über Chinas weiteren Weg diskutiert wird (und das soll durchaus vorkommen). Immerhin wissen wir, dass der diplomatische Chinese in seinen US-Jahren leicht Freundschaften schloss. Die Bushs hatten ihn ins Herz geschlossen, der spätere Präsident George der Ältere gab Yang den Spitznamen "Tiger" - ironisch gemeint, denn Krallen zeigte der stets Geschmeidige, Sanfte in der Öffentlichkeit nie.
Auftritt als Gast bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar: Chinas Außenminister spricht so, als gäbe es die scharfen Auseinandersetzungen mit Washington gar nicht, die sich um die Waffenlieferungen an Taiwan wie um den Händedruck des US-Präsidenten mit dem Dalai Lama im Weißen Haus entzündeten und zu wütenden Reaktionen, sogar zu Sanktionsandrohungen gegen amerikanische Firmen führten; so als griffe Peking nicht gerade mit besonderer Härte gegen Bürgerrechtler durch - elf Jahre Haft gegen den Schriftsteller Liu Xiaobo, der doch nur von seinem in der Verfassung garantierten Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat.
Lange Jahre ist man im Westen davon ausgegangen, dass die wirtschaftlichen Freiheiten in China zwangsläufig eine politische Liberalisierung nach sich ziehen. Es ist nun Zeit, sich von dieser Hoffnung zu verabschieden. Pekings Erfolgsrezept lautet: Verbesserung des Lebensstandards und der Aufstiegsmöglichkeiten parallel zur politischen Repression; und als sozialer Kitt Rückbesinnung auf den Konfuzianismus, gepaart mit nationalistischen Tönen. China ist eine Erziehungs-Diktatur. Schlechte Zeiten für Demokraten und auf Autonomie bedachte Minderheiten wie Tibeter und Uiguren.
Pekings Chefdiplomat gab in München den Tiger, der Kreide gefressen hat. Und nur in manchen Formulierungen schimmerte die Arroganz eines Regimes durch, das mit seinen Wirtschaftserfolgen im vergangenen Jahr glaubt, die Welt aus der Krise gerettet zu haben und keine Konfrontation mehr scheuen zu müssen. Etwa mit Google, dem amerikanischen Mediengiganten. Oder mit den anderen Mitgliedern des Uno-Sicherheitsrats. Wirklich einschneidende Sanktionen gegen Teheran werde China nicht mittragen, ließ Yang inmitten all der freundlichen Wortgirlanden in München erkennen. "China ist noch ein Entwicklungsland", sagte der Pekinger Außenminister mit seinem Musterschüler-Lächeln, als hätte dieses Entwicklungsland nicht im vergangenen Jahr Deutschland als Exportweltmeister abgelöst, als besäße Peking nicht die mit Abstand größten Devisenreserven aller Staaten. Fast gleichzeitig reichten im Nebenzimmer Mitglieder von Yangs Delegation die aktuelle Ausgabe des US-Magazins "Foreign Policy" herum, mit einer Analyse des Wirtschaftsnobelpreisträgers Robert Fogel. Der ist davon überzeugt, dass die chinesischen Wachstumszahlen weit untertrieben sind und dass die Volksrepublik künftig noch dramatischer zulegt.
Nach Fogels Prognose wird Pekings Bruttoinlandsprodukt das der USA und der EU bald überflügeln; im Jahr 2040 wäre China dann für 40 Prozent der Wirtschaftsleistung auf der Welt verantwortlich, gegenüber nur noch 14 Prozent der USA und geradezu zwergenhaften 5 Prozent der EU (ein Viertel von heute): "Ökonomische Hegemonie" der Chinesen nennt Fogel das. Neben dem Aufstieg der Volksrepublik und dem Niedergang des Westens hebt er ein Phänomen besonders heraus: den rasanten Fortschritt Indiens, dessen Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung innerhalb einer Generation massiv ansteigen werde, auf 12 Prozent. Also - alles klar für Chindia, für ein neues Weltbündnis? Und das, obwohl jeder weiß, dass die USA trotz aller Schwierigkeiten zumindest militärisch auf unabsehbare Zeit die Nummer eins bleiben werden, China und Indien noch Hunderte Millionen Menschen aus der absoluten Armut herausführen müssen?
Herr Tharoor spricht nett über China, die Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Peking seien äußerst wichtig und stünden auf "festem Boden". Herr Yang spricht mit fast deckungsgleichen Worten über Indien. Der bilaterale Handel boomt, die Spitzenpolitiker besuchen sich gegenseitig. In wichtigen Fragen haben die asiatischen Riesen taktische Allianzen geschlossen. Zuletzt beim Klimagipfel in Kopenhagen, als sie im Schulterschluss dem Druck der "reichen" Länder widerstanden, die ihnen verbindliche Schadstoffreduktionen aufzwingen wollten. Vor vier Jahren haben China und Indien, die beide einen großen Teil ihrer Rohstoffe im Ausland kaufen müssen, sogar einen erstaunlichen Deal geschlossen - sie wollen sich bei Erdöl-Investitionen in Drittländern gegenseitig informieren. Erstaunlicherweise spielt der Dalai Lama, der ja schon ein halbes Jahrhundert auf indischem Boden lebt und in Dharamsala eine tibetische Exilregierung gegründet hat, zwischen Peking und Neu-Delhi längst nicht eine so große Rolle wie zwischen Peking und Washington. Die Proteste der Chinesen gegenüber den Indern, mit denen sie doch eine mehrere tausend Kilometer lange - bis heute in Teilabschnitten umstrittene - Grenze verbindet, sind nicht mehr als Ritual. Und noch eine Ironie der Weltgeschichte: Maoisten stellen im Manchesterkapitalistischen China keine Bedrohung mehr dar, wohl aber in Indien. Die Naxaliten sind in vielen Bundesstaaten von Bihar bis Andhra Pradesh im Untergrund aktiv.
Weder die chinesischen noch die indischen Politiker haben bis jetzt überzeugende Rezepte dafür entwickelt, wie sie soziale Probleme bewältigen wollen, die mit ihrem Aufstieg verbunden sind: die in beiden Staaten endemische Korruption, das Gefälle zwischen Arm und Reich, Stadt und Land. Aber während der Westen in Verzagtheit versinkt, verbindet Neu-Delhi und Peking die Überzeugung, alle Probleme lösen zu können - in ihren Ländern der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten. Die beiden Gesellschaften haben allerdings diametral unterschiedliche Vorstellungen über die Bedeutung von Staat und Individuum.
Wie ein braver, zu seinen Mitschülern aber auch strenger Klassenprimus stand Yang Jiechi vor der Münchner Sicherheitskonferenz, sorgfältig gescheitelt, Anzug: gutsitzende Massenware, Brille: chinesische Ausgabe von Fielmann. Der Repräsentant des chinesischen Gigantenstaats zitierte "den großen deutschen Literaten" Johann Wolfgang von Goethe: "Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei, und besonders nicht, dass er alleine arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn etwas gelingen soll." Sollte heißen: Das Individuum muss sich in China dem Ganzen unterordnen, die Freiheit dem Kollektiv. Einzelne in der Volksrepublik stört das, und sie rebellieren; eine Mehrheit aber scheint einen faustischen Pakt mit denen da oben geschlossen zu haben. Sie funktionieren primär als Teil eines Ganzen, weil sie dem Staat, anders als etwa die meisten Amerikaner, traditionell eine hohe Legitimität zubilligen. Vielleicht auch, weil sie in ihm "keine fremdartige Präsenz sehen, die es beständig zurückzudrängen gilt, sondern Verkörperung und Schutzherren der Gemeinschaft", so der China-Experte Martin Jacques.
Die Einheit eines Staates zu bewahren mag in vielen Regionen der Welt von Bedeutung sein. Die Einheit einer Zivilisation zu bewahren, die im eigenen Verständnis überlegen ist: Diese Priorität kennt keine Parallele. Nichtchinesische Minderheiten werden in der Volksrepublik gefürchtet, unterdrückt, ausgegrenzt; wenn sie sich nicht auflehnen, vielleicht toleriert. Wirklich dazugehören können sie in China trotz aller anderslautender KP-Beteuerungen nicht. Indien dagegen ist ein Schmelztiegel. Hindi wird von nicht viel mehr als 40 Prozent der Bevölkerung gesprochen, weshalb es laut Verfassung noch 21 weitere anerkannte Sprachen gibt und die alte Kolonialsprache Englisch die Lingua franca der gebildeten Schichten bleibt. Die Regierung in Neu-Delhi kann folglich nur darauf bauen, dass der Staat für seine Bürger mehr bedeutet als die Summe der regionalen, ethnischen, konfessionellen und zivilisatorischen Gegensätze. Sie muss alles dafür tun, dass sich diese Vielfalt zu einer größeren Einheit fügt.
So steht kreatives Chaos gegen perfektionierte Planwirtschaft, Stolz auf Individualität gegen Gemeinschaftsgefühl, Recht des Einzelnen auf einen Platz im Slum gegen das Recht der Gesellschaft, den Slum abzureißen. Der manchmal irrlichternde Twitter-Fan Tharoor aus der indischen Regierung gegen den stets disziplinierten Twitter-Verhinderer Yang aus dem chinesischen Kabinett. Beide scheinen über ein Erfolgsrezept zu verfügen, beide gehören Staaten an, die weltrekordmäßig abgehoben haben - "Chindia" ist freilich ein Konzept, kein Gleichklang. Und doch sind sich indische wie chinesische Politiker darin einig, universelle Kriterien strikt abzulehnen. Wenn der Westen von allgemeingültigen Menschenrechten spricht, antwortet Yang gern mit Konfuzius - oder mit einem Zitat von Carl Schmitt: "Wer Menschheit sagt, will betrügen." Der nicht minder belesene Tharoor greift gern auf Mahatma Gandhi zurück, der Indien immer als eine eigene Welt definiert hat.
Werden Shashi Tharoor und Yang innerhalb ihrer Systeme weiter aufsteigen? Beide sind, verglichen mit der real existierenden Staatsspitze in Indien und China fast noch Youngster. Sie wissen, wie die Machtstrukturen funktionieren. Doch das ist noch lange keine Garantie. Vergangenes Jahr sprach Tharoor in seinem Blog herablassend von der Economy-Klasse in indischen Flugzeugen als "cattle class" und musste sich entschuldigen. Richtig verärgert war dann die Spitze des Kongresses über seine Bemerkung im Netz, man könne nicht Sicherheit vor Terrorattacken über alles stellen und solle deshalb die Einreisebestimmungen nach Indien so locker belassen. Zu offene, zu herausragende Politiker sind gerade in demokratischen Parteien häufig unerwünscht, weil den Durchschnitt störend. Möglicherweise ist innerhalb des chinesischen Systems sogar mehr Meritokratie möglich; dann wäre Yangs Aufstieg unaufhaltsam - das angebrochene chinesische "Jahr des Tigers" sollte jedenfalls sein Jahr sein. ◆
Das Credo der Aufsteiger: "Gemeinsam sind wir die Nummer eins."
Konfuzius trifft Carl Schmitt: "Wer Menschheit sagt, will betrügen."
Kreativität durch Chaos: "Das 21. Jahrhundert zu Indiens Jahrhundert machen."
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 16/2010
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