10.05.2010

STASIForm der Willkür

Bis heute wird die Verstrickung von Funktionären und Trainern der ehemaligen DDR gern verschwiegen. Nun sorgen späte Enthüllungen für Ärger.
Doktor Bodo Krocker, 64, ist ein gefragter Mann. Der Arzt aus Cottbus vertritt die Sportmediziner in der Landesärztekammer Brandenburg, wirkt segensreich für Spitzensportler, unter anderem für junge Turner. Für die Lokalzeitung ist er ein wichtiger Gesprächspartner, der über Eiweißdrinks genauso Bescheid weiß wie über Joggen unter Ozonbelastung.
Worüber Krocker weniger gern redet, ist seine Vergangenheit. Er war Mannschaftsarzt der DDR-Leichtathletik und mitverantwortlich für das Dopingsystem der DDR. Nach der Wende ermittelte deshalb die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung. Unter anderem hatte ihn die Hürdenläuferin Birgit Uibel schwer belastet. Das Verfahren endete mit einem Strafbefehl für Krocker. Uibel, 48, starb im Januar dieses Jahres an Krebs.
Nun sieht sich Krocker erneut mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Der Mediziner soll nach Überzeugung der Birthler-Behörde, Außenstelle Frankfurt (Oder), Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR gewesen sein. Die Birthler-Behörde meint die Karteikarte des Mediziners gefunden zu haben. Mitarbeiter recherchierten zudem, dass Krocker IM "Wartburg" gewesen sein soll. Gegenüber dem SPIEGEL sagt Krocker, die Schluss-folgerung, er sei "Wartburg" gewesen, sei "total falsch". Er kenne diesen Namen nicht.
Auch über 20 Jahre nach dem Mauerfall kommt immer noch Belastendes über Kader des DDR-Sportsystems an die Öffentlichkeit. Weil es nach der Wende keine ausreichende Aufarbeitung der Vergangenheit gab, muss sich der deutsche Sport bis heute mit immer neuen Fällen auseinandersetzen.
Dass die Stasi-Geschichte den Spitzensport immer wieder einholt, liegt auch daran, dass das Bundesinnenministerium die Problematik nur zögerlich angegangen ist: Wenn Stasi-Fälle enthüllt wurden, kündigte das BMI an, den Fall zu prüfen und gegebenenfalls Zuschüsse einzustellen. Bislang erhielt jedoch nur ein Spitzel keine Fördergelder: der Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer (IM "Torsten").
Dessen verschleppter Fall könnte nun die Deutsche Eislauf-Union (DEU) in die Pleite treiben. Der Verband wollte die Dienste von Steuer nutzen, der das international erfolgreiche Paar Aljona Sawtschenko / Robin Szolkowy betreut, bekam aber wegen dessen IM-Vergangenheit keine öffentlichen Mittel. Der Fall gelangte vor Gericht. Dort erklärte sich die DEU bereit, 250 000 Euro Sponsorengelder für Steuer aufzutreiben. Die Frist lief ab, aber die DEU kann nicht zahlen.
Steuers Rechtsanwältin Karla Vogt-Röller sagt, die ungleiche Behandlung von Steuer und anderen Betreuern sei "absolut unverständlich". Der Unmut richtet sich auch gegen den Parlamentarischen Staatssekretär Christoph Bergner (CDU), der im BMI für den Sport verantwortlich ist. Im Ehrenamt ist Bergner Präsident des SV Halle. Und dessen Geschäftsführer ist seit vielen Jahren Professor Klaus-Dieter Malzahn, der in der DDR als IM "Olaf Bachmann" für die Stasi spitzelte. Bergner verteidigte die Personalie des Trainingswissenschaftlers als "Resozialisierungsmaßnahme".
Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) hat sich kaum um die Aufarbeitung geschert. Beispielhaft ist der Fall des seit 1990 amtierenden Präsidenten des Brandenburgischen Fußballverbands. Der frühere WM-Schiedsrichter Siegfried Kirschen hatte laut Aktenlage über einen Zeitraum von 20 Jahren unter dem Decknamen "Friedrich" Personen bespitzelt. Als dies 2006 publik wurde, machte DFB-Präsident Theo Zwanziger den Fall zur Chefsache. Kurz darauf teilte der DFB mit, die Stasi-Angelegenheit Kirschen sei "als erledigt zu betrachten".
Die deutsch-deutschen Kameradschaften hielten auch den Fall des DFB-Vizepräsidenten Hans-Georg Moldenhauer, 68, für unbedeutend. Moldenhauer wurde von der Stasi als Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit "Kurt Straube" geführt. Laut Akten war der Diplomingenieur ein treuer SED-Genosse. Im April 1984 habe der frühere Torhüter mündlich seine Bereitschaft zur Stasi-Zusammenarbeit erklärt. Moldenhauer sagt, er habe nicht gewusst, dass ihn die Stasi als Mitarbeiter geführt hat. Er sei in der DDR eher ein "Widerstandskämpfer" gewesen. Als bekannt geworden sei, dass eine Stasi-Akte existiert, habe er sich unter anderem dem damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun anvertraut.
Die mangelhafte Aufarbeitung führte dazu, dass sich nach wie vor alte Stasi-Zuträger im Sport tummeln. So arbeitet beim Universitäts Judo- und Kampfsportclub Potsdam der ehemalige Weltmeister Andreas Preschel. Preschel hatte sich laut Dokumenten 1985 zur inoffiziellen Mitarbeit (IM "Dietmar") verpflichtet. Er erwies sich als zuverlässiger Zuträger. Als Preschel seine Judo-Laufbahn wegen einer Verletzung beenden musste, verpflichtete ihn das MfS als hauptamtlichen Mitarbeiter. Preschel wollte zu seiner Vergangenheit keinen Kommentar abgeben.
Als Hauptamtlicher war seine Stasi-Karriere allgemein bekannt. Und mit dieser Akte wäre Preschel als Bundes- oder Landestrainer nicht tragbar gewesen. Aber die Verantwortlichen des Judovereins Potsdam störte das nicht. Sie stellten den Mann als Jugendtrainer ein.
Von Udo Ludwig und Thomas Purschke

DER SPIEGEL 19/2010
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