10.05.2010

BADEN-WüRTTEMBERGSchwäbischer Cowboy

Von Amts wegen müsste Justizminister Ulrich Goll über jede Waffe froh sein, die verschrottet wird. Im eigenen Fall hält er Schießeisen aber für unverzichtbar.
Zwei Wochen waren vergangen seit dem tödlichen Amoklauf in Winnenden, da erklärte Ulrich Goll (FDP) den Lesern seiner Waiblinger Heimatzeitung, was er von scharfen Waffen hält. "Großkaliber ist Wildwest", urteilte der baden-württembergische Justizminister und versicherte den Wählern: Das "braucht's wirklich nicht".
Ein gutes Jahr nach der Tragödie mit 16 Toten lesen sich Golls Einlassungen wie bitterer Spott. Denn vorvergangene Woche offenbarte sich der Freidemokrat selbst als überzeugter Waffenbesitzer. Eigentlich war Goll vor die Öffentlichkeit getreten, um für eine Bundesratsinitiative des Landes zu werben, die Besitzern illegaler Waffen noch einmal Straffreiheit gewähren soll, wenn sie ihre Schießeisen freiwillig abgeben. 2009 konnten dank dieser Ausnahme Zehntausende Waffen von der Polizei vernichtet werden.
Doch dann outete sich Goll: Er selbst besitze einen Waffenschein für eine Heckler-&-Koch-Pistole, 9 Millimeter, sowie einen Smith-&-Wesson-Revolver, Kaliber .22, berichtete der Justizminister. Hintergrund sei "sportlich-technisches Interesse". Als Journalisten tags darauf nachfassten, erklärte Goll trotzig, sich 1996 die Waffen und notwendiges Know-how aus reinem Selbstschutz angeschafft zu haben: "Wenn jemand mit dem Messer auf mich losgeht, könnte ich von der Waffe Gebrauch machen."
Seitdem geht nicht nur in Baden-Württemberg die Frage um, ob ein stellvertretender Ministerpräsident wie ein schießwütiger Cowboy auftreten sollte? Und welches Vorbild eigentlich ein Justizminister abgibt, der bei einer Bedrohung offenbar nicht davor zurückschrecken würde, den Revolver zu ziehen.
Aus Sicht der Polizei ist Golls Argumentation ein sicherheitspolitischer GAU. "Minister für Selbstjustiz", taufte ihn prompt die Opposition und forderte den Liberalen zur Abgabe der Waffen auf: Wenn er sich tatsächlich entsprechend bedroht fühle, könne er ja auf Personenschützer zurückgreifen. Doch der eher schmächtige Goll, mit einer kurzen Unterbrechung seit mehr als zwölf Jahren im Amt, will keine Bodyguards: "Ich möchte nicht den ganzen Tag junge Leute um mich haben, die nichts anderes tun, als auf mich aufzupassen." Zumal das sein Privatleben erheblich beeinflussen würde.
Der 60-Jährige lebt gern frei und wild. Das belegt schon der Blick auf seinen privaten Fuhrpark: Zwei Motorräder der Marke Harley-Davidson (eine Night Rod und eine Panhead, Baujahr 1950), eine BMW R 1200, dazu ein Mercedes-Geländewagen und ein Ferrari 360. Den 400-PS-Traum in Rot bezeichnet Goll als Spontankauf aus dem Jahr 2008: "Plötzlich hat's Klick gemacht. Das brauchst du einmal im Leben." Davor fuhr der Minister ein Porsche 911 Cabrio.
Zurückhaltung zählt nicht zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften, dabei stammt Goll aus bescheidenen Verhältnissen. Er wuchs am Bodensee auf, als Sohn eines Kunstmalers, trat zuerst der SPD bei, bevor er 1979 zu den Liberalen ging. In Freiburg schloss sich Goll der schlagenden Studentenverbindung "Corps Hubertia" an, die Traditionen wie Treibjagd und Tontaubenschießen zelebriert. Ungefragt versicherte der Ministeriumssprecher vorige Woche, sein Chef schieße bei der Burschenschaft nicht: "null Komma null - nie!"
Heute lebt der Politiker mit seiner zweiten Frau und fünf Kindern in einem Elf-Zimmer-Bungalow mit Bibliothek und Waffentresor, der älteste Sohn besucht das Elite-Internat Salem. Seinen Professorentitel, der ihm von der Fachhochschule Ravensburg-Weingarten verliehen wurde, liest er gern großgedruckt. Seit Goll 1997 seine 14 Jahre jüngere persönliche Referentin ehelichte, Juristin, FDP-Kommunalpolitikerin und Erbin einer Hamburger Dental-Firma, spielt Sorge um das Finanzielle in seinem Leben eine untergeordnete Rolle.
Als der FDP-Mann 2003 und 2004 ohne Amt war und sich einer renommierten Kanzlei für Insolvenzrecht anschloss, mochte er weder von seinen Waffen noch vom regelmäßigen Schießtraining lassen. Auch damals habe eben "eine ähnliche Bedrohungslage" wie zu Ministerzeiten bestanden, lässt er hierzu lapidar erklären.
Seine überbordende Selbstgewissheit stößt inzwischen auch der FDP-Landtagsfraktion auf. "Er bedient jetzt wirklich alle Klischees, die man unserer Partei nachsagt", gibt ein Abgeordneter die Stimmung wieder. Noch allzu gut in Erinnerung ist Golls vehementer Widerstand gegen den Kauf einer CD mit Hinweisen auf mutmaßliche Steuersünder. Auch gehörte er zu jenen, die nach dem Amoklauf in seinem Wahlkreis eine Verschärfung des Waffenrechts blockierten.
"Feinsinn, Verbundenheit mit den Belangen der Bürger", attestierte dem Minister vergangene Woche die FDP-Landesvorsitzende Birgit Homburger in ihrem Glückwunschschreiben anlässlich seines runden Geburtstags. Doch die Schützenhilfe aus Berlin führte Goll selbst sofort ad absurdum. Nach weiterem Beschuss im Parlament ließ er eilig einen Brief an entrüstete Angehörige der Winnenden-Opfer versenden. Aber statt auf eine Rückmeldung zu warten, lancierte offenbar Golls Apparat die dreiseitige Erklärung nahezu zeitgleich an die Boulevardpresse.
Von dem naheliegenden Schritt, einfach seine Waffen abzugeben, kann der schwäbische Cowboy offensichtlich nicht überzeugt werden. Zwar erklärte Goll auf Nachfrage, er habe seine Waffen nie "in der Öffentlichkeit getragen". Er sei dazu "allerdings berechtigt". Jederzeit.
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 19/2010
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