17.05.2010

DEBATTE

Grosses Spiel, Teil zwei

Illusionen in Zeiten des Krieges oder worum es in Afghanistan wirklich geht Von Erich Follath

Von Follath, Erich

In diesen Tagen schreiben viele mit Herzblut über Afghanistan, der Krieg wird verdammt und verherrlicht, man beklagt, beschönigt, beschwichtigt. Für diejenigen, die sich als Realisten sehen, sind die Kampfhandlungen gerechtfertigt, eine Ultima Ratio zur Verteidigung westlicher Freiheitswerte gegen die furchtbaren Taliban, Kollateralschäden ebenso bedauerlich wie unvermeidlich. Für die anderen, oft von pazifistischen Gedanken Geleiteten, sind diese Kämpfe dagegen ein Verrat an humanitären Idealen. Der Krieg ist in ihren Augen ein sinnloses, unzähmbares Monster, mit Bombenabwürfen wie mit terroristischen Hinterhalten. Und nichts, aber auch gar nichts könnte in ihren Augen ein verlorenes Menschenleben rechtfertigen.

Mal steht der Schutz vor dem internationalen Terrorismus im Zentrum, wir kämpfen, behaupten glühende Kriegsverteidiger allen Ernstes, am Hindukusch, um Hindelang und Hildesheim vor der Qaida zu bewahren - als wäre Afghanistan noch das Hauptquartier des internationalen Terrorismus und nicht längst das benachbarte Pakistan, wo Radikalislamisten offen davon sprechen, amerikanische Städte seien "Ziele", siehe New York, Times Square; als würden die weltweit operierenden Selbstmordattentäter in Afghanistan rekrutiert und nicht in Staaten wie dem Jemen. Oder sie stammen aus islamistischen Zellen in den westlichen Anschlagsländern selbst.

Die Schlussfolgerungen könnten nicht gegensätzlicher sein: Wir müssen noch lange bleiben, um denen und uns nachhaltig zu helfen! Bloß schnell raus, um größeren Schaden für Deutschland und Afghanistan zu verhindern!

Ob Bellizisten oder Pazifisten: Sie alle machen sich etwas vor. Sie verkennen die tieferen Gründe für diesen Krieg, für jeden Krieg der Neuzeit (mit der Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, der tatsächlich ein Kampf Gut gegen Böse war). Reden wir also einmal nicht vom Brunnenbauen oder Terrorismusverhindern, nicht von der berechtigten Nato-Strafaktion gegen Taliban und al-Qaida in Afghanistan unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Reden wir von Geopolitik, von Militärbasen und Bodenschätzen, von Pipelines und Drogenrouten. Cui bono: Reden wir darüber, wer heute wirklich warum in Afghanistan kämpft.

Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts nannte man das Kräftemessen der Weltmächte im strategisch so wichtigen Zentralasien zwischen Pamir, Hindukusch und Himalaja das "Große Spiel". Beteiligt waren vor allem die Briten und Russen. Gekämpft wurde mit Armeen wie mit Geheimagenten, und hinter den Kulissen liefen dubiose Deals, um die Einheimischen zu bestechen: "Afghanistan, Transkaspien, Persien, für mich sind das Figuren auf einem Schachbrett im Kampf um die Weltherrschaft", sagte Lord Curzon, der spätere Vizekönig von Indien, vor gut 110 Jahren.

Jetzt sind wir mitten drin im "Großen Spiel, Teil zwei". Beteiligt sind alle Spieler, die in der Weltpolitik derzeit zählen: die USA und Russland, Europa und Iran, China und Indien.

Der Westen hat ein vita-les Interesse daran, die iranischen Machthaber mit ihrer gefährlichen Mischung aus Religionsfanatismus und Hightech-Urananreicherung strategisch zu isolieren und wirtschaftlich zu schwächen. Militärisch passiert das durch den Aufbau großer Basen in Kandahar und Kabul, aber auch in umliegenden Staaten wie Kirgisien und Usbekistan - Staaten, in denen Washington wie London und Berlin im Übrigen Menschenrechtsverletzungen repressiver Regime geflissentlich übersehen. Außerdem sollen Teherans Exportmöglichkeiten begrenzt werden, keine Erdöl- und Erdgasleitungen von iranischen Feldern durch Afghanistan führen.

Solche Pipelines müssten nach westlichen Vorstellungen durch das autoritäre, aber gegenüber dem Westen aufgeschlossene Turkmenistan vom Kaspischen Meer quer durch Afghanistan und dann weiter zum energiehungrigen Pakistan und nach Indien gelegt werden: ein Milliardengeschäft, das politische Stabilität voraussetzt. Vergleichbare Pläne waren schon einmal spruchreif. Mit Unterstützung des US-Außenministeriums hatte sich das kalifornische Unternehmen Unocal vor 15 Jahren um ein entsprechendes Business bemüht, später sogar Taliban-Führer nach Houston eingeladen und sie dort hofiert.

Das Geschäft scheiterte schließlich. Unocal wurde von Chevron geschluckt, aber weder die Großindustrie noch die Washingtoner Politikstrategen oder ihre russischen, chinesischen und indischen Konkurrenten um die Rohstoffe haben den Pipeline-Poker je aufgegeben. Neu-Delhi engagiert sich in Afghanistan noch zusätzlich aus eigenen geopolitischen Erwägungen - es möchte unbedingt Islamabads Interessen austarieren und seinen pakistanischen Erzfeind in den Zangengriff nehmen: Rund ein halbes Dutzend diplomatische Vertretungen hat Indien in Afghanistan eingerichtet, seine Spione wissen dort besser Bescheid als die des Westens.

Afghanistan ist aber nicht nur als Transitstaat von großer Bedeutung: Es besitzt riesige ungehobene Bodenschätze, die das bitterarme Land zu einem potentiell reichen machen, vor allem aber den Förderländern und Förderfirmen exorbitante Gewinne versprechen. Nachgewiesen sind bedeutende Vorkommen an Gold und Kupfer, Eisenerz und Lithium, das ist der Stoff, den man für Handys und Elektroautos braucht. Auch Wasser im Überfluss ist in dieser dürregeplagten Weltregion eine wichtige Waffe: Von 80 Milliarden Kubikmeter, über die Afghanistan verfügt, braucht es nur 20 Milliarden selbst.

Bis jetzt profitieren vor allem die Nichtkämpfer unter den Nationen vom Krieg des Westens gegen die Aufständischen. Amerikanische Truppen haben in der Provinz Logar immerhin so viel Sicherheit geschaffen, dass mit der Ausbeutung von Kupfer begonnen werden kann. Eine chinesische Staatsfirma hat sich die Rechte gesichert, investiert drei Milliarden Dollar; ein gigantisches Eisenbahnnetz soll unter Pekings Führung entstehen, über Afghanistan nach Zentralasien führen, eine neue Seidenstraße, diesmal auf Schienen.

Noch erstaunlicher ist der Triumph Moskaus beim neuen "Großen Spiel", die Rückkehr der Russen nach Afghanistan: Der Rosneft-Konzern hat Studien in Auftrag gegeben, um die Gasfelder von Djarkuduk und Shibarghan zu erschließen; drei russische Wasserkraftwerke sind in der Planung; die Eisenerzmine Hajigak wird wohl in den nächsten Wochen an Moskau gehen, für 1,8 Milliarden Dollar. 142 in Sowjetzeiten gebaute und teilweise stillgelegte Projekte sollen wieder in Gang gebracht werden.

Und dann gibt es noch einen Rohstoff, der unbestritten der größte Exportschlager Afghanistans ist und den Westen verzweifeln lässt: Opium.

Rund 90 Prozent des auf den Weltmärkten verkauften Heroins stammen aus dem Land am Hindukusch, und eine große - vielleicht die einzige - Chance, dessen Verbreitung einzudämmen, haben die Russen. Sie kontrollieren die Grenzen zu Tadschikistan und neuerdings, nach einem womöglich von Moskau mitinszenierten Umsturz in Bischkek, auch die Drogenrouten nach Kirgisien. "Russland ist zurück", sagte im März der aus Moskau zum Einsatz eingereiste Regierungsbeauftragte Wiktor Iwanow in Kabul triumphierend bei einem Champagner-Toast. Iwanow war vor 23 Jahren als KGB-Offizier nach Afghanistan gekommen; jetzt wird er als Russlands oberster Drogenbekämpfer auch mit Männern im Umkreis des Präsidenten Hamid Karzai Kontakt aufnehmen, die am teuflischen Business mitverdienen.

Vielleicht würde es Iwanow gern mit aus der Landesgeschichte abgeschauten Grausamkeiten versuchen. Denn auch das gehört zu den verstörenden Wahrheiten von Kabul: Die einzige Zeit, in der Afghanistans Rauschgiftproduktion dramatisch zurückging, die Welt aufatmen konnte, war am Ende der unmenschlichen Herrschaft der Taliban. Sie knüpften, um ihre Macht zu demonstrieren, zahlreiche Dealer am nächsten Baum auf, drückten so die Opiumproduktion von 3200 auf 185 Tonnen. Derzeit haben sie allerdings keine Probleme damit, sich durch Einkünfte mit der "unislamischen" Droge zu finanzieren.

Schwarzweißmalen geht nicht in diesem Land, und natürlich hatte und hat der Einsatz der Nato-Truppen auch positive Wirkungen. Ja, es stimmt: Hunderttausende Mädchen auf dem Land haben durch Schulen und Ausbildungsstätten zum ersten Mal in ihrem Leben - und zum ersten Mal nach dem Einmarsch der Sowjets, die vor drei Jahrzehnten Ähnliches versuchten - eine Perspektive. Krankenhäuser und Modellfarmen sind entstanden. Aber gleichzeitig hat sich die Korruption massiv ausgebreitet, viele, wenn nicht die meisten Afghanen empfinden die Fremden als Besatzer und beklagen sich, dass ihre persönliche Sicherheit immer mehr abnimmt.

Sie vertrauen den Ausländern nicht. Sie sagen, wenn der Westen wirklich primär am Wohlergehen der Menschen interessiert wäre, müsste er sich an den Zeiten der afghanischen Musahiban-Dynastie orientieren (1929 bis 1973), als die Könige die einzelnen Stämme und ihre Kultur respektierten und das archaische Land einigermaßen erfolgreich dezentral verwalteten. Als die Zentralregierung in Kabul nur einige Großstädte regierte, die Sicherheitsvorkehrungen in den Provinzen und Kommunen lokalen Kräften überließ.

Aber der Westen setzt auf Präsident Hamid Karzai, nimmt die Wahlfälschung zu seinen Gunsten hin, toleriert seine skandalöse Vetternwirtschaft, akzeptiert jetzt sogar die taktische Zusammenarbeit mit dem bisher im Untergrund agierenden Schlächter und Warlord Gulbuddin Hekmatjar, der nach allen Kriegsverbrecher-Kriterien vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gehörte. Nur mit einer zentral gesteuerten Regierung glaubt Washington sein offensichtliches Hauptziel in Afghanistan erreichen zu können: mit einem "verlässlichen" Partner Militärbasen und Pipeline-Routen sicherzustellen.

Gefahr vom Hindukusch für Deutschland? Selbst der Vizechef der amerikanischen Truppen in Kabul hat vor wenigen Wochen konstatiert, dass die Qaida "weitgehend aus Afghanistan vertrieben ist" - anders als aus Pakistan, das seit George W. Bush die Privilegien einer besonders nahen Nato- Partnerschaft genießt. Kampf um Menschenrechte, Mädchenschulen und Westminster-Regierungsform? Auch Kanzlerin Angela Merkel hält es neuerdings für utopisch, "Afghanistan zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild zu machen".

Berlin ist sicher von allen Hauptakteuren in Afghanistan am wenigsten verdächtig, wegen Militärbasen und Rohstoffquellen am Hindukusch zu kämpfen, obwohl auch deutsche Firmen eines Tages profitieren könnten; die Gefolgschaft zu Washington verbietet ein schnelles - wünschenswertes - Ausscheren aus der Nato-Solidarität. Aber strategische Interessen gar nicht anzusprechen zeugt von Feigheit vor dem Volk. Noch getraut sich kein Politiker von Washington bis Brüssel, klar zu sagen, worum es am Hindukusch wesentlich geht. Vielleicht, weil dann viele Idealisten von links bis rechtskonservativ laut fragen werden, ob dafür das Sterben lohnt. ◆


DER SPIEGEL 20/2010
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