19.04.2010

ARCHITEKTUR„Stimme der Vernunft“

Der Architekturkritiker Wolfgang Pehnt, 78, über die Diskussion um den Abriss des Kölner Schauspielhauses
SPIEGEL: Der Kölner Stadtrat hat am vergangenen Dienstag gegen einen Abriss des Schauspielhauses gestimmt. Der Bau soll nun saniert werden. Sind Sie erleichtert?
Pehnt: Angesichts der desolaten Haushaltslage der Stadt Köln hat sich in diesem Fall die Stimme der Vernunft durchgesetzt. In Enthusiasmus verfalle ich nicht gerade. Denn ein Meisterwerk wird damit nicht gerettet, anders im Fall der monumentalen Oper. Wilhelm Riphahns Schauspielhaus hat praktische Nachteile. Im Vergleich zu den zeitgenössischen Theaterbauten in Münster, Gelsenkirchen oder Essen ist es Durchschnitt. Allerdings, den Neubauentwurf in seiner letzten Fassung hätte ich mir auch nicht gewünscht: Es wäre hochgetürmte Stapelware geworden, bedrängend für den Platz und die Oper.
SPIEGEL: Sind die fünfziger und sechziger Jahre architektonisch wertlos?
Pehnt: Die fünfziger Jahre genießen inzwischen zu Recht Sympathien, besonders das Dekorative, Schmuckhafte der damaligen Zeit. Die Sechziger mit ihren Bauten für ein Massenzeitalter haben es schwerer. Jedoch muss man diese Einschätzung immer individuell und nicht pauschal für eine ganze Epoche treffen.
SPIEGEL: Lässt sich ein ästhetischer Sinneswandel im Umgang mit unserer Nachkriegsarchitektur beobachten?
Pehnt: Ich wünschte es. Auch Bauten im Stil der sechziger und siebziger Jahre haben schützenswertes Potential. Ich denke an Dieter Oesterlens Landtag in Hannover oder die Beethovenhalle in Bonn von Wolske, beides gefährdete Bauwerke.
SPIEGEL: Die Entscheidung gegen den Abriss wurde in Köln vor allem durch eine Bürgerinitiative beeinflusst. Wird der Umgang mit unseren architektonischen Altlasten zunehmend demokratisiert?
Pehnt: In den letzten Jahren engagieren sich die Bürger stärker für ihre Städte. Politiker sollten sich darauf einstellen. Natürlich liegt die Vox populi nicht immer richtig mit ihrer Einschätzung - wir Experten allerdings auch nicht. Da wird man sich auf schwierige Verhandlungsprozesse einlassen müssen. Aber es lohnt sich.

DER SPIEGEL 16/2010
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