Von Meyer, Cordula
Wenn die Sonne aufgeht und es noch diesig ist über Andalusien, dann kann man sie besonders gut sehen, die Zukunft. Dann schneiden baumdicke Lichtbündel durch den Dunst, scharf wie Laserstrahlen. Sie treffen sich, kurz unterhalb der Spitzen von zwei Türmen, der größte ragt 162 Meter empor, höher als der Kölner Dom. Nein, nicht Teil eines Ufos sind diese Lichtkegel, sondern Herzstück des modernsten Solarkraftwerks der Welt.
Um die Türme herum recken sich fast zweitausend Spiegel der Sonne entgegen. Rund 120 Quadratmeter groß ist jeder von ihnen, und wie die Blumen folgen sie dem Licht - nur dass es rattert, wenn ein Motor sie ausrichtet auf die Empfänger oben in den Türmen. 250 Grad heiß wird die gebündelte Sonne. Sie trifft auf stählerne Rohre, durch die Wasser geleitet wird. Es verdampft und treibt dann eine Turbine an. "PS20": So heißt der größte Power Tower der Welt, der 10 000 Haushalte mit Strom versorgen kann.
An diesem Frühlingstag trübt keine Wolke den Himmel hier, 20 Kilometer west-lich von Sevilla. "Heute ist es leicht", sagt Enrique Sales Rodriguez zufrieden. Die Turbine dröhnt, der Turm läuft mit voller Leistung. In einem Kontrollraum am Fuße des Turms überwacht der Ingenieur die Technik. Wenn dicke Wolken vorbeiziehen, dann muss er reagieren. Schnell regelt er die Anlage, um noch möglichst viel Energie aus den Strahlen zu ziehen. Alles ist darauf ausgerichtet, die Lichternte zu steigern. Deshalb auch streunen permanent Lastwagen mit großen blauen Puschelbürsten durch die Spiegelrei-hen. "Wir putzen 24 Stunden am Tag", sagt Sales.
Die Solartürme der Anlage Solúcar, die dem spanischen Konzern Abengoa gehört, sind das Futuristischste, was die Sonnenbranche derzeit zu bieten hat. Wissenschaftler lieben diese Technik, weil sie so viel Sonnenwärme in Strom umwandeln kann.
Solúcar ist deshalb eine Keimzelle für Desertec, das Mega-Projekt der Energiegewinnung in diesem Jahrhundert. Die Idee ist so schön wie kühn: Sonnenstrom aus der Sahara soll Europa mit sauberer Ökoenergie versorgen. So lasse sich die Energiekrise abwenden, der Klimawandel stoppen und gleichzeitig noch die Armut Afrikas bekämpfen. Kein Wunder, dass Experten wie Politiker Beifall klatschten, als im vergangenen Sommer zwölf Unternehmen die Desertec Industrial Initiative ins Leben riefen, darunter Weltkonzerne wie Siemens, Großbanken wie die Deutsche Bank und Energieriesen wie E.on und RWE. Sie alle wollen dabei sein, wenn aus dem Traum Wirklichkeit werden sollte.
Die Kanzlerin war begeistert. Der EU-Kommissionspräsident war hingerissen. Die Bürger waren fasziniert. In 40 Jahren soll Europa seinen Strom fast nur noch aus Ökoquellen beziehen, und ein guter Teil davon soll aus der Sahara stammen. Der Traum scheint vielen größer als der von der Mondlandung - und er wäre auch teurer: Die unvorstellbare Summe von 400 Milliarden Euro ist veranschlagt.
Dereinst sollen 700 Terawattstunden Energie pro Jahr von der Sahara nach Europa fluten - das ist mehr, als hundert Atommeiler zusammen liefern. Und es schien zunächst so, als solle alles schon morgen losgehen: Die Münchener Rück gibt Geld, die Deutsche Bank Kredit, und Siemens baut damit ein Mammut-Sonnenkraftwerk nach dem anderen in den Saharasand.
So jedenfalls kam es bei den Regierungen Nordafrikas an. "Desertec steht vor einem Problem, weil die öffentlichen Erwartungen so groß geworden sind", sagt Mike Enskat, der bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit für Energiefragen in Nordafrika zuständig ist. Die Leute dort "dachten, da kommt Desertec, und die wollen Milliarden abwerfen".
Ganz so ist es nicht. Dass es bis in die Zukunft noch ein extrem weiter Weg ist, wird rasch klar beim Besuch im Münchner Büro der Desertec Industrial Initiative. "Das ist ein kleines Start-up, ein Raum mit acht Leuten", sagt ihr Sprecher Alexander Mohanty. Wenn er mal in Ruhe telefonieren will, dann muss er auf den Flur gehen. 150 000 Euro pro Jahr zahlt jedes Unternehmen in die Gemeinschaftskasse - Unternehmen wie Siemens oder RWE zahlen solche Beträge aus der Kaffeekasse der Porto-Abteilung. Desertec-Chef Paul van Son, ein freundlicher Holländer, bremst selbst die Erwartungen: "Wir sind keine Investoren", sagt er. "Wir sind keine Projektentwickler."
Ja, was denn dann?
"Wir sind eine Idee", sagt van Son, "eine Bewegung." Erst einmal machen die Jünger des Lichts Lobbyarbeit bei der Bundesregierung, bei der EU, bei anderen Regierungen in Europa und Nordafrika. Sie wollen ausloten, worum genau Desertec bitten muss. Welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit aus der Idee Wirklichkeit werden kann. Auch erste Baupläne werden gemacht.
Die Desertec-Konzerne wollen investieren - aber nur wenn es Abnahme- und Preisgarantien gibt, wenn es Sicherheiten und Unterstützung gibt, von der Weltbank bis hin zu Klimafonds. Desertec wird es nicht geben ohne das Geld der Steuerzahler und Stromverbraucher. Und Desertec ist darauf angewiesen, dass die EU-Länder ihre nationale Energiepolitik gegen eine europäische eintauschen. Zudem gilt es einen Weg zu finden, mit nordafrikanischen Regierungen wie der Libyens umzugehen, die nicht gerade für ihre vorbildlichen Demokratien bekannt sind.
Für Testprojekte in den nächsten Jahren ist vor allem Marokko ins Auge gefasst. Auf die Ausschreibungen dafür dürfen sich alle bewerben, nicht nur die Desertec-Firmen. Wenn die Erfahrungen mit Pilotprojekten die Technik verbessert und die Kosten gesenkt worden sind, werden die nächsten Ausschreibungsrunden eröffnet.
Die Desertec-Mammut-Kraftwerke, deren Bild in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit herumgeisterte, werden aber auch dann noch nicht entstehen. Denn wenn das Konzept aufgeht, werden nicht wenige Giga-, sondern eher Tausende von mittleren Kraftwerken, an vielen Standorten, von vielen Investoren finanziert, in der Wüste sprießen. Das Desertec-Logo wird höchstens als eine Art Ökosiegel darauf kleben. Gebaut und bezahlt werden die Kraftwerke von anderen. "Wir sind Wegbereiter", sagt van Son. "Dann übergeben wir alles dem Markt."
Das ist weniger, als viele bislang dachten - dafür aber weitaus realistischer, meint Fritz Vahrenholt, bei RWE zuständig für Erneuerbare Energien. Ihn habe der "übertriebene Optimismus" zum Thema Desertec gestört, sagt Vahrenholt. Er glaube nicht, dass Europa in 15 Jahren einen wesentlichen Anteil seines Energiebedarfs aus Saharastrom decke. Trotzdem sehe RWE das Projekt inzwischen "wesentlich zuversichtlicher als früher".
Denn die solarthermische Technik könnte schon bald konkurrenzfähig sein. Experten rechnen damit, dass sich die Kosten von bislang rund 20 Cent pro Kilowattstunde innerhalb der nächsten zehn Jahre halbieren werden. Damit wäre solarthermisch erzeugter Strom immer noch fast doppelt so teuer wie Windenergie heute (etwa sechs Cent), aber deutlich billiger als die Photovoltaik, der Strom aus jenen blauschimmernden Solarzellen, die von Kiel bis Nürnberg unterm trüben deutschen Himmel auf den Dächern kleben.
Dennoch ist die Photovoltaik ein Problem für Desertec - denn sie frisst das Geld für das Projekt. In den kommenden 20 Jahren werden deutsche Stromkunden über das Einspeisegesetz schätzungsweise bis zu 100 Milliarden Euro in Photovoltaik stecken - und dies, obwohl die nur etwas mehr als ein Prozent zur deutschen Stromversorgung beiträgt. "Hätte man das Geld in Desertec gesteckt, würde man ein Vielfaches an Strom zu deutlich geringeren Preisen erzeugen", sagt Vahrenholt.
"Ich fühle mich als Photovoltaik-Pionier, ich habe wirklich ein Herz dafür - aber die Förderung läuft völlig aus dem Ruder", meint auch Jürgen Schmid, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel. "Wir stopfen unendlich viel Geld in eine Technik, obwohl es billigere und genauso emissionsfreie andere gibt."
Schmid träumt von einer Zeit, in der Europa seinen Stromhunger durch einen Ökomix aus Windenergie, Sonne aus Nordafrika und Wasserstrom aus Norwegen stillen könnte. Das könne zu einem Preis von vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde verwirklicht werden. "Dann sind wir unschlagbar", sagt Schmid.
Rapide ist das Interesse am solarthermischen Wüstenstrom gestiegen. Gewaltige Anlagen sind in Südspanien im Bau, in Kalifornien, Arizona und New Mexico geplant. "Die Solartechnologie zeigt mit zehn Jahren Zeitverzug eine fast identische Wachstumskurve wie die Windkraft", sagt Frank Mastiaux, Chef von E.on Climate & Renewables. "In diese Technik zu investieren ist für uns ein strategisches Muss."
Geboren wurde die Desertec-Vision in einer Etagenwohnung in Hamburg-Blankenese. Gerhard Knies ist 72 Jahre alt, er trägt ein rotkariertes Hemd, Jeans und ist so agil, als wäre er 20 Jahre jünger. Knies war Physiker beim Hamburger Teilchenbeschleuniger Desy, dort habe er sich damit beschäftigt, "was die Welt im Innersten zusammenhält".
So ein Mann ist gewohnt, große Fragen zu stellen. Und er liebt große Antworten. Ölpreisschock und Tschernobyl-Katastrophe ließen Knies über die Verwundbarkeit von Industriegesellschaften grübeln. Er rechnete aus, dass die Erde von der Sonne 10 000-mal so viel Energie empfängt, wie die Menschen brauchen. Heute zeigt er auf Vortragsfolien gern ein kleines rotes Quadrat im riesigen Afrika: Drei Tausendstel der weltweit 40 Millionen Quadratkilometer Wüsten würden ausreichen, um alle Menschen mit Sonnenstrom zu beliefern. Ein Fleckchen von vier mal fünf Meter pro Mensch.
Der Klimawandel gab Knies' Ideen neue Dringlichkeit. "Das Weiterbenutzen der fossilen Energie ist organisierte Zukunftskriminalität", schimpft er. Knies konzipierte Tagungen, eiste im Bundesumweltministerium Geld los für Studien. Er überzeugte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, den damaligen Präsidenten des Club of Rome, Prinz Hassan von Jordanien. "Ich galt als der Spinner", sagt Knies. "Als ich in diese Solarwelt kam, war das eine miefige Atmosphäre, wo es immer darum ging, wer wem Fördergelder abjagt."
Knies aber dachte groß, und er dachte global. Allem gab er noch einmal einen Schub, als er vor drei Jahren den Namen ersann: Desertec. Knies nennt die Initiative eine "Nachhaltigkeits-Selbsthilfegruppe, weil die Politik es nicht schafft. Die sind einfach zu langsam".
Mit ein paar Solarzellen auf dem Schuldach sei das Klima eben nicht zu retten. "Globale Akteure" müssten dabei sein, sagt Knies, so sehr die Zusammenarbeit mit den großen Energieversorgern auch "einen Pakt mit dem Teufel" bedeute. Deshalb wurde die Desertec-Stiftung unter dem Dach der Weltenretter vom Club of Rome angesiedelt, sagt Knies.
Dort begnügt man sich nicht damit, allein das Weltenergieproblem zu lösen. Desertec werde mehr als nur Strom liefern, sagt Max Schön, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Familienunternehmer aus Lübeck. Desertec werde auch zeigen, dass "Orient und Okzident, Islam und Christentum zusammenarbeiten können"; Desertec werde für Beschäftigung und Aufschwung in Nordafrika sorgen und dafür, dass weniger Menschen nach Europa fliehen. Und weil die Sonnenanlagen auch Meerwasser entsalzen, werde Desertec den Kriegen um Wasser ebenfalls ein Ende bereiten. Für all das gelte es die Industrie zu begeistern.
Van Son, der Chef der Industrie-Initiative, hat diese Lektion bereits gelernt. Auch er schwärmt, Desertec werde versuchen, "Völker, Kulturen und Regierungen zusammenzubringen". Sogar die im südlichen Afrika, weil die auch gern bei Desertec dabei wären.
Klaus Töpfer, CDU- und Uno-Umweltpolitiker mit hohem Ansehen in Afrika, macht ein säuerliches Gesicht, wenn er dergleichen hört. Als "strategischer Berater" für Desertec würde er den Weltfrieden gern anderen überlassen. Ihm geht es um saubere Energie, gute Geschäfte und die Machbarkeit. "Wenn es ein Projekt für Europa ist, wird es nicht entstehen. Wenn es ein Projekt für Afrika ist, wird es nicht finanzierbar sein", sagt er, beide Seiten müssten den Gewinn sehen können.
Erst einmal sollten die Kraftwerke in Afrika auch Strom für Afrika produzieren. Denn die Leitungen nach Europa gibt es noch nicht, und die Länder brauchen schließlich selber Strom. Ebenso sieht es das Bundeswirtschaftsministerium, wo sich eine Task-Force um Desertec kümmert: Zunächst einmal müsse es um "die Deckung der rasch wachsenden Stromnachfrage in der Region gehen", so ein Sprecher. "Längerfristig wird der Wüstenstrom aber sicher auch einen Beitrag zu einer sicheren und klimafreundlichen Stromversorgung der EU leisten."
Das ist politisch sinnvoll, macht die Finanzierung aber viel schwieriger. Denn in Nordafrika wird der Strompreis oft kräftig vom Staat subventioniert, in Ägypten liegt er für Privatkunden oft bei unter einem Cent pro Kilowattstunde. Investoren müssten also für den Verbrauch in Afrika zubuttern, um dann später am Verkauf nach Norden zu verdienen. Europa würde nach dem Desertec-Konzept langfristig lediglich 15 bis 20 Prozent seines Energiebedarfs importieren. Der Rest würde vor Ort durch Wind, Wasserkraft, Biomasse und Photovoltaik gedeckt.
Trotzdem wäre die Solarthermie aus Afrika für den deutschen Energiemix eine perfekte Ergänzung: Denn der Wind, die wichtigste Ökoenergie in Europa, ist launisch, Afrikas Sonne dagegen beständig.
Bis zu 24 Stunden lang lässt sich Wärme aus der Solarthermie mit geringen Verlusten speichern, etwa in heißem, flüssigem Salz. Diese Energie kann dann nachts oder bei verhangenem Himmel abgegeben werden. Deshalb könne ein solarthermisches Kraftwerk, ähnlich wie ein Atomkraftwerk, die sogenannte Grundlast abdecken, erklärt der Verfahrenstechniker Franz Trieb vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Es sei damit wertvoller als Windenergie.
Anfangs war Trieb skeptisch, er hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, die Vision von Gerhard Knies wissenschaftlich totzurechnen. "Es ist mir nicht gelungen", konstatiert er heute.
So hätten Kritiker gewarnt, dass Wanderdünen die Solarspiegel begraben, Sandstürme sie blindkratzen könnten. Doch diese Sorgen seien unbegründet, sagt Trieb. 80 Prozent der Wüsten seien frei von Dünen, und Wandergebiete von Nomaden werde man selbstverständlich meiden. Optimale Standorte für die Sonnenkollektoren sind Hochplateaus fern der Küsten, wo die Sonne noch einmal 20 Prozent mehr Energie pro Hektar liefert als in Spanien. "Je näher zu Gott, desto besser die Strahlung", sagt Desertec-Geschäftsführer Rainer Aringhoff.
In Ouarzazate etwa, am südlichen Rand des Atlas-Gebirges, könnte das erste Desertec-Referenzprojekt stehen, hofft Aringhoff. Es soll mit Luft gekühlt werden statt mit Wasser. Ein riesiger Vorteil in der Sahara, der allerdings die Kosten um fünf bis zehn Prozent erhöht.
Dennoch bleiben die Solarfirmen einstweilen lieber in Andalusien: Die Strahlung ist auch dort intensiv, und das Geld stimmt. Mit 27 Cent pro Kilowattstunde Solarstrom werden die Betreiber entlohnt. E.on baut hier für 550 Millionen seine ersten solarthermischen Kraftwerke. 50 Anlagen sind bis zum Jahr 2025 geplant. "Wir reden hier über reelle Projekte, nicht Visionen", sagt Rainer Kistner, der Chef der Solarsparte der Firma Ferrostaal. Die Essener Firma baut als Generalunternehmer gerade in Andasol einen dritten Solar-Kraftwerksblock in die spanische Wüste bei Granada. Die Werke funktionieren nach einem Prinzip, das die Ägypter schon vor hundert Jahren nutzten: Rinnen aus Spiegeln produzieren Dampf, der Wasserpumpen antreibt.
Aus zwei Kraftwerksblöcken steigt bereits Dampf auf, der dritte soll im kommenden Jahr fertig werden. In einer Halle montieren Arbeiter die Spiegel auf die Stahlgerüste. Alle halbe Stunde zieht ein Traktor eine 2,7 Tonnen schwere Rinne aus der Halle über den holprigen Boden ins Solarfeld. Ein Kran wuchtet die zwölf Meter langen Spiegel auf ihre Betonsockel. Oliver Vorbrugg überwacht für die deutsche Solarfirma Flagsol den Fortschritt in Andasol. Er rumpelt in seinem silbernen Kombi durch die Spiegelreihen, hinter denen sich die schneebedeckten Dreitausender der Sierra Nevada erheben. Alle fünf Minuten jault die Mundharmonika "Spiel mir das Lied vom Tod": Vorbrugg hat es sich als Klingelton aufs Handy geladen. Er fand es passend, weil Teile des Westerns hier am Fuße der Sierra Nevada gedreht worden waren.
Gerade schütten Arbeiter Fundamente für Kühltürme, anderswo schweißen Techniker Rohre zusammen. Bei der Montage und Fertigung sei höchste Präzision gefragt, sagt Vorbrugg, aber stehe die Anlage erst mal, sei das "ein gutmütiges System" und ein effizientes zudem. Es dauert nur etwa fünf Monate, bis die Anlage die Energie zurückgewonnen hat, die für ihre Herstellung gebraucht wurde. Dann aber soll sie noch 25 bis 30 Jahre weiterlaufen, hofft Vorbrugg.
Besonders bemerkenswert sind die Salzspeicher. Riesige silberne Tanks mit 36 Meter Durchmesser enthalten flüssiges Kalium- und Natriumnitrat, billige Mineralsalze, die sonst als Kunstdünger genutzt werden. Die Ingenieure im Kontrollraum von Andasol können entscheiden, ob sie die Wärme aus den Sonnenkollektoren direkt zur Turbine oder in den Salztank leiten. Sind die Salzspeicher aufgeheizt, kann das Kraftwerk allein mit der Salzhitze sieben Stunden lang Volllast laufen.
Neben solchen Speichern würden für Desertec vor allem Leitungen gebraucht, die den Strom in die Bevölkerungszentren Europas bringen können. Hochspannungsleitungen für Gleichstrom sollen es werden, die Elektrizität mit Verlusten von weniger als drei Prozent über tausend Kilometer leiten.
Ende 2008 ging das bislang längste solcher Unterwasser-HGÜ-Kabel in Betrieb. Es leitet Strom von Holland nach Norwegen und umgekehrt - je nachdem, wo er gerade billiger ist. Das Norned-Kabel hat innerhalb der ersten drei Monate bereits gut zehn Prozent der Investitionen erwirtschaftet.
Umhüllt von Kunststoffen und geschützt durch eine Metallhülle, bestehen solche Kabel aus fünf Zentimeter dicken Kupfer- oder Aluminiumseilen. Sie werden von Spezialschiffen abgerollt und am Meeresboden von Robotern verscharrt.
Die Kosten sind gewaltig. Allein das 200 Kilometer lange Kabel, das den Offshore-Windpark Bard in der Nordsee mit dem deutschen Netz verbinden soll, kostet rund 300 Millionen Euro. Um all den Sonnenstrom, der laut Desertec in der Sahara erzeugt werden soll, von Afrika nach Europa zu schaffen, wären 80 bis 100 solcher Kabel vonnöten.
"So was durchs Mittelmeer zu verlegen wird nicht immer wirtschaftlich lukrativ sein", sagt Jochen Kreusel vom Konzern ABB, der das Norned-Kabel geliefert hat. "Da ist die Gesellschaft gefragt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen."
Wie schwierig das sein kann, zeigt sich in den Pyrenäen, wo Frankreich und Spanien seit Jahren über den Bau einer leistungsfähigen Leitung streiten. Zudem stoppen oder verzögern Bürgerinitiativen in ganz Europa immer wieder neue Projekte. "Allein eine Leitung in Deutschland auszubauen dauert 15 Jahre inklusive aller Enteignungsverfahren", sagt Fraunhofer-Forscher Schmid. "Daran kann alles scheitern."
Doch immerhin: Vor allem in Marokko, das kaum fossile Ressourcen besitzt, regt sich das Interesse an Desertec. Im vergangenen Jahr verabschiedeten die Marokkaner einen eigenen Solarplan: 2000 Sonnen-Megawatt will das Land bis 2020 installieren, unterstützt von der Weltbank. Zugleich hoffen die Desertec-Firmen, dass ein Land wie Italien, das sein von der EU gesetztes Klimaziel kaum einhalten dürfte, seine Ökobilanz mit Sauber-Strom aus Tunesien aufpolieren könnte.
Wenn der Boom dann wirklich losgeht, dürften vor allem deutsche Firmen profitieren. Sie sind in der Solartechnik weltweit führend. Im Geschäft sind Riesen wie Siemens, aber auch Spezialisten: Flagsol aus Köln liefert die Solarsteuerung, Schott Solar aus Bayern die Wärme-Empfänger für die Sonnenrinnen, und Solar Millennium aus Erlangen macht die Projektentwicklung. Deutsche Unternehmen haben sich global ein Drittel des gesamten Solarthermiemarkts gesichert.
Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat nachgerechnet, wie viel sie im günstigsten aller Fälle bis zum Jahr 2050 umgesetzt haben könnten - und kam auf einen astronomischen Betrag: 2000 Milliarden Euro.
ENDE
Teil 4: Die Sonne überschüttet die Erde jeden Tag mit Energie - zehntausendmal so viel, wie die Menschheit derzeit verbraucht. Große Solarkraftwerke sollen die Sonnenstrahlen zu Strom machen, aber das lohnt sich nur in den Wüsten der Welt. Mit dem Desertec-Konzept wollen Großkonzerne sauberen Strom aus der Sahara nach Europa bringen: eine Idee, so ehrgeizig wie einst die Mondlandung. Der Wüstenstrom ist unverzichtbarer Teil einer Energie-Vision, die ohne Öl, Erdgas und Kohle auskommt. Die Hürden sind gewaltig, vor allem die politischen: Für das Desertec-Projekt müssten sich nicht nur die europäischen Regierungen untereinander einigen, sondern auch die nordafrikanischen.
DER SPIEGEL 20/2010
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