05.10.1998

FRIEDENSPREIS: Spiel mir den Walser-Blues

Der Schriftsteller Thomas Hürlimann über den diesjährigen Friedenspreisträger Martin Walser
In der Klosterschule, wo ich Zögling war, wurden gewisse Bücher im Verborgenen hoch gehandelt. Man lieh sie eine Nacht lang aus, meist für einen horrenden Preis: "Es muß nicht immer Kaviar sein" von Johannes Mario Simmel kostete einen Franken zwanzig, und dem Maturanden, der mir bis zum nächsten Morgen "Das Einhorn" von Martin Walser überließ, mußte ich eins achtzig blechen. Dann lag man, während der Schlafsaal zu schnarchen begann, mit einer verglimmenden Taschenlampe unter der Decke und las nicht, nein, man suchte die tagsüber beflüsterten Stellen. Aber seltsam, dieses "Einhorn" nahm mich mit, trug mich fort, Musik war''s, ein Blues, eine Flut, düster und heiter zugleich, komisch und tragisch. Und die "Stellen"? Die gab es, gewiß, das wirklich Anstoßerregende jedoch waren für mich die eingestreuten Augustinus-Zitate, die Walser dem elften Buch der "Bekenntnisse" entnommen hat - sie handeln von der Zeit, über die wir nicht verfügen können.
Anselm Kristlein, ehemals Werber, ist Schriftsteller geworden. Ohne die Frauen richtig zu kennen, möchte er einen Roman über die Liebe schreiben und gerät dabei, im Wortsinn, zwischen die Zeiten. Das Vergangene, wird ihm bewußt, ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und für die Gegenwart, weiß er von Augustinus, "bleibt kein Raum". Zwischen etwas, das war, und etwas, das sein wird, hängt der Mensch im Nichts, im Zeitloch - und wer, wie Augustinus, wie Walser, wie sein Anselm, wahrheitsgemäß das Vergangene erzählen will, holt aus der Erinnerung nicht die Dinge selbst hervor, sondern nur ihre Worte, Sätze, Bilder, Bedeutungen.
Anselm, von einer flotten Verlegerin angetrieben, schreibt sie auf, meint sich selber und seine Erlebnisse festhalten zu können, und hoppla - jetzt kommt er erst recht ins Rutschen, ins Stolpern. Denn seinen Erinnerungen lernt Anselm zu mißtrauen, und die Sätze, die einen lebendigen Ro-
Hürlimann, 47, lebt bei Einsiedeln im Kanton Schwyz; zuletzt erschien von ihm der Roman "Der große Kater", Ammann Verlag, Zürich.
man ergeben sollen, gefrieren auf dem Papier zu einer toten Masse. Anselm begreift: Nur die Zeit, die vorübergeht, können wir messen. Aber wie soll das gehen - wie kann man den Augenblick gleichzeitig verstreichen lassen und in einem Satz auf den Punkt bringen? Ein Ding der Unmöglichkeit!
Sicher, damals habe ich Anselms Problem nicht kapiert, im Blues jedoch, der mich über die Seiten und durch die Nacht trug, hörte ich die Stimme meiner Seele. Auf dieser Welt hängen wir durch, Gegenwart gibt es nicht, nicht einmal in der Liebe, aber siehe da: Es gab den Blues, diesen Walser-Blues, und er vermochte das Zeitloch, das er inhaltlich aufriß, mit seinen Tönen zu füllen.
Martin Walsers Figuren sind oft unterwegs, auf der Jagd, in der Fremde, und wenn er einen mal ankommen läßt, wie zum Beispiel Hans Beumann in Philippsburg, verschlägt es den in eine Ehe, die ihn vollständig von sich entfremdet. Ein Aufstieg als Absturz. Je mehr er ankommt, desto größer wird seine Leere.
Alfred Dorn, der Hauptfigur in der "Verteidigung der Kindheit", geht es ähnlich. Äußerlich kommt der Mann voran, besteht sein Examen, wird Oberregierungsrat, innen jedoch, wo er eine Seele haben möchte, eine Heimat, wächst der Abgrund. Um überleben zu können, muß er ihn füllen. Er beginnt, alles von Alfred Dorn und dessen Kindheit, die im Bombenangriff auf Dresden verbrannte, zu sammeln. "Man hat sich, wenn zwischen 100 000 und 200 000 Menschen getötet werden, nicht über zwei Dutzend Fotoalben und drei Filme zu beklagen" - das weiß er wohl. "Aber Alfred Dorn wollte die Bilder trotzdem zurückhaben." Also baut er ein Museum.
Jede Ansichtskarte, die er schreibt, schreibt er, um sie ablegen zu können, im Doppel, jedes Telefonat wird registriert, jede Begegnung festgehalten, zum Schluß jedoch, nach aberwitzigen Recherchen, stirbt Alfred Dorn, "dieser fast grotesk ordentliche Mensch, der nichts verlorengehen lassen konnte, was zum Verständnis seiner Person auch nur im geringsten hätte beitragen können", ohne Testament. Die Sammlung, die ihn bewahren sollte, hebt sich im Sinnlosen auf. Staubiger Abfall. Tote Zeit. Für all diese Dinge, die den Bezug zu ihrem Sammler verloren haben, gibt es nicht einmal Worte, schon gar keine Sätze, auch nicht im Buch - es endet, ohne daß der Leser erfährt, was mit dem Plunder geschieht.
Natürlich geht es in diesem Roman auch um Politik, um Geschichte. Dorns Abgrund entsteht aus der deutschen Vergangenheit. Aber wie jedes große Buch - und "Die Verteidigung der Kindheit" ist ein Jahrhundertbuch! - erzählt es vom Kampf mit der Zeit, für die Liebe, gegen den Tod. Dieser Mann mit Eigenschaften, der, aus dem Westen kommend, im Osten Mutters Bettvorleger sucht, ist auf unserer "Mißerfolgswelt" ein "Daueremigrant". Zwischen zwei Staaten, jenseits der Liebe, "wie nah ist New York, und wie weit ist Frau Glaubrecht". Die sitzt im Nebenzimmer, versteht sich, Alfred jedoch, der Museumsbauer, "kann nichts tun, das Entfernungswachstum zu stoppen". Er sinkt immer tiefer. Nichts läßt sich festhalten. Nur wenn sie vorübergeht, die verfluchte Zeit, können wir sie messen.
Eines Tages habe ich Martin Walser besucht. Zuerst war ich überrascht. Der Dichter, der seine Figuren zwischen gestern und dem Tod ins Nichts fallen läßt, thronte inmitten seiner Familie bei Kaffee und Kuchen. Drei Töchter, alle im Bikini, erinnerten mich an die junge Liz Taylor, und der schönen Frau Walser schien es absichtslos zu gelingen, sämtliche Sätze, die ihr Mann über Paare geschrieben hatte, zu widerlegen.
Ein reines Idyll. "Das Seehaus. Der Seehausbesitzer." So steht es, voller Hohn, im "Einhorn". "Und wer schützt Sie, Herr Blomich, vor der Gewalt so eines Besitztums?" Als es Abend wurde, sangen die Taylor-Sisters unten am Ufer einen Kanon, "und das Licht, das an ihnen schon vorbei war, kriegten sie vom Wasser noch einmal zurück". Mir hatten sie eine Badehose gegeben, die Uwe Johnson vor Jahren zurückgelassen hatte. Um ein paar Nummern zu groß, verschloß sie mir den Mund. Aber was hätte ich sagen können? Der seehausbesitzende Familienvater paßte nicht zum Bild, das ich in meinem Walser-Museum aufgestellt hatte.
Und dann, plötzlich, ein Telefon. Tochter Johanna war hängengeblieben, irgendwo zwischen Ulm und Singen, und stand jetzt auf einem dieser Bahnhöfe, an denen die Züge vorbeifahren. Da wurde der große Mann seltsam unsicher. Blätterte im Fahrplan, rechnete, fluchte, fand Lösungen, verwarf sie, und auf einmal hatte ich meinen Walser gefunden. Er war beim Blättern alt geworden. Kein König mehr, sondern ein Lochbewohner, der ganz unten ist, und von dort aus - als habe es ihn auf einen umgekehrten Gipfel verschlagen - das Nichts überblickt. "Mich verändert alles", hatte er geschrieben. "Ich verändere nichts."
O doch. Mich und viele seiner Leserinnen und Leser hat Martin Walser verändert. Mit seinen Dorns und Anselms und Beumanns sind wir immer wieder abgereist, immer wieder abgestürzt, selten angekommen, nie am Ziel, aber ein wenig, vermute ich, ging es uns allen wie dem jungen Johann im eben erschienenen Roman. Er hörte eines Tages den Ton, den Blues, und dieser Blues ist für Johann "ein springender Brunnen". Der Ton sprudelt aus dem Loch. Er füllt es aus.
Und so sind wir zwischen der dunklen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft für eine Weile daheim. Für eine Weile geborgen. Wie damals, im Schlafsaal, als ich mit Anselm und seinen Schönen unter der Decke lag: im Gegenwartsloch. Aber im Walser-Blues. Fiebernd vor Glück.
Hürlimann, 47, lebt bei Einsiedeln im Kanton Schwyz; zuletzt erschien von ihm der Roman "Der große Kater", Ammann Verlag, Zürich.
Von Thomas Hürlimann

DER SPIEGEL 41/1998
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