03.05.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH

Mein Vater, ja, diesbezüglich

Von Oehmke, Philipp und Schmitter, Elke

Martin Miller, Sohn der verstorbenen Autorin Alice Miller, über sein Leben mit der weltberühmten Erziehungskritikerin, ihre Erkenntnisse über die Mechanismen des Missbrauchs und über das verborgene Trauma seiner Mutter

Uster, ein Eisdielenvorort von Zürich. Hier, im ersten Stock eines Einkaufszentrums über einem Sonnenstudio, hat Martin Miller seine psychotherapeutische Praxis, zwei Räume, zwei bequeme Ledersessel, eine Couch. Die Bücher seiner Mutter stehen, in verschiedenen Auflagen, im Regal: "Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst" oder "Am Anfang war Erziehung".

Martin Miller, 60, hat seine Praxis vorübergehend geschlossen, seit seine Mutter am 14. April gestorben ist. Er sagt, sie haben sich noch ausgesprochen, sie war 87 Jahre alt, und als sie starb, war sie als Erforscherin der Kindheit längst eine Legende, auch wenn viele sich in den letzten Jahren von ihr und ihrer Lehre abgewandt hatten.

Alice Miller begann als Psychoanalytikerin in der Tradition Sigmund Freuds; die Traumata von Kindern und ihre Auswirkungen auf das Erwachsenenleben beschäftigten sie. Im Zürich der sechziger Jahre wurde sie zu einer prägenden Figur einer lebendigen Psychoszene, der neben anderen Paul Parin und seine Frau Goldy Parin-Matthèy sowie Fritz Morgenthaler angehörten, die gemeinsam die Ethno-Psychoanalyse entwickelten. In den siebziger Jahren begann Miller, eine eigene Theorie zu entwerfen, die sie 1979 als "Das Drama des begabten Kindes" vorstellte. Das Buch, in 30 Sprachen übersetzt, veränderte die Weltsicht einer ganzen Generation von Eltern. Millers "in Schmerzen gefundene Wahrheit", wie sie einmal schrieb, lautete, dass das mit Sensibilität begabte Kind dazu neigt, unerwünschte Gefühle schon im Entstehen zu unterdrücken, um mit den Erwartungen seiner selbstbezogenen Eltern in Einklang zu kommen. Die Folgen seien Depressionen oder, als Abwehr der Depression, narzisstische Gefühle von Großartigkeit, unter denen dann die nächste Generation zu leiden habe.

Und auch das war Teil ihrer Erkenntnisse: Erziehung sei überflüssig, sogar schädlich und die Psychoanalyse letztlich wirkungslos. Sie könne Menschen, die als Kind missbraucht wurden, nicht helfen, weil sie davon ausging, dass Kinder ihre Eltern sexuell begehren.

Alice Miller verschob diese Perspektive, und das war das Revolutionäre. Du sollst das Kind ehren, forderte sie, wir Erwachsenen müssen es ernst nehmen und nicht mehr manipulieren und täuschen. Wir müssen uns in das Kind hineindenken, in seine Erlebnisse, Ängste und Ohnmachtsgefühle. Und wir tun bestimmte Kindheitserinnerungen nicht mehr als Phantasien ab, wie es laut Miller die Psychoanalyse tat. Anhand berühmter Fallbeispiele - etwa Adolf Hitler oder Christiane F. - führte sie vor, welche zerstörerischen und selbstzerstörerischen Folgen in der Kindheit erlittene Gewalt hervorbringt. Zugang zu ihren eigenen Kindheitserinnerungen fand Alice Miller über das Malen.

Martin Miller sagt, er hoffe, man habe sich Zeit genommen, und lässt seine gewaltige Statur in einem der Ledersessel nieder. "Sitzen da normalerweise die Patienten?" "Nein", sagt Miller.

SPIEGEL: Herr Miller, Ihre Mutter Alice Miller hat mit ihren Bestsellern die Pädagogik revolutioniert. Wir wissen seitdem, dass Missbrauch und Misshandlung von Kindern lebenslange Schäden verursachen. Nun ist Ihre Mutter gestorben. Betrachten Sie sich als ihren geistigen Erben?

Miller: Ja. Ich habe alles immer mitbekommen. Die guten Seiten wie die schlechten. Ich bin mit der Psychoanalyse groß geworden. Bei uns zu Hause sind die großen Analytiker ein und aus gegangen. Aber meine Mutter war die Protagonistin der Gruppe, sie war damals schon der Star.

SPIEGEL: Gar nicht einfach: die Mutter ein Star, all die Analytiker, alle machen sich Gedanken über das Kind und seine Sexualität.

Miller: Ich habe mich eigentlich gegen das Analysieren immer gewehrt. Ich habe versucht, mich abzugrenzen.

SPIEGEL: Und haben zunächst getan, was viele Kinder berühmter Eltern tun. Sie wollten etwas komplett anderes mit Ihrem Leben machen.

Miller: Ich bin unter zwei sehr akademisch orientierten Menschen aufgewachsen und war immer gezwungen, zwischen deren beiden Welten meinen eigenen Standpunkt zu finden. Mein Vater war Professor für Soziologie. Ich habe mein Elternhaus mit 17 verlassen, bin auf ein Internat gegangen. Ich wollte raus und selbständig sein. Mit 22 hatte ich meinen Beruf. Ich bin Volksschullehrer geworden.

SPIEGEL: Weiter weg von den akademischen Zirkeln Ihrer Mutter ging es kaum.

Miller: Ja, aber dann, als meine Mutter Ende der siebziger Jahre "Das Drama des begabten Kindes" schrieb, geriet ich in eine Umbruchphase. Ich hatte gerade meinen Beruf als Volksschullehrer aufgegeben und die erste Psychoanalyse hinter mir. Natürlich haben wir uns aneinander gerieben, gestritten. Sie war sehr radikal.

SPIEGEL: Ihre Mutter ist weltberühmt geworden mit der These, dass fast alle psychischen Störungen von Erwachsenen auf Gewalt zurückzuführen seien, die in der Kindheit erlebt wurde. Und dass so gut wie jede Form von Erziehung Kindern Gewalt antue und man daher auf sie verzichten solle. Haben Sie davon profitiert? Sind Sie überhaupt erzogen worden?

Miller: Mir haben Leute immer gesagt: Eine Mutter, die so einfühlsam schreibt - da musst du eigentlich die beste Mutter gehabt haben. Eine absurde Situation. Die Leute hatten ein Bild von dieser Frau, das mit meinem nicht übereinstimmte. Es war sehr schwierig.

SPIEGEL: Was war sehr schwierig?

Miller: Meine Eltern waren durch die Kriegserfahrung sehr belastet. Sie kamen aus Polen in die saturierte Schweiz, meine Mutter hatte ein Stipendium für Basel bekommen. Sie war polnische Jüdin, ihr Mädchenname Rostovska, mein Vater war polnischer Katholik. Sie mussten sich hier emporarbeiten, als Flüchtlinge, als Migranten. Das ist nicht einfach. Sie hatten vielleicht andere Sorgen, als sich über Erziehung Gedanken zu machen.

SPIEGEL: Was für Sorgen?

Miller: Da weiß ich viel zu wenig. Meine Mutter hat den Krieg erlebt, aber Sie wissen ja, wie das ist. Diese Generation war sehr vorsichtig auch gegenüber den Kindern, von ihren Kriegserlebnissen zu berichten. Was meiner Mutter zugestoßen ist, hat sie nie richtig erzählt. Ich habe es zwar emotional gespürt, aber Fakten habe ich da nicht herausgefunden.

SPIEGEL: Im Werk Ihrer Mutter ist davon nichts zu lesen.

Miller: Nein.

SPIEGEL: Sie sagen, Ihre Mutter hat eine Lebensarbeit darauf begründet, Wege zu finden, Traumata bei anderen Menschen freizulegen, und hat bei sich selbst keinen Weg gekannt, über ihre eigenen mit ihrem Sohn zu sprechen?

Miller: Ich habe unzählige Versuche unternommen, mit ihr darüber zu reden. Genau wie Sie jetzt mit mir. Aber ich habe auf Granit gebissen. Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen. Ich bin nicht nur ihr Sohn, ich bin auch Therapeut, also jemand, der Biografien studiert und sich damit auseinandersetzt, aber ich bin nicht durchgedrungen. Irgendwann akzeptiert man das. Dieses Abblocken hat es mir auch unmöglich gemacht, meiner Mutter in den letzten 30 Jahren näherzukommen. Das musste ich hinnehmen.

SPIEGEL: Ihre Mutter schuf ein einzigartiges Werk, das sagt: Dem Traumatisierten kann die Psychoanalyse nicht helfen. Aber es gibt einen anderen, selbständigen Weg, die Verdrängungen der Kindheit aufzulösen und wieder lebendig zu werden - und ich versuche ihn euch zu zeigen. Jetzt stellen wir fest, nachdem wir zehn Minuten miteinander geredet haben, dass Ihre Mutter einen wichtigen Punkt ihrer Biografie in ihrem Werk nicht einmal berührt. Dass sie ihr eigenes Instrumentarium auf das größte Trauma ihres Lebens nicht anwenden konnte.

Miller: Auch wenn sie so viele Dinge richtig gesehen hat in ihren Büchern. Es ist meine persönliche Tragödie, dass ich es als Kind von Eltern der Kriegsgeneration nicht geschafft habe, eine emotionale Beziehung zu meinen Eltern aufzubauen.

SPIEGEL: Helfen Sie uns: Ist Beziehungslosigkeit nicht genau das, was Ihre Mutter als elterliche Grausamkeit und Grund für Deformationen gebrandmarkt hat?

Miller: Genau darum geht es ja in "Das Drama des begabten Kindes". Ich bin auch immer gefragt worden, ob ich in dem Buch gemeint sei. Aber ich glaube, sie hat es eher allgemein gemeint. Mein Drama war, dass ich vergeblich probiert habe, meine Eltern emotional zu erreichen. Aber meine Mutter hat im "Drama" eben auch beschrieben, wie es für eine Mutter ist, aufgrund biografischer Determinanten das Kind nicht erreichen zu können. Deswegen hat das Buch eingeschlagen wie eine Bombe.

SPIEGEL: Vor einigen Jahren hat sich Ihre Mutter öffentlich bei Ihnen und Ihrer Schwester Julika entschuldigt. Sie hoffte, Sie könnten ihr verzeihen. Man hat damals nicht verstanden, was sie meinte.

Miller: Ich glaube, sie meinte diese Schweigemauer. Das war ja ein Begriff von ihr. Die Abwehr der eigenen Geschichte. Das hat meine Mutter ihr ganzes Leben lang begleitet, das war das Thema ihrer Bücher: Wie kann man eine emotionale, liebevolle Beziehung herstellen? Sie hat diese Bücher auch als Wiedergutmachung geschrieben. Ich kann mich heute auch deswegen als geistigen Erbe meiner Mutter bezeichnen,

weil sie am Ende ihres Lebens diese Schweigemauer durchbrochen hat. Deswegen kann ich mit Ihnen überhaupt nun dieses Gespräch führen.

SPIEGEL: Sie hat ihre Erlebnisse erzählt?

Miller: Nein. Aber wir haben uns emotional getroffen.

SPIEGEL: Sie selbst haben als Psychotherapeut und Sohn in jahrzehntelangen Gesprächen das aus Ihrer Mutter nicht herausbringen können. Ihre Mutter hat zwei Psychoanalysen gemacht und ist mit ihrer eigenen Methode auch nicht erfolgreich gewesen. Die Schweigemauer war nicht zu brechen. Ist die Psychotherapie damit nicht am Ende?

Miller: Die Wirkung von Psychotherapie ist limitiert. Das wissen wir. Auch Therapie hat ihre Grenzen, egal welche Methode. Und die Suche nach persönlicher Wahrheit ist immer ein Wagnis. Das sieht man ja an diesem Gespräch.

SPIEGEL: Bei Ihrer letzten Annäherung, kurz vor ihrem Tod, hat Ihre Mutter Sie da um Verzeihung gebeten?

Miller: Das war beim Tod meiner Mutter die positive Erfahrung. Ich bin froh, dass sie das getan hat. Jetzt ist ihr Werk auch für mich glaubwürdig. Das hat meine Perspektive auf ihr Werk radikal verändert.

SPIEGEL: Sind Sie nach ihren antipädagogischen Ideen erzogen worden?

Miller: Wir hatten eine intensive Beziehung. Wir haben sehr viel diskutiert. Von den antipädagogischen Ideen, die meine Mutter später entwickelt hat, habe ich nicht so viel mitgekriegt.

SPIEGEL: Gab es Ohrfeigen?

Miller: Mein Vater, ja, diesbezüglich.

SPIEGEL: Ihre Mutter war Zeugin, als Ihr Vater Gewalt gegen Sie ausgeübt hat?

Miller: Ja.

SPIEGEL: Was hat Ihr Vater Ihnen getan?

Miller: Das ging von verbal bis physisch. Wobei meine Mutter da intervenierte. Später trennte sie sich von ihm, und ich bin von zu Hause weg ins Internat. Ich hatte meine Mühe mit ihm. Er war sehr autoritär. Er war auch in diesem Sinne ein Kriegskind.

SPIEGEL: Hatten Sie Angst vor dem Vater?

Miller: Ich kann Ihnen so viel sagen: Wenn man in einem Akademikerhaushalt aufwächst, in dem beide Eltern arbeiten, muss man schon sehr früh auf die Fürsorge der Eltern verzichten. Ich war sehr oft allein.

SPIEGEL: Wir müssen gestehen, dass wir darauf nicht vorbereitet waren: Der Mann von Alice Miller schlägt seinen Sohn, und Alice Miller ist hilflos?

Miller: Sie müssen das verstehen. Meine Eltern mussten sich arrangieren, in der Gesellschaft positionieren, Erfolg haben. Da blieben die Kinder auf der Strecke. Meine Mutter hat das umgetrieben. Sie hatte natürlich ein schlechtes Gewissen.

SPIEGEL: So dass man das Werk Ihrer Mutter auch als eine Folge dieser Erfahrung verstehen kann?

Miller: Ich kann Ihnen darin folgen. An diesem Punkt möchte ich aber auch die Grenze ziehen.

SPIEGEL: Ziehen Sie diese Grenze als Privatmann, als der niedergelassene Psychotherapeut Martin Miller oder als Sohn?

Miller: Lassen Sie es mich so formulieren: Ich möchte nichts anbieten, was dazu führen kann, dass die Erkenntnisse meiner Mutter auf eine, Verzeihung, blöd reduktionistische Weise gedeutet werden, nach dem Motto: Na, da sieht man's ja.

SPIEGEL: Was würde es bedeuten, wenn der Sohn von Alice Miller sagen würde: "Ja, meine Mutter war als Erzieherin nicht die Person, die sie gern gewesen wäre; mein Vater war ein gewalttätiger Mensch, und meine Mutter war jahrelang eine Zeugin - das hat mich geprägt, das hat meine Mutter geprägt. Das ist die Wahrheit, und ich kann sie aussprechen, als eine Geste der Souveränität. Und ich muss meine Mutter nicht schützen." Was würde das bedeuten?

Miller: Ich möchte nicht in erster Linie meine Mutter schützen. Ich möchte mich schützen, verstehen Sie? Als ich begonnen habe, als Therapeut zu arbeiten, war meine Mutter in der Psychoszene schon berühmt. Deswegen stand ich unter besonderer Beobachtung.

SPIEGEL: Wer hat Sie beobachtet?

Miller: Die Kollegen meiner Mutter. Sie müssen sich vorstellen: Plötzlich wird eine Analytikerin aus ihrem Kreise so berühmt. Die wollen aber auch wer sein. Die wollen auch publizieren. Plötzlich sind die niemand, und die Alice ist alles.

SPIEGEL: Trotzdem sind Sie Psychotherapeut geworden?

Miller: Ich war schon als Kind ein intensiver Beobachter. Bei meinen Eltern ging die akademische und intellektuelle Szene von Zürich ein und aus. Ich habe zugehört und dabei ein sicheres Gespür dafür entwickelt, was falsch und verlogen ist. Andererseits haben mich die Sichtweise meiner Mutter auf Menschen, ihre Wahrnehmungen und Deutungen sehr geprägt. Mit 22 habe ich eine Psychoanalyse aufgrund einer Empfehlung von Paul Parin begonnen.

SPIEGEL: Dem Lehranalytiker Ihrer Mutter?

Miller: Ja, aber der Parin hat mich dann weiterempfohlen, zu einem anderen Analytiker, bei dem war ich zwei Jahre. Ich kann mich aus all der Zeit an fünf Interventionen erinnern, ansonsten habe ich geschlafen.

SPIEGEL: Sie haben sich auf die Couch gelegt und geschlafen?

Miller: Zwei Jahre lang.

SPIEGEL: Und das wurde nicht als Abwehr gedeutet?

Miller: Das wurde gar nicht gedeutet. Seitdem war ich der Psychoanalyse gegenüber sehr skeptisch.

SPIEGEL: Aber Sie haben doch eine psychoanalytische Ausbildung gemacht?

Miller: Ja, das schon. Aber ich habe nur ein halbes Jahr praktiziert, bis ich gemerkt habe: Das funktioniert nicht. Jedenfalls wenn man wirklich etwas ändern will. Um sich kennenzulernen, mag die Psychoanalyse ein interessantes Verfahren sein. Und wenn man ein Leben lang Zeit hat, wie Woody Allen sagen würde, kann man das auch so machen.

SPIEGEL: Haben Sie auch andere Therapieformen ausprobiert?

Miller: Natürlich. Das war damals gang und gäbe. Janov, Selbsterfahrung mit LSD, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie - seit den siebziger Jahren kamen alle möglichen neuen Ansätze auf. Ich habe mehrere therapeutische Selbsterfahrungen gemacht.

SPIEGEL: Aus Leidensdruck?

Miller: Aus Leidensdruck und Interesse. Aber die Therapien litten darunter, dass ich in Zürich eben vor allem der Sohn von Alice Miller war, die andere Therapeuten bewundert haben, auf die sie neidisch waren oder mit der sie Konflikte vermeiden wollten. Und ich selbst war natürlich auch befangen und wusste nicht, wie viel ich von meiner Familie preisgeben durfte.

SPIEGEL: Welches Problem wollten Sie denn lösen?

Miller: Es war für mich schwer, bei so derart präsenten, erfolgreichen und intellektuellen Eltern mei-nen eigenen Weg zu finden. Heute arbeite ich als Gesprächstherapeut und Unternehmensberater mit Hilfe selbstentwickelter Methoden. Früher hatte ich viel mit Kindern und traumatisierten Menschen zu tun.

SPIEGEL: Also mit Menschen, wie Ihre Mutter …

Miller: … sie beschrieben hat, genau. Aber sie hat sie eben nicht behandelt. Das war ein alter Streit zwischen uns, dass sie die Toten wieder zum Leben erweckte, wie Kafka und Joyce, wie Hitler und Stalin, während ich mit wirklichen Klienten arbeite.

SPIEGEL: Sie haben das Loch gestopft, das Ihre Mutter hinterlassen hat?

Miller: Auf meine Art, ja. Jedenfalls, sie hat diese Bücher geschrieben und ist damit berühmt geworden. Aber ich hatte die praktische Erfahrung. Und wenn ich etwas in ihren Büchern in Frage gestellt habe, gab es schon mal Zoff.

SPIEGEL: Sie kannten ja die Widersprüche zwischen der theoretischen Einsicht von Alice Miller und ihrem Leben.

Miller: Insofern war ich natürlich schon ihr anspruchsvollster Kritiker. Das ist klar. Dass die Einsicht in das wahre Selbst eine spontane Wunderheilung bewirkt, entspricht nicht meiner Erfahrung.

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, dass Ihre Mutter in den letzten 20 Jahren ins Abseits gedrängt wurde?

Miller: Nein. Das war ihr Leben. Aber darauf habe ich jetzt einen anderen Blick.

SPIEGEL: Durch ihren Tod?

Miller: Ja, schon auch in den letzten Jahren. Ich bin milder geworden, auch toleranter. Ich verkläre nichts, aber man muss doch sagen: Die jetzige Missbrauchsdebatte wäre ohne die Arbeit meiner Mutter überhaupt nicht zu führen.

SPIEGEL: Jedenfalls ist das ein Prozess wie von Alice Miller selbst inszeniert: Menschen erinnern sich, suchen Zeugen für das, was ihnen angetan wurde, und setzen ihre Lebensgeschichten neu zusammen.

Miller: Aber dann sehen Sie sich den sogenannten runden Tisch an und überhaupt den Umgang mit den Opfern: wie bei dem Thema schon wieder gemauschelt und abgewehrt wird!

SPIEGEL: Wie wird da abgewehrt?

Miller: Zum Beispiel, indem die katholische Kirche bislang behauptet hat, sie habe auf Anzeigen von Missbrauch verzichtet, um die Opfer zu schonen! Man wollte sie nicht zu Aussagen zwingen, weil das belastend sein könnte. Das ist doch eine völlige Verdrehung. Sie dient allein den Tätern. Denn die wollen nicht hören, was sie zu verantworten haben.

SPIEGEL: Oft aber wollen die Opfer sich doch nicht äußern. Sie wollen vergessen.

Miller: Meine Mutter würde jetzt sagen: "Sie wollen, dass das Opfer nicht reden will. Sie wollen nicht ertragen, was Sie da hören könnten!"

SPIEGEL: Sind die Gesellschaft und Teile der Psychologie auf Seiten der Täter?

Miller: Das ist der normale Mechanismus. Was der Mensch am meisten fürchtet, ist Ohnmacht. Und es braucht eine gewisse Verarbeitung der eigenen Ohnmachtserfahrung, um das Leid und die Hilflosigkeit anderer überhaupt zu ertragen.

SPIEGEL: An Fällen wie Hitler und Saddam Hussein hat Ihre Mutter klargemacht, dass jeder Täter eine Opfergeschichte hat.

Miller: Ja, selbstverständlich. Das ist eine ewige Kette. Täter bringen Opfer hervor, die wieder zu Tätern werden, neue Opfer hervorbringen und so weiter.

SPIEGEL: Wie unterbricht man die Kette?

Miller: Die Bedingung ist, dass der Täter sich seiner Schuld bewusst wird. Das kann er nur, wenn er sich erinnert, wie es war, als er selbst Opfer war. Nur dann wird er nicht wieder zum Täter werden.

SPIEGEL: Kriegen wir das mit Therapien hin?

Miller: Ich erinnere mich jetzt oft daran, wie meine Mutter sagte: "Weißt du, die Therapeuten sind doch alle gleich. Die haben Schiss. Die haben einfach Schiss, die Wahrheit zu erkennen!" Und wenn ich mir heute diese Missbrauchsdebatte ansehe und den Umgang mit den Opfern, dann finde ich: Sie hatte recht.

SPIEGEL: Herr Miller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(*1) Mit den Redakteuren Philipp Oehmke und Elke Schmitter in Millers Praxis bei Zürich.

DER SPIEGEL 18/2010
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