10.05.2010

MANAGER„Das war nicht dreist“

Multi-Aufsichtsrat Gerhard Cromme, 67, über die umstrittene Entscheidung, einen Siemens-Vorstand zum Chef des Düsseldorfer Stahlkochers ThyssenKrupp zu machen
SPIEGEL: Herr Cromme, mit ein bisschen Personalpolitik haben Sie eine Krise bei ThyssenKrupp gelöst und sich gleichzeitig ein schwerwiegendes Image-Problem eingehandelt. War es das wert?
Cromme: Weder das eine noch das andere existiert. Es ist uns gelungen, mehrere Personalfragen bei Siemens und bei ThyssenKrupp professionell zu lösen.
SPIEGEL: Professionell? Sie sind in beiden Konzernen Chef des Aufsichtsrats. Bei Siemens haben Sie das Vorstandsmitglied Heinrich Hiesinger abgeworben, um ihn bei ThyssenKrupp zum Chef zu machen. So etwas tut man eigentlich nicht. Und das ist mit der Verantwortung, die Sie für beide Unternehmen haben, kaum vereinbar.
Cromme: Es liegt keine Abwerbung vor, denn es handelt sich nicht um einen einseitigen, unabgestimmten Personalwechsel. In dem Fall gibt es ein in voller Transparenz und einvernehmlich geführtes Verfahren. Die Nachfolgeregelung bei Siemens mit Personalvorstand Siegfried Russwurm und der in Österreich tätigen Brigitte Ederer ist intern und extern auf große Zustimmung gestoßen.
SPIEGEL: Zunächst gab es einen gehörigen Aufschrei über Ihr dreistes Vorgehen.
Cromme: Das war nicht dreist. Seit Jahren gilt in der deutschen Wirtschaft die Re-gel, dass man guten Managern externe Aufstiegschancen nicht verbaut, wenn sie intern nicht möglich sind. Vor dem Hintergrund der Alterspyramide bei Siemens schied für Herrn Hiesinger ein weiterer Aufstieg dort aus. Sollte er darunter leiden, dass ich Aufsichtsratschef beider Konzerne bin? Das wäre doch absurd.
SPIEGEL: Sie werden sogar vom Ethikverband der Deutschen Wirtschaft kritisiert.
Cromme: Die Stellungnahme geht völlig am Problem vorbei. Die Ernennung von Herrn Hiesinger ist in voller Übereinstimmung mit dem Corporate-Governance-Kodex erfolgt …
SPIEGEL: … den Sie selbst mitverfassten.
Cromme: Und natürlich entspricht die Aktion auch der deutschen Gesetzgebung.
SPIEGEL: Sie setzen sich nicht zum ersten
Mal über Umgangsregeln für Manager und Aufsichtsräte hinweg. 2001 sind Sie vom Vorstandsvorsitz bei ThyssenKrupp direkt an die Spitze des Aufsichtsrats gewechselt. Der von der Bundesregierung und Ihnen selbst erarbeitete Kodex kritisiert so ein Verhalten ausdrücklich, weil da zu viel Nähe entsteht. Haben Sie die Regeln für alle gemacht, nur nicht für sich?
Cromme: Die Regelung im Kodex, dass ein Vorstandsvorsitzender nicht unmittelbar in den Aufsichtsrat der gleichen Gesellschaft wechseln soll, stammt aus einer späteren Zeit. Ich konnte doch keine Regel brechen, die es bei meinem Wechsel noch gar nicht gab.
SPIEGEL: Die Personalie Hiesinger ist für beide Konzerne aber auch inhaltlich heikel.
Cromme: Wieso?
SPIEGEL: Bei Siemens fehlt mit Hiesinger eine der wichtigsten Führungspersonen, und bei ThyssenKrupp haben sich mehrere Manager jahrelang Hoffnungen auf die Nachfolge von ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz gemacht. Müssen Sie nicht fürchten, dass die jetzt abwandern?
Cromme: Noch mal: Wir haben die Nachfolge bei Siemens einvernehmlich und im Interesse von Siemens gut geregelt. Außerdem ist es nun mal so, dass es in jedem Vorstand nur einen Vorsitzenden gibt. Deshalb müssen nicht alle anderen frustriert sein. Im Vorstand von ThyssenKrupp gibt es tüchtige Manager, die in einer anspruchsvollen Aufgabe sehr erfolgreich arbeiten. Ich hoffe, dass sie ihre Arbeit fortführen, mein Vertrauen und meine Unterstützung haben sie.
SPIEGEL: Der Eindruck drängt sich auf, dass Sie mit der Personalie auch an Ihrer eigenen Karriere gebastelt haben.
Cromme: Mit Verlaub, ich bin 67 Jahre und habe mit den Aufsichtsratsmandaten gut zu tun. Von welcher Karriere reden Sie?
SPIEGEL: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie die Nachfolge von Berthold Beitz als Vorsitzender der legendären Krupp-Stiftung übernehmen möchten, die mit 25 Prozent ja auch der größte Einzelaktionär bei ThyssenKrupp ist. Kritiker sagen, einige Ihrer Entscheidungen, wie etwa auch die Rückverlegung des Konzerns nach Essen, seien diesem Ziel letztlich untergeordnet.
Cromme: Ich bin stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Über die Nachfolge entscheiden Herr Beitz und das Kuratorium.
SPIEGEL: ThyssenKrupp hat 2009 milliardenschwere Verluste geschrieben und ist wegen der Abhängigkeit vom Stahl in die Kritik geraten. Was sind die wichtigsten Aufgaben für den neuen Chef Hiesinger?
Cromme: In den Jahren davor hat das Unternehmen milliardenschwere Gewinne erwirtschaftet. ThyssenKrupp ist und bleibt ein Werkstoff- und Technologiekonzern, dessen Produktpalette jedoch noch verbessert werden muss. Konkret wollen wir den Technologiebereich weiter ausbauen. Dazu haben wir nun auch die richtige Mannschaft.
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 19/2010
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