03.05.2010

Im Zickzack zum Ziel

Buchkritik: „Die Wanderjahre“, der letzte Band der Autobiografie von Peter Zadek
Ständig bricht er ab, ständig fängt er neu an, eine rastlose Lebensstrecke absolviert dieser Welttheatermann Peter Zadek. "Die Wanderjahre" heißt der Schlussteil seiner Autobiografie. Einen solchen Titel sollte man eher zum Auftakt einer Karriere vermuten.
Allerdings: Aus Wanderjahren besteht sein ganzes Leben, das Emigrantenkind fühlt sich nirgends zu Hause, nicht in England, nicht in Deutschland. "Ich habe mich immer so gesehen, etwas ganz schön Neurotisches, und wenn diese Situation überhandnimmt, steige ich aus."
Neuansätze als neurotische Veranlagung, als produktives Schicksal, er vollendet, stürzt um, beginnt neu, manche Menschen sind so, dass sie nur im Zickzack zu ihren Zielen kommen. Zadek, der empfindsame Elefant im Porzellanladen, er kämpft gegen Kritiker und Senatoren und Publikum um seine Kunst, und er zieht immer dann weiter, wenn er sich durchgesetzt und restlos ausgepumpt hat.
Der Leser dieses Buchs wird sich fragen, ob er glücklich war, der Zauberer. Es sieht auf diesen Seiten nicht danach aus. Besonders in den letzten 30 Jahren ist viel von Erschöpfung die Rede, von Krankheit, von Widerständen, von überstürzten Fluchten, von Weltekel, ja von einer wunderlichen Lebensuntüchtigkeit.
Doch er hatte seine Gegenwelt, und da leuchtet es. Das Glück war im Theater. Das war sein Zuhause. Daran erinnert sich im Vorwort Elisabeth Plessen, seine Lebensgefährtin, die mit ihm durch die Welt zog in diesen letzten Jahrzehnten, mittlerweile Weltmeisterin im Kofferpacken. "Er verwandelte sich, sowie er ein Theater betrat."
Die Ergebnisse halten seinen hohen Ansprüchen merkwürdig selten stand. Er geht durchaus streng mit sich um, als sei es zu spät für Schönfärbereien: "Ich habe vielleicht 250 Stücke in meinem Leben
inszeniert, nicht alles war gleich gut. Man kann auch nicht erwarten, dass mehr als fünf Inszenierungen wirklich aufregend sind." Fünf von 250. Das ist alles, was bleibt. Für Zadek sind es Shakespeares "Maß für Maß" 1967 in Bremen mit Bruno Ganz, Brendan Behans "Geisel" in Bochum 1976, "Lulu" mit Susanne Lothar in Hamburg 1988, Tschechows "Kirschgarten" in Wien 1996 und "Hamlet" mit Angela Winkler 1999.
Im ersten Band seiner autobiografischen Trilogie, "My Way", erzählte Zadek von der Emigration der Familie aus Berlin nach London, von den Wundern des englischen Theaters, von ersten Lieben, von der Übersiedlung nach Deutschland, von Ulm und Bremen und ersten Erfolgen, bunt, mäandernd.
Im zweiten Band, "Die heißen Jahre", wurden die großen wilden Shakespeare-Spektakel in Bochum und Hamburg nacherzählt, die Theatercamps, die Filme, die Exkurse in die Schauspielkunst, die Porträts der Familienmitglieder wie Ulrich Wildgruber und Eva Mattes und Ilse Ritter und Hermann Lause.
Dieser dritte Band nun beginnt mit einem Verlust. Zadek kommt von Hamburg nach Berlin ohne seine Theaterfamilie. Die ist in alle Winde zerstreut. Er muss sie für Einzelunternehmungen jedes Mal wieder neu zusammensuchen. Dieser Band unterscheidet sich von den Vorläufern durch eine noch größere Offenheit und Wildheit. Die spannendsten Kapitel sind diejenigen, in denen er über seine Intendanz mit Heiner Müller am Berliner Ensemble erzählt - die Intrigen, die ideologischen Gegensätze, die grundsätzlich unterschiedlichen Auffassungen von Theater in den Jahren nach der Wiedervereinigung.
Als der Regisseur Einar Schleef hinzustößt zum Berliner Ensemble, wird viel gebrüllt. Brüllen, bemerkt Zadek, sei eine deutsche Eigenart. Und dann eine wunderschöne Thomas Bernhardsche Wiederholungsschleife: "Wer schreit, hat Unrecht. Und ich bin sicher, dass das auch richtig ist. Jemand, der schreit, hat entweder Unrecht oder Schmerzen … Was Berlin allgemein betrifft, war wahrscheinlich auch beides der Fall. Die Menschen dort hatten Schmerzen und Unrecht. Einar Schleef hatte wahrscheinlich mehr Unrecht als Schmerzen."
Zadek versucht 2007 noch einen Shakespeare, seine Kräfte verlassen ihn, die Schauspieler desertieren. Er fühlt sich von seiner Theaterfamilie verlassen, das hat ihn ins Mark getroffen. Bevor er stirbt, kann sein Verleger Helge Malchow ein wunderbares Gespräch mit ihm führen, über das Alter und über den Tod. Zadek, der Jude, hat keine Lust auf den Tod und auf ein mögliches Leben danach. Er will hierbleiben und 113 werden. Er starb im Juli 2009 im Alter von 83 Jahren.
Erwähnt werden sollte der Anhang: nicht nur wegen des aberwitzigen Tagebuchs, das Klaus Pohl während der Proben zu "Hamlet" geführt hat, oder der schönen Gedichte von Elisabeth Plessen, die wie zartes Klavierspiel in Worten sind, sondern auch wegen der abgedruckten Kritiken. Etwa der von Benjamin Henrichs zu Zadeks "Kirschgarten".
Da begreift man plötzlich, dass nicht nur die großen Theatermacher fehlen - auch die großen Kritiker haben längst vor dem heutigen Theater kapituliert.
Elisabeth Plessen, Peter Zadek: "Die Wanderjahre. 1980 - 2009". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 528 Seiten; 24,95 Euro.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 18/2010
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