Von Höges, Clemens
Bei den Händlern in Mogadischu kostet eine Patrone für die Kalaschnikow derzeit 37 Cent. Der Preis ist in den vergangenen Wochen fast um die Hälfte gefallen, es ist offenbar viel Munition in der Stadt. Mukhtar Ainashe weiß das. Er tritt das Gaspedal gegen den Anschlag, und der schwere Geländewagen schießt los.
Ainashe ist ein Intellektueller, er liest amerikanische Philosophen, Thoreau und Emerson, er hat in Norwegen studiert, er hat bis vor kurzem für die Weltbank in Washington gearbeitet und sehr gut verdient. Der Mann hat eine Frau und zwei kleine Kinder da drüben in Amerika, er liebt edle Uhren - verdammt, Ainashe hat nichts verloren hier im schmutzigsten Krieg Afrikas. Er prügelt den Wagen rücksichtslos durch Granattrichter, kreuz und quer über die Piste, die einst eine Straße war.
Der Wagen schleudert durch den Schutt, er springt über Gesteinsbrocken, dass die Achsen knacken, vorbei an den Gerippen zerschossener Häuser, die tot und hell in der Sonne leuchten wie Knochen in der Wüste.
Im Rückspiegel springt ebenso wild der "Technical" auf und ab, dieser für Somalia so typische Pick-up mit der Schnellfeuerkanone auf der Ladefläche und den Kämpfern der Regierung, den Leibwächtern. Der Fahrer des Technical schafft es kaum, an der Stoßstange des Geländewagens zu bleiben. Trotzdem darf Ainashe nicht langsamer werden, er darf kein Ziel abgeben für die Maschinengewehre der Islamisten. Wer bremst, der stirbt.
Der Wagen umrundet "Kilometer 4", den berüchtigten zentralen Kreisverkehr, bei dessen Eroberung, Rückeroberung und Wiedereroberung schon so viele Menschen starben. Dann passiert er die Ruine des Parlaments, um die herum die Islamisten auf alles schießen, was sich bewegt. Endlich erreicht er eine Einfahrt am Fuß eines Hügels.
Maschinengewehr-Nester zwischen zernarbten Mauern schützen die Lücke, Ainashe muss den Wagen durch eine schmale Gasse zirkeln, durch Schleusen, im Zickzack um Panzersperren herum, an Kontrollposten vorbei. Endlich, oben am Tor zur Festung des Präsidenten, hört er die eigenen Geschütze, sie töten jeden Tag, sie sichern die fünf Gebäude innerhalb des Walls. Die Feinde stehen keinen Kilometer weit weg, man kann sehen, wie sie laufen und schießen.
"Willkommen in der ,Villa Somalia'", sagt Ainashe.
So heißt die Festung seit den Tagen der italienischen Kolonialherren. Und Ainashe ist einer der engsten Vertrauten von Scheich Sharif Scheich Ahmed, dem Herrn der "Villa Somalia", dem unwahrscheinlichsten Staatschef der Welt: Alte Todfeinde haben Scheich Sharif vor gut einem Jahr zum Präsidenten bestimmt, alte Freunde lassen nun fast jeden Tag Kämpfer gegen seine Festung anrennen, um ihn zu töten.
Er ist ein Islamist, ein Scharia-Gelehrter, aber jetzt kämpft er zusammen mit Somalis aus dem Westen wie Ainashe um sein Leben. Er soll ein Land einen, das er nur durch die Sehschlitze von Panzern sehen kann. Vor kurzem noch wollten amerikanische Geheimdienstler ihn mit einem Luftschlag beseitigen. Aber heute schickt Washington jede Nacht Aufklärungsdrohnen von Kriegsschiffen und manchmal tonnenweise Schießmaterial, um ihn am Leben zu halten. Außenministerin Hillary Clinton sagt, Scheich Sharif sei die "größte Hoffnung" für Somalia, und auch für die "globale Gemeinschaft".
Fast 20 Jahre Bürgerkrieg haben die perfekte Hölle geschaffen, gründlicher gescheitert ist noch kein Staat, und Somalia ist so ein Menetekel für Länder wie Afghanistan, den Jemen, den Sudan. Denn diese Hölle hat keine Pforte, die man von außen verrammeln könnte: Somalische Piraten überfallen westliche Schiffe, Somalias Islamisten kooperieren mit al-Qaida und trainieren Attentäter. Und wenn ihre Truppen die "Villa Somalia" einnehmen, wenn Scheich Sharif stirbt, dann wird der weltweite Terror noch eine Heimatstadt mehr bekommen.
Der Mann sieht aus wie ein Junge im Kommunionsanzug, der sich in Papas großen Ohrensessel gesetzt hat. Davor stehen in einem pfirsichgelben Arbeitszimmer Kristallglastische im Stil der achtziger Jahre. Scheich Sharif hat ein weiches, sinnliches Gesicht, auf der Nase eine Nickelbrille. Er ist 45 Jahre alt, aber er wirkt jünger.
Ainashe glaubt an diesen Mann. Er sagt, dieser Präsident kämpfe nicht für sich selbst, weil er sich als gläubiger Muslim nur für ein Werkzeug halte. Wenn Allah etwas anderes wolle, werde er ihn halt vertreiben oder töten.
Scheich Sharif hat Ainashe im vorigen Sommer nach Somalia geholt. Ainashes Chefs in Washington halten ihn für durchgedreht, seine Frau sowieso. Trotzdem ist der Banker jetzt hier und baut im Stab des Präsidenten die Regierung eines Landes auf, das es nicht gibt. Weil er Somalia dienen will, sagt er - jetzt, wo er eine Chance sieht. Deshalb fährt er nicht mehr Jet-Ski auf dem Potomac, sondern horcht auf die Salven der Maschinengewehre und lacht über die Mörsergranate, die einen Betonklotz auf sein Bett schleuderte, als er nicht darin lag. Er ist jetzt 40 Jahre alt, er hat eigentlich alles geschafft, was ein Asylant aus Somalia erst in Norwegen und dann in den USA erreichen konnte. Es wurde Zeit zu kämpfen, glaubt er.
Ein Mann vom Protokoll rückt die Landesfahne zurecht, Scheich Sharif spricht leise, er sagt kein überflüssiges Wort. Sein Gesicht ist völlig neutral, wie immer. Er bewegt sich nicht, kaum einmal die Fingerspitzen. Auch nicht, als vor den verhangenen Fenstern wieder Schüsse fallen. Er sagt, sein Land habe mehr als genug Männer, die Aufregung verbreiten.
Und dann sagt er: "Wir sind für die Welt noch wichtiger als für Somalia. Ihr müsst mir helfen - für euch." 1991 hatten Rebellen den damaligen Besitzer der "Villa Somalia" und der Glastische, den Diktator Siad Barre, gestürzt. Aber dann zerfleischten sich die Stämme gegenseitig.
Die Warlords waren stark genug, amerikanische und auch deutsche Truppen aus dem Land zu jagen, die der Uno dienten. Aber keiner von ihnen war stark genug, die anderen zu töten. Ihre Milizen verwüsteten das Land, die Hauptstadt Mogadischu, die Banden bekriegten sich wahllos und sinnlos.
2003 entführte einer der Clans einen zwölfjährigen Schüler aus Mogadischu, um von der Familie Lösegeld zu erpressen - für Waffen wohl, nichts Besonderes damals. Aber der Religionslehrer dieses Primarschülers hieß Scheich Sharif. "Wir mobilisierten die Stadt", sagt er. "Wir fanden heraus, wer die Kidnapper waren. Wir zwangen sie, den Jungen freizu-lassen."
Weil Entführungen gegen die Scharia verstoßen, das islamische Recht, nutzte Scheich Sharif den Schwung aus, um einen islamischen Gerichtshof zu gründen. Ein Gericht braucht Helfer, Scheich Sharif fand dann auch junge Männer mit Waffen. Bald entstanden überall in den Dörfern und Städten solche Scharia-Gerichte. "Die Menschen waren das Morden leid."
Immer mehr Männer stießen zu seinen Gerichten, und dann schlossen sie sich zusammen zur "Union der islamischen Gerichtshöfe". Ihre jungen Helfer nannten sich nun schlicht "die Jugend": al-Schabab.
Im Juni 2006 war Scheich Sharifs Allianz stark genug. In wenigen Wochen eroberte seine Schabab Mogadischu und den Süden. Und auf einmal beherrschte der stille Religionslehrer den entscheidenden Teil Somalias. Manche sagen, dass in Wahrheit andere Islamisten das Land durch ihn regierten, dass er nur noch die Galionsfigur war. Aber das ist nicht wichtig, denn es dauerte nicht lange.
Eine islamische Art von Ruhe und Ordnung zog ein ins Land, Scheich Sharifs Gerichte stoppten Piraten und Kidnapper, sie straften dabei grausam. Vor allem aber kamen al-Qaida-Männer ins neue Somalia, seit dem 11. September gejagt von Amerikanern. US-Diplomaten erzählen, sie hätten Scheich Sharif dringend nahegelegt, die Terroristen zu vertreiben. Aber das hätte seine Union wohl zerrissen.
Scheich Sharif unternahm nichts, sein größter Fehler. Einmal reiste er sogar mit drei gesuchten Qaida-Leuten durch die Wüste, die Amerikaner beobachteten sie und planten schon den Luftschlag. Dann stoppte das Pentagon die Operation, offenbar weil einflussreiche Leute in Washington Scheich Sharif schonen wollten.
Aber nur sechs Monate nach seinem Sieg überrannte die Armee des Nachbarlandes Äthiopien Mogadischu, unterstützt und ermuntert von Washington - eine der größten Dummheiten der jüngeren amerikanischen Außenpolitik.
Die Schabab nahm sofort den Guerillakrieg gegen die Äthiopier auf. Und ein alter Weggefährte Scheich Sharifs gründete die Terrororganisation Hisb al-Islam, die heute meist mit der Schabab kämpft und manchmal gegen sie. Scheich Sharif selbst floh Richtung Kenia.
2008 organisierte die Uno Friedensgespräche in Dschibuti, lange Gespräche waren das, mit harten Verhandlungen, "die härtesten Tage meines Lebens", sagt Scheich Sharif, der Angriff Äthiopiens sei harmloser gewesen; auch dabei verzieht er keine Miene. Schließlich zogen die Äthiopier ab, sie hinterließen eine schwache Übergangsregierung, geschützt von Soldaten der Afrikanischen Union. Diese Regierung musste sich Anfang 2009 dann zusammenraufen mit einer fragilen Allianz aus Clans und Islamisten, die Scheich Sharif um sich sammeln konnte.
Deshalb hat seine Regierung jetzt 39 Kabinettsmitglieder, selbst einen Tourismusminister hat sie und 550 Parlamentarier - obwohl es kein Parlament gibt und obwohl Scheich Sharifs Kämpfer allenfalls 6 der 16 Bezirke Mogadischus kontrollieren. Selbst in denen würde die Schabab Touristen sofort töten oder entführen. Aber jeder musste ein Stück abbekommen von der Macht, das war der Preis für die "Villa Somalia".
Und vielleicht sitzt Scheich Sharif jetzt genau deshalb in Diktator Barres Villa, weil er so still, vorsichtig und farblos taktiert. Weil Muslime im Land ihn für einen Islamisten halten müssen, weil Amerikaner und Uno-Gewaltige ihn für einen Pragmatiker halten können und seine Leute glauben, er könne ein moderner Demokrat muslimischen Glaubens werden. Eine Projektionsfläche muss glatt sein.
Nur seine alten Freunde trauten Scheich Sharif von Anfang an nicht: Schabab und Hisb al-Islam eröffneten die Kämpfe an jenem Tag Anfang vergangenen Jahres, an dem ihr Ex-Chef in Mogadischu landete. Ohne die Soldaten der "African Mission in Somalia" (Amisom), rund 5000 Mann vor allem aus Uganda, würde die "Villa Somalia" sofort fallen. Das Amisom-Mandat muss regelmäßig erneuert werden.
Scheich Sharif plant nun eine Offensive, das tut er schon lange, Spötter in der "Villa Somalia" nennen sie die "Operation Inschallah", weil sie erst beginnen wird, wenn Allah es will. Denn der Präsident kommandiert zwar knapp 9000 eigene Soldaten, aber verlassen kann er sich nur auf ein paar Einheiten. Viele desertieren, weil es keine Offiziere gibt, keine sicheren Kasernen und oft keinen Sold. Manche verkaufen ihre Waffen an den Feind, andere metzeln sich bei Clan-Gefechten gegenseitig nieder.
Neue Soldaten werden ausgebildet, in Kenia und Uganda beispielsweise, auch mit Hilfe der Amerikaner und der EU. Aber niemand weiß bislang, ob sie je in Mogadischu ankommen werden, auf der richtigen Seite. Und noch sind Scheich Sharifs Armee und die Islamisten ungefähr gleich stark. Denn die Amisom schützt zwar Scheich Sharif, aber sie darf ihm nicht sein Land erobern.
So kann keiner den anderen besiegen, so wird das Schlachten weitergehen. Tausend Menschen, schätzen Ärzte und Offiziere, sterben jeden Monat beim Kampf um Mogadischu. Die meisten sind Zivilisten, alte Männer, Frauen und Kinder, die zwischen Ruinen in Gefechte geraten oder von Mörsergranaten zerrissen werden.
Und wer sehen will, was das Patt um den Palast wirklich bedeutet, der muss in das Krankenhaus von Mogadischu fahren. Schön sieht es aus, dieses Madina-Hospital, Baracken und flache Häuser stehen in einem Park hinter einem alten Tor, breite Bäume werfen Schatten, es sind dort 35 Grad. Unter den Bäumen liegen die Verwundeten mit ihren Verbänden, weil drinnen schon die Flure voll sind.
Chefarzt Mohammed Yusuf Hassan hält das Röntgenbild eines Brustkorbs gegen das Licht und sucht nach der Kugel. Immer sucht er nach Kugeln hinter Rippen. Er ist ein stämmiger Mann, aber er legt das Röntgenbild wieder hin und sackt hinter seinem Schreibtisch in sich zusammen. Hassan ist 51, aber er sieht 15 Jahre älter aus und sehr müde. Er sagt, dass er nicht über Täter reden darf. Dass Scheich Sharif ihn nichts angehe, die Schabab nicht und die Qaida schon gar nicht.
Das ist der Pakt, ohne den sein Hospital längst eine Ruine wäre: Das Krankenhaus ist der einzige neutrale Boden in Mogadischu. Hassan und seine acht Chirurgen operieren Zivilisten so wie Krieger, bärtige Kämpfer der Schabab liegen stöhnend neben sterbenden Milizionären der Regierung. "Wir stellen keine Fragen, wir wollen nicht wissen, wen wir operieren", sagt Hassan. Alle Seiten brauchen ihn und sein Hospital, deshalb greift niemand es an.
Aber über die Opfer darf er reden, er kann dann nur nicht aufhören. "Ich bin nicht normal, ich kann nicht normal sein, sonst wäre ich nicht hier", sagt der Mann, der in Mailand studiert hat, "alles hier ist schlimm, wir Somalis sind doch alle traumatisiert. Jeden Tag kannst du sterben, wir sind wie Ameisen, die zertreten werden, wir sind das vergessene Volk. Darfur ist ein Paradies gegen Mogadischu. Aber Darfur ist neu, wir sind alt, hier sterben die Kinder schon immer, und das sieht keiner mehr."
Und dann erzählt er, wie das ist mit Kugeln im Körper: "Oft wäre es besser, die Kugel drinzulassen, der Körper kapselt sie ein, die Menschen spüren sie nicht, es passiert nichts. Aber eine Kugel im Körper macht den Menschen verrückt. Er wird rastlos. Er kann die Kugel nicht vergessen. Und dann lässt er uns lieber gesundes Gewebe zerschneiden." So sei das auch mit dem Krieg in den Köpfen. Eine ganze Generation sei im Krieg aufgewachsen, und mehrere Generationen würden ihn nie aus dem Kopf bekommen. Auch deshalb höre das Leiden nicht auf.
Zwei Operationssäle hat er, einen für die Infizierten, einen für die Sauberen, sonst würde die Wundsepsis viele umbringen. Auf der Rampe wälzt sich ein junger Mann mit einem zerrissenen Bein. Sie haben ihm einen Lappen in den Mund gestopft, damit er nicht so schreit. Nebenan in einem Zimmer liegt ein Junge, Shuaib heißt er, zehn Jahre alt, es war ein Bauchschuss beim Fußballspielen.
Auf einer OP-Liege schneiden Ärzte grob einem Mann eine Kugel aus dem Knie, unten steckt wohl noch eine, die erste werfen sie klirrend in eine Metallschale. Hassan operiert diese Männer, immer wieder und wieder, bis er ihnen irgendwann nur noch die Decke über den Kopf ziehen kann. "Manchmal denke ich, dass wir hier einfach Gewehre reparieren, die wiederverwendet werden, bis sie kaputtgehen. Und wen wir jetzt operieren, der erschießt morgen ein Kind."
Nach größeren Gefechten können Hassan und seine Leute 300 Patienten auf einmal aufnehmen. Medikamente haben sie genug, auch ein Röntgengerät, das Internationale Rote Kreuz und der Rote Halbmond bezahlen. Aber viel zu wenige Chirurgen können schneiden. Im Dezember hat ein Selbstmordattentäter in der Stadt rund 18 Medizinabsolventen in die Luft gesprengt und noch 4 von Scheich Sharifs Ministern dazu. Sie wollten die in Somalia ausgebildeten Mediziner feiern.
Es ist ein normaler Tag im Madina, wie soll Hassan hier nicht verrückt werden? Jetzt muss er einer sehr schönen 23-Jährigen beide Füße amputieren, sie heißt Fatma Erden Mursal. Das kann sie noch sagen vor der Narkose. Das Beruhigungsmittel nimmt ihr die Scheu vor Fremden, die plötzlich im OP-Saal stehen, und so sagt sie auch, dass sie im vierten Monat schwanger war, davor.
Sie schaut benommen auf die Fliegen, die auf ihren beiden dicken gelben Verbänden sitzen. Es war eine Mörsergranate, und es war vielleicht indirekt auch die Bombe gegen die Mediziner, denn es gab nicht genug Ärzte, um Mursals Füße rechtzeitig zu operieren. Dann kam die Wundfäule. Aber andere wären vor ihr gestorben, Hassan muss so etwas jeden Tag mehrfach entscheiden.
Auf dem anderen Operationstisch liegt ein Baby, zehn Monate alt, ein Querschläger ist rechts oben in seinem Schädel stecken geblieben, direkt unter dem Knochen. Niemand hier versteht genug von Hirnchirurgie.
"Das Kind muss ins Ausland", sagt einer von zwei Ausländern, die in grünen Kitteln jetzt draußen auf dem Flur stehen und Luft schnappen. Er schaut kurz hoch, dann zuckt er hilflos mit den Schultern und schaut wieder auf den Boden. Wie soll ein Kriegsbaby aus Mogadischu ins Ausland kommen?
Die beiden Chirurgen stammen aus dem Irak, aus Bagdad. Die Regierung von Katar hat sie wegen ihrer Erfahrung angeheuert und hierher geschickt, vor zehn Monaten. Sie haben das Hospital seither noch nicht verlassen, sie operieren ständig, und sie wollen nicht draußen sterben. "Dies hier ist schlimmer als Bagdad", sagt der Jüngere. Aber ohne die beiden Iraker hätte Hassan nur noch sieben Leute.
Und der Tod ist überall in Mogadischu. Er kann kommen als Eselskarren, der explodiert, als Mörsergranate, die lautlos aus blauem Himmel fällt oder als das trockene Plopp eines Scharfschützen, das man schon nicht mehr hört. Manchmal kommt der Tod so wie zu den Studenten, als Frau im Schleier, die in Wahrheit ein Mann ist mit einem Gürtel voller TNT. Das ist der neue Qaida-Stil im Land. Oft aber sieht der Tod ganz im Schabab-Stil aus wie ein Teenager, der sich verzweifelt an ein feuerndes Maschinengewehr klammert, größer als er selbst. So wie Sherif Abdullah, der zwölf Jahre alt ist und doch schon ein Veteran der Schabab.
Er ist vor Wochen weggelaufen, mit einem anderen Jungen, und jetzt schläft er in einem Gebäuderiegel vor der "Villa Somalia", den die Amisom als Geschützstellung nutzt, in einem Zimmer mit anderen Deserteuren. Alle paar Minuten erschüttern die Detonationen das Haus. Einer der Jungs liegt auf der Matratze, Malaria, die anderen haben nur Angst.
Der Verdacht liegt nahe, dass Scheich Sharifs Militärs sie als Propaganda-Deserteure nutzen wollen, aber das ist nicht wahrscheinlich. Sie behandeln die Deserteure schlecht und achtlos, die Jungs betteln um etwas zu essen oder einen Dollar. Sie könnten jederzeit abhauen, ihre Geschichten passen gut, und man kann problemlos bei Schabab-Einheiten Jungs wie Sherif erkennen.
Er ist ein Junge wie ein Junge eben, nur mit einem sehr ruhigen Gesicht. Allein die Augen zucken etwas, wenn die Amisom-Geschütze durch die Gänge dröhnen. Seine Geschichte geht so: Sein Lehrer hat einen Großteil seiner Klasse in einen Bus verfrachtet, der Ausflug ging in ein Trainingslager der Schabab, 35 Kilometer vor Mogadischu. Männer zeigten ihm, wie man von einem Technical absitzt und in Stellung geht, wie man ein Sturmgewehr auseinandernimmt und wieder zusammenbaut.
Sie gaben ihm die Kurzversion der Kalaschnikow, die mit dem Klappschaft, denn über die große wäre er nur gestolpert. Aber auch die kurze, sagt er, "war sehr schwer, ich musste immer aufpassen, dass ich nicht hinfalle". Doch die Schabab-Anführer versuchten ihn irgendwo hinzustecken, wo er nicht weit laufen musste. Einmal ging es gegen die Hisb al-Islam, was er nicht verstand, weil das doch auch Muslime waren. Trotzdem hat er geschossen, die Kalaschnikow hat furchtbar gegen seine Schulter gehämmert.
Manchmal hat er nachts nach seiner Mutter gerufen, aber Angst hatte er eigentlich nicht, sagt er. "Wenn ich ein Gewehr habe, kann mir keiner etwas tun, haben sie gesagt." Das Gewehr war stark, das Gewehr hat gekämpft, so war das. Er sagt, er habe es eigentlich nur dorthin getragen, wo es kämpfen sollte.
Ist er ein Täter oder ein Opfer?
Neben einer vorgezogenen Stellung von Kämpfern der Regierung lebt Ismail Khalif Abdullah. Er ist 18 Jahre alt, er weiß, was passieren wird, wenn die Schabab überall gewinnt. Und er weiß, wie die Islamisten Kämpfer zum Dienst pressen. Schabab-Männer in seinem Viertel von Mogadischu wollten ihn und einen Freund anwerben. Er lehnte ab. Dann wollten sie ein Zimmer in seinem Haus nutzen. Er lehnte ab. Und dann kamen sie etwas später wieder, mit mehreren Leuten. Er sei ein Dieb, brüllten sie, er habe Mobiltelefone gestohlen.
Sie sperrten ihn in den Keller eines Hauses. Dort ließen sie ihn einige Tage, ohne Essen, ohne Wasser. Er weiß nicht mehr, wie lange, aber er weiß noch, dass sie ihn an einem Tag im Juni vergange-nen Jahres dann plötzlich ans Tageslicht zerrten.
Sie hatten Leute aus der Nachbarschaft zusammengetrieben, ihm war schlecht, ein paar Gesichter erkannte er trotzdem im grellen Licht, Freunde und Nachbarn, aber was sind schon Freunde in einem Krieg, in dem es nur die Überlebenden und die anderen gibt?
Nach den Regeln des Koran würden er und der andere Junge nun für Diebstahl bestraft, rief einer der Schabab-Gruppenführer. Jeweils vier Mann warfen die beiden Jungs auf den Boden, dann kam schon einer mit einem großen schartigen Messer auf Ismail zu.
Scharten sind gut, da funktioniert ein Messer fast wie eine Säge. Als der Mann das Messer über Ismails rechter Hand ansetzte, fiel der Junge in Ohnmacht. Er meint, das sei der Grund, warum die Schabab ihre Opfer immer erst ein paar Tage hungern lasse. So merkte er nicht mehr, dass sie ihm dann auch noch den linken Fuß absägten. Rechte Hand, lin-ker Fuß, das ist die Standardstrafe der Schabab.
Es fällt ihm schwer, Zigaretten anzuzünden, auch weil der Schabab-Mann so schlecht geschnitten hat, dass sein Armstumpf nun ziemlich spitz ist. Aber Angst, sagt Ismail, habe er jetzt nicht mehr. "Sie können mich doch nur noch erschießen, das ist mir egal."
Mukhtar Ainashe steht auf einem Balkon der "Villa Somalia" und schaut über die einst hinreißende Altstadt von Mogadischu runter auf den Indischen Ozean. Er sollte da nicht stehen, man könnte ihn sehen und auf ihn schießen, von weit weg zwar, aber es wäre noch machbar. Ainashe sollte Angst haben. Aber vielleicht ist er schon zu lange hier. ◆
DER SPIEGEL 20/2010
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