03.05.2010

LITERATURHitlers Jugendfreund

Später rätselte die halbe Welt, was so faszinierend sein konnte an diesem aufbrausenden, verquälten, übel humorlosen Kerl namens Adolf Hitler. Im Roman "Young Hitler" des deutschen Autors Claus Hant passiert es schon in den Jahren vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wie er diesem arroganten, bornierten Wicht verfallen sein könne, fragt zum Beispiel die schöne rothaarige Francisca ihren Freund Martin, der aber sagt über Hitler: "Wenn ich mit ihm zusammen bin, ist jeder Augenblick bedeutungsvoll und aufregend." Woraufhin Francisca prophezeit: "Eines Tages findest du selber heraus, dass er ein kranker Scharlatan ist." Der gerade in London erschienene, ausdrücklich "nicht fiktive" Roman "Young Hitler" (Quartet Books, London; 448 Seiten, 26,95 Euro) erzählt von der Freundschaft zwischen einem fiktiven Helden namens Martin und dem jungen Adolf Hitler. Einst waren die Männer in einem österreichischen Kaff Spielkameraden, nun treffen sie sich, kaum 16 Jahre alt, im Jahr 1905 in Linz zufällig wieder. In den folgenden Jahren zieht man gemeinsam nach Wien, begegnet sich in München und kämpft in den Schützengräben Frankreichs; Martin besucht den kriegsverletzten Adolf im Hospital und lauscht im Nachkriegs-München seinen ersten Reden. Und auf Seite 201 stöhnt er über seinen Freund: "Was für ein selbstgerechter Narr!" "Young Hitler" ist ein kurioses Buch. Geschrieben ist es offenbar in deutscher Sprache, erschienen aber ausschließlich in einer englischen Version, bei der zwei Übersetzer halfen, in einem eher kleinen Londoner Verlag. Claus Hant, der sein Alter verheimlicht, ist als Drehbuchautor unter anderem ein Co-Erfinder der TV-Erfolgsserie "Der Bulle von Tölz" und lebt seit vielen Jahren im angelsächsischen Ausland. Er wolle helfen, "wirklich zu verstehen, wie aus dem jungen Hitler ein Tyrann und Massenmörder wurde", behauptet Hant, sein Buch soll dem Leser "Einblick geben in die Charakterentwicklung" des nachmaligen "Führers". Bei deutschen Verlagen sehe er für sein Werk keine Chance, so Hant, weil seine Art der Beschäftigung mit Hitler auf "Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit" und "instinktive Abwehrreflexe" stoßen würde. Ob das stimmt? "Young Hitler" erzählt auf der Basis historischer und wissenschaftlicher Quellen (die in einem 130-Seiten-Appendix ausgewiesen sind) eine brave Lehrstückstory in melodramatischem Gewand. Ziemlich grotesk zur Schmonzette verrutscht dem Autor seine Story aber nicht zuletzt dadurch, dass der junge Herr H. von seinem Jugendfreund konsequent beim Kosenamen genannt wird: Adolf Hitler heißt hier durchgehend "Dolferl".

DER SPIEGEL 18/2010
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