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KOMMENTAR

Ein gerechter Krieg

Von Matussek, Matthias

Jüngst stand ich in den USA an einem American-Airlines-Schalter, gemeinsam mit ein paar US-Rekruten in Kampf-Camouflage, die an ihren Sammelpunkt flogen, als ein Geschäftsmann vorbeikam und ihnen zurief: "God bless you, boys." Einige der Soldaten lächelten. Einige waren sichtbar stolz. Einige taten lässig. Doch alle genossen sie diese flüchtige Zuwendung von einem, den sie nicht kannten, für den sie aber gleichwohl in den Krieg ziehen.

Da fiel mir ein, was in Deutschland fehlt. Die Deutschen sind eine kriegführende Nation, aber sie schauen verschämt zur Seite, als handle es sich um Pornografie. Würde einer von uns in Berlin-Tegel Soldaten zurufen: "Gott sei mit euch, Jungs"?

Noch vor nicht allzu langer Zeit gehörte Randale bei Rekrutengelöbnissen zur Routine. Lange gab es ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegenüber Soldaten. Die Idee von einem "gerechten Krieg" ist völlig abhandengekommen.

Aber es gibt ihn, den "bellum iustum", es gibt ihn seit der Antike, es gibt ihn in der christlichen Theologie, es gibt ihn auch im asymmetrischen Krieg gegen Killer-Kollektive ohne staatliche Souveränität.

Es gab den gerechten Krieg bereits im Kosovo-Konflikt, als eine rot-grüne Regierung mit ihrer pazifistischen Tradition brach und mithalf serbische Milizen und Militärs daran zu hindern, eine Volksgruppe "ethnisch zu säubern". Und es gibt ihn jetzt, am Hindukusch, wo es um ein Volk geht, das zur Geisel von religiösen Gangstern wurde, die Schulen abfackeln, Frauen steinigen, Teenager mit Koranversen zu Killern abrichten und ihre Waffen mit Drogengeldern finanzieren. Und die, wenn sie die Oberhand gewönnen, eine benachbarte Atommacht gefährlich destabilisieren und eventuell unter Kontrolle bringen könnten.

Deutsche Soldaten kämpfen an einem Brennpunkt der Weltgeschichte. Sie machen Fehler, die bedauerlich und tragisch sind. Aber auch das gilt: Sie sind moralisch alleingelassen, weil sie ohne Unterstützung kämpfen - 70 Prozent der Deutschen sind gegen diesen Krieg, den sie für eine schmutzige Sache halten.

Das ist zu wenig: für die kämpfenden Soldaten, für die Verbündeten, für die deutsche Politik. Jeder Soldat riskiert im Einsatz, getötet zu werden. Krieg ist kein Sozialdienst.

Dabei sind militärische Fortschritte gegen den bewaffneten Terror möglich, wie die Eliminierung von ranghohen Taliban in Pakistan und Afghanistan und von al-Qaida-Führern im Irak gezeigt haben.

In den Einwänden der Linken gegen den deutschen Einsatz in Afghanistan überlagern sich viele Argumente. Wer Krieg führe, töte "wahllos" Schuldige und Unschuldige. Doch Unrecht einfach geschehen zu lassen ist nicht weniger unmoralisch und widerspricht dem missionarischen Glutkern linker Politik.

Die Linke ging früher gegen das Unrecht in der ganzen Welt auf die Straße. Und hier empfiehlt sie Achselzucken? Ist ihr Antiamerikanismus so tief verwurzelt, dass sie die Menschenrechte fallenlassen, sobald ein paar Neokons neben ihnen auftauchen, die sie ebenfalls verteidigen wollen?

Geradezu absurd ist jenes andere Argument, hinter dem sich eine heterogene Gruppe von Schriftstellern jüngst versammelte: Der Kampf gegen die Taliban sei ein Kulturkrieg. Man müsse aufhören damit, die eigenen aufgeklärten Wertvorstellungen anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Ach ja? Dann sollte man also jedem Piraten, jedem Erpresser, jedem Mörder, der den Koran zitiert, die höheren Weihen einer unterdrückten Kultur angedeihen und ihn gewähren lassen?

Deutsche Soldaten stehen zu Recht in Afghanistan, an der Seite der Amerikaner, der afghanischen Armee, gerade weil es auch um Werte geht, die nicht verhandelbar sind. Allerdings sind wir dort auch um unserer eigenen Sicherheit willen. Der Terror, der in New York zugeschlagen hat, in Madrid und in London, kann auch uns treffen.

Es gilt, ihn dort zu bekämpfen, wo er bebrütet wird, und in dieser Frage hat die herkömmliche politische Farbenlehre längst ausgedient. Der eher linke Präsident Obama hat den Krieg von den Neokons geerbt und führt ihn weiter. Rausgehen ist keine Option.

Dass Deutschland in Afghanistan dabei ist, hat nicht das Geringste mit Hurra-Patriotismus oder gar Nationalismus zu tun, sondern mit einem fairen Beitrag innerhalb der internationalen Gemeinschaft.

Früher haben sich deutsche Regierungen mit dem Scheckbuch aus solchen Konflikten herausgekauft. Das geht nicht mehr, und deshalb haben die deutschen Soldaten Unterstützung verdient. Geben wir sie ihnen.


DER SPIEGEL 18/2010
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