26.04.2010

KIRCHE

Wer hat Angst vorm Nikolaus?

Von Osang, Alexander

Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat sich über Jahre eine eigene Welt erschaffen. Nur unter Druck war er zum Rücktritt bereit. Seine Regentschaft zeigt, wie die katholische Kirche Menschen an sich bindet - das Muster von Schuld und Sühne funktioniert noch immer.

Der Mann, der Bischof Mixa am Ende stürzen wird, trägt Badelatschen, Turnhosen der Chicago Bulls und ein kurzärmliges, orangefarbenes Jersey eines koreanischen Fußballvereins. Er sitzt in seiner Küche, auf dem Tisch ein Stoß der Zeitungsseiten, die vom Kampf gegen den Bischof berichten, den er und die anderen Heimkinder vor einem Monat angezettelt und nun gerade, wie es aussieht, gewonnen haben.

Manchmal nimmt der Mann eine Zeitungsseite und trägt daraus vor wie aus einem Theaterstück. Er ist kein besonders guter Vorleser, er würgt die fremden Wörter der Journalisten wie große Fische aus seinem Mund. Die Stellen, die ihm wichtig sind, liest er lauter, manchmal schreit er, was unheimlich klingt, denn es ist spät, und seine Familie schläft schon. Nach dem Lesen legt er das Blatt erschöpft auf den Tisch zu den anderen. Er starrt, lässt den Kopf in den Nacken fallen und wischt heftig mit dem Handballen über die Tischplatte, eine Angewohnheit, die er aus dem Heim mitgebracht habe, sagt er, wo er ständig beweisen musste, dass er, beziehungsweise der Teufel in ihm, keine Spuren hinterlassen habe. Deswegen habe er auch keine Teppiche im Haus, sagt der Mann, er zeigt auf den Fußboden, alles gefliest.

Eine der Heimschwestern habe ihm auf dem Teppich in der Klausur, die sie nur zu Feiertagen betreten durften und wenn der Stadtpfarrer kam, einmal die Spuren gezeigt, die der Teufel hinterlassen hat, als der eine verstorbene Nonne holen wollte. Auf dem Teppich war ein Pferdefußabdruck zu sehen. Wenn er einen Teppich sieht, muss er automatisch mit dem Fuß drüberstreifen, immer wieder, bis alles glatt ist. Deswegen hat er keine Teppiche im Haus. Nur Fliesen, es ist einfacher so.

Der Mann reibt sich die Hände, als wüsche er sie mit Kernseife. Die trockenen Handflächen raspeln leise.

Zehn Jahre lang war er im Heim in Schrobenhausen. Er war vier, als er dorthin kam, im Jahr 1972, an die Zeit davor hat er keine Erinnerungen. Er kennt sie nur aus den Akten und aus den Erzählungen seiner älteren Geschwister. Er war das jüngste von elf Kindern, die Eltern waren wohl überfordert. Die Kinder sprangen bis kurz vor Mitternacht auf der Straße herum. Die Nachbarn haben sie beim Jugendamt angeschwärzt, sagt der Mann. Angeschwärzt, sagt er, und wahrscheinlich hat die Wut, die man da hört, eher mit dem zu tun, was nun folgte. Die Kinder wurden aufgeteilt, die meisten landeten im katholischen Kinderheim St. Josef in Schrobenhausen. Er wusste schon, dass es seine Geschwister waren, sagt er, aber er wusste nicht, was eine Familie ist, und so konnten sie einander nicht trösten.

Er war ein schwieriges Kind, sagt er, ein Bettnässer, ein Schlafwandler. Die Schwestern, die das Heim führten, wussten oft nicht weiter. Sie schlugen ihn mit Hausschuhen, sagt er, schickten ihn ohne Essen ins Bett oder sperrten ihn in eine fensterlose Kammer. Sie drohten mit Satan und Fegefeuer - und ab 1975 auch mit dem Stadtpfarrer. Warte, bis der Stadtpfarrer kommt, riefen sie. Der neue Stadtpfarrer hieß Walter Mixa und ist in der Erinnerung des Mannes riesengroß, er trug einen Hut, bis heute könne er diese Kirchenhüte nicht sehen, sagt der Mann und stößt mit dem Zeigefinger auf ein Zeitungsfoto aus seiner Presseschau, das Mixa als Bischof zeigt. Ein rundliches Gesicht, mit randloser Brille und schmalen Lippen.

Im Text heißt es, dass Bischof Mixa nicht zu halten sein wird, die Stimmung im Bistum hat sich gegen ihn gewendet, in ein paar Stunden wird er dem Papst seinen Rücktritt anbieten, aber der Zeigefinger des Mannes stößt weiter zu.

Mixa habe sie an den Ohren in die Klausur gezogen, sagt er, immer einzeln, und dann wurde die Tür geschlossen. Der Junge habe auf die Knie fallen müssen, ein reuiger Sünder, und dann krempelte der Pfarrer die Ärmel hoch. Er habe mit der bloßen Hand, aber auch mit dem Stock geschlagen. Der Mann wühlt in der Aktentasche nach der eidesstattlichen Versicherung, die er abgegeben hat, als müsste er sich daran festhalten. Zwei Blatt Papier. Er liest sie vor, stockend. Die Schläge, die Einsamkeit, die ständige Angst. An den Sonntagen musste er nach dem Gottesdienst in seiner Festtagskleidung stundenlang im Besucherraum des Heimes auf seine Eltern warten, die nicht kamen. Anschließend sagten ihm die Schwestern: Siehst du, dein Vater ist ein Taugenichts.

Es klingt alles wie aus einem Dickens-Roman, aber es spielt in den siebziger und achtziger Jahren, in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist kaum zu glauben, und auch dem Mann fällt das manchmal schwer. Er hat versucht, es zu vergessen in den vergangenen 30 Jahren.

Sie haben ihn vom Heim auf die Sonderschule geschickt, weil er zu dumm zum Lernen war, wie sie ihm sagten, immer wieder. Mit 13 kam er ins SOS-Kinderdorf nach Augsburg, das hat ihn gerettet, sagt er. Er hat einen Beruf gelernt, er hat angefangen Sport zu treiben, er war so gut, dass er es in seiner Disziplin bis in die Nationalmannschaft schaffte. Er war mehrfacher deutscher Meister, machte verschiedene Trainerlizenzen und begriff, dass er lernen konnte. Er war nicht dumm. Er fing an zu studieren, lernte seine Frau auf der Universität kennen, er zog mit ihr an das andere Ende des Landes, weit weg von jenem Kinderheim, sie haben zwei Kinder und ein neues Leben, aber irgendwann sah er den Stadtpfarrer im Fernsehen, wie er in einer Talkshow von Erziehung redete. Er telefonierte mit seiner Schwester, und sie beschlossen, ihre Geschichte zu erzählen. Er war erstaunt über die gewaltige Resonanz, die sicher damit zu tun hatte, dass die Nachrichten aus seiner Vergangenheit in die tiefe Krise fielen, die die katholische Kirche zurzeit durchlebt.

Der Mann freute sich über das Echo, und er wäre jederzeit bereit gewesen, bei Anne Will auf der Couch zu sitzen, sagt er, oder bei Johannes B. Kerner, aber leider sei er in einer kirchlichen Einrichtung beschäftigt, einer katholischen zudem, und so muss er anonym bleiben, auch jetzt, wo Mixa so gut wie nicht mehr da ist. Er wollte ja auch nur, dass die Geschichte bekannt wird, nicht er, sagt er. Er gab seine eidesstattliche Versicherung ab und dachte, dass es damit vorbei sei und er in sein neues Leben zurückschlüpfen könne. Der Mann hatte nicht geahnt, wie mächtig er inzwischen geworden war, wie gefährlich.

Die Heimkinder aus St. Josef sind zu einem Beleg dafür geworden, wie die katholische Kirche ihre Schützlinge in manchen Gebieten, bis in die jüngste Vergangenheit, trotz vieler Reformbemühungen, mit altbewährten Mustern aus Schuld und Sühne an sich band. Die Fälle aus Schrobenhausen machten ein System deutlich, in dem Angst die entscheidende Triebkraft ist. Und je länger der Skandal um Mixa dauerte, desto mehr wurde klar, dass dieses System immer weiter arbeitet.

Eine Woche nachdem die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") zum ersten Mal von den Schlägen Mixas berichtet hatte, stellte sich der Sprecher des Bischofs, Dirk Hermann Voß, vor die Kameras und erklärte, die Geschichten der Schrobenhausener Heimkinder stimmten nicht. Es sei überdies schwer für den Bischof, auf "Anwürfe aus dem Halbdunkeln" zu reagieren.

"Als ich den Voß da im Fernsehen sah, wie der, ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte, der Bischof habe nie ein Kind geschlagen, da dachte ich für einen Moment, ich verliere den Verstand", sagt der Mann. Sein Kopf liegt im Nacken, seine Hand wischt über den Tisch, der Mund steht offen. Man sieht den Jungen in seinem Gesicht. Vielleicht waren sie doch stärker als er, dachte er, weiser, vielleicht hatten sie ja doch recht.

So hat das System von Mixa funktioniert. Bis vor zwei Wochen, etwa. Damals trat Dr. Voß, der Geschäftsführer eines großen Kirchenverlags ist, noch relativ gut gelaunt aus dem Bischöflichen Ordinariat von Augsburg. Das Wort des Bischofs wog noch schwer. Die Dinge waren so, wie er sie sah. Die Welt passte sich dem Wort des Hirten an und nicht umgekehrt. Wo der Bischof ist, ist die Kirche.

Wie kann denn ein Mensch ausschließen, dass er vor 30 Jahren ein paar Backpfeifen verteilt hat, wie es damals durchaus üblich war?

"Der Bischof taktiert nicht", sagte Voß. "Er gibt keine Taten zu, die er nicht begangen hat."

Dann verschwand er lächelnd hinterm Dom wie ein Geist. Der Augsburger Dom ist ein gewaltiges Gebäude. Es drückt einem die Schultern zusammen, wenn man es zur Abendstunde umkreist. Der Herr hatte gesprochen. Die Heimkinder saßen in ihren Wohnungen, verstreut im Land, im Halbdunkel. Die meisten haben nicht so einen beeindruckenden Lebenslauf hinlegen können wie der Mann in der Turnhose der Chicago Bulls. Einige seiner Gefährten aus dem St.-Josef-Heim haben nach ihrer Entlassung ins Leben Probleme mit dem Gesetz bekommen, einige mit dem Alkohol, viele mit beidem. Die wenigsten haben eine Ausbildung absolviert, nachdem das Heim sie entließ. Auch die Schwester des Mannes nicht, Hildegard, die sich fotografieren ließ. Man sieht ihr auf dem Foto an, dass sie ein schweres Leben hinter sich hat. Das Kind in ihrem Gesicht ist tot. Es gibt Menschen in der Diözese Augsburg, die haben dem Bischof schon allein deshalb geglaubt, weil die Frau auf dem Foto so abgekämpft aussieht. In Zeiten wie diesen klammert man sich an alles.

Der Bischof zog sich hinter dicke Kirchenmauern zurück, wie er es immer tat, wenn es Probleme gab. Wie damals, nachdem er mit einer Aktentasche voller Geld auf dem Flughafen Skopje aufgegriffen wurde, oder auch, als sie ihn nicht zum Erzbischof von München machen wollten. Man stellt sich vor, dass er in seinen leise raschelnden Gewändern die Gänge abschreitet, nachdenklich, die Hände auf dem Rücken, bis sich die Wolken verzogen haben und sein Wort in die Köpfe der Gläubigen gesunken ist wie Kaffeesatz.

Dirk Hermann Voß aber erklärte sich zu einem Gespräch bereit. Doktor Voß ist der Spindoctor des Bischofs. Einen Moment lang kann man die Welt sehen, wie Mixa sie sieht.

Es ist eine Welt, die sich seinen Bedürfnissen unterordnet. So etwa sieht sie aus: Draußen im Lande herrscht eine Kulturkampfstimmung, aus der die wirklichen Gläubigen gestärkt hervorgehen werden. Die Kirche ist immer in ruhigen Zeiten liberaler geworden, nie in Zeiten wie diesen, in denen Journalisten mit bestimmten Interessen die Messer wetzten. Er, der Bischof, ist natürlich eine herausragende Persönlichkeit in der Kirche, auch in der römisch-katholischen Kirche. An so jemandem reibt man sich gern. Die werden schon sehen, was sie davon haben. Man muss sich doch nur ansehen, welche Journalistenschulen die besucht haben und in welchem Teil Deutschlands sie leben. Die stecken doch alle unter einer Decke. Es gibt nicht wenige Leute, die behaupten, dies ist kein Kirchenskandal, sondern ein Medienskandal. Dieser Stefan Mayr von der "Süddeutschen", dem sich die Opfer anvertrauten, ist ihm bislang allerdings auch noch nicht durch überragenden Journalismus aufgefallen. Das ist ein Sportjournalist aus der Provinz. Davon abgesehen: Er, der Bischof, ist doch ein sensibler Mensch, weich, kulturbeflissen, der schlägt doch nicht. Dass er nach dem Essen ins Heim kam, um die Kinder zu schlagen, das ist doch das reine Filmklischee. Der Prälat haut sich am Sonntag den Bauch voll, und dann geht er Waisenkinder verprügeln. Es ist doch so: Das waren keine einfachen Kinder, die kamen aus zerstörten Familien, die Schwestern haben versucht, die wieder zu integrieren. Sicher auch mit Mitteln, die damals üblich waren. Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Und da gibt es ein kollektives Gedächtnis, wie bei Kriegsveteranen. Da sagt einer: Der Stadtpfarrer hat doch auch geschlagen. So was setzt sich dann fest. Das war ja 'ne Autorität, der Stadtpfarrer. So eine Art Nikolaus. Nüchtern betrachtet haben wir es hier mit einer doppelten Nichtrelevanz zu tun. Erstens: Die Vorwürfe waren nicht strafbar. Zweitens: Selbst wenn sie das wären - sie sind verjährt. Es gibt ja auch die Briefe der ehemaligen Ministranten, die bezeugen, dass der Stadtpfarrer nie geschlagen hat. Mehr muss man nicht dazu sagen. Ein Bischof sitzt nicht im Chatroom mit dem Volk. Wir können nicht mit den Weltlichen tanzen. Deutschland ist jetzt schon das entchristlichste Land der Welt, abgesehen von den Muslimen, klar. Viele der deutschen Katholiken und Protestanten sind sogenannte Kulturchristen geworden, am Ende bleiben 15 bis 20 Prozent, die wirklich noch glauben. Wir sind eine Minderheit, aber die rückt zusammen, am En-de der Debatte wird es eine Kirche geben, in der der Pfarrer wieder in Soutane herumläuft.

"Die Kirche hat einen Erfahrungshorizont von 2000 Jahren", sagt Dirk Hermann Voß. "Die geht da durch."

Das in etwa ist der Hintergrund. Ein Gemisch aus Einschüchterungen und Andeutungen, Unterstellungen und Verleumdungen, ein Mittel, mit dem auch die amerikanische Tabakindustrie ihre Macht zu verteidigen versucht hat. Sie mag in den Städten und an den Journalistenschulen nicht funktionieren, aber hier auf dem Land, das der Bischof regiert, zeigt sie Wirkung. Den Bauern schauen die Kruzifixe bei der Spargelernte über die Schulter, das kleinste Dorf wird von einem Kirchturm bewacht, hier kann er jederzeit um die Ecke biegen, der Nikolaus.

Stefan Mayr, der "SZ"-Journalist, der mit den Opfern sprach, hat die Rückendeckung einer starken Zeitung. Er traute den Heimkindern, und er schützte sie bis zum Schluss. Aber er ist Augsburger. Er lebt auf dem Dorf. Die Geschichte, die er in die Hände bekam, wurde jeden Tag größer. Es ist eine ganze Menge Druck, und er ist bewundernswert damit umgegangen. Er hat das Buch auf dem Wohnzimmertisch liegen, das ihm eine der Frauen gab, die sich ihm anvertrauten. Es ist das Neue Testament. Vorn ist eine Widmung von Mixa drin: "Dir, liebe Jutta, mit allen guten Segenswünschen für die Zukunft, gewidmet von Deinem Stadtpfarrer Dr. Walter Mixa". Ab und zu schaut Mayr da hinein. Es ist die Geschichte auf einer Seite, all die Heuchelei in einem Satz.

In Schrobenhausen, da, wo Mixas Absturz vor vielen Jahren begann, gingen die Türen in den vergangenen Wochen immer nur einen Spalt auf, um den Sonderermittler hineinhuschen zu lassen und wieder hinaus. Eine Schwester steckte den Kopf aus dem Kinderheim, rote Flecken auf den Wangen. Noch könne man nichts sagen. Stundenlang saßen sie zusammen, der Heimleiter Herbert Reim, der Stadtpfarrer Josef Beyrer und der Sonderermittler Sebastian Knott, ein junger Anwalt aus Ingolstadt. Alle drei Katholiken, für die es sicher nicht einfach war, aus dem Schatten des Bischofs zu treten. Knott war Ministrant, Beyrer war Kaplan unter Mixa, und Heimleiter Reim hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte. Er hat sich aufgerieben in dem Kinderheim, das er von seinem Vorgänger übernommen hatte, einem trinklustigen Ex-Soldaten, der sich prächtig mit Mixa verstand, hieß es im Ort. Man wusste noch nicht, was man den Männern zutrauen konnte.

Ein paar Tage lang funktionierte es wie immer.

Der Bischof schwieg, sein Medienberater zog jeden Tag ein paar neue Ministranten aus dem Ärmel, die nur gute Erinnerungen an den Stadtpfarrer hatten. Die Luft stand still. Es gab neue Nachrichten im Land, die Spargelernte begann, und der polnische Staatspräsident stürzte über den Gräbern von Katyn vom Himmel. Die drei Heimkinder, die Mixa unter ihrem vollen Namen angeklagt hatten, verschwanden aus der Öffentlichkeit. Die "Schrobenhausener Zeitung" druckte auf der dritten Seite ein Porträt von Mixa, in dem man von den Imageproblemen des Bischofs erfuhr, aber auch, wie er mit seinem alten Dackel Waldi auf den Altmühlwiesen spazieren geht. Der Bischof nennt ihn "Waldimaus". Die Leute mögen ihn, weil er immer ein offenes Ohr für sie hat, las man, ein Mann mit Ecken und Kanten. Ein Weinhändler aus Schrobenhausen organisierte eine Unterschriftenliste der ehemaligen Ministranten von Mixa. Er sagte, dass die Jahre als Ministrant unter Mixa die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen seien. Der Stadtpfarrer habe sie begeistert. Er habe die Gemeinschaft gespürt, etwas, das größer war als er selbst, und lange Zeit darüber nachgedacht, auch Pfarrer zu werden wie viele von Mixas Ministranten, sagt der Weinhändler.

Zwei Wochen nach den ersten Enthüllungen spürte Mathias Petry von der "Schrobenhausener Zeitung" bereits, wie der Boden unter den Füßen des Bischofs langsam wieder fest wurde. Petry ist seit bald 20 Jahren Lokalredakteur in Schrobenhausen, er kennt die hässlichen Gerüchte, die es um Mixa gibt, in- und auswendig. Er hat die Quittungen für die Kunstgegenstände, die Mixa mit Mitteln aus der Waisenhausstiftung kaufte, schon seit Wochen im Schreibtisch. Er kennt Leute, die bezeugen, das Mixa geschlagen hat. Aber er glaubt auch, dass Mixa damals den Heimkindern ihren Vater ersetzen wollte.

Der Pfarrer hat einmal gesagt, er selbst habe als Kind eine harte Hand gebraucht. Es waren schwierige Kinder, sagt Petry. Und Mixa ist kein Schöngeist. Petry hat früher als Radioredakteur versucht, aus der wabernden Rede des Bischofs einminütige O-Töne zu basteln, und dabei festgestellt, dass Mixa keine Hauptsätze benutzt. Er fängt irgendwo an und lässt sich irgendwohin treiben. Er hat keine Gedanken, er verlässt sich auf seine Wirkung. Aber die Leute mögen ihn so. Sie haben das Gefühl, sich an ihm festhalten zu können.

Lokalredakteur Petry hat es gespürt, als er über die Frau schrieb, die erklärte, schon von Mixa geschlagen worden zu sein, bevor der nach Schrobenhausen kam. Sie hatte ihm erzählt, dass sie dem Pfarrer nach den Schlägen die Hand küssen musste. Petry schrieb Ring statt Hand. Er hatte zwölf Stunden gearbeitet, die Dinge hatten sich überschlagen. Es war ein kleiner Fehler, und er hat ihn am nächsten Tag korrigiert, aber die Leute dort draußen hielten sich an dem Fehler fest. Sie beschimpften die Frau als Lügnerin, weil ein Pfarrer doch keinen Bischofsring trägt. Wenn sie log, sagte der Bischof die Wahrheit. Die Frau, die einmal im Leben ihren Mut zusammengenommen hatte, war jetzt wieder allein dort draußen auf ihrem Dorf. Als Sünderin.

"Die Leute klammern sich an jeden Strohhalm", sagte Petry und blätterte die Leserbriefseite seiner Zeitung auf, auf der deutliche Stimmen ein Ende der Kampagne gegen den Bischof forderten. Man sollte langsam mal die Kirche im Dorf lassen. Nur einer stellte fest, dass es wirklich an der Zeit sei, dem bigotten Bischof an den Kragen zu gehen.

Aber auch der Mut dieses Leserbriefschreibers ließ schnell nach. Er bekam noch am selben Tag einen Anruf von seinen Eltern, die ihn unter Tränen baten, sich bitte nie wieder so respektlos zu äußern. Sie müssten schließlich weiter im Ort leben. Der Mann ist jetzt Arzt in einer anderen Stadt. Er war Ministrant unter dem Schrobenhausener Stadtpfarrer Mixa, aber er hatte andere Erinnerungen an die Zeit als der Weinhändler.

"Der Mann hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung", sagt der Arzt. "Der ist schon damals den ganzen Tag mit Soutane und diesem Hütchen rumgelaufen. Der wollte schon als Stadtpfarrer Bischof sein. Es musste immer pompös sein und volkstümlich. Die Mischung kommt bei vielen gut an. Der hatte ein gutes soziales Gedächtnis. Wie geht's dem Fuß? Was machen die Kinder? Er merkte sich je-den Namen. Und auch die Ministrantenfahrten waren ja immer sehr ausgelassen. Wir waren regelrecht mit Wein abgefüllt. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben richtig betrunken, als ich mit Mixa unterwegs war. Und dann am Lagerfeuer hat er uns erzählt, dass Selbstbefriedigung millionenfacher Mord sei. Diese Mischung aus Verklemmtheit und Ausgelassenheit fand ich unerträglich, aber er hat damit jede Menge Leute begeistert. Ich glaube, es gab nirgendwo so viele Ministranten, die später Priester geworden sind, wie unter Mixa. Das kam natürlich in Rom gut an. Und darum ging's dem Mixa. Um Rom."

Seinen Namen möchte er lieber nicht im Zusammenhang mit diesen Sätzen sehen. Wegen der Eltern und auch, weil er nicht weiß, was sein Chef im Krankenhaus über den Bischof denkt, sagt der Arzt und zieht sich wieder ins Halbdunkel seiner Anonymität zurück.

Auf dem Weg durch Mixas Reich trifft man jede Menge Menschen, die seinen Weg kreuzten. Pfarrer Matthias Blaha aus der St.-Anton-Gemeinde in Ingolstadt fiel in Ungnade, nachdem er sich für einen Regenten des Priesterseminars einsetzte, der Bischof Mixa nicht passte. Mixa soll dafür gesorgt haben, dass Blaha die Dissertation abbrechen musste, die er gerade begonnen hatte.

Nur ein paar Straßen weiter findet man Bernhard Kroll, der heute als Jugendseelsorger in Ingolstadt untergekommen ist, nachdem Mixa ihm beinahe sein Leben zerstört hatte. Kroll hatte nichts weiter getan, als 2003 auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin die Predigt bei einem evangelischen Gottesdienst zu halten. Er war ein junger Pfarrer in einer Diaspora-Gemeinde im Norden der Diözese. Er war den ständigen Umgang mit Protestanten gewohnt, und so nahm er die Einladung an. Er las in der Berliner Gethsemanekirche aus dem Johannesevangelium, er sprach über Gemeinsamkeit und Einheit und beteiligte sich anschließend am Abendmahl.

Als Bischof Mixa davon erfuhr, lud er Kroll vor. Den Pfarrer, den der junge Priester als Beistand zum Kadergespräch mitbrachte, zerrte Mixa brüllend am Arm aus seinem Büro. Anschließend suspendierte er Kroll. Er teilte ihm per Fax mit, dass er in seiner Diözese weder Gottesdienste halten noch seelsorgerisch tätig werden dürfe. Kroll saß ein paar Monate lang in seiner Pfarrwohnung herum, dann gab er auf und begann ein Volkswirtschaftsstudium. Als er damit fertig war, hatte Mixa glücklicherweise das Bistum gewechselt, und Kroll wurde vom neuen Bischof wieder aufgenommen. Eine Zeitlang hat er eine Therapie für Geistliche besucht, weil er sich immer noch wackelig fühlte, sagt Kroll.

Der Therapeut hörte sich seine Geschichte an und sagte dann, dass nicht er in seine Sprechstunde kommen solle, sondern der Bischof.

"Die Persönlichkeitsprobleme des Bischofs haben mit der Kirche nichts zu tun", sagt Kroll. "Das hoffe ich zumindest. Aber ich fürchte, die Welle, die ihn jetzt trifft, wird uns alle wegspülen."

Womöglich ist das der Grund, warum niemand, nicht mal die erbitterten Widersacher des Bischofs, offen reden will.

Auch Karl Graml, ein Pfarrer ohne Amt aus einem Ingolstädter Vorort, möchte nicht mehr. Er war ein Leben lang Priester. Der Zölibat war eine Riesenherausforderung, sagt er, er hat sie kämpferisch angenommen. Aber am Ende hat er sich doch verliebt. Er wollte kein Geheimnis daraus machen und auch keinen Skandal. Deswegen ist er in den Ruhestand gegangen und hat dann erst die Frau geheiratet, die er liebte. Graml bekam einen Brief von einem Domkapitular aus Mixas Bistum, in dem ihm nahegelegt wurde, lieber ohne die Frau in den Himmel zu gehen als mit ihr in die Hölle. Leute aus der Gemeinde wechselten die Straßenseite, wenn sie ihn sahen.

Er ist jetzt 75, er habe keine Lust mehr auf einen offenen Kampf, sagt er. Sie hätten damals wegziehen sollen, sagt er. Jetzt ist es zu spät. Seine Frau ist sich sicher, dass Mixa wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen wird. Er ist der Bischof, und wo der Bischof ist, ist die Kirche. So ist das Recht. So jemand lässt sich nicht von ein paar Heimkindern vertreiben. Doch ein paar Tage später steht Mixa vor dem Aus.

Graml lässt die Korken knallen, sagt er. Es ist eine Revolution. Ein alter Militärpfarrer, der Mixa schon aus dem Priesterseminar kennt, geht früh in die Kirche, als er die Nachricht vom Rücktritt hört, und singt: "Großer Gott, wir loben Dich."

Er macht sich Sorgen um den Bischof, aber er ist auch erleichtert. Er glaubt, dass Mixa an seiner Eitelkeit zugrunde ging, an seinem absolutistischen Katholizismus und auch ein wenig am Alkohol. Der Militärpfarrer hat ein paar der rauschhaften Bundeswehrveranstaltungen mit dem Bischof erlebt. Die Soldaten liebten ihn, aber die Generalität fand ihn befremdlich. Bei der jährlichen Wallfahrt der Bundeswehr nach Lourdes hat Mixa das "Bischofsbier" eingeführt. Eine Veranstaltung, bei der getrunken wurde, bis man umfiel. Und gesungen wurde. Kirchenlieder, sicher, aber, wenn er richtig in Stimmung war, hat der Bischof auch mal "Lustig ist das Zigeunerleben" angestimmt, sagt der Militärpfarrer. Im vollen Ornat.

Wenn man all die Geschichten hört, kann man sich irgendwann vorstellen, wie sich der deutsche Militärbischof bei einem Afghanistan-Besuch mit ein paar Feldwebeln der Bundeswehr auf den Weg macht, um endlich Osama Bin Laden zu finden.

Man fragt sich wirklich, wie Mixa das alles so lange überleben konnte, wenn er nun über eine einzige Lüge fällt. Wahrscheinlich wussten die Menschen irgendwann nicht mehr, ob sie ihn angriffen oder Gott. Es war der Moment der Schwäche, der ihn stolpern ließ. Als er die Backpfeifen zugab, fiel alles Göttliche von ihm ab. Wie jedem besseren Politiker wurde Mixa nicht der Skandal zum Verhängnis, sondern die Art, wie er damit umging.

Man fragt sich, was der Papst so denken wird, wenn er nun die Mappe von Mixa auf den Tisch bekommt. Mixa war der erste deutsche Bischof, den Papst Benedikt ernannte.

Wenn es überhaupt einen Trost gibt, dann den, dass der Mixa, der schon als Stadtpfarrer mit der Soutane durch Schrobenhausen strich, von einem Mann in kurzen Hosen bezwungen wurde. Das Heimkind hat sich gegen den Nikolaus durchgesetzt.

Ist er frei?

"Frei?", sagt der Mann und legt den Kopf in den Nacken. Frei?

Er erzählt, dass nicht einmal seine Kinder wissen, unter welchen Bedingungen er groß wurde. Er erzählt seinen Kollegen und Verwandten, er sei in einer intakten Familie groß geworden. Er hat sich verleugnet, bis heute. Er hat sich seiner Frau anvertraut, natürlich. Aber seine Frau ist Heidin. Sie glaubt nur an das Gute im Menschen.

Sein Gesicht entspannt sich für einen Moment. Seine Kinder sind glücklich, sie sind gute Schüler. Sie sind ohne Schläge groß geworden, ohne Angst. Aber sie waren nicht getauft. Es ließ ihm keine Ruhe. Sie sollten selbst entscheiden, das hatte er beschlossen. Er dachte oft daran, was passieren würde, wenn sie einen Autounfall hätten. Wenn sie sterben müssten, ohne das letzte Sakrament zu empfangen, sagt er. Er dachte auch an den Teufel.

Vor zwei Wochen war es so weit. Sie wurden getauft, der Junge ist 13, das Mädchen 10. Die Kirche war gut gefüllt. Es war die Osternacht. Seine Geschichte war in der Welt. Wenige Stunden zuvor hatte der Bischof behauptet, sie sei gelogen. Der Mann stand neben dem Taufbecken. Niemand hier wusste, wer er war und woher er kam.

War er bereit, seine Kinder im katholischen Glauben zu erziehen? Das war die Frage.

"Ich habe einen Moment gezögert", sagt der Mann. Sein Kopf liegt im Nacken, der Mund steht offen, die Handfläche reibt über den Küchentisch. Immer wieder.

Dann sagte er ja. ◆


DER SPIEGEL 17/2010
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