17.05.2010

MUSIK

Die Welt in Gold und Grün

Von Tietz, Janko

Die US-amerikanische Sängerin Melody Gardot zählt zu den wichtigsten Neuentdeckungen des Jazz. Ihr Talent entdeckte sie zufällig - bei einer Musiktherapie nach einem schweren Unfall.

Wäre im Leben von Melody Gardot alles normal gelaufen, würde sie heute vielleicht irgendwelchen Models in irgendwelchen Modemetropolen Kleider überstülpen, würde sie drapieren, frisieren und zurechtmachen für die große Schau. Aber in ihrem Leben läuft nichts normal. Zumindest nicht seit ihrem 19. Lebensjahr. Seither ist sie diejenige, die man drapiert, luxuriös frisiert und zurechtmacht für den großen Auftritt.

Aus einer unbekannten Studentin für Modedesign aus Philadelphia ist binnen sieben Jahren die polyglotte Sängerin Melody Gardot geworden, die filigrane Pianistin, Gitarristin, Komponistin - und eine der wohl eindrucksvollsten Bühnenerscheinungen der modernen populären Musik.

Zwei Studioalben hat Gardot erst veröffentlicht, vor zwei Jahren "Worrisome Heart", gerade mal 33 Minuten lang, und 2009 "My One and Only Thrill", opulent arrangiert und orchestriert von Vince Mendoza, aufgenommen in den legendären Capitol-Studios in Hollywood, wo von den Wänden die Konterfeis Sinatras oder Nat King Coles über das Geschehen wachen.

Ihr Jazz ist ein anderer Jazz als der der glatten Diana Krall oder der eher naiven Norah Jones, reifer, eleganter, anmutiger, ein Jazz der Generation Facebook. In Frankreich erreichte ihr jüngstes Album Platz vier in den Charts noch vor Amy Winehouse oder Lady Gaga.

Gardot singt mit einem der schönsten und erotischsten Vibratos der Gegenwart, zum Teil haucht sie ihre Lieder nur, das Tempo ihrer Stücke ist allenfalls adagio. Mühelos füllt sie die Royal Festival Hall in London oder das Olympia in Paris. Mit über 200 000 verkauften Exemplaren von "My One and Only Thrill" bekam die Amerikanerin von den Franzosen Doppel-Platin. In Deutschland erhielt sie vor zwei Wochen den Echo-Award im neugeschaffenen Segment Jazz. Für eine 25-jährige Jazz-Musikerin ist das eine ziemlich erstaunliche Karriere, zumal sie erst seit fünf Jahren professionell arbeitet.

Verantwortlich dafür ist der Fahrer eines Geländewagens, der an einem nasskalten Novembertag im Jahr 2003 an der Kreuzung 2nd Street/Callowhill Street in Philadelphia eine rote Ampel missachtete. Melody Gardot kam gerade vom Community College, sie fuhr auf ihrem Fahrrad, die Ampel war grün, sie wurde von dem tonnenschweren Fahrzeug überrollt. Der Fahrer machte sich davon, Gardot blieb mit zweifach gebrochener Hüfte, schwersten Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen zurück.

Ein Jahr lag sie im Krankenhaus, vollständig geheilt ist sie bis heute nicht. Wegen einer Lichtempfindlichkeit trägt sie seither eine dunkle Brille, und sie verwendet einen Gehstock, den viele für ein PR-Accessoire halten. Ein Irrtum. "Ich habe immer noch ziemliche Probleme mit meinem Gleichgewichtssinn", sagt Gardot. "Oft fühle ich mich benommen und armselig."

Als Richard Jermyn, ihr Arzt an der University of Medicine and Dentistry in New Jersey, hörte, dass sich seine Patientin ihr Studium bislang als Hobbypianistin in Kneipen und Bars finanziert hatte, riet er, Musik als Teil der Rehabilitation einzusetzen. Er verglich ihr Gehirn mit einer Festplatte, die durch den Crash gelöscht wurde. Musik würde helfen, sie wieder mit Inhalten zu füllen.

Er riet, Gitarre zu lernen, das konnte sie im Liegen, er riet, Lieder zu summen, solche, die sie in den Bars am Klavier spielte - Coverversionen von Radiohead, The Mamas and the Papas, Duke Ellington, Nina Simone, Billy Joel -, und solche, die sie sich selbst ausdenken sollte.

"Wicked Ride", "Down My Avenue", "Don't You Worry Baby" oder "Some Lessons" hießen die Lieder, die sie im Hospital schrieb. Sie machte in dieser Zeit, erzählt sie, erstaunliche Entdeckungen: die Gabe, Songs zu schreiben, frei zu improvisieren, "und als sich zu den Melodien auch die passenden Worte formten, war ich komplett überwältigt".

Was dann passierte, könnte sich kein Manager besser ausdenken: Gardot hatte die Lieder zu therapeutischen Zwecken aufgenommen, "einfach um mich am nächsten Tag erinnern zu können, was ich gestern gespielt hatte". Sie brannte die Lieder vom Computer auf eine CD, die in die Hände von Helen Leicht geriet, einer lokalen Radiomoderatorin. Die spielte die Songs auf dem Sender, "obwohl es eine lausige Qualität war". Hörer riefen an und wollten wissen, wer das sei, sie wollten wissen, wo man die CD kaufen könne. Gardot brachte sie 2005 unter dem Titel "Some Lessons - The Bedroom Sessions" schließlich selbst heraus und weckte damit die Aufmerksamkeit des Labels UCJ Music, bei dem sie einen Plattenvertrag erhielt. "Ich habe nie angestrebt, Sängerin zu werden, ich war zu diesem Zeitpunkt froh, überhaupt wieder laufen zu können", sagt Gardot.

Bis heute schreibt sie ihre Lieder selbst. "Es ist schwer, anderer Leute Lieder zu interpretieren. Man weiß nicht, in welcher Stimmung sie sie geschrieben haben, was sie damit ausdrücken wollten. Man kann sie vielleicht technisch erfassen, aber nicht emotional."

Anders als viele Singer-Songwriter verzichtet Gardot weitgehend auf politische oder gesellschaftliche Inhalte. Es sind poetische und romantische Lieder. Sie lobt darin die Vorzüge des Seitensprungs oder beschreibt, welchen Einfluss der Regen auf die Liebe hat. Sie erzählt davon, was sie tun würde, gehörte ihr die Welt: Sie würde sie gold und grün anmalen, die Ozeane orange einfärben und den Himmel ewig blau, die Welt wäre ein einziges Gemälde.

Das kann man kitschig finden. Oder konsequent. Duke Ellington, Erroll Garner oder Bessie Smith und Anita O'Day sind ihre Vorbilder, alles an Melody Gardot wirkt, als wäre sie direkt einem Filmklassiker der fünfziger Jahre entstiegen.

Bei der Geburtstagsfeier des Konzertveranstalters Marek Lieberberg vor zwei Wochen kam Gardot als Special Guest beim mitternächtlichen Dinner vorbei. Kaum betrat sie den Raum, verstummten die Gespräche, die Gesellschaft sprang von ihren Stühlen auf und beklatschte euphorisch den Auftritt der Diva.

Gardot liebt solche Inszenierungen, sie genießt die Kostümierung, schlüpft in Rollen, die zu ihren Liedern passen, mal Vamp, mal verträumtes Mädchen, mal Chansonnière, die in Französisch parliert. "Haben Sie schon mal Edith Piaf gesehen? Juliette Gréco? Wenn man als Performer vergisst, dass man ein visuelles Objekt ist, bleiben die Leute zu Hause und hören sich nur die Platte an."

Einem Journalisten erzählte sie unlängst, sie habe ihre Wohnung aufgegeben und lebe nur noch aus zwei Koffern. An einem Tag würde sie mit einem großen Orchester auftreten, am anderen mit Herbie Hancock und Wayne Shorter in den Abbey-Road-Studios aufnehmen, am nächsten ihr eigenes Konzert spielen. "Und dann fliegst du nach Hause und musst dich nach all diesen wunderbaren Dingen um deine dreckigen Socken kümmern. Das deprimiert."

Der Journalist schaute ungläubig und meinte: "Das klingt aber simpel." Gardot runzelte die Stirn und entgegnete: "Ich gebe 90 Konzerte im Jahr, lebe nirgendwo und überall. Ich brauche keine Couch. Ich kann ins Four Seasons und muss noch nicht mal dafür zahlen. Das ist die Wahrheit. Honey, willst du mir sagen, mein Leben ist zu simpel?"


DER SPIEGEL 20/2010
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