19.04.2010

SCHWEINEGRIPPE

Horrorszenarien sind vollends falsch

Der australische Infektiologe Peter Collignon, 57, über die Lehren aus der Schweinegrippe-Impfung

SPIEGEL: Reisemediziner warnen, im Juni sei der Höhepunkt der Grippesaison in Südafrika, und rufen deshalb die Besucher der Fußball-WM auf, sich gegen die Schweinegrippe zu impfen. Ist das sinnvoll?

Collignon: Ich bezweifle es. Wir müssen uns bei dem extrem milden Verlauf der Schweinegrippe fragen, ob eine Impfung je sinnvoll war. Ich fürchte, die Risiken überwiegen den Nutzen. In Australien betrug das Risiko für einen jungen Menschen ohne Vorerkrankungen, an Schweinegrippe zu sterben, weniger als eins zu einer Million.

SPIEGEL: Sie sprechen auch von Impfrisiken. Welche meinen Sie?

Collignon: Wir haben bei 20 Prozent der Schweinegrippe-Geimpften moderate bis stärkere Nebenwirkungen festgestellt, häufig Fieber über 38 Grad. Wenn man wirklich alle Menschen impft, produziert man damit womöglich mehr Influenza-ähnliche Erkrankungen als das Virus selbst. Und vollkommen geschützt sind Sie dann immer noch nicht.

SPIEGEL: Wann war klar, wie mild die Schweinegrippe verlaufen würde?

Collignon: Wir wussten spätestens Ende Mai 2009, dass die Sterblichkeit ganz niedrig war. Auch das Gerede von möglichen Mutationen ist mehr Science-Fiction als echte Wissenschaft. Horrorszenarien wie ein Vergleich zur Spanischen Grippe sind vollends falsch: Damals starben 90 Prozent der Menschen an einer gleichzeitigen bakteriellen Infektion, die man heute weitgehend mit Antibiotika behandeln kann.

SPIEGEL: Woher kam denn die Panik?

Collignon: Die Argumente kamen vor allem aus Richtung der Pharmakonzerne, die am liebsten die ganze Weltbevölkerung jährlich gegen Influenza impfen würden. Aber es fehlen verlässliche Studien, die einen Nutzen erkennen ließen. Immer wieder erleben wir Überraschungen. Eine aktuelle Studie aus Kanada ergab, dass Menschen, die sich im Jahr zuvor gegen die saisonale Grippe impfen ließen, ein rund doppelt so hohes Risiko haben, an Schweinegrippe zu erkranken.


DER SPIEGEL 16/2010
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