19.04.2010

KINOTagelöhner des Ruhms

Zwei Drittel der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar am Tag, und doch hat Nigeria die zweitgrößte Filmindustrie der Welt. Nollywood versorgt vor allem Afrika mit Action- und Liebesgeschichten.
Der Tag, an dem ihn Nollywood fast umgebracht hätte, beginnt für Dickson Iroegbu mit einer wichtigen Entscheidung: weitermachen wie bisher, weiter zusehen, wie sie ihre Trash-Filme drehen und sich gegenseitig das Geld zuscheffeln? Oder: einen Anzug anziehen, Nadelstreifen, und diesen Mafiosi sagen, dass es so nicht geht?
Es ist Mittwochmorgen, die Sonne schafft es nicht durch den versmogten Himmel von Lagos, die wichtigsten Männer von Nollywood, die Filmemacher, treffen sich unweit des National-Theaters zur Wahl ihres Präsidenten, als Dickson Iroegbu, 32, selbst Filmemacher, Gewinner des African Movie Academy Award, des afrikanischen Oscar, vorbeirauscht an den bewaffneten Polizeileuten, tief einatmet und mit lauter Stimme die Veranstaltung sprengt.
Vor ihm stehen die Damen und Herren mit ihren dicken Sonnenbrillen, ihren Anzügen, ihren Blackberries. Dickson Iroegbu, ein zierlicher Mann, hellbraune Haut, Brille, greift ihre Hände, schüttelt sie, sagt: "Let's make Nollywood happen", sagt, "wir brauchen hier keine Politik", ruft, "warum geht ihr nicht endlich zurück an die Arbeit? Schluss mit der Gier, Schluss mit den Machtspielen". Die Filmemacher schütteln den Kopf, verachten,
ignorieren ihn, manche sagen, er solle verschwinden.
Als Iroegbu die Veranstaltung verlässt, hat jemand an seinem schwarzen SUV die Muttern vom linken Vorderrad geschraubt. Er verliert es in voller Fahrt. Kratzer am Wagen, Kratzer an der Stirn, es ist nur ein Zufall, dass ihm nichts Schlimmeres passiert. Neulich sei er vermöbelt worden, sagt Iroegbu. Und dann: "Willkommen im wunderbaren Nollywood."
Nollywood, so nennt sich die riesige, pulsierende Filmindustrie in Nigeria, die von der Unesco nach Bollywood, gemessen an der Zahl der produzierten Filme, zur zweitgrößten Filmindustrie der Welt erklärt wurde. Die Hollywood überholte, ohne dass es die Welt überhaupt bemerkte. Mit Filmen über Familie, Liebe, Ehre. Filmen über Aids, Prostitution und Öl. Über Geister und Kannibalen.
Mit Filmen über Afrika.
Mindestens 900 Filme werden jedes Jahr in Nigeria produziert, doppelt so viele wie in Hollywood. Ein 200-Millionen- Dollar Geschäft in einem Land, in dem noch immer 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag leben, in dem mit Glück zwei Stunden am Tag Strom zur Verfügung steht und das Abwasser in offenen Kanälen durch die Straßen rinnt. Einem Land, das in der Welt bekannt ist für Korruption, für Internetbetrug, Prostitution, Öl - aber bestimmt nicht für seine Filmkultur.
Dickson Iroegbu hat sich in den Kopf gesetzt, das zu ändern. Er will verhindern, dass die Korruption Nollywood ergreift und erwürgt, wie es in fast allen Branchen geschieht. Er will Nollywood sichtbar machen für die Welt, will Qualität beschwören, Kreativität.
Dickson Iroegbu will einen Oscar gewinnen für sein Land. Das ist der Plan.
Das Zentrum Nollywoods liegt in den Schluchten des Markts von Alaba, inmitten von Lagos. Hunderte kleiner Läden reihen sich hier, der Boden ist Schlamm, zwischen den faulenden Häusern hängen in Fetzen Plakate von Liebes- und Actionfilmen. Darauf stark geschminkte Frauen und Männer mit Fellen über der Schulter. Die Generatoren surren, die Händler rufen. Hier auf dem Markt wird gebrannt, verpackt und vertrieben, was Filmemacher wie Dickson Iroegbu jährlich produzieren.
Martin Onyemaobi ist einer der Könige in dieser Welt. Sein Büro in Alaba ist kein richtiges Büro, eher ein winziger Lagerraum, vollgestellt mit unverpackten DVDs, gestapelt in 100er-Packs, zusammengehalten von Küchengummis. Onyemaobi erklärt, wie das Geschäft funktioniert, und greift zum Taschenrechner. "Hier beginnt das Leben eines nigerianischen Films", sagt er, "hier mit diesem Taschenrechner."
20 000 US-Dollar, so viel kostet ein Nollywood-Film im Schnitt, eine Hollywood-Produktion rund 100 Millionen. "Ich lese ein Skript", sagt Onyemaobi, "und wenn es mir gefällt, fange ich an zu kalkulieren." Er trägt silbrig glänzende Hosen und ein silbrig glänzendes Hemd, seine Visitenkarte ziert eine goldene Krone. 50 Filme hat Onyemaobi bereits finanziert und anschließend von seinem kleinen Shop aus vermarktet.
Staatliche Filmförderung gibt es so gut wie nicht in Nigeria, und wenn doch, so vermuten die Leute, bleibe das Geld in den Taschen von Funktionären kleben. Am Anfang besorgte sich Onyemaobi das Geld von Banken und Privatunternehmern, mittlerweile, so sagt er, habe er selbst genug. Bis zu 300 000 DVDs oder Videos verkauft er von einem Film, zu 250 Naira, umgerechnet 1,20 Euro, das Stück. "Ich blättere Geld hin, engagiere einen Produzenten, und dann geht es los", sagt er. Sein aktueller Bestseller "Royal War" spielt im Yoruba-Milieu: ein Mädchen, das mit dem Yoruba-König verheiratet werden soll. "50 000 Verkäufe", sagt Onyemaobi, "gleich im ersten halben Jahr."
Bis zu 20 Filme produzieren Vermarkter wie er im Jahr, mit einem lächerlichen Budget, 6000 Euro aufwärts. Gedreht wird mit einer einzigen Kamera, meist in nur einer Woche, mit Ketchup-Blut, Geistertricks, lausigen Computeranimationen. Er lehnt sich zurück in seinem Stuhl, die Luft im Raum drückt, riecht nach Matsch und Kloake, der Putz blättert von der Wand, aber Onyemaobi lässt sich nicht stören, kreuzt die Hände über dem Bauch, sagt: "Gerade mache ich fünf Movies zur gleichen Zeit."
Afrika ist ein gigantischer Markt, allein in Nigeria leben 150 Millionen Menschen. Die Filme werden nach Ghana exportiert, nach Sierra Leone, Südafrika. Aber auch in die USA, nach England, in Afro-Shops in Deutschland, überall dorthin, wo sie in der Diaspora leben und Heimweh haben.
Ein typischer Nollywood-Film spielt in einem Wohnzimmer. Wohnzimmer sind gut. Wer ein Wohnzimmer hat in diesem Land, der hat es zu etwas gebracht. Wenn Nigerianer an Wohlstand denken, dann denken sie an Glastische, Flachbildschirme, bunte Couchgarnituren, an Räume wie den, in dem in diesem Moment "Close Shave" gedreht wird.
Es ist spät am Nachmittag, die Schauspielerinnen sind erschöpft, wirken unkonzentriert, müssen ihre Szenen ständig wiederholen. Das mag daran liegen, dass sie seit sieben Stunden ununterbrochen arbeiten. Dass sie keine Zeit hatten zu trinken oder zu essen, sich zu setzen.
Das mag aber auch daran liegen, dass alle fünf Minuten jemand durchs Bild rauscht, ein Handy klingelt oder der Generator ausfällt. Dass der Junge, der das Mikrofon halten soll, einschläft und sich die Crew noch während des Drehs mit Guinness und mit Whisky betrinkt.
Die Geschichte dreht sich um drei Musikerinnen, die auf eine Karriere hoffen und in die Fänge einer Zuhälterin geraten. Macht, Hoffnung auf Wohlstand, Prostitution: Das sind beliebte Themen in Nigeria, Themen, die das Land bewegen.
Der Erfolg von Nollywood begann schon im Jahr 1992 mit dem Film "Living in Bondage". Damals, nach Jahren, in denen das Militär immer wieder putschte, wagte es endlich jemand, die Themen des Volkes anzupacken: Der Film handelt von einem Mann, der in die Fänge eines religiösen Kults gerät. Es geht um Geld und um schwarze Magie. Gleichzeitig suggeriert der Film aber auch, dass der neue Reichtum in Nigeria Folge teuflischer Praktiken sei - und Ursache für die Ungleichheit im Land und das Leiden zu vieler Menschen. "Living in Bondage" war für die Menschen wie eine Befreiung, plötzlich hatten sie eine Stimme, es gibt heute wohl kaum jemanden in Nigeria, der diesen Film nicht kennt.
Statt das Werk ins teure Kino zu bringen, verbreiteten es die Produzenten als sogenanntes Homevideo - und erschlossen damit einen völlig neuen Markt. So konnten Familien Filmabende veranstalten, ganze Nachbarschaften versammelten sich um einen einzigen Fernseher wie um ein Feuer.
In seiner Hochphase, kurz nach Ende der Militärdiktatur 1999, überschwemmte Nollywood den afrikanischen Markt mit bis zu 2000 Filmen im Jahr, und Surulere, das Ausgehviertel von Lagos, wurde das Zentrum seiner Kreativität.
Der Weg nach Surulere führt über eine vierspurige Abfahrt, über die sich der Verkehr hinunter in die kleinen Straßen schraubt. Ein Konzert aus Hupen und Rufen und verreckenden Motoren füllt die Luft - Surulere ist ein lauter, ein rauschhafter Ort: Hier leben, arbeiten, feiern Schauspieler, Kostümbildner, Drehbuchschreiber. Hier wird gecastet, stolziert, sich präsentiert - und "Winnies" ist dafür so etwas wie die Bühne.
Ursprünglich war "Winnies" ein einfaches Guesthouse, hier hingen die Schauspieler und Filmemacher der ersten Stunde herum. Mittlerweile ist der Ort so populär, dass man die gesamte Straße nach "Winnies" benannte. An den Wänden kleben weiße Zettel, auf denen Castings angekündigt werden: "Wenn du fett, groß bist und verschiedene nigerianische Sprachen fließend sprichst, ruf an. Wir suchen für eine Filmproduktion." Oder: "Riesiges Casting für 9 Filme zugleich."
Die Straße ist eng, es riecht nach einem Gemisch aus Abgasen und dem Erdbeerparfum der jungen Schauspielerinnen, die am Rand stehen, zum Entdecktwerden bereit. Wie die junge Victoria. Jeden Morgen stellen sich die jungen Schauspieler, die berühmt werden wollen, wie Tagelöhner zu "Winnies" und warten darauf, von den Location-Bussen der Filmproduzenten mit an den Set genommen zu werden, von Männern wie Mister Divine.
Er steht auf dem bewachten Parkplatz eines Hotels, und ein Kleinbus schwankt über die Schlaglöcher auf ihn zu. Rostig ist der Bus, verbeult, beklebt mit bunten Filmplakaten. Divine tritt einen Schritt beiseite. "Es geht weiter", sagt er, "wir haben keine Zeit."
Der Bus ist ein Mercedes, für Mister Divine aber ist dieser Bus viel mehr. "Das da drin ist Nollywood", sagt er, "mein ganzer Film", sagt er, "alles in diesem Ding." Das Ding bremst, parkt jetzt direkt neben ihm, und durch die Schiebetür quetscht sich der Film nach draußen: 15 junge Schauspieler und Assistenten, bei "Winnies" eingeladen, gebucht für zwei Wochen. Eine HD-Kamera, ein Kameramann, ein Regisseur, zwei Plastikschüsseln, gefüllt mit Cassava-Brei und scharfem Huhn, drei Lichter, ein Mikrofon, eine Adidas-Tasche voller Kostüme, ein paar Flaschen Guinness, der Generator. Und drei Stars. "Macht alles zusammen 38 000 Dollar", sagt Mister Divine, das sei die große Kunst, "Filme machen mit so gut wie nichts".
Mister Divine, Chef von Divine Touch Productions Limited, heißt eigentlich Emeka Ejofor, Künstlernamen sind gut fürs Geschäft. "Strippers" soll der Film heißen, den er gerade dreht. Es geht um drei junge Frauen und einen Koffer Geld. Die Schauspielerinnen haben sehr hohe Schuhe an und sehr wenig Kleidung, ihre Fingernägel sind lang und bunt wie Zuckerstangen, sie tun betrunken, vielleicht sind sie es auch.
Der Film wird aussehen wie alle Nollywood-Filme. Mit den Augen der Nigerianer gesehen: glamourös, spannend, gut gespielt. Mit den Augen des Westens: trashig, aber charmant, irgendwie unfreiwillig komisch. Der Film wird sich gut verkaufen, denn auf dem Cover sind viele Stars. Über die Grenzen Afrikas hinaus wird man nichts von ihm hören.
Der Filmemacher Dickson Iroegbu hat sein Büro ebenfalls in Surulere. Es ist der Tag nach dem Anschlag auf sein Auto, im Fünfminutentakt klingeln abwechselnd seine beiden Handys: Was der Auftritt gestern sollte, wollen die Anrufer wissen. Iroegbu, eigentlich ein leiser, höflicher Mann, wird laut in diesen Momenten. "Nollywood steckt in der Krise", das ruft er in sein Telefon, "so kann es nicht weitergehen."
Er nippt an einem Glas Rotwein, obwohl es erst Mittag ist. Über dem Schreibtisch hängt in Gold gerahmt ein Bild von Martin Luther King neben einem von Barack Obama, auf dem Schrank stehen die Preise, die er mit seinen Filmen bereits gewonnen hat. Dickson Iroegbu ist schon lange in diesem Geschäft, er war Teenager, als er sein erstes Drehbuch schrieb.
Nollywood ist nach der Ölindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber in Nigeria. Hat längst seine eigenen Stars, seine eigenen roten Teppiche, sogar Oscars werden vergeben: die African Movie Academy Awards. Die Homevideos stehen als VCDs und DVDs zu Hunderttausenden in den Regalen der Händler, die Filme werden auf Fernsehsendern wie Africa Magic ausgestrahlt - Hollywood-Kino spielt in diesem Land so gut wie keine Rolle.
Iroegbu schlägt mit der Faust in die linke Hand, dann sagt er, er habe eine Entscheidung getroffen: "Ich werde so lange keinen neuen Film machen, bis ich zwei Millionen Dollar beisammen habe." Er habe ein großartiges Drehbuch, sagt er, "Child Soldier" nennt sich das Projekt, eine Geschichte über einen Kindersoldaten, gleichzeitig eine Geschichte über Afrika. Iroegbu träumt den Traum von einem Überraschungserfolg, wie ihn der Science-Fiction-Film "District 9" vormachte: Ein Low-Budget-Projekt aus Südafrika, abgedreht in nur zwei Monaten, wurde zum Kassenschlager in den USA und in diesem Jahr sogar für vier Oscars nominiert.
Iroegbu sagt, er wisse, dass er sich mit seiner Idee Feinde mache. Er wisse auch, dass sie weiterhin sein Auto manipulieren, ihm nachts auflauern werden. "Das macht mir Angst" sagt er, aber das sei es wert, schließlich wolle er mit diesem Film einen Oscar gewinnen für Nollywood.
"Wenn es gut läuft", sagt er, "wird mein Film ein ,Slumdog Millionär'."
(*1) Oben: Drehpause bei einer Divine-Touch-Produktion, Alaba-Markt in Lagos, "Downtown Beauty Salon" in Lagos; unten: Schauspielerinnen bei den African Movie Academy Awards 2009, Darstellerin Tonto Dikeh während Dreharbeiten, DVD-Verkäufer Victor Edwin in seinem Geschäft in Lagos.
Von Dialika Krahe

DER SPIEGEL 16/2010
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