10.05.2010

Heilige Tüte

Wie ein Amerikaner seinen Cannabiskonsum zur Religion erklärte
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE
Die Polizei stoppte Trevor Douglas auf der Interstate 70 in Colorado. Als er das rot-blaue Licht der Highway Patrol im Rückspiegel sah, parkte er auf dem Seitenstreifen. Ein Mann mit Uniform und Glatze stieg aus dem Polizeiwagen, ging zu Douglas' Fahrerfenster und sagte: Guten Abend, ich bin Trooper Graham, die Zulassung für Ihr Fahrzeug ist abgelaufen, darf ich bitte Ihre Papiere sehen? Douglas zog seine Geldbörse aus der Hosentasche. Trooper Graham schnupperte. Ich rieche Marihuana, sagte er, haben Sie irgendwelches Marihuana im Auto?
Ja, sagte Douglas.
Er griff in sein Handschuhfach und reichte dem Polizisten eine kleine Tüte, gefüllt mit trockenen Knospen. Er kramte unter seinem Sitz und gab Trooper Graham eine Pfeife aus Glas. Dann klappte er seine Geldbörse auf und entnahm eine laminierte Karte: Mitglied der Church of Universal Sacraments stand darauf.
Cannabis ist in meiner Religion heilig, sagte Douglas, ich berufe mich auf die Religionsfreiheit und den ersten Zusatzartikel der Verfassung.
Trooper Graham stand da, Tüte in der linken Hand, Pfeife in der rechten. Das geht nicht, sagte er schließlich.
Doch, sagte Douglas.
Trevor Douglas, 25 Jahre alt, lebt in Avon, Colorado, und betreibt einen Lieferservice für biologisches Fleisch, die Firma heißt "Meat in Paradise". Er hat Meeresbiologie studiert, in Hawaii. Dort lernte er einen Studenten kennen, der ihm sagte, er habe seine eigene Kirche gegründet, die Church of Universal Sacraments. Das Sakrament war Cannabis.
Douglas hatte als Jugendlicher gute Erfahrungen gemacht mit Cannabis. Manchmal hatte sein Vater einen Joint gedreht und ihn kreisen lassen am Abendbrottisch, als Dessert sozusagen.
Douglas dachte, wenn Christen glauben dürfen, dass ihr Messias über Wasser schwebt, wenn Hindus glauben dürfen, dass sie als Regenwurm wiedergeboren werden, dann darf auch ich, Trevor Douglas, glauben, dass Cannabis göttlich ist.
Douglas trat der Church of Universal Sacraments bei. Seitdem trägt er Hemden aus Hanffasern, er mischt die Knospen der Pflanze in Kuchenteig. Und er raucht die Blätter.
Mit 22 zog Douglas von Hawaii nach Colorado, weil er Snowboarden lernen wollte. In seinem neuen Wohnzimmer errichtete er einen Raum, den er Kapelle nennt: An die Wand hängte er ein Foto von Bob Marley, auf den Kaminsims stellte er diverse Pfeifen. Oft kommen Freunde, dann zündet Douglas die Pfeifen an und feiert mit ihnen die heilige Messe. Die Pflanze habe in seiner Religion die Bedeutung von Messwein, nur dass man davon keinen Kater bekomme, sagt Douglas. Cannabis sei die direkte Verbindung zu Gott, sagt er, und vielleicht glaubt er das wirklich. Möglich ist aber auch, dass dieser Satz Teil seiner Verteidigungsstrategie ist.
Nachdem die Polizei ihn angehalten hatte, wollte Douglas seinen Freund anrufen, den Kirchengründer aus Hawaii. Er fand die Telefonnummer nicht mehr, dafür aber die einer anderen Kirche: The Hawaii Cannabis Ministry, kurz THC. Douglas kannte auch den Gründer dieser Kirche aus Studientagen. Er trat der THC bei.
Am 9. März dieses Jahres saß Douglas in einem Gerichtssaal in Georgetown, Colorado. Er trug ein Hemd mit hellblauem Blumenmuster, in den Händen hielt er eine Bibel. Als Vorbereitung auf die Verhandlung hatte er den ersten Zusatzartikel der Verfassung gelesen und einen Satz auswendig gelernt: Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die freie Religionsausübung verbietet.
Das Gericht hatte zu klären, ob ein Joint genauso heilig sein darf wie der Wein beim Abendmahl.
Nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hatte, durfte Douglas sprechen. Er schlug die Bibel auf und zitierte aus der Genesis: "Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen." Douglas machte eine Pause. Kann dieses junge Grün, das von Gott kommt, schlecht sein?, fragte er. Douglas zitierte weiter, diesmal den ersten amerikanischen Präsidenten George Washington, der an seinen Gärtner schrieb: "Mach, so viel du kannst, aus den indianischen Hanfsamen und pflanze sie überall."
Die Richterin verurteilte Douglas. Sie sagte: "Das Gericht hat nicht den Eindruck, dass der Angeklagte eine Religion ausübt. Er handelt eher nach seinen eigenen Ansichten."
Nach seiner Verurteilung feierte Douglas einen Gottesdienst. Danach ging es ihm besser, sagt er.
Er hat Berufung eingelegt gegen das Verfahren. Er will bis vor den Supreme Court klagen, wenn es sein muss, sagt er. Bis dahin gilt das Urteil, auch wenn es noch nicht rechtskräftig ist. Douglas muss 350 Dollar Strafe zahlen und 15 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Er habe sich erkundigt, welche Arbeit in Frage komme, und er sei zufrieden, sagt er. Douglas darf in einem Garten arbeiten.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 19/2010
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