17.05.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wir spielen sie müde“

Arjen Robben, 26, der Star der Bundesligasaison, über die Fußballkultur des FC Bayern, seine Leidenszeit in Madrid, sensible Muskeln und das Finale der Champions League
SPIEGEL: Herr Robben, mit welchen Gefühlen kehren Sie als Teilnehmer des Champions-League-Finales zurück nach Madrid?
Robben: Mit Stolz natürlich, vielleicht ein bisschen mit Genugtuung.
SPIEGEL: Zu Beginn der Saison gehörten Sie bei Real Madrid zu den überzähligen Stars, die nach Investitionen von mehr
als 250 Millionen Euro für Neueinkäufe abgeschoben werden mussten.
Robben: Es war ja der Traum von Real Madrid, in dieses Endspiel im eigenen Bernabéu-Stadion zu gelangen, dafür haben sie vor der Saison so teure Spieler gekauft. Es ist nicht gelungen. Ich, der nicht dableiben durfte, stehe dagegen nun dort im Finale, mit dem FC Bayern.
SPIEGEL: Fühlten Sie sich in Madrid gedemütigt?
Robben: Ich wollte ja bleiben, und ich hatte genügend Selbstvertrauen, dass ich mich trotz der Neueinkäufe um Kaká und Cristiano Ronaldo in der Mannschaft würde durchsetzen können. Aber Trainer Manuel Pellegrini sagte mir irgendwann, er habe Order, dass ich verkauft werden müsse. Außer mir und Wesley Sneijder gab es kaum Spieler, für die sie noch nennenswerte Transfereinnahmen erwarten konnten. Wir waren vor Saisonbeginn sechs Holländer im Kader, und ich hatte das Gefühl, dass gegen uns Politik gemacht wurde, auch über die Presse. Wir wurden in manchen Blättern schon gar nicht mehr beim Namen genannt. Die Holländer, hieß es immer nur.
SPIEGEL: Bayern hat Sie aufgefangen. Der Wechsel wirkte erst wie ein Abstieg.
Robben: Bayern war eine super Lösung. Als ich nach München kam, sagten sie mir noch, man wolle eine Mannschaft aufbauen, die in zwei, drei Jahren mal wieder in der Champions League oben mitmischen kann. Jetzt sind wir schon im ersten Jahr im Finale, das ist unglaublich.
SPIEGEL: Ist die deutsche Bundesliga wieder ein attraktiver Fußballstandort für Topspieler aus aller Welt?
Robben: Ich denke schon. Die Bundesliga wird voraussichtlich wieder einen vierten Startplatz in der Champions League erhalten, und es werden wohl noch ein paar mehr große Spieler kommen.
SPIEGEL: Im Werben um Stars locken die Clubs gern mit Geld und einer Bühne, auf der man Titel gewinnen und seinen Marktwert steigern kann. Der FC Bayern preist neuerdings zusätzlich eine Wohlfühlatmosphäre an, der Club sei wie eine Familie. Wie viel davon ist Propaganda?
Robben: Es ist schon eine andere Kultur als etwa beim FC Chelsea oder Real Madrid. Man hört oft, dass Bayern ein familiärer Verein sein soll, aber wenn man dann hier ist, sieht man: Es stimmt wirklich. Sie haben sich hier um alles gekümmert, um meine Familie, mein Haus, um alles.
SPIEGEL: Dass sie Spieler umgarnen, die sie unbedingt bekommen oder behalten wollen, ist verständlich. Derzeit bemüht sich der Club besonders, Franck Ribéry zu gefallen, selbst für seine Verwicklung in eine Pariser Nachtclubaffäre wird ihm noch Unterstützung zugesagt. Hat Bayern schlicht Angst, ihn in einer Zeit unsicherer Transferpreise zu verlieren?
Robben: Ich glaube nicht, dass dies Berechnung ist. Der Verein will, dass sich die Spieler nur noch auf ihre Arbeit auf dem Platz konzentrieren müssen, daher nimmt er uns vieles ab. Der Vorstand kommt jede Woche bei uns Spielern vorbei, das kannte ich so nicht.
SPIEGEL: Noch im Herbst stand der ganze schöne Zusammenhalt auf der Kippe. Wie hat Ihr Landsmann Louis van Gaal, der damals den Rauswurf als Trainer fürchten musste, die Kurve gekriegt?
Robben: Er hat nun mal seine eigene Strategie, seinen ganz eigenen Fußball. Wenn man seine Trainerstationen verfolgt hat, weiß man: In den ersten Monaten ist es meistens schwierig, dann aber hat er Erfolg. Die Spieler müssen ihn erst verstehen.
SPIEGEL: Er hat die Fußballkultur des dominanten Offensivspiels mit langen Passkombinationen eingeführt, eine durchaus niederländische Spielart. Ist das schwieriger und höher einzuschätzen als der Konterstil englischer Prägung, das schnelle Spiel in die Spitze?
Robben: Zumindest haben wir es auf unsere Weise in der Rückrunde ein paarmal geschafft, unsere Gegner mit unseren Pässen müde zu spielen, und dann konnten wir umso schöneren Fußball zeigen. Wir Spieler mussten uns nur an van Gaals System gewöhnen.
SPIEGEL: Anfangs sah es nach nervtötendem Ballgeschiebe aus. Die Kritiker wurden ungeduldig.
Robben: Wir Spieler nicht. Wir sind immer ruhig geblieben, was sollten wir auch sonst machen? Wir haben hart trainiert, und es wurde besser, dann wieder eine Woche trainiert, und es wurde noch besser. Das ist van Gaals Verdienst.
SPIEGEL: Womöglich war aber gar nicht van Gaals System der Schlüssel zum Erfolg der Bayern, sondern der Vorstandsbeschluss nach drei Spieltagen, Sie aus Madrid zu holen. Sie haben mit Ihren Toren, vorzugsweise in der Schlussphase der Begegnungen, viele wichtige Spiele entschieden.
Robben: Natürlich haben Spieler individuelle Qualitäten. Aber nur wenn die ganze Elf gut spielt, haben wir in den letzten 15 Minuten vorn mehr Raum, weil die Gegner nicht mehr so viel laufen können.
SPIEGEL: Und warum haben Sie selbst zum Schluss noch so viel Luft, zum Beispiel für einen Sprint mit Ball über 60 Meter wie in der Verlängerung des DFB-Pokal-Halbfinalspiels bei Schalke 04?
Robben: Spätestens nach diesem Tor war ich sicher, dass ich physisch wieder voll in Ordnung bin. Das liegt auch am Training. Wir trainieren hier härter und mehr.
SPIEGEL: Das Bayern-Training ist härter als das bei Real Madrid und beim FC Chelsea?
Robben: Ja, in Madrid zumindest war es ruhiger. Da waren nur die Spiele wichtig.
SPIEGEL: Man nannte Sie den Mann aus Glas, weil Sie so oft verletzt waren, in Spanien sollen Sie in zwei Jahren allein neun Muskelverletzungen erlitten haben. Hatten Sie in München bisher nur Glück?
Robben: Da haben die Zeitungen in Spanien mal wieder übertrieben. Aber es stimmt schon, ich war häufig verletzt, und es gibt einen Grund: Das ist mein Körper. Gut, manches war einfach Pech, ein Mittelfußbruch, die Knieverletzung. Aber die vielen Muskelverletzungen dürfen nicht sein, das ist mein Schwachpunkt. Ich denke, wir haben jetzt zusammen mit dem Teamarzt Doktor Müller-Wohlfahrt die Lösung gefunden: die richtige Behandlung durch die Physiotherapeuten.
SPIEGEL: Es heißt, Sie arbeiten mit einem Osteopathen aus Limburg zusammen, den Sie selbst bezahlen. Was macht der?
Robben: Er heißt Hub Westhovens, in Absprache mit dem Mannschaftsarzt und den Physiotherapeuten ziehe ich ihn alle drei, vier Wochen hinzu. Seine Spezialität ist es, alle Gelenke frei zu machen. Es dürfen keine Störungen im Körper sein. Wenn es im Rücken zum Beispiel eine Fehlstellung gibt, dann leidet die Muskulatur. Diese Behandlung ist sehr wichtig für mich. Aber ich kann machen, was ich will, der Ruf holt mich immer wieder ein. Sobald ich mal ein Spiel aussetzen muss, heißt es: Er ist wieder verletzt.
SPIEGEL: Woher haben Sie Ihre Körperbeherrschung, die es Ihnen erlaubt, bei höchstem Tempo immer den Ball und den Gegner zu kontrollieren?
Robben: Früher habe ich mal geturnt. Aber ich weiß nicht, ob es daran liegt. Ich denke, es ist die Natur. Talent plus Training. Schon als Kind hatte ich immer einen Ball am Fuß.
SPIEGEL: Das moderne Fußballspiel wird immer mehr systematisiert und reglementiert, ganze Mannschaftsteile verschieben sich wie nach Choreografien, Spielzüge werden am Computer berechnet. Über Sieg und Niederlage entscheiden aber zunehmend Individualisten wie Sie, Ribéry oder Lionel Messi - Anarchisten also, die sich über alle Regeln hinwegsetzen. Ist das die Ironie des Fußballs?
Robben: Es ist kein Widerspruch. Die Menschen sind verschieden, und wenn Sie Franck oder mir verbieten, unsere individuellen Qualitäten auszuspielen, können Sie gleich andere aufstellen. Wichtig ist aber, dass trotzdem die Ordnung stimmt. Auch Franck und ich müssen unsere defensiven Aufgaben erledigen. Das ist nicht unsere größte Stärke, aber wir müssen es versuchen. Ich kann nicht jedes Mal, wenn mein Gegenspieler nach vorn rennt, zu unserem Außenverteidiger rufen: Da kommt er wieder, lös du das Problem, ich bleib hier vorn!
SPIEGEL: Ihr Teamkamerad Miroslav Klose machte allerdings darauf aufmerksam, dass andere für Bayerns Solisten die Drecksarbeit machen. Schafft Ihr Spiel eine Zweiklassengesellschaft?
Robben: Ob es Probleme gibt, hängt immer von den Persönlichkeiten ab. Wir haben in der Mannschaft nur gute Charaktere. Alle sind gleichberechtigt, es können sich nicht die einen mehr erlauben als die anderen. Der eine schießt Tore, der andere erobert die Bälle, im Mittelfeld kämpfen sie, das ist alles gleich viel wert. Auch ich bin selbstkritisch. Ich muss lernen, immer die richtige Wahl zu treffen. Manchmal schieße ich und hätte besser abspielen sollen. Das muss ich erkennen. Der Trainer spricht oft mit mir darüber, es ist schon besser geworden.
SPIEGEL: Als Sie nach Ihrer Auswechslung gegen Lyon grollend am Trainer vorbei- stampften, stellte Sie van Gaal noch am Spielfeldrand zur Rede. Sind Sie zu egoistisch?
Robben: Van Gaal war sauer und hatte vollkommen recht. Alle hatten meine Reaktion gesehen, das Publikum, die Fernsehzuschauer. Damit stelle ich den Trainer bloß. Das kann man nicht machen. Ich dachte halt, ich könnte noch ein Tor schießen. Es war das Halbfinale, wir führten 1:0 und hatten schon wieder viel Raum in den letzten Minuten. Ich dachte, wir könnten das an diesem Abend im Hinspiel bereits fertigmachen. Ich denke das immer noch, aber man hätte das in der Kabine besprechen müssen.
SPIEGEL: Van Gaal lehrt Disziplin in allen Lebenslagen. Jeder muss seine Position kennen, auf dem Platz und bei Tisch. Sie kennen ihn seit Jugendzeiten, war er immer so?
Robben: Ich habe bei der U-20-Weltmeisterschaft mit ihm zusammengearbeitet. Da waren Rafael van der Vaart dabei, Klaas Jan Huntelaar. Eine schöne Erfahrung für uns junge Spieler. Alle waren ganz ruhig, trauten sich nicht, etwas zu sagen.
SPIEGEL: Bei Chelsea haben Sie mit José Mourinho zusammengearbeitet, dem Trainer Ihres Finalgegners Inter Mailand. Wie schafft er es immer wieder, mit allerlei Verschwörungstheorien seinen Teams diese Wagenburgmentalität zu vermitteln?
Robben: Er ist sehr speziell, und er hält ja auch seine ganz eigenen Pressekonferenzen ab. Da passiert immer etwas. So nimmt er den Druck und die Aufmerksamkeit von der Mannschaft, das macht er geschickt. Er kann eine Mannschaft sehr gut stimulieren, dass daraus eine Kampfmaschine wird. Mourinho macht eine überragende Spielvorbereitung, da kann die Besprechung schon mal länger dauern. Sein taktischer Plan ist immer gut. Bei Chelsea haben wir zusammen alles gewonnen, Carling Cup, FA Cup, Super-Cup, zweimal die Meisterschaft. Nur die Champions League nicht.
SPIEGEL: Sie könnten dieses Jahr nach der Champions League auch noch mit Holland die Weltmeisterschaft gewinnen. Dann hätten Sie mit 26 Jahren schon alles im Fußball erreicht. Was käme dann?
Robben: Ich habe meiner Mutter ver-sprochen: Dann höre ich auf. Sie freut sich.
SPIEGEL: Das meinen Sie nicht ernst.
Robben: Nein. Aber es ist schon so: Die Fußballwelt ist nicht immer nur schön. Man ist dauernd in Hotels, seit meinem 18. Lebensjahr bin ich aus meinem Heimatort Bedum weg. Mit 16 gab ich mein Profidebüt, mit 18 war ich schon beim PSV Eindhoven, nach nur zwei Jahren bei Chelsea. Es geht alles so schnell; andererseits kann ich stolz sein: In vier verschiedenen Ländern Meister geworden, wer kann das schon von sich behaupten?
SPIEGEL: Herr Robben, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Jörg Kramer.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 20/2010
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