26.04.2010

BANKEN„Moralischer Bankrott“

Die Klage gegen Goldman Sachs kommt der US-Regierung gerade recht: Die Vorwürfe belegen den Sittenverfall der Investmentbanken - und die Notwendigkeit, die Finanzbranche stärker zu regulieren. Der Machtkampf zwischen Washington und der Wall Street eskaliert.
Das neue Hauptquartier von Goldman Sachs türmt sich direkt gegenüber von Ground Zero über 43 Stockwerke in die Höhe, ein über zwei Milliarden Dollar teurer, wuchtiger Wolkenkratzer mit Opernhaus-hohen Decken, riesigen Wandgemälden und einem 5000 Quadratmeter großen Fitnessstudio. Seit wenigen Wochen erst bezugsfertig, sollte es das weithin sichtbare Symbol sein für die mächtigste Firma der Wall Street, das Zentrum der Weltfinanz.
Aber in diesen Tagen wirkt es eher wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Und wie eine belagerte Festung. Am Donnerstag dieser Woche werden die Banker von ihren Bürofenstern aus beobachten können, wie sich ein Demonstrationszug der Gewerkschaften durch den Finanzdistrikt von Manhattan schlängelt, die Menschen werden Anti-Goldman-Plakate vor sich hertragen und Parolen gegen die Machenschaften der Wall-Street-Banker skandieren.
Goldman Sachs ist zum Feindbild geworden. Einst stand die Investmentbank für den Glanz der Wall Street, für Wohlstand und wirtschaftliche Stärke. Jetzt sehen viele in ihr ein Symbol der Gier, angeführt von Menschen, denen es allein um den eigenen Wohlstand geht.
Nur wenige Häuserblöcke von der neuen Goldman-Zentrale entfernt hielt US-Präsident Barack Obama am Donnerstag vergangener Woche eine Grundsatzrede. Er prangerte "das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der Wall Street" an, das letztlich zur Finanzkrise geführt habe. "Wenn wir nichts unternehmen, werden wir weiterhin das überdrehte, kaum überwachte Gezocke in unserem Finanzsystem sehen", mahnte der Präsident.
Lloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs, saß im Publikum. Viele sehen in ihm den Mann, der aus der traditionellen Investmentbank ein Zockerhaus gemacht hat. Blankfein, 55, gab sich entspannt, er scherzte und schäkerte. Obama sprach ihn nicht direkt an, aber jeder
wusste, dass vor allem Goldman Sachs gemeint war, als der US-Präsident gegen Geschäftsmodelle wetterte, "die darauf beruhen, andere Leute zu prellen". Die Einzigen, die vor seinen Regulierungsplänen und mehr Transparenz Angst haben müssten, seien die, "deren eigenes Fehlverhalten dadurch aufgedeckt wird".
Obama will die Branche zähmen, die die Welt an den Rand des Abgrunds geführt hat, er will verhindern, dass sich solch eine Katastrophe wiederholen kann.
Doch die Finanzbranche weist jede Verantwortung für die Krise von sich, sie will weitermachen wie bisher und wehrt sich gegen eine strenge Regulierung.
Der Ausgang ist offen, die Wall Street noch immer ein mächtiger Gegner. Doch nun scheint sich das Blatt zugunsten Obamas zu wenden: Goldman Sachs, die Ikone der Wall Street, ist angeschlagen, die Reputation der Bank hat in den vergangenen Monaten schwer gelitten. Immer wieder wurden Vorwürfe laut, die Bank habe auf dem Höhepunkt der Krise gegen ihre eigenen Kunden gewettet, dann kam heraus, dass sie Griechenland geholfen hatte, seine Schulden zu verstecken - und nun muss sie sich sogar gegen den Vorwurf wehren, die eigenen Kunden betrogen zu haben.
Am Freitag vorvergangener Woche gab die amerikanische Börsenaufsicht SEC bekannt, eine Klage gegen Goldman Sachs eingereicht zu haben. Sie wirft der Bank vor, ihren Kunden eine auf zweitklassigen US-Hypothekenkrediten basierende komplexe Anleihe verkauft zu haben - ohne ihnen zu sagen, dass diese Papiere im Auftrag von und teilweise zusammen mit dem Hedgefonds-Manager John Paulson ausgewählt worden waren, der gegen das Produkt - und damit gegen dessen Käufer - wetten wollte.
Dass die Klage für Goldman Sachs ohne Vorwarnung kam, dass sie mitten in die Börsensitzung platzte und den Kurs um 13 Prozent abstürzen ließ, war ebenso wenig Zufall wie die Wahl des Gegners - es war eine Demonstration: Wer sich mit den Herren der Wall Street anlegt, der meint es wirklich ernst.
Die SEC gegen Goldman Sachs, Washington gegen die Wall Street: Es geht darum, wer künftig die Macht hat im Land, ob der Staat oder die Finanzwirtschaft die Regeln setzt.
Im Zentrum der jüngsten Affäre steht der 31-jährige Jungstar Fabrice Tourre. Der Goldman-Sachs-Banker soll die deutsche Mittelstandsbank IKB beim Verkauf des Hypothekenprodukts Abacus 2007-AC1 betrogen haben.
Laut SEC verschwieg Tourre seinem europäischen Kunden, dass Paulsons Hedgefonds auf einen Wertverfall der in Abacus verpackten Ramschhypotheken wettete. Paulson soll zuvor die Giftpapiere selbst mit ausgewählt haben.
Die IKB hätte "nicht in die Transaktion investiert, wenn sie gewusst hätte, dass Paulson im Auswahlprozess eine signifikante Rolle gespielt hat", schreibt die SEC. Allein die Deutschen verloren am Ende 150 Millionen Euro. Paulson trug dagegen einen Milliardengewinn aus dem Finanzcasino.
Der Krimi begann im Januar 2007. Damals häuften sich die Anzeichen, dass in den USA die Hypothekenblase bald platzen könnte. Die Ausfälle bei Krediten an klamme US-Hausbesitzer zogen an.
Der "fabelhafte Fab", wie er sich selbst nennt, schrieb am 23. Januar in einer Mail an einen Freund: "Das ganze Gebilde kann jetzt jederzeit kollabieren." Das Geschäft sei tot, "wir haben nur noch wenig Zeit", warnte wenige Tage später ein Goldman-Sachs-Manager in einer internen Mitteilung an Tourre.
Auch die Experten von Paulson glaubten Anfang 2007 nicht mehr länger an eine Fortsetzung des Booms. "Die Preise spiegeln nicht das Szenario eines Zusammenbruchs des Subprime-Marktes wider", schrieb ein Analyst des Fonds.
Die Paulson-Truppe erkannte schnell die einmalige Chance für eine Jahrhundertwette auf den totalen Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes. Also erhielt Goldman Sachs den Auftrag, einen Korb mit verschiedenen Ramschhypotheken-Paketen zusammenzustellen, auf deren Wertverfall Paulson mit Hilfe von Kreditausfallversicherungen (CDS) spekulieren konnte. Das Endprodukt war eine sogenannte synthetische CDO namens Abacus. Darin waren nicht die Hypotheken direkt verpackt, sondern nur die auf sie lautenden CDS.
Heute weiß man, dass auch viele Banker solche komplexen Produkte nicht verstanden.
Die Finanzbranche argumentiert, dass mit Hilfe solcher Produkte die Risiken der Kreditwirtschaft breit gestreut werden. Dass ohne solche Produkte das Wachstum der Wirtschaft viel geringer wäre.
Heute weiß man, dass die Risiken nur versteckt wurden. Dass diese Produkte vor allem ein Ziel hatten: einer kleinen Gruppe von Investmentbankern und Hedgefonds-Managern zu unvorstellbarem Reichtum zu verhelfen - und das auf Kosten der Allgemeinheit, die jetzt für die Exzesse der Banken bezahlen muss.
Der Hedgefonds-Manager Paulson profitierte davon wie kaum ein anderer. Er verdiente im Jahr 2007, als der Markt zusammenbrach, persönlich 3,7 Milliarden Dollar. Damit Paulsons Rechnung bei Abacus aufging, brauchte es eine Auswahl möglichst ausfallgefährderter Hypothekenpapiere und Investoren, die an einen weiteren Anstieg der Immobilienpreise glaubten.
Die Hedgefonds-Manager überließen nichts dem Zufall. Sie schlugen Goldman über 100 Hypothekenpapiere vor, die in ihren Augen bald ausfallen würden. Eine richtige Giftmüllhalde kam da zusammen. Schon damals schaffte kaum ein Papier eine Ratingnote im A-Bereich, die meisten lagen bei BBB oder gar der letzten Stufe vor dem Ramschstatus: BBB-.
Mit dem Management des CDO-Pakets beauftragte Goldman die Finanzfirma ACA. Diese habe weniger als die Hälfte der Paulson-Vorschläge als Basis für den Abacus-Korb ausgewählt, sagt die Bank in einer Stellungnahme zu den Vorwürfen der Börsenaufsicht.
Doch glaubte ACA, dass Paulson auf eine Wertsteigerung des Produkts setzte? Das behauptet die SEC. Oder wusste die Finanzfirma, dass der Hedgefonds-Manager vorhatte, gegen das Produkt zu spekulieren? Das behauptet ein ehemaliger Mitarbeiter Paulsons.
Die Käufer der Produkte wussten es jedenfalls nicht: Von Paulsons Mitarbeit und seiner Wette auf den Immobiliencrash fehlte in den offiziellen Dokumenten jede Spur.
Die Rhineland Funding der IKB kaufte ahnungslos und saß fortan in der Falle. Wenige Monate später korrigierten die Rating-Agenturen die Noten für über 80 Prozent des Abacus-Portfolios krass nach unten, Anfang 2008 sogar 99 Prozent. Die Investoren verloren "über eine Milliarde Dollar", schreibt die SEC. Auf der anderen Seite des CDS-Geschäfts kassierte Paulson "rund eine Milliarde Dollar".
Goldman hat bei dem Geschäft nach eigenen Angaben selbst 75 Millionen Dollar verloren und bestreitet den Vorwurf des Betrugs. Es sei gängige Praxis, die Gegenseite eines Geschäfts nicht bekanntzugeben. Außerdem seien die Käufer erfahrene Banker gewesen.
Doch warum fanden sich dann solche Schrottpapiere ausgerechnet bei der IKB und bei den deutschen Landesbanken überproportional in den Büchern? Es sei "völlig absurd zu glauben, dass die Mitarbeiter der IKB kompetente Geschäftspartner von Goldman oder der Deutschen Bank waren", versichert ein hochrangiger Bankmanager in Frankfurt, "und jeder weiß das".
Der politische Schaden für Goldman ist jetzt schon enorm, der finanzielle dürfte folgen. Weltweit gehen Politiker auf Distanz zu der Investmentbank. Der britische Premierminister Gordon Brown spricht schon vom "moralischen Bankrott" der Branche. "Die Bundesregierung sollte bis zur endgültigen Klärung der Vorwürfe ihre Geschäfte mit Goldman Sachs auf Eis legen", fordert der Fraktionsvize der Grünen, Fritz Kuhn. Die Regierung sollte zudem "die Beziehungen zu anderen Geschäftspartnern nach den gleichen Kriterien überprüfen".
Eine Investmentbank kann sich einiges leisten, Milliardengewinne mitten in der von ihr mitverursachten Krise, horrende Boni, vielleicht auch manches fragwürdige Geschäft - aber nicht den Ruf, ihre Kunden zu betrügen. Schon halten sich viele Geschäftspartner mit Aufträgen zurück, bis die Vorwürfe geklärt sind. Die BayernLB hat sogar schon ein Beratungsmandat mit der Bank gekappt.
Aber werden sich die Vorwürfe jemals beweisen lassen? Ist der Abacus-Fall tatsächlich jene "smoking gun", der noch rauchende Colt in der Hand des Killers, auf den alle gewartet haben, die die Banker wegen der Finanzkrise vor Gericht bringen wollen? Oder ist sie nur eine "Wasserpistole", wie das "Wall Street Journal" spottet?
Auf jeden Fall ist er ein Beleg für den Sittenverfall der Bankenbranche in den Zeiten der Gier, in der mit Schrottpapieren Milliardengewinne erzielt wurden, in denen Banken sich mit Hedgefonds einließen und selbst wie Hedgefonds agierten.
Viele Kunden fühlen sich deshalb als Opfer der Investmentbanker. Stefan Ortseifen zum Beispiel, der frühere Chef der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB, die mit globalen Zockerpapieren hoch hinauswollte und am Ende Milliarden verbrannte. Abacus und Goldman Sachs spielen dabei eine Rolle, aber auch die Deutsche Bank mischte mit.
Seit Mitte März steht Ortseifen vor Gericht. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue und Kursmanipulation vor, weil er wenige Tage vor der Fastpleite der Bank im Juli 2007 deren Probleme kleingeredet hatte. Seit den SEC-Ermittlungen gegen die Investmentbanken spüren seine Anwälte Rückenwind und wollen unter anderem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann als Zeugen vorladen.
Die IKB und die von ihr abhängige Zweckgesellschaft Rhineland Funding gehörten zu den besten Kunden von Investmentbanken, die amerikanische Hypothekenpapiere verbrieften. IKB und Rhineland Funding hatten solche strukturierten Wertpapiere von rund 20 Milliarden Euro angesammelt.
Am 19. Juli 2007 warnte US-Notenbankpräsident Ben Bernanke eindringlich vor den Ausfallrisiken auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, einen Tag später ließ Ortseifen in einer Pressemitteilung verbreiten, alles sei in Ordnung.
Die Banken, die ihnen die Papiere verkauft, selbst aber bereits seit vielen Monaten auf einen Zusammenbruch des Marktes gewettet hatten, wussten es besser. Als Erstes zog, so Ortseifen in dem Prozess, Goldman die Konsequenzen.
Am 25. Juli meldete sich ein aufgeregter Leiter der IKB-Finanzabteilung bei Ortseifen am Autotelefon. Goldman wolle für die Bank keine Kurzfristanleihen mehr am Markt platzieren. Damit hatte die IKB, die viele ihrer langfristig laufenden Immobilienspekulationen kurzfristig finanziert hatte, ein Riesenproblem.
Doch da war ja noch die Deutsche Bank. "Wir haben große Teile des Kapitalmarktgeschäfts über sie abgewickelt. Bei der Verbriefung war die Deutsche Bank in die Mehrzahl der Emissionen eingeschaltet", schildert Ortseifen die Abhängigkeiten vor Gericht. Er hoffte darauf, dass die Bank die IKB schon nicht hängenlassen würde.
Das war ein Irrtum. Am 27. Juli, gegen 10.45 Uhr, wollte ein IKB-Händler bei seinem Pendant bei der Deutschen Bank den aktuellen Preis für ein Geschäft erfragen. "Die Deutsche Bank hat alle Handelslinien mit der IKB gestrichen", sagte der lapidar.
Nach "diesem Fanal", so Ortseifen, hatte die IKB keine Chance mehr. Zwei Stunden später musste er bei der Bankaufsicht BaFin anrufen, um die Schieflage seiner Bank mitzuteilen. BaFin-Präsident Jochen Sanio sagte ihm, dass sich kurz zuvor Deutsche-Bank-Chef Ackermann mit der gleichen Botschaft an ihn gewandt habe. Am Wochenende darauf trat Ortseifen zurück, der Staatsfinanzierer und IKB-Großaktionär KfW musste mit mehreren Milliarden Euro beispringen, um die Düsseldorfer Bank zu retten.
Am liebsten würde Ortseifen die ganze Schuld an seinem Untergang vor allem der Deutschen Bank in die Schuhe schieben. Das ist weit hergeholt. Schließlich waren es die IKB-Manager unter seiner Führung, die in immer neue Verbriefungen von Hypothekenpapieren investierten. Und sie waren es auch, die die langfristigen Kreditpakete mit einer abenteuerlich kurzfristigen Finanzierung verknüpften.
Doch neue Unterlagen belegen, wie sehr Investmentbanken ihren Informationsvorsprung zu Lasten ihrer Kunden ausnutzten - nicht nur im Fall Abacus. Wann sie wessen Interessen vertraten, machten sie Kunden wie der IKB nicht transparent.
Ähnlich wie Goldman arbeitete auch die Deutsche Bank mit genau dem Paulson zusammen, der auf einen Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes wettete. Dieser konnte Immobilienrisiken, die er für besonders konkursreif hielt, für die Portefeuilles der Deutschen Bank vorschlagen. Zuweilen investierte er in den Fonds, dann wettete er darauf, dass der in Schwierigkeiten geraten würde. Auch die Deutsche Bank brachte US-Immobilienrisiken in die Finanzkonstrukte ein, die ihnen selbst zu riskant waren.
Zur Rechtfertigung heißt es bei der Deutschen Bank, dass sie wie bei einem Aktiengeschäft nur einen Käufer und einen Verkäufer gesucht hat. Ein ganz normales Geschäft, so wird suggeriert. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Bank diese neuartigen Finanzkonstrukte mit Hilfe von Hedgefonds gebaut hatte, die auf hohe Ausfälle in diesen sogenannten CDOs setzten.
Musste die Deutsche Bank ihren Kunden in Deutschland sagen, auf welch mächtigen Gegenspieler sie in den USA trafen? Das sei nicht üblich gewesen, wird Kritikern dieser Praxis entgegengehalten. Die Kunden seien auch nicht getäuscht worden, sagt die Deutsche Bank. Die Aufseher in den USA und in Deutschland hätten die Deals untersucht und bisher nichts beanstandet.
Seit die SEC Goldman genau einen solchen Betrug vorwirft, werden auch bei der Deutschen Bank noch einmal alle E-Mails und Bankunterlagen durchsucht. Es gibt wie auch bei vielen anderen Investmentbanken, etwa der UBS oder Merrill Lynch, eine Menge Klärungsbedarf.
Bei über einem Dutzend CDOs der Deutschen Bank waren Hedgefonds als Investoren beteiligt. Neben Paulson hatte die Deutsche Bank eine Reihe anderer Partner aus der Branche.
Einer davon war der besonders aggressive US-Hedgefonds Magnetar, der 2005 gegründet wurde und bis 2007 insgesamt etwa 30 Kreditpakete mit verschiedenen Investmentbanken zusammenstellte. Wie Paulson übernahm der Fonds scheinbar selbstlos die größten Ausfallrisiken, wettete dann aber mit einem größeren Teil seiner Gelder auf eine Pleite der CDOs.
Mit durchschlagendem Erfolg: Ende 2008 waren fast alle Magnetar-Deals illiquide. Der Hedgefonds selbst wies 2007 eine Rendite von 25 Prozent aus, weil seine Wetten großteils aufgingen.
Die erste Magnetar-CDO trug den Namen des Sternbildes Orion, sie wurde von der französischen Bank Calyon aufgelegt. Offiziell taucht die Deutsche Bank gar nicht auf, doch im Hintergrund haben Mitglieder eines internen Hedgefonds der Bank zusammen mit Magnetar besonders riskante Immobilienpapiere zusammengestellt und dann gemeinsam auf hohe Ausfälle bei Orion spekuliert.
Einer der Investoren, die mit einer stabilen Zinszahlung von Orion und nicht mit deren baldiger Pleite rechneten, war die Düsseldorfer IKB. Die Deutsche Bank wollte dazu nicht Stellung nehmen.
Unbestritten ist, dass einer der Manager der Deutschen Bank bald nach dem erfolgreichen Geschäft bei Magnetar anheuerte. Solche Wechsel waren und sind durchaus üblich. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Greg Lippmann, der US-Chef des strukturierten Wertpapiergeschäfts bei der Deutschen Bank, zu einem Hedgefonds geht. Deutsche-Bank-Chef Ackermann hat die Spekulation seiner Händler mit dem Geld der Bank nach der Finanzkrise deutlich eingeschränkt.
Unbestritten ist auch, dass die Deutsche Bank allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2007 rund 100 Millionen Euro damit verdiente, dass sie in den USA mit Hilfe von Derivaten auf den Zusammenbruch des Marktes für besonders riskante Immobilienkredite spekulierte. Also genau zu dem Zeitpunkt, als manche Landesbank und auch die IKB noch in den USA mit Hilfe der Deutschen Bank auf einen Aufschwung des US-Immobilienmarktes setzte.
War dies ein Verrat am Kunden? Die Deutsche Bank kann belegen, dass ihr Analyst Eugene Xu bereits im August 2005 öffentlich vor Problemen des US-Marktes für wenig besicherte Hypotheken gewarnt hatte. Sie habe auch gegenüber ihren Kunden kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie den Immobilienmarkt in den USA ab dem Jahr 2006 sehr kritisch sah.
Dass die hartgesottenen Verkäufer der CDOs auf alle Risiken hingewiesen haben, ist allerdings wenig wahrscheinlich. Immerhin: Dass für die Finanzprodukte mit Hilfe der Hedgefonds oft besonders riskante Papiere ausgesucht wurden, konnten die Kunden in den Prospekten nachlesen.
Was Greg Lippmann, damals noch als CDO-Händler bei der Deutschen Bank beschäftigt, über die Käufer der Papiere dachte, beschreibt der US-Finanzjournalist Michael Lewis in seinem neuesten Buch "The Big Short". Der Autor schildert einen Dialog zwischen Lippmann, der schon lange vor der Finanzkrise an einen Zusammenbruch des Marktes glaubte, und zwei Hedgefonds-Managern. Die beiden fragen nach seinen Kunden. "Wer ist auf der anderen Seite?", wollen sie wissen. "Wer ist der Idiot?"
Und Lippmann antwortet: "Düsseldorf. Blöde Deutsche. Sie nehmen die Rating-Agenturen ernst. Sie glauben an die Regeln."
So ging es zu in der Branche, die für die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression im vorigen Jahrhundert verantwortlich ist. Und so etwas soll es nie wieder geben - wenn es nach dem Willen vieler Politiker geht.
Vergangenen Donnerstag begannen die Diskussionen im US-Senat über einen Gesetzesentwurf, der unter anderem den Handel mit Derivaten wie CDOs erheblich einschränken und unter Aufsicht durch Regulierungsbehörden stellen soll. Zudem sollen Finanzinstitutionen, die hochkomplexe Wertpapiere verkaufen, künftig einen Teil selbst behalten, um somit ein Eigeninteresse an deren Qualität zu haben.
"Mit unserem Gesetz wäre so etwas verhindert worden", betonte der demokratische Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat, Chris Dodd, mit Bezug auf die Vorwürfe gegen Goldman.
Republikaner und Demokraten streiten schon seit Monaten über neue Finanzmarktgesetze, heftig bedrängt dabei von zahllosen Wall-Street-Lobbyisten, die schärfere Regeln mit allen Mitteln verhindern wollen. Um bis zu mehrere Milliarden Dollar würde das Wertpapiergeschäft seiner Bank einbrechen, falls die Reform so kommt, klagte etwa Jamie Dimon, Chef von JPMorgan Chase, vergangene Woche.
Lange sah es so aus, als würde die Wall Street den Machtkampf mit Washington gewinnen, als hätte die Lobby-Offensive den in der US-Politik längst gewohnten Effekt: Gesetzesentwürfe werden insbesondere in den letzten Wochen vor der Verabschiedung erheblich aufgeweicht.
Doch dieses Mal scheint zur Verwunderung vieler Beobachter und zum Entsetzen der Wall Street das Gegenteil der Fall: Die Vorschläge werden immer schärfer.
Auch die traditionell Wall-Street-nahen Republikaner geben angesichts des Wirbels um die Goldman-Klage ihren bisher heftigen Widerstand gegen die Finanzmarktreform offenbar auf. Bislang hatten sie sich fast geschlossen gegen die Reformbemühungen der Demokraten und des Präsidenten gestemmt. Nun aber soll es doch einen "überparteilichen Gesetzesentwurf" geben, verkündete der republikanische Senator Richard Shelby.
Falls es so kommt, hat die SEC ihren Kampf gegen Goldman schon gewonnen - auch wenn sie vor Gericht unterliegen sollte.
(*1) Am vergangenen Donnerstag.
Von Beat Balzli, Armin Mahler, Christoph Pauly, Wolfgang Reuter und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 17/2010
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