17.05.2010

BESCHÄFTIGUNG

Das Wunder von Berlin

Von Buse, Uwe

Ein Berliner Unternehmer hat 100 Arbeitsplätze zu besetzen, die Stellen sind unbefristet, er zahlt den Mindestlohn - und tut sich schwer, Mitarbeiter zu finden. Woran liegt es? Was hilft? Das Protokoll eines sozialpolitischen Dilemmas. Von Uwe Buse

Es hat sich viel getan im Leben von Jana Reyes in der letzten Zeit, und sie fühlt sich noch nicht sicher, sie hat sich noch nicht gewöhnt an ihre neue Rolle. Sie sitzt in einem überheizten Besprechungszimmer in Berlin-Reinickendorf. Vor ihr steht ein Kaffee, den sie nicht anrührt, sie hat die Arme verschränkt, und sie wird diese Haltung während des Gesprächs auch nicht aufgeben. Neben ihr sitzt ein Mann, es ist der Pressesprecher ihres Arbeitgebers. Er soll sie, wenn nötig, unterstützen.

Jana Reyes ist 40 Jahre alt, alleinerziehend, sie hat Dreherin gelernt, damals 1984, wurde schwanger, in den vergangenen fünf Jahren war sie arbeitslos und lebte von Hartz IV.

Vormittags um zehn saß sie in ihrer Wohnung, alles, was zu putzen war, war geputzt, alles war gewaschen, die Tochter in der Schule, und der Tag lag noch vor ihr. Das war kein gutes Gefühl. "Jeder Tag war Sonntag", sagt Reyes hinter ihrer Kaffeetasse. Um dem ewigen Sonntag zu entkommen, kaufte sie sich einen Hund, einen Yorkshire-Terrier. Sein Bild trägt sie bei sich, auch jetzt, wo ihr Leben ganz anders ist.

Jana Reyes arbeitet wieder, nach fünf Jahren Dauerarbeitslosigkeit, in Deutschland gilt das fast als Wunder. Sie ist Reinigungskraft, so sagt sie, ein Zimmermädchen in Hotels, angelernt bei einer Gebäudereinigungsfirma, der GRG Services Hotel GmbH in Berlin, dort ist sie auch angestellt.

Für Stephan Schwarz, den Chef der GRG Services, 3000 Mitarbeiter, Sitz in Reinickendorf, war die Verpflichtung von Jana Reyes ein fast so großes Wunder wie für sie selbst. Er hatte einen Vertrag unterschrieben mit einer Hotelkette, suchte 100 neue Mitarbeiter, Zimmermädchen und Roomboys. Es schien fast aussichtslos, von Anfang an. Die Mitarbeiter seiner Personalabteilung inserierten in Zeitungen, im Internet, sie sprachen bei der Agentur für Arbeit vor.

Von den 130 Arbeitslosen, die das Arbeitsamt der Firma vorschlug, erschienen 35 zum Vorstellungsgespräch. Von den 35 waren 5 bereit, die Arbeit auszuprobieren. Von den 5 kündigten 4 nach ein paar Tagen, weil ihnen die Arbeit zu anstrengend war. Übrig blieb Jana Reyes.

Stephan Schwarz glaubte nicht mehr daran, dass das Arbeitsamt ihm Arbeitskräfte beschaffen könne, er schien geschlagen, wollte es nicht glauben, suchte einen neuen Weg.

Der Unternehmer Schwarz ging ins Fernsehen, klagte über die Arbeitslosen, klagte über die Agentur für Arbeit, saß in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner mit seiner Zahlenreihe: 130, 35, 5, 1. Reyes schien die Ausnahme zu sein, die die Regel bestätigt, die Annahme, dass viel zu viele Arbeitslose in Deutschland nicht arbeiten wollen, dass sie faul sind, fordernd.

Schwarz' Auftritt hat viel verändert, für seine Firma, für ihn, für die Agentur für Arbeit, für Jana Reyes.

Reyes findet, sie habe nur etwas getan, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, etwas, wozu sie nach dem Gesetz verpflichtet ist und was trotzdem selten geschieht in dieser Stadt mit ihren 432 000 erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfängern. Sie nahm ohne zu murren einen Niedriglohnjob an, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit, die mit 8,40 Euro brutto pro Stunde bezahlt wird, dem Mindestlohn der Reinigungsbranche in Deutschlands Westen. Rechnet Reyes die Monatskarte für Bus und Bahn und die GEZ-Gebühr gegen, Dinge, die sie jetzt selbst bezahlen muss, dann hat sie 150 Euro im Monat mehr als früher mit Hartz IV.

Das ist nicht viel, finden Bekannte von Reyes, die selber arbeitslos sind, und nennen sie nun verrückt und eine Selbstausbeuterin. Politiker dagegen loben sie, wie auch ihr Chef, der an der Tatsache verzweifelte, in einem Land zu leben, das Arbeitslosigkeit fast so gut bezahlt wie Arbeit. Und der jetzt auf einmal Hoffnung hat.

Stephan Schwarz ist 44 Jahre alt, er ist der Sohn eines Unternehmers, der Enkel eines Unternehmers, er sitzt im Büro und schwärmt für die USA, für die Nehmerqualitäten des amerikanischen Arbeiters, der immer wieder aufstehe, ganz egal, wie hart er getroffen wurde. Schwarz hat nicht viel Verständnis für deutsche Arbeitslose, die geringqualifiziert und sich zu fein sind, in seiner Firma zu arbeiten.

Schwarz übernahm die Firma vor 14 Jahren, an einem Montag, nachdem am Freitag zuvor sein Vater bei einem Flugzeugabsturz in Südafrika ums Leben gekommen war. Damals war Stephan Schwarz 30 Jahre alt, er hatte in Paris studiert und war nicht wirklich vorbereitet auf diese Aufgabe.

Heute leitet er die Firma zusammen mit seinem Bruder. Im Foyer stehen Preise, verliehen von Mittelstandsvereinigungen, Schwarz ist Präsident der Berliner Handwerkskammer, er sieht sich als Unternehmer, der nicht nur dem Gewinn verpflichtet ist, sondern auch der Gesellschaft. Am Rand von Berlin ließ er einen Wald pflanzen, weil seine Firma viel Wasser verdreckt, in seiner Branche hat er für den Mindestlohn gestritten, und in der Öffentlichkeit sagt er: "Das Dumping von Löhnen halte ich nicht für eine unternehmerische Leistung." Es gibt mit Sicherheit unangenehmere Chefs als ihn. Begleitet man ihn durch seine Firma, wirkt sein Interesse an den Mitarbeitern aufrichtig, sein Lächeln nicht verlogen. Aber es gibt natürliche Grenzen für Schwarz' Empathie.

Schwarz gehört zu einer privilegierten Gruppe in Deutschland, zu einer schrumpfenden Elite, seine Arbeitsbiografie weist keine Brüche auf. Schwarz weiß nicht, wie es sich anfühlt, arbeitslos zu sein, er kennt auch nicht das Gefühl, Arbeit nur als Mittel zum Gelderwerb zu sehen. Für ihn ist Arbeit ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Arbeit verschafft ihm Kontrolle über sein Leben, auch über das von anderen. Auch wenn Schwarz versucht, seine Mitarbeiter zu verstehen, lebt er sehr weit entfernt von ihnen und von Menschen, die Hartz IV beziehen.

Schwarz fragt sich schon lange, woran es liegen könnte, wenn Arbeitslose die Arbeit, die er ihnen anbietet, nicht haben wollen. Er zahlt den Mindestlohn, und vielen Arbeitslosen ist das nicht genug. Das dürfte ein Grund sein. Doch andere in seiner Branche zahlen weniger, gehen ruppiger mit ihren Mitarbeitern um.

Schwarz sieht die Verantwortung dafür beim deutschen Sozialstaat, einem Staat, der die Beschäftigten im Niedriglohnsektor härter besteuert als viele andere Staaten in der EU. Und der Arbeitslosen fast so viel zahlt, wie sie netto im Niedriglohnsektor verdienen können. Dass der Staat die Hartz-IV-Sätze schwerlich senken kann, weil sie das Existenzminimum in Deutschland darstellen, das weiß Schwarz.

Der Staat könnte die Sozialabgaben in den Niedriglohngruppen senken, so dass dem Beschäftigten vom Niedriglohn mehr übrig bleibt, aber dass dafür der politische Wille fehlt, weiß er auch.

Schwarz sucht den Fehler im System, und das System, das ist für ihn zuallererst die Agentur für Arbeit. Was dem Staat zu tun bleibt und was nicht geschieht, so denkt Schwarz, ist der Versuch, die Kompromissbereitschaft der Arbeitslosen zu erhöhen. Er sah nicht ein, warum die Vermittlung nicht funktionierte. Die Agentur, so fand er, erfüllte ihren Job nicht, sie motivierte die Leute nicht. Sie fand nicht die Leute, die er braucht, verzweifelt arbeitssuchend und robust genug, um jene Jobs anzunehmen, die er bieten kann. Mühevoll geht das alles, langsam.

Allein kam Schwarz nicht weiter. Er dachte: Geh ins Fernsehen. Wenn das Fernsehen überschuldeten Privatmenschen und überforderten Eltern helfen kann, dann kann es auch Unternehmern helfen, die Arbeitsplätze zu vergeben haben. Nach dem Fernsehauftritt ging es plötzlich besser. Er erleichterte die Kooperation mit der Agentur und die "Jobbörsen", so heißt das, was GRG und Arbeitsagentur gemeinsam veranstalten.

Ein Frühlingstag in Schwarz' Firma, ein gläserner Schulungsraum im Erdgeschoss, die erste Jobbörse nach seinem Auftritt im Fernsehen. Hundert Arbeitslose sind angeschrieben worden von der Agentur für Arbeit, es geht um Jobs in der Firma von Schwarz. Die Anforderungen sind gering. Ein Schulabschluss und Erfahrung im Reinigungsgeschäft seien wünschenswert, aber nicht zwingend. Deutschkenntnisse seien nötig. Tätowierungen und Piercings bitte nur an Körperstellen, die während der Arbeit bedeckt sind. Das ist alles. Früher hat Schwarz noch ins Profil schreiben lassen, dass die Bewerber irgendwann in ihrem Leben zwei Jahre am Stück gearbeitet haben sollten. Das ist mittlerweile gestrichen worden.

46 Arbeitslose sind diesmal gekommen, knapp die Hälfte der Eingeladenen, das ist eine gute Quote für Veranstaltungen wie diese. Es sind Männer und Frauen, Junge und Alte, die da sitzen. Ein paar tragen Jogginghose, vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht aus Trotz, ein paar Anzug mit Krawatte, vielleicht auch aus Trotz. Geredet wird wenig und wenn, dann leise, gelacht wird gar nicht. Dafür blicken viele oft auf ihre Uhr.

Vorn im Saal steht Carola Schürkamp, schmal, brünett, nervös. Sie ist Abteilungsleiterin bei der GRG, und sie beginnt ihren Vortrag mit ein paar Sätzen über die Firma, ihre Vorzüge. Man suche im Moment Zimmermädchen und ihre männlichen Kollegen, Roomboys, sie werden in einem Familienunternehmen arbeiten, nicht in einer anonymen Aktiengesellschaft, man suche Vollzeit- und auch Teilzeitkräfte, in den Hotels beginne die Arbeit in der Regel um acht Uhr, sei also familienfreundlich. Gezahlt werde der Tariflohn, 8,40 Euro die Stunde, brutto. Und 2011, sagt Schürkamp, werde der Lohn steigen, das sei schon jetzt zwischen den Tarifpartnern ausgehandelt worden. Auf 8,55 Euro. 15 Cent mehr. Schürkamp verkündet das mit viel Schwung, als wäre es eine wirklich gute Nachricht. Die Begeisterung bei ihren Zuhörern hält sich in Grenzen.

Die Stimmung wäre noch schlechter, wenn Schürkamps Zuhörer wüssten, dass sie nur die halbwegs angenehmen Tatsachen zu hören bekommen. Die hässlichen Details erfahren nur diejenigen, die sich nach dem Vortrag weiter für eine Stelle bei der GRG interessieren und dann Martina Nitzsche gegenübersitzen.

Martina Nitzsche ist Abteilungsleiterin Hoteldienstleistungen bei der GRG; so steht es auf ihrer Visitenkarte. Sie ist stämmig, blond und auf eine Berliner Art sehr direkt. Nitzsche sagt, sie mache Arbeitslosen Angst, absichtlich.

Jeden Dienstag führt Nitzsche Einstellungsgespräche mit potentiellen Mitarbeitern, meist sind es Langzeitarbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Ungelernte, und Nitzsche vergeudet nur ungern ihre Zeit mit denen, die nicht wirklich wollen. Deshalb sagt sie gleich zu Beginn, dass die Arbeit anstrengend ist, dass der Muskelkater todsicher kommt, dass auch mal länger gearbeitet werden muss, wenn die Hotels voll sind oder wenn mal ein Kollege krank ist, was oft vorkommt, weil der Krankenstand in der Branche hoch ist und die Fluktuation auch.

Nitzsche sagt, dass nur ein Wochenende im Monat garantiert frei sein wird und dass die Dienstpläne von Woche zu Woche neu geschrieben werden. Die Arbeitszeiten können variieren und auch die Arbeitsorte. Neun von zehn Mitarbeitern geben in den ersten Tagen auf, auch das sagt Martina Nitzsche. Sie will die Willigen möglichst schnell von den Unwilligen trennen, die Fähigen von den Unfähigen, und das kann sie ziemlich gut. Hätte Martina Nitzsche statt ihres Chefs in der Talkshow von Maybrit Illner gesessen und hätte sie dort ihren Angstmachermonolog gehalten, die Stimmung wäre anders gewesen.

In der dritten Reihe im GRG-Konferenzraum sitzt ein Mann mit Stoppeln auf dem Kopf und einem Ring im Ohr, er hat nicht vor, Nitzsche kennenzulernen. Er ist nur hier, um die Einladung von der Agentur für Arbeit einem Mitarbeiter der Agentur in die Hand zu drücken. So beweist er, dass er der Aufforderung gefolgt ist, dass er hier war, und sichert sich weiter Geld vom Staat. Die Arbeit selbst interessiert ihn nicht. Geldmäßig nicht und imagemäßig erst recht nicht. Roomboy, das klinge doch schwul, oder? Und selbst wenn das anders wäre, würde er den Job nicht machen. Putzen, das sei für einen Automechaniker doch ganz klar ein Abstieg. Und wenn man in Deutschland einmal unten sei, da komme man doch nicht wieder rauf, das wisse doch jeder.

Nee, nee, sagt der Mechaniker, er spiele auf Zeit, er hoffe, dass noch etwas Besseres komme, und wenn sie ihm doch mal für drei Monate die Stütze kürzten, würde er damit leben können. Er habe eine Garage mit Hebebühne und viele Bekannte. Da gehe immer was.

Arbeitslose wie dieser, die ihr privates Kombilohnmodell praktizieren, sind ein Problem für Stephan Schwarz. Sie können arbeiten, sie wollen arbeiten, aber nicht für 8,40 Euro die Stunde. Mehr könne die Firma aber nicht zahlen, sagt Schwarz' Pressesprecher. Die 8,40 Euro seien schon ein Sieg über die Verhältnisse. Die Branche hat ein mieses Image, der Konkurrenzkampf ist hart.

Problem Nummer zwei sind die Arbeitslosen, die nicht arbeiten wollen, weder legal noch illegal, und die sich eingerichtet haben in ihrer Hartz-IV-Welt. Auch sie sind für Schwarz nicht erreichbar. Aber es muss sie doch geben, denkt er, in den Datenbanken der Arbeitsagenturen, die robusten und tapferen und motivierten Arbeitskräfte, die er braucht.

Zuständig dafür ist Michaela Meier, Arbeitsvermittlerin beim Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit, die sich in Berlin-Reinickendorf um die Wünsche von Kosmetiksalons, Call-Centern, Friseuren, Fernsehproduzenten, Bestattern, Privathaushalten und Gebäudereinigern kümmert, also auch um Stephan Schwarz.

Michaela Meier soll ihm die Arbeitskräfte beschaffen, sie ist mitverantwortlich für das Desaster, von dem Schwarz im Fernsehen erzählte, und eigentlich müsste sie jetzt kämpferisch hinter ihrem Schreibtisch sitzen. Aber sie sitzt dort ganz entspannt und nippt an einer Hello-Kitty-Tasse. Sie findet nicht, dass es an ihr liegt, wenn Schwarz und die Arbeitslosen nicht zusammenfinden.

Als Beweis dient eine Liste, die Meier in ihrem Computer gespeichert hat. Sie nennt die Namen aller Bewerber, die der GRG vorgeschlagen wurden, sie nennt ihre Adressen, ihre Telefonnummern, und ganz rechts findet sich eine Spalte, in der vermerkt ist, warum die betreffende Person den Job nicht angenommen hat oder warum sie zur Jobbörse erst gar nicht erschienen ist. Die Begründungen lauten, unter anderem: Bin gerade gestürzt, bin jetzt teilzeitbeschäftigt, bin Stewardess und überqualifiziert, bin gerade schwanger, hatte schon mal Ärger mit der GRG, mir tut der Rücken weh, ich bin neu in Berlin und weiß nicht, wie ich zur Arbeit kommen soll. Entschuldigungen, Ausflüchte, so klingt das, es klingt wie: Die wollen grundsätzlich nicht.

Aber bei Martina Meier ist das Trennen von Willigen und Unwilligen ein mühsamer Prozess, sie hat es nicht so einfach wie Martina Nitzsche, die Angstmacherin. Meier muss tatsächlich herausfinden und beweisen können, dass ein Arbeitsloser vor der Arbeit flüchtet. "So ist das", sagt Michaela Meier, und das klingt frustriert. Zusammen mit Kollegen muss sie prüfen, welche Angaben der Wahrheit entsprechen oder welche Ausreden sind. Meier und ihre Kollegen müssen Atteste fordern, müssen stundenlang am Telefon sitzen, weil Anschlüsse ständig besetzt sind oder niemand rangeht, und am Ende überlegen sie, bei wem Sanktionen angemessen sind, bei wem also Leistungen zu kürzen sind und bei wem nicht.

Mühsam, das alles. Man müsste die Arbeitslosen zu Kompromissen zwingen, durch ebendiese Sanktionen, findet Stephan Schwarz, man müsste das häufiger tun als bei jenen drei Prozent, bei denen das beispielsweise in Berlin geschieht. Stephan Schwarz findet, man müsste nicht nur jene sanktionieren, die sich grundsätzlich drücken, sondern auch jene, die grundsätzlich arbeitswillig sind, nur nicht immer und überall. Nicht für jeden Job.

Jene, die darauf warten, einen etwas besseren Job zu bekommen. Auch Schwarz hat solche Jobs, auch bei diesen Jobs muss man putzen, aber nicht als Zimmermädchen, sondern als Putzfrau oder Putzmann. Als Mitglied einer Putzkolonne, die zwar früh aufstehen muss, aber es gibt geregelte Dienstpläne, die Wochenenden sind frei, die Arbeitszeiten stehen fest. Man putzt in Bürohäusern, Ämtern, Flughäfen, wer Glück hat, sitzt stundenlang auf einer Kehrmaschine. Auch diese Jobs lässt Schwarz über die Agentur für Arbeit besetzen, und hier tut er sich deutlich leichter, die freien Stellen zu füllen.

Aber Schwarz suchte Roomboys, Zimmermädchen, deshalb ging er ins Fernsehen. Sprach eloquent, hatte den Glamour des Fernsehens, sprach so, dass man ihm glauben konnte als Arbeitsloser: Das ist ein guter Job.

Am Tag darauf trafen die ersten Mails ein. Habe Interesse, bei Ihnen als Zimmermädchen zu arbeiten. Über ein Vorstellungsgespräch würde ich mich freuen. Insgesamt waren es 300 Mails.

Mehr als hundert Arbeitswillige sprachen vor in der Firma, nach den Angstmonologen blieben immer noch welche übrig, mehrere probierten die Arbeit auch aus. Einige blieben. Und es kamen jene, die jetzt durch die Jobbörsen vermittelt wurden, die plötzlich regelmäßig und gut besucht stattfanden, weil Arbeitsvermittlerin Meier und ihre Kollegen nun genauer auswählten, wen sie schickten. Und dann, am Mittwoch vergangener Woche, meldete Schwarz: Die 100 Stellen sind voll.

Stephan Schwarz saß im Fernsehen, und alles ist anders, das Fernsehen war seine Lösung für den Arbeitsmarkt. Die Mindestlöhne werden zwar noch immer besteuert wie früher, im Geldbeutel bleibt nicht viel übrig für ein Zimmermädchen, die Schichtzeiten sind weiterhin so, wie sie waren, aber Jana Reyes ist kein Sonderfall mehr.

Reyes arbeitet zurzeit in einem Zwei-Sterne-Motel und einem Drei-Sterne-Hotel, ihre wöchentliche Arbeitszeit schwankt, mal sind es 20, mal 40 Stunden. Sie sagt, sie arbeite vor allem wegen ihrer Tochter, der wolle sie ein Vorbild sein. Reyes sagt auch, dass sie die Arbeit nicht des Geldes wegen macht. Dafür sei es zu wenig. ◆


DER SPIEGEL 20/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 20/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BESCHÄFTIGUNG:
Das Wunder von Berlin