03.05.2010

FDPDer bessere Guido

Seit seiner Wahl zum Generalsekretär ist Christian Lindner der Liebling der FDP. Viele Liberale wünschen sich ihn als nächsten Vorsitzenden - sie wollen endlich einen Chef zum Gernhaben.
Er hört das jetzt oft, egal wo er hinkommt. "Christian Lindner ist ein Überflieger", sagt der Moderator und zitiert Schlagworte aus der Presse: Blitzkarriere, fast immer der Jüngste, neuer Star der FDP. Lindner, 31, Generalsekretär seiner Partei, hört sich das lächelnd an. Dieser Teil ist noch nicht schwierig für ihn.
Lindner ist zu Gast bei der Industrie- und Handelskammer in Remscheid und soll zu ein paar Dutzend Jungunternehmern sprechen. Sie sitzen auf samtbezogenen Wirtschaftswundersesseln, es riecht nach alter Holzvertäfelung, nach gediegenem deutschem Mittelstand, dem Hort der FDP. Noch immer redet der Moderator, und nun kommt der Satz, der schwierig ist für Lindner: "Glückwunsch zum Parteivorsitz, hätte ich beinah gesagt, aber das kommt dann ja später."
Es ist der Satz, den derzeit viele denken, auch in der FDP. Christian Lindner könnte eines fernen oder auch nahen
Tages Guido Westerwelle ablösen. Er ist dessen loyaler Generalsekretär, aber wenn noch oft solche Sätze fallen, ist er bald dessen Konkurrent.
Denn jetzt gibt es eine Situation, die es in der FDP lange nicht gegeben hat: In der Partei wächst das Gefühl, dass sie eine Alternative hat zu Westerwelle, und das ist gefährlich für ihn. Denn die Liberalen haben ihn nie geliebt, sie haben ihn ertragen, solange er erfolgreich war und solange es keine Alternative gab. Nun gibt es Lindner. Für viele in der FDP ist er der bessere Guido.
Die 14,6 Prozent bei der Bundestagswahl waren eine Riesenerfolg für Westerwelle, aber von diesem Gipfel kann es nur noch abwärtsgehen, demnächst schon bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Die FDP liegt in den Umfragen bei acht Prozent, auch im Bund sieht es nicht viel besser aus.
Zudem wächst die Unzufriedenheit mit Guido Westerwelle, seitdem er in Berlin regiert. Viele murren, er könne auf Dauer nicht dem Amt des Außenministers und des Parteichefs gerecht werden. Vor der Landtagswahl will kein Liberaler öffentlich die Führungsdebatte anzetteln. "Aber wenn die FDP verliert, wächst der Druck auf Westerwelle, den Parteivorsitz abzugeben", sagt ein Staatssekretär, der zur FDP gehört.
Auf dem Parteitag in Köln am vorvergangenen Wochenende haben sie Lindner so gefeiert, dass es fast ein Affront war gegen Westerwelle.
Als die FDP Guido Westerwelle 1994 das erste Mal zum Generalsekretär wählte, bekam er 79 Prozent. Lindner bekommt in Köln 95,6 Prozent. Danach hält er ohne Manuskript eine Grundsatzrede, er spricht von einer neuen sozialen Marktwirtschaft und vom "mitfühlenden Liberalismus". Nach der Rede bricht Jubel aus, die Spitzenliberalen stürmen zu Lindner und herzen ihn wie einen Talisman.
Am nächsten Tag spricht Westerwelle. So viele Angriffe habe es in letzter Zeit gegen ihn gegeben, "aber die FDP hat Solidarität gezeigt, das vergesse ich Ihnen nie". Er greift sich ans Herz, er scheint mit den Tränen zu kämpfen. Es ist eine dieser übergroßen Westerwelle-Gesten, die mehr befremden als anziehen.
Die Spitzenliberalen erheben sich brav und klatschen, aber lange geht niemand zu ihm, alle verharren am Rand der Bühne. Im Beifall bleibt er allein, und sichtbar wird die Distanz, die es immer zu ihm gab. Er ist der Vorsitzende, der nicht wirklich dazugehört. Deshalb sehnt sich die FDP nach einem wie Lindner.
Er könnte die Partei überzeugen. Westerwelle hat sie immer nur verführt. Verführt zu einem Spaßkurs, verführt zu einem Flirt mit dem Rechtspopulismus, zu dem sich Westerwelle selbst von Jürgen W. Möllemann hatte verführen lassen, verführt zu einer Verengung auf den Neoliberalismus, bei Abkehr von alten Stärken im Bereich der Bürgerrechte. Da kommt einer wie Lindner gerade recht, der die Partei wieder breiter aufstellen möchte.
Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen, Christian Lindner sitzt im Fond einer BMW-Limousine und bespricht am iPhone die nächsten Wochen. "Mach mal ein paar Termine mit Unternehmen", sagt Lindner zu seiner Mitarbeiterin, "aber ich will da nicht mit Managern reden, die wollen immer nur dasselbe, Steuern runter. Lieber Termine mit Arbeitern, da, wo's weh tut."
Der BMW hält in Straelen, Lindner besucht eine Hauptschule. Im Gespräch mit dem Direktor hört er aufmerksam zu und fragt viel. Er will Belege liefern für seine Botschaft, die FDP dürfe nicht nur niedrigere Steuern fordern, es müsse mehr um Bildung, Bürgerrechte und Soziales gehen, um einen "ganzheitlichen Liberalismus".
Vor einem Jahr brachte Lindner zusammen mit dem jetzigen Gesundheitsminister Philipp Rösler ein Buch heraus, "Liberale Beiträge zu einer Wertediskussion". 2012 will er ein neues FDP-Programm vorlegen und das intensiv mit der Basis diskutieren.
In seinem Buch schreibt er, dass es im Liberalismus auch um "qualitative Freiheit" gehen müsse, um Nachhaltigkeit, Teilhabe, Heimat. Das sind nicht gerade Begriffe, die man mit Westerwelle verbindet.
Im März, nachdem der Vorsitzende gerade gegen die "spätrömische Dekadenz" gewettert hatte, lud Lindner zu einem Symposium über liberale Sozialpolitik. Zum Sozialstaat sagte er: "Wir sind zurecht stolz darauf." Das alles soll das Bild von der Steuerpartei FDP korrigieren.
Westerwelle war immer ein Solitär, er kämpfte sich allein nach oben, und die Jahre an der Spitze ließen ihn noch mehr verinseln. Er sei für die Partei nicht mehr erreichbar, klagen manche Liberale, "beratungsresistent" ist ein Wort, das häufig fällt. "Der Lindner ist da anders", schwärmt ein Vorstandsmitglied, er sei offener für Kritik, zugänglicher, lernfähiger.
Ähnlich wie Westerwelle ist Lindner rasch in der Partei nach oben geschnellt. Mit 15 wird er Jungliberaler, mit 21 FDP-Landtagsabgeordneter von Nordrhein-Westfalen, mit 25 Landesgeneralsekre-tär, mit 30 Bundestagsmitglied und mit 31 der jüngste Generalsekretär, den die Bundes-FDP je hatte, selbst Westerwelle war älter.
Anders als der hat Lindner ein Netzwerk. In der Bundestagsfraktion gibt es seit der Wahl viele Junge wie Lindner, einige nennt er Freunde, den früheren Juli-Chef Johannes Vogel zum Beispiel und den Abgeordneten Marco Buschmann. Alle Jungen sagen, dass Lindner wirklich für eine andere FDP stehe als Westerwelle, für ein breiteres Programm, ein sozialeres Bild.
Die Pointe ist, dass Lindner auch wegen Westerwelle FDP-Mitglied wurde. Der war 1994 Generalsekretär der Partei geworden und stand für einen Aufbruch. Lindner sah zu ihm auf, er nannte sich und seine Altersgenossen "Westerwelles Prätorianer", so hießen im alten Rom die Leibwächter des Kaisers.
Bald fing Lindner an, seinen Kaiser zu kopieren, er trat in feinen Anzügen auf und kupferte Westerwelles Reden ab. Im Landtag in Düsseldorf belächelten sie ihn dafür. Noch heute erinnert Lindner in Gesten und Tonfall an Westerwelle, er kann sehr scharf und überheblich klingen, auch dem Populismus ist er nicht abgeneigt.
"Der Staat ist ein teurer Schwächling" ist so ein populistischer Satz. Lindner sagte ihn im Januar in einem Zeitungsinterview. Es war ein Satz für den egoistischen Teil der Mittelschicht, die im Staat nur den Ausbeuter sieht, und er weckt Zweifel, ob es Lindner ernst meint damit, seiner Partei wirklich ein soziales Standbein zu geben. Es ist aus vielen Gründen ein fataler Satz, aber aus Lindners Mund klangen die Worte auch noch doppelzüngig. Er selbst hat vom Staat mehr als andere profitiert.
Als Politikstudent gründete Lindner im Jahr 2000 mit zwei Partnern die Firma Moomax GmbH, sie wollten anderen Firmen sogenannte Avatare verkaufen, kleine Figuren, die Einkäufe im Internet erleichtern sollten. Über eine Wagniskapitalgesellschaft bekam die Firma rund eine Million Euro staatliche Gelder aus dem Topf der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Lindner verdiente offenbar gut damals, zum Campus fuhr er mit seinem Porsche. Dann brach der Neue Markt zusammen, Lindners Firma ging pleite, die Million von der KfW war verbrannt.
Lindner wird an diese Zeit nicht gern erinnert, sie ist ein unschöner Fleck auf seiner Erfolgsbiografie. Nach dem Firmenbankrott blieb ihm die Partei, einen anderen Platz sieht er nicht für sich. Er ist kein Philipp Rösler, der mit 45 aussteigen will. Lindner ist eher wie Guido Westerwelle - Politik als Lebensaufgabe.
Noch steht Lindner zu seinem Parteichef wie ein treuer Prätorianer, aber ihr Verhältnis ändert sich langsam. Inzwischen ist es Westerwelle, der etwas vom Glanz des anderen abbekommen möchte. "Wer Verantwortung trägt, macht nicht alles richtig", rief er auf dem Parteitag und meinte das selbstkritisch. "Hätte ich gewusst, was für einen brillanten Generalsekretär wir kriegen, hätte ich ihn schon früher vorgeschlagen." Dann drehte er sich zu Lindner, der hinten auf der Bühne saß. Westerwelle heischte nach seiner Zuneigung, die Zuschauer jubelten Lindner zu, aber der grinste bloß betreten.
Auf die Frage, wann er denn Parteivorsitzender werden wolle, macht Lindner eine abwehrende Handbewegung. Er will nicht der sein, der den Kaiser vom Thron stürzt, obwohl es in der Geschichte oft Leibwächter waren, die sich ihrer Chefs entledigt haben. Er sei überglücklich in seinem jetzigen Amt, sagt Lindner.
In manchen Momenten ist ihm anzumerken, dass die Erwartungen seiner Partei ihn auch belasten, dass er bei allem Ehrgeiz den Druck einer Verantwortung spürt, die er sich jetzt noch nicht zutraut.
Rex-Theater Wuppertal, ein Wahlkampfauftritt mit dem FDP-Spitzenkandidaten Andreas Pinkwart. Im Foyer trifft Lindner einen alten Schulfreund, der ihm heute Abend zujubeln möchte. "Glückwunsch, du machst das alles super", sagt der Schulfreund, aber Lindner strahlt nicht, er schüttelt den Kopf. "Alles surreal", sagt er und verzieht das Gesicht.
(*1) Mit Parteichef Guido Westerwelle am 24. April in Köln.
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 18/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FDP:
Der bessere Guido

Video 01:24

Gezeitenflut am Qiantang-Fluss Die perfekte, gefährliche Welle

  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste