22.05.2010

JUGENDVerlust der Phantasie

Das Internet bietet freien Zugang in die Welt der Pornografie. Für Teenager gehört der Konsum zum Alltag wie Musik und Sport. Verändern die grenzenlosen Möglichkeiten das Liebesleben einer Generation? Von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe
Die Liebe von Mara und Paul begann an einem Dezembertag, um 10.01 Uhr, mit einem Eintrag auf Pauls Online-Profil: "Baby du bist so PORNO", stand dort in rosafarbener Schrift auf schwarzem Untergrund, und es blinkte; daneben ein "Hihi ...", dazu drei gelbe Smileys.
Mara hatte Paul den Satz in sein Gästebuch im Internetforum "Jappy" geschrieben, obwohl sie ihn nicht kannte. Ihre Freundin hatte ihr einmal von ihm erzählt, Mara stellte sich ihn vor als großen, blonden Jungen mit komischer Frisur, ein Angeber, der niemals treu sein würde, dachte sie. Trotzdem schrieb sie ihm, einfach so: "Baby du bist so PORNO".
Paul war das egal. Seit er seine Zahnspange los war, bekam er öfter solche Nachrichten von Mädchen geschickt, und trotzdem wollte er wissen, wer ihm schrieb, Profilname Italo-Latina.
"Cooler spruch, grins, grins", schrieb 1Tyrone1, das war Pauls Name in diesem Forum, er saß an einem kleinen Kiefernholzschreibtisch in seinem Zimmer vor dem Bildschirm und wartete auf ihre Antwort. Mara saß im Internetcafé.
Sie hätten danach miteinander reden können, sie sahen sich ja jeden Tag auf dem Pausenhof ihrer Schule, aber wenn sie sich begegneten, schwiegen sie, sie unterhielten sich nur im Netz.
Mara: "ya wenn ich bloß nen freund hätte frown ... kein freund seuftz ..."
Paul: "ich find dich voll nett smile. und ich kann gut kochen smile."
Mara: "jetz hab ich mich verliebt."
Nach 25 Tagen und vier bis zehn Nachrichten am Tag, nach vielen Smileys und Herzen, verabredeten sie sich für den Tag nach Heiligabend, am Alexanderplatz in Berlin, unter der Weltzeituhr, im echten Leben. Es war der Beginn einer Liebe aus einer neuen Zeit.
Mara und Paul gehören zu einer Generation von Jugendlichen, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Jugendliche, die mit elf Jahren ihren ersten Computer hatten und mit zwölf Jahren ihr erstes Online-Profil.
98 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren sind vernetzt. Das Internet begleitet sie wie ein bester Freund; sie vertrauen ihm ihre Geheimnisse an, er berät sie, er klärt sie auf, weiß alles über erste Liebe und Sexualität, und er stellt, anders als die Eltern, keine peinlichen Fragen.
Nie zuvor in der Geschichte hatten Jugendliche aber auch so ungehinderten Zugang zu pornografischen Inhalten. Wer bei Google das Stichwort "Sex" eingibt, landet mit einem Klick auf Hardcore-Seiten. Sie sind kostenlos, und die meisten von ihnen wollen auch nicht einmal wissen, wie alt die Nutzer sind. Worte wie "Gangbang" und "Analverkehr" sind unter Teenagern so geläufig wie Tokio Hotel oder "DSDS", und die Frage, wie die unzensierte Bilder- und Informationsflut ihre Liebe und Sexualität beeinflussen könnte, beschäftigt Wissenschaftler und Pädagogen.
1998 hatte der SPIEGEL eine Umfrage in Auftrag gegeben, 700 repräsentativ ausgewählte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren wurden gefragt, was sie über Sex wissen und woher sie ihr Wissen haben. Zu den Ergebnissen damals gehörte, dass sie viel wussten. Sie konnten erklären, wozu ein Dildo gut ist, dass eine Vagina keine griechische Liebesgöttin ist, und sie konnten beantworten, wer bei der Missionarsstellung oben und wer unten liegt. Sie waren aufgeklärt und mussten sich ihr Wissen nicht mehr, wie die Generationen zuvor, vorsichtig zusammensuchen; es gab TV-Magazine wie "peep!" oder "Liebe Sünde", an manchen Tagen liefen Sendungen wie "Sex ist mein Hobby" im Privatfernsehen. Das war damals alles gewesen.
Auf die Frage "Wo hast du am meisten über Sexualität erfahren?" sagten die meisten: "aus Zeitschriften/Büchern". Sie galten als die "Aufgeklärten", aber schon vier Jahre später, 2002, waren sie die "Unaufgeklärten". Mittlerweile hatte sie das Internet erreicht, es hatte sie nun eingeholt mit all den Bildern, die sie vorher nicht kannten.
Sie begannen, in Suchmaschinen Wörter einzugeben wie "Titten" und "Ficken", die "Abgeklärten" nannte der "Stern" sie im Februar 2004, sie waren die coolen Konsumenten vom Sex im Netz, 14-, 15-, 16-jährig. Und noch einmal drei Jahre später, Anfang 2007, hieß der neue Begriff für die Jugend "Voll Porno". Deutschland debattierte über die Pornografisierung der Jugendlichen, über ihre sexuelle Verwahrlosung, weil sie sich in der Schule Sexfilme auf ihrem Handy ansahen - und sich manchmal selbst beim Sex filmten.
Sie gehörten zur "Generation Porno", so zumindest beschrieben es Zeitungen und Zeitschriften. Ein Idol dieser Zeit ist Lady Gaga, eine Sängerin, die meistens halbnackt auftritt. Vor gut anderthalb Jahren rief ein Berliner Pastor, der Jugendliche betreut, "Deutschlands sexuelle Tragödie" aus. In einem Buch beschrieb er die schlimmsten Fälle, er kennt einen 15-Jährigen, der drei Frauen geschwängert hat, und eine Elfjährige, die dachte, sie sei hässlich, weil sie noch nie Sex gehabt hatte.
Was erzählen solche Geschichten über eine Generation? Was unterscheidet die Geschichte von Paul und Mara von den Geschichten ihrer Eltern?
In jedem Fall ist die Antwort nicht so einfach, wie es der Berliner Pastor gern hätte. So wenig wie es Allgemeingültigkeiten über eine Generation gibt, so wenig kann die Rede sein von einer "Generation Porno". Unstrittig ist, dass Pornografie das sexuelle Selbstverständnis junger Menschen beeinflusst, manchmal subtil, manchmal brachial.
Paul hatte sich für das erste Treffen unter der Weltzeituhr eine gestreifte Strickjacke übergezogen. Mara fror, und die beiden wussten nicht so recht, worüber sie reden sollten, jetzt, wo sie Mara und Paul und nicht mehr 1Tyrone1 - männlich, sportlich, blond - und Italo-Latina - weiblich, braune Augen - waren.
Paul hatte vor Mara noch nie eine Freundin gehabt, trotzdem hatte er schon eine Regel für die Liebe: Das erste Treffen ist ein Kennenlernen. Das zweite Treffen ist das erste Date, und beim zweiten Date, also beim dritten Treffen, gibst du ihr den ersten Kuss. Mara und Paul gingen auf den Weihnachtsmarkt beim Potsdamer Platz, schauten sich die Buden an, manchmal berührten sich ihre Hände. Später brachte er sie mit dem Taxi nach Hause. Sie küssten sich vor Maras Haustür, nur kurz, der Taxifahrer wartete.
Mara sagt, "der Kuss war wunderschön". Paul sagt, "der Kuss war ganz okay".
Es war ein erster Kuss, wie erste Küsse auf der Türschwelle schon vor 40, vor 30 und vor 20 Jahren waren. Wie kann das sein, obwohl diese Teenager doch so viel mehr wissen über die Theorie der Liebe als Generationen von Teenagern zuvor?
Für sie ist Sex überall. Sie finden ihn über die verschiedensten Medien im Internet: Fotos, Videos, Live-Sex über die Webcam, aber auch in Form von Textbotschaften oder in Chats. 79 Prozent der 14- bis 17-Jährigen hatten laut ",Bravo'-Dr.-Sommer-Studie" bereits Kontakt zu Pornografie, zu Analsex, Orgien, Gewalt, SM, Sodomie. Bis zum 19. Lebensjahr sind es 90 Prozent der Jungen und drei Viertel aller Mädchen. Geben sie den Begriff "Porno" in die Suchmaschine ein, erscheinen auf den ersten Seiten Angebote wie "Hardcore Teen Porn Videos", "Asia Teens", solche Sachen.
"Die entscheidende Frage ist die Frage nach der Normalität", sagt Michael Niggel, er ist Sozialpädagoge und gehört zum Münchner Team von Pro Familia. Er besucht die Jugendlichen in Wohnheimen oder in der Schule, zusammen mit einer Kollegin teilt er sie in zwei Gruppen, Niggel spricht mit den Jungs, das macht es einfacher.
Er trägt ein buntkariertes Hemd, eine rote Brille, blonde Locken, Dreitagebart. Er sieht nicht aus wie der Onkel von Pro Familia, er könnte auch Surfer sein. Am Morgen, erzählt er, sei er in einer neunten Hauptschulklasse gewesen, sie schrieben ihre Fragen auf einen Zettel, ohne Namen.
"Früher ging es um Verhütung, Vaginalverkehr, Kennenlernen, Trennung und um Geschlechterrollen. Heute geht es auch darum, ob man per SMS Schluss machen darf", sagt Niggel. Was ist eine normale Penisgröße? Kann ich mit einem kleinen Penis eine Frau befriedigen?
"Dann geht es um Sexualpraktiken. Oral- und Analsex, die sind in jedem Porno aus dem Netz bekannt, und viele Jugendliche glauben, das gehöre zum Standard", sagt Niggel. "Muss ich das mitmachen?", wollen die Mädchen von Niggels Kollegin wissen. Nicht normal zu sein ist ihre größte Sorge.
War das normal, als das 15-jährige Mädchen gleich beim zweiten Treffen mit ihm schlafen wollte?, fragte sich Paul. Er sitzt jetzt allein im Eiscafé, untere Etage des Einkaufszentrums, Jeans, Sneaker, blonder Flaum am Kinn. "Nicht normal", sagt Paul, "glaube ich zumindest." Er war damals 16, und Mädchen waren für ihn nicht viel mehr als weibliche Schulkameraden gewesen.
Wie Sex theoretisch funktioniert, wusste er schon lange. In seinem Zimmer hatte er seit Jahren einen Computer, mit dem er ins Internet ging, seine Mutter und sein Stiefvater hatten ihm einiges erzählt. Und trotzdem oder gerade deshalb war er verwirrt, als dieses fremde Mädchen plötzlich mehr wollte, nicht nur chatten.
Sie saßen nebeneinander auf dem Bett, schwiegen, irgendwann küssten sie sich. Es war Pauls erster Kuss, irgendwie komisch fand er ihn und irgendwie geil. Am nächsten Tag saß Paul wieder bei dem Mädchen auf dem Bett. Dieses Mal fragte es ihn: "Würdest du bitte mit mir schlafen?" Er kannte sie gar nicht. Ist sie dann nicht eine Schlampe? Paul sagte nein. Sein erstes Mal sollte romantisch sein.
Während er das erzählt, sitzt Mara eine Etage höher im Einkaufszentrum, bei Starbucks, und trinkt heiße Schokolade. Bis sie Paul vor zwei Jahren traf, sagt sie, habe sie eigentlich keine Vorstellung davon gehabt, wie ein Junge sein sollte.
Das erste Mal geküsst hat sie, da war sie 14, er hieß Michele und war Italiener, Sizilianer wie ihr Vater.
"Michele war ein Sommerflirt", sagt Mara, Michele war nicht ihre erste Liebe. Das war Piotre, ein polnischer Junge von der Schule, ihn traf Mara nach den Ferien. Er wollte sie jeden Tag sehen; er war Mara zu anhänglich, und nach drei Monaten machte sie Schluss, per MSN, im Chat über das Internet.
Drei Monate später traf sie Enrico, einen Jungen aus der Nachbarschaft. Sie wollte ihn jeden Tag sehen. "Lass uns eine Woche lang nicht treffen", schlug Enrico nach zwei Monaten vor. Es war ihm zu viel geworden, er meldete sich nicht wieder.
Im Internet sah sie in eine Welt, in der alles funktionierte, da waren die Mädchen hübsch und mutig und selbstbewusst. In der Wirklichkeit funktionierte es selten. Dann gab es noch sie selbst, ihren Körper, der sich verändert hatte in letzter Zeit, der nun Gefühle in sich trug, die sie nicht kannte, die schön sein konnten, aber auch schrecklich. Liebe, Sehnsucht, Eifersucht. Wo sollte sie hin mit alldem? Sie konnte die Grenzen nicht erkennen vor lauter Möglichkeiten.
"Nach Enrico war dann eine ganze Zeit lang nichts", sagt sie oben bei Starbucks, "und dann kam Paul."
Von nun an war Mara nicht mehr allein auf der Suche nach Normalität. Sie suchten zu zweit.
Die Welt der Liebe und Sexualität ist für Jugendliche zu einem Irrgarten geworden. Bis zur sexuellen Revolution Ende der sechziger Jahre diktierte die Gesellschaft, was normal war und was nicht. Vorehelicher Sex war tabu, gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern stand mit dem Paragrafen 175 unter Strafe, auch Ehebruch wurde durch das Gesetz bestraft, die Regeln waren klar.
Mit der Werbung, im Fernsehen, durch Musik verschob sich das Thema Sex aus dem privaten Raum immer weiter in die Öffentlichkeit. In den neunziger Jahren tanzten Schwule, Lesben und Heteros auf der Love Parade halbnackt durch die Straßen von Berlin. Die Regeln wurden unscharf.
Heute durchbricht das Internet auch die letzten gesellschaftlichen Schranken: Gruppensex, SM, Sodomie, jede Art von Fetisch wird geboten. Die Regeln haben sich aufgelöst.
"Da draußen passiert ein natürliches Experiment, ohne dass es jemand kontrolliert", sagt Andreas Hill, Psychotherapeut und Sexualforscher. Er hat seine Praxis in Hamburg-Rotherbaum, unzählige Bücher und Studien zu den Themen Sex, Beziehung, Pornografie reihen sich in den wandhohen Regalen der Altbauvilla. Er therapiert Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrer Sexualität haben, auch Jugendliche.
Hill erzählt von einem 19-jährigen Jungen: "Der hat sich alles angeguckt, SM, Spiele mit Urin, Kinderporno, mit einer Flatrate für 9,99 Euro, unbegrenzt und anonym." Der Junge musste wegen Sexsucht in Behandlung.
"Je häufiger man etwas sieht, desto normaler findet man es", sagt Hill, "Dreier, Vierer, Orgien: Manche Jugendliche gucken sich so etwas wieder und wieder an, und irgendwann denken sie, das sei Normalität und sie müssten es genauso machen." Hill glaubt, je mehr Bilder die Jugendlichen sähen, desto schwerer falle es ihnen herauszufinden, was sie eigentlich selbst wollen und als lustvoll empfinden. "Manchen Kindern geht die eigene Phantasie kaputt."
Anders als im echten Leben funktioniert der Sex im Porno immer perfekt. Frauen haben multiple Orgasmen, Männer können stundenlang.
Hinzu kommen die körperlichen Ideale: 80 Prozent der Pornodarstellerinnen haben vergrößerte Brüste, alle sind perfekt rasiert, geölt, geschminkt. So geben ein Drittel der Mädchen in einer schwedischen Befragung an, dass sie durch Pornografiekonsum unglücklich mit ihrem Körper seien. Auch Jungs haben Versagensängste: Die durchschnittliche Penislänge eines Pornostars liegt bei 20 Zentimetern. "Da wächst man mit körperlichen Vorbildern auf, die im realen Leben nicht erfüllbar sind", sagt Andreas Hill.
Wie sieht Sex aus? Wie oft hat man Sex? Wie sollte man selbst dabei aussehen? Die Maßstäbe werden nicht mehr von der Wirklichkeit gemacht, sondern von amerikanischen Pornodarstellern.
So werde, behauptet Hill, die Vorstellung von Beziehung und Nähe durch übermäßigen Pornografiekonsum beeinträchtigt: "In Pornos wird nicht geredet, es geht sofort los, Emotionen gibt es nicht, und niemand fragt: Möchtest du das überhaupt?"
Es ist nicht leicht, die Wirkung von Pornografie auf Teenager wissenschaftlich zu erforschen. Jugendlichen Pornografie zu zeigen ist verboten. Tests mit jungen Erwachsenen, Studien und Befragungen lassen dennoch Rückschlüsse auf die Auswirkungen von Pornografie auf das Sexualverhalten von Teenagern zu.
"Vergewaltigungsmythen verbreiten sich", sagt Hill, "die Vorstellung, dass eine Frau eigentlich ja meine, wenn sie nein sagt. Hardcore- und Gewalt-Pornografie steigern die Aggressionsbereitschaft, das haben Gruppenvergleiche gezeigt."
Was passiert also, wenn ein Zwölfjähriger, der sexuell ausschließlich durch Pornografie sozialisiert ist, seine ersten realen Erfahrungen macht?
"Er würde Sex vermutlich als etwas unglaublich Leistungsbezogenes wahrnehmen in Bezug auf Dauer, Performance, immer Lust zu jeder Zeit", sagt Hill. "Er könnte sehr unzufrieden mit seiner sexuellen Leistung sein. Er würde Mädchen als Sexualobjekt sehen, schlimmstenfalls." Und womöglich sehen sich manche Mädchen längst selbst so.
"Ich hab drei Dildos", sagt Melanie, "zwei für vorn, einen für den Popo." Melanie ist 17 Jahre alt, beim Pornogucken habe sie "super viel gelernt", sagt sie: "Doggystyle zum Beispiel oder die 69: Die Frau liegt so und bläst ihm einen." Sie sitzt auf einem Ledersofa in einem Jugendhaus im Berliner Osten und zeigt, wie die Frau in etwa zu liegen habe, ein zierliches, hübsches Mädchen. Melanie sagt: "Bisher hatte ich so 30 Freunde."
Melanie war neun, als sie ihre ersten Sexfilme sah, so erzählt sie es. "Mit sechs hat mich Papa aufgeklärt", sagt sie, "der Mann steckt ihn rein und dann rein-raus, ganz einfach", so habe er es ihr erklärt.
Sie fing an, sich die Filme anzugucken, aus Neugier, Langeweile. Sie sah Frauen, die es mit fünf Männern gleichzeitig machten. "Zuerst fand ich das eklig", sagt sie, trotzdem habe sie regelmäßig geguckt, und "dann, so mit elf, hatte ich beim Pornogucken das erste Mal Gefühle".
Melanie gehört zu jenen Jugendlichen, von denen Sexualforscher sagen würden, dass sie keine gesunde sexuelle Sozialisierung haben. Die Zahl dieser gefährdeten Hochkonsumenten, so schätzen die Wissenschaftler, liege bei fünf bis zehn Prozent, eine Randgruppe, bei der der Pornokonsum zu einer radikal veränderten Sexualität führen kann.
Melanie stammt aus einer sozial schwachen Familie. Sie wuchs abwechselnd im Heim und bei Verwandten auf. Nie hatte sie jemanden, der ihr sagte, dass das, was sie im Porno sah, nicht die Wirklichkeit sei. Dass Sex nicht nur Sport sei, sondern auch etwas für Gefühle, und mit Liebe zu tun hat.
Als sie zwölf Jahre alt war, hatte Melanie ihren ersten Sex, mit einem Jungen aus dem Heim. Sie hatte Wodka getrunken, sie fand ihn "voll schnucki", so sagt sie, sie machten es im Gebüsch, verhütet haben sie nicht. Am nächsten Tag schliefen sie wieder miteinander, am übernächsten Tag noch mal. "Das war noch Softie-Sex", sagt Melanie, acht Monate später, mit 13, lernte sie dann einen anderen kennen, einen Älteren, "der hatte es richtig drauf, der hat mir alle Stellungen beigebracht".
"Gina Wild, Vivian Schmitt", Melanie zählt Pornodarstellerinnen auf, als wären es Freundinnen aus der Schule. Sex, so erzählt sie nun, wurde für sie mehr und mehr zum Freizeitspaß. Sie machte es, um nicht gelangweilt zu sein, sie machte es, um ihren Freund zu befriedigen, sie machte es, um Wut abzubauen. "Wenn ich keinen Sex hatte, wurde ich voll aggressiv", sagt Melanie.
Michael Niggel, der Sozialpädagoge von Pro Familia, sagt, dass das Internet vor allem die Jungs beeinflusse, ihre Sprache sei reaktionär heute, sie würden Wörter benutzen, die sie aus dem Internet kennen, "Asia-Style", "Black-Sex" oder "Anal-Sex". Er glaubt, dass sich durch das Internet die Geschlechterrollen verfestigt hätten, "Ich fick dich durch", sagt Niggel, sei typisch.
Ein paar Wochen nachdem sie sich zum ersten Mal gesehen hatten, ging Mara mit zu Paul nach Hause. Mara hatte sich vorher Gedanken gemacht darüber, wie es sein sollte, das erste Mal. Sie wollte den Jungen lieben, sich geborgen fühlen.
Paul dachte auch an die Pornos, die er schon geguckt hatte, weil er sich was abgucken wollte, weil er Sextechniken lernen wollte. Aber kannte Mara die auch?
Er beschloss, sich erst mal auf normalen Sex zu konzentrieren. Angst hatte er keine: "Sie hatte doch auch nicht viel mehr Ahnung. Wenn ich was falsch gemacht hätte, hätte sie das nicht bemerkt."
"Passiert ist es dann an diesem Nachmittag bei Paul im Zimmer", sagt Mara oben im Starbucks.
"Es war im Treppenhaus", so erinnert sich Paul.
Es war jedenfalls die ganz normale Nervosität des ersten Mals, und dass es die noch gibt, wie es sie immer gab, lässt daran zweifeln, dass das Internet, dass die grenzenlosen Möglichkeiten tatsächlich die Macht haben, das Sexualleben einer ganzen Generation zu radikalisieren.
"Die ganze Diskussion läuft mir viel zu sehr unter der Überschrift Panik", sagt Hartmut Bosinski von der Sexualmedizinischen Sektion der Uni-Klinik Kiel. "Immer heißt es, die Jugend sei versaut, und die fangen viel früher mit dem Sex an." Das sei nicht wahr, sagt Bosinski, empirisch nicht zu halten: "Die Mehrheit der Jugendlichen ist in ihrem Sexualverhalten so normal oder unnormal, wie sie es schon immer war." Nur viel gelassener seien sie als noch vor 30 Jahren.
Bosinski und seine Kieler Kollegen gehen davon aus, dass jeder Mensch, auch vor der Pubertät schon, ein vorangelegtes sexuelles Muster in sich trägt, das von Pornos nicht grundlegend verändert werden kann. In diesem Muster stehe wahrscheinlich, ob ein Mensch auf Mädchen oder auf Jungen stehe, ob ihn Gewalt sexuell errege, "alles bereits da", sagt Bosinski, vielleicht schon von Geburt an. "Pornos werden uns da nicht umpolen."
Er schiebt eine Studie über den Tisch. "Hier haben wir es doch", sagt er und zeigt auf die Balken einer Grafik, "seit den achtziger Jahren ist das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs im Durchschnitt nahezu konstant." Die Jungen haben ein bisschen aufgeholt, aber was bleibt, ist: Irgendwo zwischen 16 und 17 Jahren hat die Hälfte aller Jugendlichen den ersten Geschlechtsverkehr. Früh ist etwas anderes.
Bosinski horcht seinen Worten kurz hinterher, sie klingen beruhigend in einer Diskussion, die den Eindruck vermittelt, als hätte die Normalität längst gegen die Bildermacht des Internets verloren. Bosinski sagt: "Dass Jugendliche sexuell verrohen, lässt sich bisher nicht bestätigen." Allerdings sei nicht auszuschließen, dass früher und intensiver Pornokonsum das Bild von Sexualität und Partnerschaft verzerre.
Wie steht es also heute um die Jugend und ihren Sex?
62 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen geben laut ",Bravo'-Dr.-Sommer-Studie" an, dass Sex ohne Liebe für sie nicht in Frage komme. Fremdgehen ist für die meisten keine Option, Treue und Liebe ist ihnen zu wichtig. Mädchen leiden bei Liebeskummer rund 48 Tage, Jungs geben 30 Tage an. 70 Prozent der 11- bis 13-Jährigen sagen, Sex sei für sie noch kein Thema, auch mehr als ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen fühlt sich für Sex zu jung. Dennoch gehört Pornografie für viele Jugendliche zum Alltag wie Musik oder Sport. Sie schauen allein, mit Freunden, zur Selbstbefriedigung oder nur zur Belustigung.
Auf die Frage "Hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?" antwortete jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren mit ja. Wahrscheinlich wächst der Druck zu funktionieren oder zumindest so zu tun, als funktionierte man.
Wie fühlt es sich an, wenn du pornografische Bilder oder Filme siehst?
"Ich fühle nichts dabei. Es ist egal, es ist nur ein Film", sagt Mara.
"Ich weiß, dass es Jungs gibt, die es machen, um sich zu befriedigen", sagt Paul.
Glaubst du, dass die Männer und Frauen im Porno auch Vorbilder sein können?
"Für mich sind sie keine Vorbilder. Für andere sicher schon, weil sie sich etwas trauen und es so offen zugeht. Es gibt da keine Hemmungen, das beeindruckt sicher viele", sagt Mara.
"Nein", sagt Paul.
Glaubst du, dass pornografische Bilder oder Filme Einfluss haben auf dein Sexualverhalten?
"Ja, zum Teil. Ich kann da sehen, wie die das machen. Da schaut man sich als Mädchen schon mal etwas ab. Ich versuche dann, das umzusetzen. Wenn ich ein Paar unter der Dusche sehe, denke ich mir schon, wie das wäre", sagt Mara.
"Ja, weil ich mir Sexpraktiken abgucken kann und weil es meine Phantasie anregt", sagt Paul.
Und was ist mit Jugendlichen, die keine gesunde Sozialisation haben, wie Melanie aus Neukölln? Oder mit denen, die eine abweichende sexuelle Vorprägung haben? Für sie kann Konsum von Pornografie tatsächlich zur Gefahr werden, weil es ihnen nicht gelingt, eine Illusion von der Wirklichkeit zu unterscheiden.
Der 15-jährige Junge, der drei Frauen geschwängert hat; das elfjährige Mädchen, das denkt, es sei hässlich, weil es noch nie Sex hatte; Melanie, das Mädchen, das schon mit neun Jahren anfing, Pornos zu sehen, und nun Sex hat nur zum Zeitvertreib - vielleicht haben die Bilder ihr Sexualverhalten gestört.
Die meisten Jugendlichen wissen hingegen, was sie sich "an Bildern und Inhalten zumuten möchten und was nicht", das ergab eine Untersuchung an Potsdamer Schulen.
Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass die Mehrzahl der Jungen und Mädchen den ersten Sex in festen Beziehungen erlebt. Bei den Jungs ist die Zahl derer, die in flüchtigen Bekanntschaften ihr erstes Mal haben, in den vergangenen Jahren sogar gesunken.
"Sexualität", sagt Bosinski, der Sexualmediziner, "hat ja nicht nur etwas mit Triebabfuhr zu tun, sondern ganz viel mit dem Wunsch nach Nähe, einer Sehnsucht nach Hautkontakt." Es gehe vor allem darum, jemanden erleben, erfahren, erschmecken zu wollen, sagt er. Das können einem Pornos nicht geben und Hardcore-Sex auch nicht. "Das Liebesuchen, das Zuwendungbrauchen, das hat sich durch Pornografie nicht geändert."
Vor ein paar Wochen feierten Mara und Paul ihr Zweijähriges, auf ihren Online-Profilen steht "Italo-Latina ist Partner von 1Tyrone1".
Im Internet verliebt, an der Weltzeituhr getroffen, erster Kuss vor der Tür, erste Liebe, erste Krise. Wie das alles klingt? Durchschnittlich.
Und die Generation Porno? Gibt es die nun?
"Nein. Vielleicht gibt es das Zeitalter Porno, mehr nicht", sagt Michael Niggel, der Sozialpädagoge in München.
"Davon kann überhaupt nicht die Rede sein", sagt Hartmut Bosinski, der Sexualmediziner, "die Wahrnehmung des undifferenzierten Herummachens ist durch nichts gestützt."
"Abwarten", sagt Andreas Hill, "es ist noch zu früh, um zu sagen, welche Auswirkungen es langfristig haben wird."
Im Berliner Einkaufszentrum hat Mara oben im Starbucks ihren Kakao ausgetrunken, Paul seinen Tee unten im Einkaufszentrum. Paul hat am Abend, um null Uhr, Geburtstag, er wird 19 Jahre alt.
Bevor Mara aufsteht, sagt sie noch, dass sie durch Paul gelernt habe, nicht mehr so eifersüchtig zu sein, und dass Jungs eben nicht über ihre Gefühle redeten. Sie sagt, sie vermisse die alten Zeiten an manchen Tagen, den Zauber der ersten Monate, in denen Paul Mara noch kleine Briefe schrieb, in denen er sie jeden Tag anrief, aber sie fühle sich geliebt, trotz allem.
Sie nimmt ihre Tasche, sortiert ihre Haare, wirft einen schnellen Blick auf das Handy. Hat Paul sich in der Zwischenzeit vielleicht schon gemeldet?
Sie wissen jetzt, dass Krisen normal sind in einer realen Beziehung, dass es Wahnsinnsgefühle gibt, aber auch Langeweile und Alltag. Sie wissen, dass es den perfekten Sex nur auf Pornoseiten gibt.
"Ich kann gar nicht mehr ohne sie sein", sagt Paul. "Ich habe mich daran gewöhnt, dass er ist, wie er ist", sagt Mara. So ist, in jeweils einem Satz, ihre Beziehung.
Eigentlich normal. ◆
Von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe

DER SPIEGEL 21/2010
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