03.05.2010

GESUNDHEIT„Alles sehr schlicht“

Der Geschäftsführer der Parkinson-Vereinigung lässt sich mit Top-Gehalt, Riesenbüro und edlem Dienstwagen entlohnen. Die Industrie hilft der Patientenorganisation gern.
Vor wenigen Tagen schrieb die Vorsitzende der Deutschen Parkinson Vereinigung (dPV), Magdalene Kaminski, einen Brief an ihre 23 000 Mitglieder. Die Hoffnungen auf einen "finanziellen Aufschwung" hätten sich "leider nicht erfüllt". Deshalb bitte man die Kranken und ihre Angehörigen, "sich ein weiteres Mal solidarisch zu zeigen". Ihr Hauptanliegen: "Können wir erneut mit Ihrer finanziellen Unterstützung rechnen?"
Kaminskis Bettelbrief verwundert, denn die dPV gehört mit Einnahmen von zwei Millionen Euro im Jahr nicht gerade zu den armen Selbsthilfeverbänden, die mittlerweile bundesweit über eine gewaltige Mitgliederzahl verfügen. Aber wozu nutzt sie all ihr Geld?
Der offizielle Rechenschaftsbericht 2009, der den dPV-Mitgliedern nun zugeschickt wurde, gibt darüber kaum Auskunft, obwohl Kaminski im Vorwort versichert, "transparenter Umgang mit den Beiträgen unserer Mitglieder" sei "unser oberstes Gebot".
Immerhin erfährt man, dass im Jahr 2009 durch Mitgliedsbeiträge mehr als 930 000 Euro in die Zentrale nach Neuss flossen. Hinzu kamen 460 000 Euro Spenden und 765 000 Euro aus Erbschaften.
Die Ziele des Verbands: Information der Mitglieder über Therapien, Finanzierung von Forschungsprojekten und öffentliche Werbung um Verständnis für die Krankheit. Wer aber Details wissen will, dem hilft der Bericht nicht weiter. Sehr viel mehr Informationen enthält der nichtöffentliche Bericht der Wirtschaftsprüfer. Dort wird akribisch aufgelistet, dass die Aufwendungen für die Bundesgeschäftsstelle im Jahr 2008 mehr als 1,1 Millionen Euro betragen haben - 58 Prozent der gesamten dPV-Ausgaben.
Den dicksten Posten macht das Personal aus. Nach Angaben der Vorsitzenden beschäftigt die Zentrale in Neuss vier Mitarbeiter: den Geschäftsführer, seine Stellvertreterin und zwei Halbtagskräfte. "Streng genommen sind das drei Vollzeitstellen", sagt Frau Kaminski.
In Neuss regiert seit mehr als 20 Jah-ren als dPV-Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Mehrhoff. Der gelernte Jurist kommt von außen, gilt als durchsetzungsstark und energisch. Die dPV hat Räume, die knapp 5000 Euro kosten - pro Monat, was Frau Kaminski nicht zu üppig findet: "Das ist alles sehr schlicht, für meine Begriffe sogar zu schlicht. Ich bin eigentlich anderes gewöhnt, ein bisschen mehr Komfort, edler, oder so."
Komfortabel scheinen immerhin die Gehälter zu sein. Laut dem Bericht der Wirtschaftsprüfer gab die Parkinson-Vereinigung schon 2008 für die wenigen Beschäftigten in der Zentrale 312 000 Euro aus. Für dieses Jahr geht der Haushaltsplan von 350 000 Euro Personalkosten aus. Wie viel davon der Geschäftsführer Mehrhoff verdient, wisse sie nicht auswendig, würde es aber auch nicht verraten, sagt die Vorsitzende Kaminski.
Das allein finden andere Organisationen dubios: Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband ist der Dachverband vieler Sozialorganisationen in Deutschland. Dessen Personalgeschäftsführer Werner Hesse erklärt, dass für den Leiter einer Selbsthilfegruppe wie der dPV ein Gehalt zwischen 60 000 und 80 000 Euro angemessen wäre. Zahle die dPV mehr, "dann ist das Finanzamt aufgefordert, genauer hinzusehen", sagt Hesse.
Im vergangenen Jahr ließ sich dPV-Chef Mehrhoff zudem einen Audi A6 Avant S-Line mit abgedunkelten Fenstern als Dienstwagen spendieren, im Haushaltsplan sind dafür 48 000 Euro vorgesehen. Das mag noch nicht so exorbitant sein wie der gebrauchte Maserati des jüngst geschassten Chefs der Berliner Treberhilfe. Aber die Mentalität weist doch in eine ähnliche Richtung, wenn die Vorsitzende Kaminski den teuren Wagen zu entschuldigen weiß: "Unser Geschäftsführer ist viel unterwegs, und ich lege großen Wert auf Sicherheit."
Warum aber erklärt sie im Rechenschaftsbericht an ihre Mitglieder, dass die dPV nur 18 Prozent für Verwaltung ausgibt, wenn es in Wirklichkeit doch mehr als doppelt so viel ist? Kaminski will dazu nichts sagen, findet nur die "Anschuldigung ungeheuerlich". Mehrhoff selbst sah sich nicht in der Lage, bis Redaktionsschluss die Fragen des SPIEGEL zu beantworten.
Dubios ist indes auch das weitverzweigte System von Konten, die über die Gruppenleiter laufen. In einem Brief an das Amtsgericht in Neuss räumte Mehrhoff ein, dass von der dPV "bundesweit ca. 2000 Bankkonten verwaltet werden". Die Frage, ob die Konten in irgendeinem Bericht auftauchen, beantwortet er nicht.
Paul Hansen und Ulrich Rudolph sind selbst an Parkinson erkrankt und haben aus der Perspektive von Insidern das "Schwarzbuch dPV" verfasst, das diese Woche in einem Kölner Verlag erscheinen soll. Darin werfen die beiden der amtierenden Führungsriege vor, dass die dPV-Spitze von einem System der Selbstbedienung profitiert - und Mehrhoff gewähren lässt. "In der dPV treffen meist alte, ehrenamtliche Amateure auf einen agilen und vitalen Hauptamtlichen", beschreibt Co-Autor Rudolph die Lage.
Der Kölner Allgemeinmediziner Walter Dresch, der das Vorwort zum Buch der beiden geschrieben hat, bilanziert nüchtern: "Mit dem Gebilde deutsche Parkinson-Vereinigung werden zuerst die Interessen der Industrie und der hauptamtlichen Verbandsführung bedient."
Schon vor Jahren hatte dPV-Bundesschatzmeister Ernst Geweke entnervt aufgegeben, weil es ihm nicht gelungen war, mehr Transparenz in die Vereinigung zu bringen und den "Wildwuchs im Kostenbereich" zu beschneiden. "Ich bin auf der ganzen Linie gescheitert", begründete Geweke seinen Rücktritt in einem Brief: "Herr Mehrhoff als Geschäftsführer vom Vorstand angestellt, maßt sich Zuständigkeiten an, die weit über seinen Aufgabenbereich hinausgehen."
Mehr als 60 Prozent der Gesamteinnahmen gingen nach Gewekes Worten schon zu seinen Zeiten für den Bundesverband drauf. "Für meine Begriffe wird hier zu leicht mit fremden Geldern umgegangen, denn das sind die Beiträge und Spenden der Mitglieder."
Schon vor einigen Jahren untersuchte Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Bremer Universität, zusammen mit der Ärztin Kirsten Schubert mehrere Selbsthilfeorganisationen, wie weit die Beeinflussung durch die Pharmaindustrie geht. Eine der Gruppen war auch die dPV. Glaeske und Schubert wollten mit Verantwortlichen der Zentrale in Neuss sprechen - ohne Erfolg. Schriftliche Anfragen blieben unbeantwortet, am Telefon wurden sie auf Geschäftsführer Mehrhoff verwiesen, der nie zurückrief.
"Eineinhalb Jahre lang habe ich versucht, Herrn Mehrhoff zu erreichen", berichtet Schubert, "aber es war unmöglich. Ich habe keine andere Selbsthilfeorganisation erlebt, die derart verschlossen ist."
Doch auch ohne dPV-Hilfe konnten die beiden Wissenschaftler dokumentieren, wie stark der Einfluss der Pharmaunternehmen auf viele Patientenorganisationen ist - obwohl es etliche Selbstverpflichtungserklärungen gibt, sich nie für bestimmte Medikamente oder Behandlungen starkzumachen. Für die Industrie sind die Gruppen willkommene Partner. Wenn eine bestimmte Therapie erst mal von einer Patientenorganisation nachgefragt wird, klettern die Umsätze schnell. Laut Glaeske erhält jede vierte Selbsthilfegruppe nennenswerte Zuwendungen aus den Kassen von Pharmaunternehmen.
Gerade die Parkinson-Kranken sind nicht nur für die Arzneimittelhersteller, sondern auch für Medizintechnikfirmen eine lukrative Klientel. Die US-Firma Medtronic umwirbt sie beispielsweise mit dem Versprechen, dass ein sogenannter Hirnschrittmacher "viele Symptome lindert". Patienten gewinnen "wieder eine bessere Kontrolle über die Bewegungen ihres Körpers". Das Gerät kann für manche Kranke tatsächlich eine Hilfe sein, doch es ist auch teuer. Das Activa-RC-Modell von Medtronic kostet einschließlich der Operation nach Angaben der AOK 48 000 Euro pro Patient. Medtronic gehört zu den Sponsoren der Parkinson-Vereinigung und pflegt über ihren Mitarbeiter Alexander Andrzejewski besonders engen Kontakt.
Manchmal, wie beim Parkinson-Tag in Hilden, firmiert er als Mitarbeiter von Medtronic, manchmal tritt er als Musikant mit Geige bei dPV-Veranstaltungen auf und schreibt Berichte von Regionaltreffen, die im Verbandsorgan "Parkinson-Nachrichten" erscheinen. Das Mitteilungsblatt wiederum wird maßgeblich von Orion Pharma finanziert, wo Andrzejewski nach Angaben von Kaminski zuvor beschäftigt war. Sie sagt, dass sie diese Interessensverquickung durchaus als Problem sehe und daran arbeite, "dass das klarer getrennt wird".
Orion Pharma stellt mehrere Parkinson-Medikamente her. Dabei wird in der dPV-Mitgliederzeitschrift schon mal ein neues Arzneimittel von Orion Pharma auffallend wohlwollend vorgestellt.
Gegenüber den Wissenschaftlern der Uni Bremen beschrieb der Marketingleiter der Firma unverblümt die Ziele der Zusammenarbeit mit der Patientenorganisation: "Wir sind doch kein Caritasverein, natürlich erwarten wir Gegenleistungen für die Finanzierung der Mitgliederzeitschrift, der Vorträge und Versammlungen."
Von Markus Grill und Boris Kartheuser

DER SPIEGEL 18/2010
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