DER SPIEGEL



DOKUMENTATION

Das perfekte Gefängnis

Die Regisseurin Corinna Wichmann, 40, über weltweite Wohngemeinschaften

SPIEGEL: Frau Wichmann, Sie haben für Ihren Film "Auf der sicheren Seite" sechs Jahre in "gated communities" recherchiert. Wann haben Sie das erste Mal von diesen bewachten Wohnsiedlungen gehört?

Wichmann: Das war in Buenos Aires. Ich saß im Taxi und sah eine riesige Anlage, von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Außen stand bewaffnetes Wachpersonal. Ich fragte den Taxifahrer, wie dieses Gefängnis heiße. Das sei kein Gefängnis, das sei ein Viertel für die Reichen der Stadt.

SPIEGEL: Sie stellen im Film drei Communities vor. Im indischen Bangalore, in Südafrika, in Las Vegas. Warum entscheiden sich Menschen für ein Leben hinter Gittern?

Wichmann: Das hat unterschiedliche Gründe. In Johannesburg ist es die Kriminalität, die Gewalt auf den Straßen. Die Menschen kaufen sich den Schutz mit der Immobilie einfach dazu.

SPIEGEL: Was erwartet ein reicher Inder von so einer Gated Community?

Wichmann: Westlichen Standard. Keine Stromausfälle. Der Straßenbelag ist perfekt, es gibt keine Mofafahrer. Sogar das Leitungswasser wird gefiltert.

SPIEGEL: Gewalt und Infrastruktur sind nicht das Problem in Las Vegas.

Wichmann: Diese Communities sind kontrollierte Orte. Man hat alles im Griff. Die Menschen sind oft leistungsorientiert, Tag für Tag funktionieren sie in ihrem Job, also wollen sie, dass auch ihre Umwelt funktioniert.

SPIEGEL: Wenn die reale Welt nicht perfekt ist, baut man sich eine eigene?

Wichmann: Ja. Alles ist sehr bequem. Der Golfclub ist um die Ecke, die Menschen, die man trifft, könnten mögliche Geschäftspartner sein. Die Restaurants arbeiten schnell, die Gärtner sorgen für eine perfekte Ästhetik. Ein Leben ohne Überraschung.

SPIEGEL: Der Verleih kündigt einen Film über die Zukunft der Städte an.

Wichmann: In den USA werden fast nur noch solche Siedlungen gebaut. Die Entrüstung über die Abschottung wird geringer. Immer mehr Menschen können sich vorstellen, so zu leben.

SPIEGEL: Was würde Sie sehr stören?

Wichmann: Das, was viele dort suchen. Die Kontrolle. In der Community in Las Vegas gibt es ein Regelwerk, dick wie ein Buch. Darin steht, welche Blumen die Bewohner anpflanzen dürfen. Es ist verboten, seinen Wagen auf der Straße zu parken.

SPIEGEL: Parken ist verboten?

Wichmann: Ein Bewohner der Community in Las Vegas wollte seinen Zweitwagen in der Einfahrt stehen lassen. Das durfte er nicht.

SPIEGEL: Muss der Mann jetzt den Wagen verkaufen?

Wichmann: Entweder das. Oder er parkt draußen. Vor der Community.


DER SPIEGEL 18/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 18/2010

Titelbild

E-Paper


Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr. Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

DOKUMENTATION:
Das perfekte Gefängnis

TOP



TOP