22.05.2010

TIEREBeutegreifer im Wohnzimmer

Räuber, Mythos, Fabeltier - seit je schlägt der Urahn des Haushundes den Menschen in seinen Bann. Zunehmend sind Mischlinge aus Wolf und Hund gefragt.
Auf dem Heimweg muss Jos de Bruin noch kurz beim Kaninchenzüchter vorbei. In dem Großbetrieb fallen immer mal ein paar Kadaver ab. De Bruin packt sie in einen schwarzen Müllsack, dann geht es nach Hause. Seine Wölfe haben Hunger.
In Sonsbeck am Niederrhein kennen sie ihn alle, den Mann mit den wilden Tieren: Schon an der Zufahrt zu seinem Grundstück an der Schwarzen Straße hängt ein Hinweisschild mit Wolfsantlitz; das Haus des Niederländers verschwindet fast inmitten von Zäunen und Gehegen.
Im vorderen Freilauf vermelden die beiden Saarloos-Wolfhunde Ingo und Thira mit lautem Gebell, dass ein Fremdling naht; hinterm Haus verdämmert Lupi, der uralte Polarwolf, seinen Lebensabend. Nebenan hausen zwei Dingos.
Und dann sind da noch Thor, Tessy und die beiden Namenlosen: Vier Tiere in de Bruins Auffangstation sind Mischlinge - eigentümliche Halbwesen, weder Wolf noch Hund. Der Großvater der Geschwister Thor und Tessy war ein Wolf, sie sind Kreuzungen der ersten Nachkommengeneration, sogenannte F2-Hybriden. Die beiden Tiere ohne Namen sind direkte Wolfsnachkommen (F1), sie kommen aus einem niederländischen Tierheim.
Schöne, scheue Tiere sind das, die anders als die Hunde nicht den Kontakt zu Fremden suchen. "Sie sind ziemlich vorsichtig", erklärt de Bruin. Von ihrem Besitzer aber lassen sich Thor und Tessy den dichten Pelz zausen; sie lecken ihm die Hände, beschnüffeln sein Gesicht. "Thor nehme ich auch im Auto mit und gehe mit ihm spazieren", erzählt de Bruin.
Seit seiner Jugend ist der Niederländer allem verfallen, was nach Wolf aussieht; seinen ersten Mischling schaffte er Mitte der neunziger Jahre an. Seine damalige Frau war nicht begeistert vom Raubtier im Wohnzimmer und setzte das Duo vor die Tür. "Das Leben auf der Straße war nicht einfach", sagt de Bruin schlicht. Nach guter Wolfsmanier verputzte der Halbwolf ein paar Ziegen aus der Nachbarschaft; schließlich musste er eingeschläfert werden. Ein solches Schicksal will de Bruin anderen herrenlosen Halbwölfen ersparen: "Ich bin es meinem ersten Mischling schuldig, mich um diese Tiere zu kümmern", sagt er.
Über Jahrtausende mühte sich der Mensch, aus Canis lupus einen familientauglichen Gefährten zu machen, bestens angepasst an das Leben in Haus und Hof - einen Hund, der möglichst keine Schafe reißt und Herrchen als Rudelboss akzeptiert. Echte Wölfe kannten die Deutschen lange Zeit nur noch aus Tierparks und Märchenbüchern. Erst allmählich kehrt der Räuber zurück in die Wälder, in der Lausitz etwa. Rund 60 wilde Exemplare gibt es in Deutschland, nicht unbedingt zur Freude von Schäfern und Bauern. Und da sucht sich einer wie de Bruin ausgerechnet ein paar Halbwölfe als vierbeinige Freunde?
Wahre Wildnis-Fans finden das offenbar faszinierend. Regelmäßig bekommt de Bruin Anfragen von Leuten, die dringend einen Wolfsmix besitzen möchten. Und nicht nur er: Die Verhaltenswissenschaftlerin Dorit Feddersen-Petersen etwa leitete über Jahre ein Wolfsprojekt an der Kieler Uni: "Ständig riefen Halter an, die ihren Hund von einem Wolf decken lassen wollten", erinnert sie sich. Und Matthias Vogelsang, der als einer der wenigen Privatleute in Deutschland ein eigenes Wolfsrudel hält, bekommt 70 bis 80 Anfragen im Jahr.
"Möglichst viel Wolf im Hund finden einige Leute schick", berichtet auch der Hundetrainer Günther Bloch. "Ein Wolf ist ein mystisches Wesen. Mit einem Mischling wollen manche der Domestikation ein Schnippchen schlagen und ein ursprüngliches, einzigartiges Tier besitzen."
In den USA sind die Mischlinge Modetiere, mindestens 100 000 von ihnen leben bei privaten Haltern. Züchter werben mit dem hohen Anteil von Wolfsblut ihrer Tiere. Allerdings: "Oft wird da auch geschummelt", erzählt Monty Sloan vom Wolf Park in Battle Ground im US-Bundesstaat Indiana: Je mehr Wildtier im Welpen, desto mehr Geld können die Züchter verlangen.
Für Wölfe gilt das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. In Deutschland brauchen potentielle Wolfsherrchen eine Genehmigung und müssen zudem ein besonderes Interesse an der Haltung sowie eine artgerechte Unterbringung nachweisen. Das gilt auch für die Nachkommen. Erst wenn die Romanze mit Isegrim fünf Generationen zurückliegt, geht der F5-Mischling rein rechtlich als Hund durch.
Offiziell gibt es hierzulande keine Züchter für Wolfskreuzungen, nur ganz wenige Tiere sind bei den Behörden gemeldet. Doch in der regen Szene der Wolfsenthusiasten ist von etwa 50 bis 60 Exemplaren die Rede. Alle wissen: Wer eine hochprozentige Kreuzung will, holt sie sich aus Holland oder Belgien oder reist gleich in die USA. Die Tiere kommen dann formal als Hundemischlinge ins Land. Einen Test, der zweifelsfrei nachweisen könnte, wie viele Generationen die letzte Einkreuzung zurückliegt, gibt es nicht.
Auch ohne kriminelle Energie indes kann sich in Deutschland jeder einen Hund mit Einkreuzung aus der Wildnis anschaffen: Es genügt ein Ausflug zu einem der Züchter für Saarloos- oder Tschechoslowakische Wolfhunde (TWH). Beide sind anerkannte, wenn auch seltene Hunderassen.
Die eine schuf einst der Niederländer Leendert Saarloos. Er wollte den Deutschen Schäferhund aufpeppen, indem er ihn mit einer Wölfin paarte. Der "Tscheche" dagegen, ursprünglich eine Kreuzung aus Karpatenwolf und Deutschem Schäferhund, sollte den Gehorsam des Hundes mit den feinen Sinnen und der Ausdauer seines Urahnen vereinen und war als Grenzhund vorgesehen.
Die Rassen machten dann eher Karriere als vierbeiniges Accessoire für Individualisten: Anfang der achtziger Jahre wurde in der TWH-Zucht der letzte wahrhaftige Wolf mit einem Schäferhund gepaart, heutige Welpen sind mitunter gerade mal sechs oder sieben Generationen vom wilden Verwandten entfernt. Bei vielen Jagdhundrassen dürften es dagegen mehr als 500 Generationen sein.
"Manche Leute wollen so einen Hund nur wegen der Optik", berichtet TWH-Züchter Michael Eichhorn, "außerdem gelten die Tiere als unabhängig und schwer zu zähmen, sie haben eine dunkle, mysteriöse Aura - genau so wollen einige Halter selbst gern sein."
Wer sich aus reiner Romantik einen TWH ins Haus holt, sollte indes nicht allzu sehr an seiner Einrichtung hängen. "Diese Tiere sind viel erfinderischer als normale Hunde", berichtet Hundetrainer Bloch, "sie können hoch springen und sogar klettern, machen Fenster und Türen an den Griffen auf und graben Ihnen den Garten um." Für Hundeanfänger mit Etagenwohnung seien die "Tschechen" nichts.
"Meine erste TWH-Hündin hat die Sitze von drei Autos zerlegt und zu Hause alles zerbissen, was ihr zwischen die Zähne kam", berichtet Christian Berge aus Buchholz an der Aller. Auch im Haus von Jos de Bruin ist jede Tür bis tief ins Holz hinein zerkratzt: Wolfshunde sind nicht gern allein. "Man muss schon wissen, was man da am Strick hat", erklärt Halter Berge. Eigentlich ist er Anwalt, doch für den Job hat er jetzt keine Zeit mehr.
Am Beispiel Berge lässt sich beobachten, wie der Mensch dem Mythos Wolf anheimfällt. Noch immer gerät er ins Schwärmen, wenn er an seine erste Begegnung mit einem der Tiere zurückdenkt: Da waren nur noch "Ehrfurcht und Glücksgefühle". Seither ist Berge hingebungsvoller Hobbyforscher, er kennt jeden Wolfswissenschaftler und so ziemlich alle Halter. Gegenwärtig verfasst er ein Buch über neue Rassen.
Über die sogenannten Amerikanischen Wolfhunde (AWH) berichtet er dort zum Beispiel, eine Rasse, die es offiziell nicht gibt. Wo sich der letzte Wolf im Stammbaum findet, ist schwer zu sagen. Einige Züchter verkaufen ihre Tiere als direkte Wolfsnachkommen.
Auch in Deutschland gibt es Züchter. Jan Schulze etwa jobbte als Schüler in einem Wildpark und zog Wölfe mit der Flasche auf; heute züchtet er im sächsischen Liebstadt AWH. "Klar wollte ich mir damit auch ein Stück Wildnis ins Haus holen", erklärt der Polizist. Für die Welpen seiner Hündin Mette meldeten sich fast 200 Interessenten.
"Ein durchgezüchteter Rassehund kam für mich nie in Frage", erklärt Schulze. "Schauen Sie sich doch zum Beispiel einen Mops an - ich finde es schlimm, was der Mensch aus dem Wolf gemacht hat." Seine Hunde, die für den Laienblick kaum von Wölfen zu unterscheiden sind, stammen von Züchtern aus England und den Niederlanden.
Wolfsfan Berge holte seine tiefschwarze Noomi vor knapp drei Jahren aus Kanada. "Sie ist in ihrem Verhalten viel ursprünglicher und intensiver als ein Rassehund", erklärt Berge. "Sie ist freundlich und loyal, nicht so opportunistisch wie andere Hunde", schwärmt er, "sie hängt an mir, ohne dass ich ihr Leckerli geben muss."
Doch der Wildnis-Faktor, der für Halter wie Berge den Reiz der Mischlinge ausmacht, birgt auch Risiken. Denn je hochprozentiger der Wolfsmix, desto unberechenbarer das Verhalten der Tiere, etwa der schwer kontrollierbare Beutetrieb.
In Deutschland sind offiziell keine Angriffe von Wolfsmischlingen auf Menschen gemeldet; in den USA rangieren die Tiere in der Beißstatistik gleich hinter Pitbull-Terrier und Rottweiler - auch tödliche Attacken kommen vor.
"Haushunde haben sich in mehr als 15 000 Jahren dem Menschen und seinen Lebensbedingungen angepasst", kritisiert Hundeforscherin Feddersen-Petersen, "einen Wolf einzukreuzen ist immer ein Rückschritt." Am Institut für Haustierkunde der Kieler Uni hat die Wissenschaftlerin selbst bis Mitte der achtziger Jahre sogenannte Puwos erforscht, eine experimentelle Kreuzung aus Königspudel und Wolf. "Diese Tiere und ihre Nachkommen waren zeitlebens scheu und schreckhaft", sagt Feddersen-Petersen.
In den ersten Jahren, sagt auch Wolfsfreund Vogelsang, kommen die meisten Halter noch gut mit ihren Tieren zurecht: "Ein Hund kann ohne seinen Menschen nicht leben, er bleibt zeitlebens in einem infantilen Stadium", erklärt er. "Ein Wolf aber wird erwachsen, und dann kommen die Probleme."
In seiner Küche im niedersächsischen Einbeck hat Vogelsang gerade für einen Wildpark bei Hannover vier graue Wolfsbabys mit der Flasche großgezogen. Die Handaufzucht soll ihnen die Scheu vor den Menschen nehmen. Für den Streichelzoo taugen die flauschigen Welpen dennoch nicht: "Die bleiben eben immer Beutegreifer", betont Vogelsang, "und alles, was Hunde können, können sie hundertmal besser."
Vogelsang warnt vor dem Trend zum Mischling - ein Wolfsverrückter ist er aber trotzdem. Neben seinem Haus, auf einer malerischen Anhöhe, hat er ein 5000-Quadratmeter-Gehege errichten lassen. Dort leben seine Wölfe, acht an der Zahl.
"Ich bin ein Teil meines Rudels", sagt Vogelsang. Fast jede Nacht geht er durch die Sicherheitstür ins Gehege, mit Vorliebe bettet er sich mit seinen pelzigen Gefährten zur Nacht. Einmal ging er mit einem frischkurierten Hexenschuss zu den Wölfen: Sofort witterte einer die Chance, die Rangordnung neu zu sortieren und sprang den Wolfshalter an: "Ich habe nur noch Zähne gesehen", erzählt Vogelsang. Seither mischt er sich nur noch unter sein Rudel, wenn er sich vollkommen fit fühlt.
"Für mich gibt es keinen vernünftigen Grund, einen Wolfsmischling als Haustier zu halten", sagt Vogelsang. Der Haushund der Familie ist da auch ganz unverdächtig: Es ist ein Beagle.
Von Koch, Julia

DER SPIEGEL 21/2010
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