03.05.2010

„Die Psyche Russlands ist gestört“

Der Historiker Nikolai Swanidse über eine Öffnung der Geheimdienstarchive
Swanidse, 55, ist Biograf von Präsident Medwedew. Er stand in den neunziger Jahren an der Spitze des Staatsfernsehens; heute moderiert er TV-Sendungen und leitet den Lehrstuhl für Journalismus an der Universität für Geisteswissenschaften in Moskau.
SPIEGEL: Wie ist es zu erklären, dass Stalinisten oder Stalin-Fürsprecher ein weithin akzeptierter Teil der politischen Landschaft in Russland sind?
Swanidse: Weil Stalin in den Augen der Mehrheit ein Sieger ist. Und Sieger verurteilt man nicht. Wir verbinden mit ihm nicht nur den Sieg über Hitler, sondern auch Erfolge der Sowjetunion, die inzwischen geradezu mythenhaft sind: die Industrialisierung, den Aufstieg zur Supermacht, die Vorhersehbarkeit des Alltagslebens. Negatives wurde vergessen.
SPIEGEL: Die Lobsprüche auf Stalin klingen für Deutsche so, als würde Hitler gepriesen. Undenkbar.
Swanidse: Weil Hitler den Krieg verloren hat. Die Welt schaut auf ihn als einen Verbrecher, die Deutschen sehen ihn als Verführer, der ihr Land in eine Katastrophe geführt hat. Wer Hitler rechtfertigen will, spricht davon, dass er die Arbeitslosigkeit beseitigt, die Kriminalität eingeschränkt, Autobahnen gebaut und die Nation geeint habe. Ganz Ähnliches lässt sich auch über Stalin sagen. Aber anders als Hitler wurde Stalin nie eindeutig verurteilt, schon gar nicht vom eigenen Volk. Es gab keinen Prozess, formal hat er eine saubere Weste.
SPIEGEL: Aber es gibt nicht nur Stalin-Anhänger in Ihrem Land.
Swanidse: Stalin spaltet noch immer die Gesellschaft. Die einen sagen, er habe Unschuldige getötet, andere finden, dass das nur Volksfeinde waren und der Zweck die Mittel heilige. Leider sieht die Mehrheit der Russen Stalin positiv. Dass die Sowjetunion unter ihm den Höhepunkt ihrer imperialen Macht und geografischen Ausdehnung erreichte, wärmt das Herz vieler.
SPIEGEL: Präsident Medwedew hat im Gespräch mit dem SPIEGEL gesagt, dass "die Liquidierung einer gewaltigen Zahl von Sowjetbürgern ein Verbrechen" war, das die "Staatsmacht aufrichtig" benennen müsse. Warum wagt Medwedew solche Sätze, wenn die Mehrheit das anders sieht?
Swanidse: So denkt er eben.
SPIEGEL: Will er im Westen punkten?
Swanidse: Als ich 2008 mein Buch über Medwedew schrieb, ist etwas Bemerkenswertes passiert. Ich fragte ihn nach seiner Meinung zu Stalin. Er antwortete ausführlich und auf seine typisch nachdenkliche Art. Er beschrieb Stalin als äußerst negativ. Als ich Medwedew dann den Text zuschickte, strich er seine Zitate zu Stalin.
SPIEGEL: Ihn hatte der Mut verlassen?
Swanidse: Er erklärte mir beim nächsten Treffen, dass er zwar schon als Präsident gewählt, aber noch nicht im Amt sei und er es sich nicht gleich zu Beginn mit der Mehrheit der Bevölkerung verscherzen wolle. Dann hat er überlegt - und die Passage doch dringelassen.
SPIEGEL: Warum?
Swanidse: Weil die negative Einschätzung Stalins seine tiefe Überzeugung ist und weil er mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit auch etwas über die Gegenwart und Zukunft sagen will. Medwedew nutzt auch die Debatte um Stalin, um sich als Politiker zu profilieren, der sich ideologisch von Putin unterscheidet …
SPIEGEL: … für den der Untergang der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" war.
Swanidse: Putin ist kein Stalinist, das weiß ich aus Gesprächen mit ihm. Aber er kommt aus dem Geheimdienst. In den Augen vor allem der Intellektuellen tritt er auf wie ein Stalinist. Medwedew positioniert sich anders: als Liberaler und Anti-Stalinist.
SPIEGEL: Medwedew klagt darüber, dass 90 Prozent der jungen Russen nichts über die Opfer der stalinschen Repression wissen, ja nicht einmal den Namen des Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn kennen, der acht Jahre im Gulag verbrachte. Wie lässt sich das ändern?
Swanidse: Durch eine eindeutige Haltung des Staates: Er müsste die Glorifizierung der Stalin-Herrschaft unter Strafe stellen. Gegenwärtig ist es dafür aber noch zu früh. Zweitens brauchen wir eine aktive Aufklärung in Schule und Medien. Leider läuft es zurzeit oft andersherum.
SPIEGEL: Warum öffnet Russland nicht alle Geheimdienstarchive? Das würde die Gräuel der Stalin-Zeit ein für alle Mal offenbaren.
Swanidse: Sie als Deutsche wissen, wie ein Geheimdienst eine Gesellschaft durchdringen kann - ich denke nicht nur an die Hitler-Zeit, sondern auch an die Stasi der DDR. Es wäre mein Traum, dass die Archive geöffnet werden - aber nicht alle geheimen Spitzellisten. Da kämen zu viele unangenehme Überraschungen ans Licht.
SPIEGEL: Vielleicht ist das Land anders nicht vom Stalin-Syndrom zu heilen?
Swanidse: Wir würden das nicht verkraften. Weil beinahe in jeder Familie jemand Teil des Spitzelsystems war. Eine Öffnung der Archive wäre für viele ein ungeheurer Schlag, weil sie über ihre Vorfahren und engsten Verwandten Dinge erfahren, die sie nicht erwartet haben. Schon jetzt ist die Psyche meines Landes schwer gestört. Jeder Zweite hier könnte wegen der Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte einen Psychiater brauchen.

DER SPIEGEL 18/2010
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