22.05.2010

Ein Jahrzehnt für die Ewigkeit

Von Oehmke, Philipp und Rapp, Tobias

Vor 50 Jahren begann in Hamburg die Karriere der Beatles, vor 40 Jahren endete sie im Streit. Sie erfanden Pop als Gegenwelt, als Idee von ewiger Jugend. Kein Wunder, dass sie heute erfolgreicher sind denn je. Von Philipp Oehmke und Tobias Rapp

Paul McCartney tut so, als müsste er ein paar Augenblicke nachdenken, bevor ihm diese Zahl einfällt. Die Sonne blendet sein Gesicht, er streckt ihr seine Hand abwehrend entgegen und blickt die leeren Ränge hinauf in die Hollywood Bowl, die legendäre Open-Air-Bühne mitten in den grünen Hügeln über Los Angeles.

Dann sagt er: "45 Jahre. Wir waren vor 45 Jahren hier." Pause. "Oder vor Millionen Jahren. So kommt es mir wenigstens vor. Es war im Sommer."

Im Sommer 1965, da hat Paul McCartney hier mit den Beatles zuletzt gespielt, zwei Abende hintereinander, in der Historie der Beatles gehören diese Konzerte zu den großen Momenten. Paul war damals mit John, George und Ringo für eine frenetische Woche in Los Angeles, alle bis auf Paul nahmen hier zum ersten Mal bewusst LSD und hingen mit den drogenerfahrenen Folkrockern von den Byrds rum. Die Hollywood Bowl ist ein guter Ort, um zusammen mit Paul McCartney zu versuchen, die Magie der Beatles zu begreifen.

Er hat gerade seinen Soundcheck beendet und geht nun in seine Garderobe hinter der Bühne. Seine Stimme knarzt bedenklich. Man fragt sich, wie er nachher die hellen Beatles-Harmonien hinkriegen will. Er spricht immer noch mit nordenglischem Akzent, sein Haar schimmert merkwürdig rötlich. Die Aura? Paul McCartney strahlt eine unglaubliche Paul McCartneyhaftigkeit aus.

Seine Garderobe hat er wie ein Yogastudio einrichten lassen, Buddhafiguren, Räucherkerzen, indische Teppiche hängen an der Wand, ein vegetarisches Buffet, unangetastet. Auf einem Ständer neben dem niedrigen Tisch steht griffbereit eine nagelneue Gitarre, falls Paul McCartney zwischendurch ein Lied einfallen sollte.

Andererseits ist Paul McCartney schon lange kein Lied mehr eingefallen, jedenfalls kein gutes. Manche sagen, das letzte wirklich gute Lied, das er geschrieben hat, heiße "The End", es war eins der letzten Lieder, die die Beatles gemeinsam aufnahmen. Ein Dreivierteljahr später hat er die Band für beendet erklärt, im April 1970, vor 40 Jahren. Paul McCartney hat es jahrelang bereut. Heute sagt er, er wisse inzwischen, dass es richtig gewesen sei. Das Ende hatte einen doppelten Vorteil: Ihr Mythos konnte so nie angekratzt werden wie der der alt gewordenen Rolling Stones. Und gleichzeitig ist es trotzdem so, als hätten sich die Beatles nie aufgelöst. Ihre Lieder und ihre Geschichte leben weiter, und inzwischen sind sie so lebendig wie nie.

Dafür muss Paul McCartney an diesem Nachmittag Ende März nur aus seiner Garderobe nach draußen blicken. In gut zwei Stunden wird er auftreten, dort draußen stehen jetzt schon mehr als 10 000 Menschen. Ungefähr die Hälfte von ihnen trägt T-Shirts mit dem weißen Beatles-Schriftzug, fast alle wollen die Beatles-Songs hören. Paul wird sie ihnen geben. Er wird sogar wieder in so einen engen Beatles-Anzug steigen und seine Füße in spitze Lederstiefeletten zwängen. "Ich habe kein Problem mehr mit den Beatles-Stücken", sagt McCartney, der Vegetarier, in seiner Garderobe und verschluckt sich an den Nüssen und Körnern, an denen er unaufhörlich kaut. "Es sind großartige Songs. Ich liebe diese Lieder. Die Menschen da draußen lieben diese Lieder."

Wie sehr die Menschen - da draußen in der Hollywood Bowl und auf der ganzen Welt - diese Lieder lieben, haben die vergangenen Monate gezeigt. Die Beatles sind womöglich so erfolgreich und so groß wie nie zuvor in ihrer Geschichte, obwohl diese streng genommen seit 40 Jahren vorbei ist. Die Band - das sind heute Paul McCartney, 67, und Ringo Starr, 69, sowie die beiden Witwen Yoko Ono, 77, und Olivia Harrison, 62, - hat im vergangenen Jahr ihr Gesamtwerk digital veredeln lassen und noch einmal herausgebracht: als einzelne CDs oder gesammelt in einer aufwendigen Box für rund 200 Euro. 13 Millionen Exemplare haben sie von den neuen CDs innerhalb eines Dreivierteljahrs verkauft, die Beatles waren mit mehreren Alben wieder weit oben in den Hitparaden, die Gesamtzahl aller ihrer verkauften Platten stieg auf über eine Milliarde.

Doch das sind nur die Zahlen, sie sind gar nicht so entscheidend. Das Phänomen der Beatles besteht vor allem darin, dass ihre Musik, aber auch ihre Geschichte bis heute jedem Menschen etwas sagt. Der Rockkritiker Paul Evans hat das einmal so ausgedrückt: "Ihnen verdanken wir den endgültigen, großen Konsens der Popmusik. Sie nicht zu mögen ist ungefähr so pervers, wie die Sonne nicht zu mögen."

Es zeichnet Paul McCartney aus, dass er keine Scheu hat dies ähnlich zu sehen. "Pack John und eine Gruppe beliebiger Musiker zusammen - schon eine gute Band. George und eine Gruppe beliebiger Musiker - auch eine gute Band. Ringo oder ich und eine Gruppe Musiker - eine gute Band. Aber wir vier zusammen - unübertroffen." Er hat einen ungewöhnlichen Kronzeugen, Keith Richards von den ewigen Konkurenten Rolling Stones: "Keith hat mir mal gesagt, der Unterschied zwischen den Beatles und den Stones war: ,Ihr hattet vier Frontmänner, wir nur einen.'" Und so entstand in den letzten 40 Jahren aus den Beatles - und eben nicht aus den Stones - so etwas wie eine globale Übereinkunft, ungefähr so gültig wie die Uno-Charta. Nur dass es bei den Beatles keine Schurkenstaaten gibt, die sie ablehnen.

Es gibt nicht viele von diesen universalen kulturellen Vereinbarungen. Selbst Elvis Presley erlangte nie den hochkulturellen Status der Beatles. Beethoven, zum Beispiel, ist so eine Vereinbarung, natürlich, allerdings hat er nicht die Alleinstellung der Beatles, denn es gibt Bach und Mozart. Shakespeare ist so eine Vereinbarung, aber da sind auch Goethe und Schiller. Außerdem wurden diese Männer von höherer Stelle in ihrer Ausnahmestellung bestätigt. Literaturprofessoren haben sie in den Kanon erhoben, Musikwissenschaftler und Kritiker.

Die Beatles hat niemand in einen Kanon erhoben. Natürlich haben auch die Kritiker sie gepriesen, aber die Popkultur ist weniger obrigkeitshörig als die Hochkultur, und deswegen waren es vor allem die Menschen, die die Beatles in ihre Ausnahmeposition gehievt haben. Menschen, die gekreischt, die sich auf den Konzerten gedrängelt, die damals wie heute die Platten gekauft haben, und das millionenfach. Und dabei bekommen sie Lieder, die jeder schon kennt, die sich - bis auf ein paar technische Nuancen - nicht verändert haben.

Die Kanonisierung der Beatles ist die erste, die demokratisch entstanden ist. Kein Gremium hat sie vorgegeben. Wir alle haben abgestimmt.

Oder gibt es einen, der die besinnungslose Euphorie in "She Loves You" nicht begreift? Man würde es sich ja gern eine Nummer kleiner wünschen, aber die Beatles sprechen in jedem die universellen Gefühle an. Und dabei kommt es nicht darauf an, ob dieser Mensch in der Mongolei groß geworden ist oder in Missouri. Niemand muss den Text verstehen, um zu begreifen, dass "Can't Buy Me Love" von romantischem Idealismus handelt. Oder dass "Help!" jene unerklärliche Verzweiflung beschreibt, die heute Depression heißt. In "Eleanor Rigby" kann jeder die transzendentale Obdachlosigkeit des Menschen in der Moderne hören. Und wer todtraurig ist und im Laufe von "Hey Jude" keinen Trost findet, dem ist wahrscheinlich nicht zu helfen.

Fast jedes Beatles-Stück trägt ein Echo menschlichen Gefühls in sich. Wie Ringo in "With a Little Help from My Friends" die Töne nicht richtig trifft und genau deshalb so berührend über Freundschaft singt; wie sich der Rhythmus von "I'm Only Sleeping" über die Zeit schleppt und dabei so großartig verschlafene Morgendrömeligkeit nachstellt. Oder wie im Intro von "All You Need Is Love" kurz die Marseillaise angespielt wird, ein kleiner revolutionärer Trompetenstoß.

"Wer etwas über die Sechziger wissen will", sagte der Komponist Aaron Copland, "sollte einfach die Musik der Beatles spielen." Denn ihre Geschichte ist auch die der sechziger Jahre, sie gaben ihre ersten Konzerte als The Beatles im Sommer 1960 in Hamburg, und sie lösten sich auf im April 1970. Die Geschichte beginnt in Schwarzweiß und endet in Farbe, erst in schönen, strahlenden Tönen, dann wird es ziemlich dunkel.

Es ist eine Geschichte von vier Menschen, die in Unschuld und Optimismus beginnt, die dann einen beispiellosen Höhenflug beschreibt und schließlich in einem Morast aus Verbitterung, Misstrauen und Scheitern endet. Es ist die Geschichte vieler Liebesbeziehungen und menschlicher Verbindungen, die am Anfang aussehen, als könnten sie niemals schiefgehen, und es dann doch tun. Es ist die Geschichte von Brüdern, die sich entzweien, wenn einer heiratet und ein eigenes Leben beginnt.

Und jedes Mal, wenn wir uns dieser Geschichte wieder zuwenden - wenn die Beatles wieder oben in den Hitparaden stehen oder Millionen Menschen die Beatles-Story in dem Computerspiel "Rock Band" nacherleben, dann geht es uns wie bei einem befreundeten Paar - tief im Herzen hoffen wir, dass die Sache vielleicht diesmal anders ausgeht, besser. Die Geschichte der Beatles ist eine, die in allen lebt, und deswegen ist sie auch heute noch so bedeutend. Sie tröstet uns, weil sie uns zeigt, dass nicht nur wir, sondern auch Genies am Ende scheitern.

All das weiß auch Paul McCartney. Er weiß, dass nichts, was er danach gemacht hat, also in den vergangenen 40 Jahren, den Glanz hatte wie das, was er mit seinem ehemals engsten Freund und späteren Gegner John Lennon geschaffen hat. Das ist die Tragik im Leben des Paul McCartney. Und die zeigte sich auch schon am Nachmittag beim Soundcheck.

Es war um kurz vor halb fünf, und als er die Bühne betrat, verstummten alle. Sein Gang federt. Er hat mehr Falten, als man vermutet hätte, die Augenlider hängen halb über den Pupillen, es ist dieser Hundeblick, den er auch schon vor 50 Jahren hatte und dessentwegen ihn die Mädchen für den süßesten Beatle hielten.

Ein paar hundert Luxusfans waren bereits da, kalifornische Hausfrauen, manche mit Übergewicht, sie übernehmen heute den Beatles-obligatorischen Kreischjob. Die meisten haben über tausend Dollar für ihre Karte bezahlt, und dafür dürfen sie Paul in der nächsten Stunde dabei zuhören, wie er Instrumente testet, Songs anspielt, von den Beatles erzählt und dabei ein paar Gags macht.

"Lasst uns einen Moment nehmen und Geschichte einsaugen", spricht Paul nun zu ihnen. "Vor vielen Millionen Jahren kam ich hierher mit meinen Freunden John, George und Ringo. Wir spielten hier, aber wir konnten keinen Ton hören von dem, was wir spielten, denn das Publikum hat so geschrien!"

Triumphierendes Grinsen, unglaublich, oder? Seine Bandmitglieder grinsen, als wäre das die überraschendste Pointe, die sie je gehört haben.

Dann steht er für eine halbe Minute still, seine Band steht still, die Luxusfans stehen still, es ist eine Gedenkminute für die Beatles. Ein Foto von George Harrison erscheint hinter der Bühne, gigantisch groß.

"Zum Glück haben wir unsere Freundschaften irgendwann repariert", sagt McCartney, wieder in seiner Yoga-Garderobe. "Ich war am Ende sogar mit John wieder gut befreundet, wir sahen uns oft und telefonierten." Sie hätten dann Rezepte fürs Brotbacken ausgetauscht, und vielleicht sagt das am meisten über die Beziehung zweier Männer, die einst ein Album wie "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" zusammen komponiert haben. Brot backen.

Und gut befreundet? McCartneys Erinnerung stimmt nicht. Er hat, nach allem was man weiß, John Lennon das letzte Mal 1976 gesehen, gut vier Jahre vor dessen Ermordung.

"Ach", ruft McCartney da, "fragen Sie mich nicht nach Daten. Für uns war damals alles eine Blase. Wir waren zu beschäftigt, um die Zeit wahrzunehmen."

Die Geschichte der Beatles ist deshalb auch eine der unzuverlässigen Erinnerungen. Jeder richtet sich in der Wahrheit ein, mit der er leben kann.

Die offizielle lautet so: Vier Jungs machen sich auf, die Welt zu erobern. Aus dem Keller schaffen sie es in die Charts, bis ganz nach oben, bis es nicht mehr weitergeht. Sie kleiden sich gleich, reden gleich, haben die gleiche Frisur. Als sie ganz oben schweben, geschieht das Unwahrscheinliche: Die vier entdecken sich selbst und die Kunst. Sie erweitern die Formensprache des Pop, wie es niemand vor ihnen gewagt hatte, und das nicht im Schutzraum ihrer Nische. Mitten in den Charts lassen sie die gängigen Popformate platzen wie Tischfeuerwerke, die immer neue Luftschlangen in die Gegend schießen. Und schließlich lassen sie die Band implodieren.

Wer heute mit dem Flugzeug in Liverpool ankommt, landet auf dem John Lennon Airport. Der wirbt mit "Above us only sky", eine Zeile aus "Imagine". In einer Halle gibt es eine Bronzestatue von Lennon, woanders ist einer seiner Anzüge aus dem Film "A Hard Day's Night" ausgestellt. Vor der Tür steht eine gelbe U-Boot-Attrappe. Und das ist nur der Flughafen.

Beatles in Liverpool ist wie Goethe in Weimar.

Sicher, sie selbst sind Denkmäler, unantastbar, erhaben, doch interessanterweise ist das, wofür sie stehen, nicht so ganz klar. Die sechziger Jahre sind in ihrer Deutung umstritten: Ist diese Epoche die Geburtsstunde der permissiven westlichen Gesellschaft mit all ihrem Fortschritt? Beginnt hier, was auf Präsident Obama, nachhaltige Energien und Frauen als Führungskräfte hinausläuft? Oder liegt in den Sechzigern der Ausgangspunkt des heutigen Chaos, für Pornografie im Internet, Gewalt in der U-Bahn, steigende Scheidungsraten und weniger Krawatten im Dienst?

Egal auf welcher Seite man steht, das Merkwürdige ist, die Beatles bleiben davon unangetastet, obwohl von ihnen eine direkte Linie zur Frauenbewegung, zur reformierten Oberstufe oder zur Homo-Ehe führt. Das Vehikel dafür haben die Beatles selbst mitgeschaffen. Es ist die Idee des Pop.

Tatsächlich war Pop genau so gemeint, ein Plan zum Umbau der Welt. Sexuelle Befreiung, das Wegtreten von Autoritäten, Spaß am Konsumieren, Internationalität: Anfang der sechziger Jahre betritt die Figur des Teenagers, die es in den USA schon seit ein paar Jahren gab, endlich auch die europäische Bühne. Sie ist Teil einer Generation, die sich in einem merkwürdigen Widerspruch befindet. Sie ist besser ausgebildet als die Generation der Eltern, sie hat mehr Geld, mehr Aufstiegschancen, sie sieht einer großen Zukunft entgegen. Der Teenager dieser Generation könnte einfach so weitermachen. Doch er strebt nach Befreiung, die Welt der Eltern soll weg, die Jugend nie enden.

Diesen Teenager kann man sich vorstellen wie John, Paul, George und Ringo Ende der fünfziger Jahre in Liverpool. John Lennon, Kleinbürgerkind, verschollener Vater, verstorbene Mutter, geht an die Kunsthochschule. Paul McCartney, begabtes Arbeiterkind, Mutter Krankenschwester, gilt als hoffnungsvoller Schüler. George Harrison, Vater Busfahrer, möchte nie wieder in seinem Leben mit dem Bus fahren. Richard Starkey, der spätere Schlagzeuger der Band, aus dem Hafenviertel, kränkliches Kind, Schulprobleme, will endlich leben.

Hier fängt die Geschichte der Beatles an. Sie geht einher mit dem Abstieg Liverpools nach dem Zweiten Weltkrieg. Und hier zeigt sich zum ersten Mal die berühmte Explosionsmischung des Pop: Kinder, die mehr wollen als das Leben ihrer Eltern, treffen auf eine Umgebung, die ihnen die Freiräume dafür bietet. Liverpool war die Hafenstadt gewesen, durch die der Reichtum des Empires ins Land geflossen war. Von hier exportierten die Briten ihren Stahl, ihre Textilien und ihre Kohle in die Welt, schon der Sklavenhandel lief über Liverpool. Heute ist nichts mehr übrig vom ehemaligen Status der Stadt, die Vergangenheit hat sich in Museen verwandelt: ein Sklaverei-Museum, ein Beatles-Museum, Teile der Hafenanlagen sind Unesco-Welterbe.

Hier spielten die Beatles ab 1961 im Cavern und in anderen Clubs, im Jahr zuvor wurden sie nach Hamburg gebucht. In welchem Land lag das noch mal?

Heute, wo Billigflieger einen überall auf dem Kontinent in jede Stadt bringen können, ist es nur noch schwer vorstellbar, wie fremd man sich als Engländer damals in Deutschland fühlen konnte. Als die Beatles im Sommer 1960 nach Hamburg kommen, sprechen die wenigsten Deutschen Englisch, kaum ein Engländer Deutsch. Der Weltkrieg war erst seit 15 Jahren vorbei, Liverpool war schwer von den Deutschen bombardiert worden, Hamburg von britischen Bombern zerstört. Es gab ein Café für Kriegsversehrte in St. Pauli, es hatte billiges Essen und lag gleich ums Eck von dem Kino, in dem die Beatles schliefen. John Lennon traute sich da als Engländer nicht hinein. Die Beatles wohnten zusammen, sie spielten zusammen, sie nahmen Speed zusammen. Sie vögelten sich zusammen durch den Kiez. Es ging ein paarmal hin und her zwischen Liverpool und Hamburg, aber am Ende waren die Beatles eine Band. So etwas gab es vorher ja gar nicht. Es waren die Beatles, die in Hamburg herausfanden, dass eine Band von mehr handelt als nur von Musik. Bis dahin waren Sänger Solo-Künstler, die mit gemieteten Musikern über Land zogen. Die Beatles aber waren eine Jungsbande, die sich eine eigene Welt erschuf.

Es musste nur jemanden geben, der das erkannte. Und das waren ausgerechnet zwei schwule Männer, vor allem natürlich Brian Epstein, der 1962 der Manager der Gruppe wurde, aber auch sein Assistent und Kumpel Peter Brown, der nach Epsteins Drogentod 1967 immer mehr in dessen Rolle schlüpfte.

Brian Epsteins Idee war, die Beatles der Welt als Boten aus einer besseren Zukunft zu verkaufen. Seine Beatles sollten Modernisten sein, Mods wie die Jugendlichen, die Epstein bei einem Besuch in London gesehen hatte, die schmale italienische Anzüge trugen und aussahen, als kämen sie aus jenem neuen Zeitalter des Wohlstands, das der Premierminister Harold Macmillan ein paar Jahre zuvor ausgerufen hatte. Brian Epstein bestellte also graue Mohair-Anzüge mit Samtkragen bei einem Schneider in Liverpool und besorgte dazu knöchelhohe spitze Stiefeletten.

So wurden die Beatles zum ersten Produkt der Popkultur, das sich maßgeblich Schwule ausgedacht hatten - noch bevor Susan Sontag die schwule Einflussnahme auf Kultur in dem Begriff "Camp" zusammenfasste.

Einer dieser beiden Beatles-Erfinder lebt noch. Peter Brown ist heute siebzig und sitzt in seinem Büro im 13. Stock in New Yorks 57th Street. Er hat dort eine PR-Firma, zu deren Kunden unter anderen Prinz Charles und das Emirat Katar gehörten. Beide brauchten dringend ein besseres Image, Peter Brown besorgte es ihnen. Seinen Bart, für den Peter Brown Mitte der Sechziger, als kein junger Mann einen Bart trug, berühmt war, hat er abrasiert.

Es gibt immer noch einen, wenn auch schrumpfenden, inneren Kreis derjenigen, die damals, in jenen sagenhaften zehn Jahren bis April 1970, dabei waren. Dieser innere Kreis hat sich nach dem Ende der Beatles selbst zum Schweigen verpflichtet, denn es gab etwas zu beschützen. Die Beatles hinterließen einen Mythos, der durchweg positiv war, ein paar Drogengeschichten, ein bisschen Yoko-Ono-Zwist, das war es schon.

Dass unter diesem Mythos eine düsterere Version existiert, eine andere Seite der Wahrheit, in der es auch um Hass und Streit, menschliche Abgründe, Drogensucht und Depressionen ging, wurde immer wieder nur angedeutet.

Peter Brown stand hoch in der Hierarchie des inneren Kreises. Er war ursprünglich Epsteins Assistent, dann Mann für alles, schließlich Chef der neugegründeten Beatles-Plattenfirma Apple. In der Spätphase der Beatles musste jeder, der etwas von der Band wollte, über Peter Brown gehen. Mussten Drogen besorgt werden oder verschwinden, ein Mädchen geholt werden oder wieder entfernt, ein Privatjet gebucht, ein Trauzeuge gefunden werden - Peter Brown kümmerte sich darum. 1969 bekam er dafür eine Auszeichnung, die jedem anderen verwehrt blieb. John Lennon verewigte ihn in dem Beatles-Song "The Ballad of John and Yoko".

Doch 1983 war es ausgerechnet Peter Brown, der die Omertà brach, die sich der innere Kreis der Beatles auferlegt hatte. "In den siebziger Jahren waren Bücher herausgekommen von Leuten, die nicht dabei waren. Diese Bücher waren natürlich unzutreffend. Also haben wir gesagt, wir aus dem inneren Kreis machen unser eigenes Buch."

Am Ende hat Peter Brown ein Buch geschrieben, das ein kleiner Skandal war und einen Wendepunkt markierte. Obwohl Brown der Band so nahestand, waren die Beatles zum ersten Mal nicht mehr die netten Jungs. Psychische Abgründe bei Lennon und Epstein, viel mehr Drogen als bisher bekannt, Geschlechtskrankheiten durch Huren in Hamburg. Brown deutete sogar eine homosexuelle Beziehung zwischen Brian Epstein und John Lennon an.

Heute wäre dies phantastisches Material für "Deutschland sucht den Superstar" und die Springer-Boulevardpresse. Überhaupt, John, Paul, George und Ringo: der Anführer, der Hübsche, der Ausgeglichene und der Clown. Noch heute kann man von Gesicht zu Gesicht blicken und wird immer vom einen zum nächsten verwiesen. Lennon: der Clevere. Ringo: ein bisschen begriffsstutzig. George: leicht melancholisch. Ringo: immer für einen Spaß zu haben. Paul: gut erzogen. John: manchmal taktlos. Die Beatles bilden einen perfekten Kreisel. Noch jede Boyband ist seitdem nach diesem Muster zusammengestellt worden. Dabei hatten die Beatles sich selbst gefunden.

Es ist ein kurzer Trommelwirbel, der "She Loves You" einleitet, dieses energiegebündelte Meisterwerk einer Popsingle. Mit diesem Trommelwirbel beginnt, was man von da an Beatlemania nannte. Es ist 1963, und die erste Überraschung ist: der Refrain, der am Anfang steht. Zweite Überraschung: das "Yeah, yeah, yeah", das zum Markenzeichen der Beatles wird, eine so großartige wie sinnentlernte Chiffre der Begeisterung. Dritte Überraschung: Es lässt sich kein führender Sänger ausmachen, Lennons und McCartneys Stimmen erscheinen gleichberechtigt. Dies ist der neue Pluralis Majestatis des Pop.

Die Pop-Geschichtsschreibung hat sich darauf geeinigt, die Beatlemania auf drei Jahre zu terminieren, vom Herbst 1963 bis zum Sommer 1966. Dann zogen die Beatles den Stecker, sie erklärten, nicht mehr touren zu wollen. Als Anfang gilt der Abend des 13. Oktober 1963, als die Beatles im britischen Fernsehen vor 15 Millionen Zuschauern spielten. "She Loves You" war zwar schon seit Wochen an der Spitze der britischen Single-Charts, aber an diesem Abend fand die Beatlemania ihr gültiges Bild. Die Beatles verließen das Studio, wegen schlampiger Planung stand das Auto zu weit weg vom Eingang, John, Paul, George und Ringo wussten einen Augenblick nicht, wohin - und wurden von Hunderten Mädchen die Straße hinuntergejagt. Dies wiederholte sich nun immer wieder. In jedem Land, das die Beatles bereisten. Schreiende Mädchen, überforderte Polizisten, die Beatles auf der Flucht. Mit "A Hard Day's Night" drehen sie einen Film darüber.

Ringo Starr fährt in Beverly Hills in einer silbernen Mercedes-Rakete vor, es ist Ende März 2010. Er wohnt hier um die Ecke, gleich neben dem Beverly Hills Hotel. Seine Frau sitzt am Steuer, Ringo hat sie mitgebracht, sie ist eine Sex-Ikone aus den siebziger Jahren, das Bond-Girl aus "Der Spion, der mich liebte", Barbara Bach. Zur Begrüßung, wie auch zur Verabschiedung und manchmal auch zwischendurch, wenn eine Gesprächspause zu entstehen droht, sagt Ringo "Love and peace, love and peace". Dazu schnellt seine rechte Hand zweimal hervor und formt mit Zeige- und Mittelfinger das Victory-Zeichen. Das wirkt seltsam deplatziert, man würde das eher von einem Rapper erwarten als von einem fast 70-jährigen Ex-Beatle. Außerdem besteht Ringo darauf, seinen Gast zur Begrüßung und zum Abschied zu umarmen, auch wenn man sich gar nicht kennt.

"Entspann dich, Junge", sagt er. "Ich bin's doch nur. Ringo. Zeig mal deinen Zettel, was willst du wissen?" Ringo scheint sich nicht vorstellen zu können, dass man noch Fragen zu den Beatles haben kann. Er scheint ohne Umwege aus dem Urlaub gekommen zu sein. Er ist unglaublich gebräunt. Seine Frau auch.

Nach der Trennung der Beatles 1970 hatte jeder der vier Musiker seine Probleme. Paul fiel in eine Depression, zog sich nach Schottland zurück und konnte jahrelang keine vernünftigen Lieder mehr schreiben. John kämpfte mit seiner Heroinsucht und den amerikanischen Einwanderungsbehörden. George wurde das, was man heute einen Öko nennen würde. Aber niemanden traf es so hart wie Ringo. Er verabschiedete sich ins Alkohol-Kokain-Spielsucht-Jetset-Leben, aus dem er nach mehr als zehn Jahren schwer gezeichnet wieder auftauchte. Jetzt, mit 69, scheint er mit Abstand der Vitalste aus dem inneren Kreis zu sein. In seinem Kopf ist die Beatles-Geschichte zu einer reinen Erfolgsgeschichte geworden, obwohl er es war, der in den letzten Jahren der Band, 1968 und 1969, am meisten leiden musste, vor allem wenn Paul McCartney nachts ins Studio zurückkam und Ringos Schlagzeugpart neu aufnahm.

Anfang des Jahres hat Ringo wieder eine Platte herausgebracht, seine 16. seit dem Ende der Beatles. Genauso wie Pauls Soloplatten, der diese gelegentlich auch unter dem Namen The Fireman veröffentlicht, sind die Verkäufe dieser Alben ziemlich verhalten. In der Sekunde, in der sie das Label "Beatles" abstreifen, sind Paul McCartney und Ringo Starr als Künstler nicht mehr viel. Das wissen beide. Deswegen zelebriert McCartney bei seinen Shows diese Beatles-Messen. Und deswegen versucht auch Ringo, auf seine Soloplatten so viel Beatles zu bringen wie möglich. Seine letzte ist im Januar erschienen. Er hat sie "Y Not" genannt, das sei sein Lebensmotto, sagt er, versehen mit einem kleinen Sprachwitz. Er singt auf der Platte wieder über seinen Freund John Lennon, der doch den Weltfrieden schon vor über 40 Jahren "von seinem Bett in Amsterdam" verkündet hat, und er hat seinen Freund Paul McCartney eingeladen, bei einem Lied den Bass zu spielen.

"Und dann, als Paul da war", sagt Ringo jetzt in Beverly Hills, "hat er sogar angefangen mitzusingen. Es war seine Idee, und es war wie früher. Überhaupt kein big deal."

Ringo Starr erinnert sich an die Beatles vor allem so: Es war alles richtig, wie es war. Es war richtig, in Hamburg teilweise zwölf Stunden am Tag live zu spielen. Es war richtig, nach August 1966 nicht mehr auf Tournee zu gehen, denn nur das hat ihnen die Möglichkeit gegeben, sich mehr oder minder drei Jahre in den Abbey Road Studios zu verschanzen und Platten wie "Sgt. Pepper's" oder "Abbey Road" aufzunehmen. Und dann, so Ringo, war es auch Zeit aufzuhören.

"Wir sind erwachsen geworden. Irgendwann hast du eine Frau, du hast Kinder und andere Verantwortlichkeiten. Wir hätten wahrscheinlich angefangen, uns zu wiederholen, wenn wir weitergemacht hätten."

Acht Jahre, sagt Ringo - und er zählt offenbar nur von 1962, als er in die Band kam, bis 1970 -, seien genug für jede Band. Damals jedenfalls war es unvorstellbar, dass Rockbands 30 oder 40 Jahre bestehen, wie es heute üblich ist. 1970 gab es kaum eine Rockband, die länger als die Beatles existierte. Die Beatles fühlten sich damals alt, obwohl sie es nicht waren.

Ringo erzählt von dem Beatles-Computerspiel, das vergangenes Jahr erschien und das inzwischen weltweit 1,7 Millionen Mal verkauft wurde. Man erlebt darin die Karriere der Beatles nach und spielt an elektronischen Instrumenten ihre Lieder mit.

"Bloß: Ich kriege das Schlagzeug einfach nicht hin", sagt Ringo. "Ich spiele immer die Basspassagen von Paul. Die sind schön einfach."

Da lacht Ringo Starr am Pool in Beverly Hills, und das Bond-Girl, seine Frau, lacht auch. Es ist diese Leichtigkeit, die Ringo den Beatles schenkte und die der Gruppe einen Sinn für den Unsinn gab, den sie vorher nicht hatte, aber ab 1963 zu ihrem Hauptmerkmal im Umgang mit der Presse machte. Die Reporter waren damals mit den Beatles als Charakteren, aber auch als Konzept überfordert. Man kannte solche jungen Männer nicht, genauso wenig wie das Konzept einer solchen Band, die Reporter stellten oft dumme Fragen. Die Beatles reagierten darauf mit entwaffnend charmantem, aber komplett sinnfreiem Humor, den sie von Ringo hatten.

Diesen manchmal auch unfreiwilligen Humor nannten sie bald Ringoismus. Eine Zeitlang, um 1966, wenn Ringo den Ausgang eines Ereignisses für unvorhersehbar hielt, murmelte er gern: "Hm. Tomorrow never knows." Niemand wusste, wo Ringo das herhatte und was das genau bedeuten sollte, aber irgendwann fiel dieser Ringoismus Paul McCartney auf, und er wurde der Titel eines der wichtigsten Beatles-Lieder.

Und als es um den Titel der letzten Beatles-LP ging, stritt die Band darüber, ob sie nun für das Foto auf dem Albumcover zum Himalaya fliegen sollte. Die Platte sollte nämlich "Everest" heißen. Die Band zögerte, für ein einziges Foto so weit zu fliegen. Da sagte Ringo, nebenbei, mehr zu sich selbst: "Wenn uns das für das Foto zu weit ist, dann dürfen wir das Album nicht ,Everest' betiteln. Dann müssen wir es halt ,Abbey Road' nennen, oder wie immer die Straße hier heißt. Dann brauchen wir für das Foto nur vor die Tür zu gehen." Interessanterweise erinnert sich Paul McCartney ganz anders: Es sei seine Idee gewesen. Ringo, der nach 45 Jahren Jetset-Leben im Café immer noch anstelle eines Espressos einen "Expresso" bestellt, sagt: "Ich hoffe, Sie schreiben Ihren Artikel mit viel Humor."

Wer über die Beatles redet, muss auch über Zahlen sprechen. "Please Please Me", das erste Album der Band, hielt sich lange 30 Wochen an der Spitze der britischen Charts, der Nachfolger "With The Beatles" 21 Wochen. Insgesamt schaffte es jedes Album (außer "Magical Mystery Tour" und "Yellow Submarine"), das die Beatles bis 1970 veröffentlichten, an die Spitze in ihrer Heimat, sie hatten dort 17 Nummer-eins-Hits in den Single-Charts. In den ersten drei Monaten des Jahres 1964 waren geschätzte 60 Prozent aller Singles, die in den USA verkauft wurden, von den Beatles. In der Woche vom 4. April 1964 belegten sie gleichzeitig die ersten fünf Plätze der US-Single-Charts und die ersten beiden der Album-Charts. Insgesamt hatten sie in jener Woche zwölf Singles in den amerikanischen Top 100. Als die Queen sie 1965 zu "Members of the Order of the British Empire" ernannte, tat sie das nicht, um die Band künstlerisch zu ehren. Sie würdigte die Beatles für ihre Verdienste um die britische Exportwirtschaft.

Das ist das eine, dieser überwältigende Erfolg. Von Barry Miles, Paul McCartneys engem Freund ab 1965, will man aber das andere wissen. Wie haben sich die Beatles zur Avantgarde geöffnet? Wie ging das vor sich, als Pop wie in "populär" mit Pop wie in "Pop-Art" verschmolz?

Barry Miles, 67, sitzt in einem Café in der Charing Cross Road in Soho, er lebt immer noch hier, mit einigen Unterbrechungen seit 1963. Er ist der große Chronist des Londoner Underground, gerade hat er ein Buch über die Gegenkultur in Englands Hauptstadt seit dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, es heißt natürlich "London Calling", den Beatles ist ein Kapitel gewidmet. Seit 30 Jahren schreibt Miles die Geschichten dieser Jahre auf, er hat eine Biografie über Paul McCartney geschrieben, ein Buch über Pink Floyd, eines über William S. Burroughs. Es ist auch seine Geschichte. Er betrieb mit zwei Partnern den Indica Bookshop, und die Indica Gallery war im Keller, hier trafen sich alle, die "Swinging London" buchstabieren konnten, hier begegneten sich Yoko Ono und John Lennon zum ersten Mal. Und Paul McCartney war Miles' erster Kunde.

Miles redet gern, es ist einfach, ihn zu treffen, er ist immer noch agil wie ein 40-Jähriger, erzählt Witze, muss lachen, kann sich noch genau an das Packpapier erinnern, das McCartney damals in nächtelanger Arbeit selbst entwarf, um es ihm als Einweihungsgeschenk für seinen Buchladen zu übergeben. "Viel zu gutes Papier, viel zu dick, man konnte es fast nicht umschlagen."

Von den vier Beatles war nur noch Paul in London, John, George und Ringo lebten in pompösen Villen 50 Kilometer von der Stadt entfernt.

Paul war zu dieser Zeit mit Jane Asher liiert, einer Schauspielerin. Sie lebte bei ihren Eltern in einem geräumigen Stadthaus. Paul war eingezogen in ein kleines Zimmer, seine goldenen Schallplatten stopfte er unters Bett. Miles hatte das Bücherlager im Keller. So lernten sie sich kennen. Wie die anderen Beatles hatte McCartney die Beatlemania gründlich satt.

"Ich kann mich noch erinnern, wie ich eines Tages im Buchladen stand", erzählt Miles. "Ich hörte Schläge an der Tür, machte auf, und es waren Paul und seine Freundin Jane, die von einer Riesengruppe Mädchen verfolgt wurden. Sie flohen in den Laden. Und so war es häufig. Vor dem Haus warteten oft 20 oder 30 Frauen. Stundenlang."

Die Frage, die McCartney damals beschäftigte und an der bis heute jeder Rockstar scheitert, lautete nun: Was tun, wenn man ganz oben ist? Paul McCartney floh in einen Buchladen. Und zu Kunstausstellungen, Avantgardekonzerten, Theateraufführungen, in die neuen Rockclubs, dorthin, wo die neu entstehende kreative Klasse sich feierte. Fotografen, Werber, Rockstars, die nicht wussten, wohin mit dem ganzen Geld, das sie in den USA verdienten.

Heute sind dies die Leute, die weltweit ziemlich unangefochten den Geschmack bestimmen. Damals ist das noch keine ausgemachte Sache. Als Barry Miles, Großstadthipster und Avantgardekenner, Paul McCartney das erste Mal traf, wusste er nicht, welches Instrument dieser spielte. Miles hörte amerikanischen Jazz und zeitgenössische E-Musik. Auch Yoko Ono sagt, sie habe keine Ahnung gehabt, wer John Lennon gewesen sei, als sie ihn kennenlernte. Mitte der Sechziger stehen sich Popkultur und Hochkultur, die Welt der Unterhaltung und die Welt der Kunst, ziemlich unvermittelt gegenüber.

Es sind die Beatles, die die Brücke schlagen. Ihre Platte "Revolver" von 1966 zeigt, dass dieser neue, dumme Unterhaltungspop kompliziert sein kann wie Stockhausen und intelligent wie Schostakowitsch. Doch erst in "Sgt. Pepper's", erschienen 1967, schneiden sich die Linien, die die Sechziger kulturell durchziehen, Hochkultur und Popkultur treffen aufeinander. "Sgt. Pepper's" war mehr als eine Platte. Diese Platte war ein Statement. Es sagte: Pop kann alles sein. Uns gehört die Welt.

Schon das Cover ist eine grandiose Anmaßung. Es zeigt Dutzende Persönlichkeiten, die die Beatles beeinflusst haben, von Marlene Dietrich und Karl Marx über verschiedene indische Yogis und den Okkultisten Aleister Crowley bis zu Albert Einstein. Jesus, Hitler und Gandhi wurden wieder verworfen.

Die Platte selbst beginnt mit einem Orchester, das seine Instrumente stimmt, und endet mit einem endlos nachklingenden E-Dur-Akkord, der auf drei Klavieren und einem Harmonium gespielt wird. Sie inszeniert den alten romantischen Traum von der Phantasie, die an die Macht gehört, und sagt: Pop ist dafür der richtige Rahmen. Das Album wird der Soundtrack des berühmten "Summer of Love" 1967. Und es wird die bis heute berühmteste Platte der Beatles. Wenn ihre Geschichte eine Beziehungsgeschichte ist, dann ist dies das Kind, aus dem wirklich etwas geworden ist.

Die Beatles haben geholfen, mit Pop eine neue Kultur zu schaffen, die heute selbstverständlich ist, die sich so sehr durchgesetzt hat, dass sie inzwischen alle Generationen gleichzeitig bedient: Teenager, die auf einem Konzert des 67-jährigen Paul McCartney kreischen; ihre vollleibigen Eltern, Amerikaner aus der Vorstadt, die in den bunten Turnschuhen der schwarzen Subkultur herumlaufen; Großmütter, die sich in Designer-Jeans zwängen.

Heute ist Pop als Abgrenzungskultur im Prinzip überflüssig geworden, weil alles Pop ist. Aus heutiger Sicht hat die Popkultur gewonnen. Sie ist überall. Doch damals, in den letzten Jahren der Sechziger, schien der Weg nicht zum Sieg, sondern in die Selbstzerstörung zu führen.

Die Selbstzerstörung der Beatles begann im Sommer 1967, als nach der Veröffentlichung von "Sgt. Pepper's" ihr Manager stirbt.

Seine Haushälterin, alarmiert von Peter Brown, findet ihn tot im Bett seines Londoner Hauses, gestorben an einer Überdosis Schlaftabletten, von Selbstmord wurde gesprochen, einen Unfall stellten die Gerichtsmediziner fest. Die bisher leuchtende Karriere der Beatles hatte ihren ersten Schatten, und er kündigte die ihm folgende Tragödie an.

Weil Brian Epstein der Band immer ein Stück voraus war, ging er ihr auch im Untergang voraus. Er war seit Jahren von Amphetaminen und Barbituraten abhängig gewesen, er hatte Aufputschmittel genommen, um tagsüber denken zu können, Beruhigungsmittel, um nachts zu schlafen.

Seine Depressionen waren immer stärker geworden, er hatte Klinikaufenthalte hinter sich, und Peter Brown, Epsteins enger Freund, sagt, er habe den Manager bereits ein Jahr zuvor, bewusstlos von einer Überdosis Schlaftabletten, gerade noch rechtzeitig im Bett gefunden.

Den Beatles fehlte nun nicht nur ihr Zentrum. Ihnen fehlte auch die Gemeinschaft. Die Namen John, Paul, George und Ringo ergaben in der Summe nicht mehr die Beatles. Sie hatten sich befreit, auch voneinander, von den gemeinsamen Ideen. Jeder Einzelne von ihnen wollte für sich sein, und sie verabschiedeten sich in die Spiritualität wie George Harrison, in die eigene Familie wie Ringo Starr oder in die Drogen wie John Lennon. Und Paul verwechselte sich selbst mit der Band.

Künstlerisch führte das zum Triumph, doch im Leben zu Schwierigkeiten. Wer befreit ist, fällt auf sich selbst zurück. 1968 hatten die Beatles die sechziger Jahre schon verlassen. Sie lebten bereits vor, was in den siebziger Jahren folgen sollte: Innerlichkeit, Rückzug auf umgebaute Bauernhöfe und in die Psychotherapie, um die Frage aller Fragen zu beantworten: Wer bin ich überhaupt?

Die Beatles hatten bisher immer alles von allein gefunden. Jetzt suchten sie.

Sie suchten in Indien, im Aschram von Maharishi Mahesh Yogi, der Yoga und Meditation zu Pop gemacht und es so in den Jetset geschafft hatte. Interessanterweise sahen sie in dem Maharishi und seinen Lehren der Transzendentalen Meditation etwas, was die Welt zuvor eigentlich in den Beatles gesehen hatte: etwas Neues und Seltsames, fremd und doch irgendwie bekannt, provokativ, aber unbedrohlich. Drei Monate wollten sie in Rishikesh beim Maharishi bleiben, sie wollten zu sich selbst finden und vielleicht auch noch einmal zu sich als Gruppe. Doch schon nach zwei Wochen reiste Ringo ab, er vertrug das indische Essen und seine Frau die Fliegen nicht. Die große Suchbewegung, die Selbstfindung, sie scheiterte an Linsen und Curry.

Paul fand den Aschram wie Schule und verließ ihn kurz danach. Nur John und George hielten es zwei Monate aus. Dann erkannte auch John in dem Maharishi den Scharlatan, der er war, und reiste zusammen mit George wütend ab.

John war ein schwieriger Mensch, der in dem Gefühl lebte, allein zu sein, verraten von allen, erzählt Peter Brown. Mutter und Vater hatten ihn allein gelassen. Die Tante Mimi, bei der er aufwuchs, hatte ihn gedrillt. Sein Freund Paul hatte ihn verraten und ihm seine Band weggenommen. Seine Ehefrau Cynthia presste ihn in die Kleinfamilie. Und das LSD gab ihm auch keine Antworten. Der Maharishi hätte ihm sagen sollen, wer er war. Doch auch der Maharishi wusste nicht, wer John Lennon war. De facto war John Lennon mit 28 Jahren ein drogenabhängiger Popstar, wie so viele nach ihm. Peter Brown sagt, Lennon sei mit kurzen Unterbrechungen fast jeden Tag high oder betrunken gewesen. John Lennon selbst gab später zu, er habe tausend LSD-Trips genommen.

Im Mai 1968 betrat Yoko Ono die Bühne. Ab jetzt war sie immer dabei, sie war das Signal von John Lennon an die anderen Beatles, dass er die alte Einheit aufgebrochen hatte. Er wollte ein Ich sein, kein Wir mehr. Das Jahrzehnt, das die Beatles geprägt haben, führte in den Individualismus, in die "Me decade", wie es der Schriftsteller Tom Wolfe nannte. John Lennon ging diesen Weg als Erster.

Paul McCartney sagt heute in der Garderobe in Hollywood, er habe das damals nicht begriffen. "Wir waren wie Kameraden, wie Soldaten im Einsatz. Irgendwann muss man sich trennen und mit seinem Leben beginnen. Aber man sagt: Wäre es nicht toll, wenn wir einfach jeden Abend zusammen weiter Bier trinken könnten? Nein, Sie müssen sich ein eigenes Zuhause schaffen, ein Leben für sich selbst, ohne den Armeekumpel und auch ohne John Lennon."

Als die Beatles, nun mit Ono zu fünft, 1968 ihr "White Album" aufnahmen, führte die Sehnsucht jedes einzelnen Beatle nach einem eigenen Leben zu fast unerträglichen Spannungen. Die Beatles hatten das Konzept Band erfunden, jetzt schafften sie es wieder ab. Es hatte sie ganz nach oben getragen, doch jetzt schnürte es sie ein.

Geoff Emerick, der treue Toningenieur, der für die Beatles die Soundeffekte entwickelte, hielt es nicht mehr aus und kündigte mitten in den Aufnahmen. Auch Ringo verließ im Sommer die Band für einige Zeit und legte sich in Sardinien an den Strand. Paul McCartney zuckte nur mit den Schultern und setzte sich hinter Ringos Schlagzeug. "Endlich hatte er, was er wollte", sagt Ringo heute. "Paul wollte immer mein Schlagzeug spielen. Kaum habe ich mir einen Kaffee geholt, saß Paul hinter meinen Trommeln."

Der innere Kreis der Beatles nennt das "White Album" bis heute nur das "Tension Album", die Stressplatte. Die Platte, bei der die Beatles nicht mehr miteinander geredet haben. Sie haben so wenig miteinander geredet, dass ihnen noch nicht einmal ein Titel eingefallen ist. Hört man das dem Album an? Ja. Es ist zu lang, denn jeder der vier hat sich nur dafür interessiert, dass die von ihm geschriebenen Songs draufkommen. Der Rest war egal. Und trotzdem: "Back in the U.S.S.R.", "While My Guitar Gently Weeps", "Helter Skelter" - für viele gilt das "White Album" als ihre größte Platte.

Während die Beatles in ihrem Studio implodierten, merkten sie nicht, wie draußen die Welt explodierte. In Prag lassen die Russen Panzer gegen die Bevölkerung rollen, Chicago versinkt in Straßenschlachten am Rande des Demokraten-Parteitags, in Berlin schießt ein Rechtsradikaler Rudi Dutschke in den Kopf, Robert Kennedy wird erschossen und auch Martin Luther King.

Der allgemeine Aufbruch, der als ein Einspruch gegen den Lauf der Dinge begonnen hatte, eskalierte 1968 in Gewalt und Aufruhr. Die Kurve des Studentenprotests - Aufbruch 1967, Eskalation 1968, Selbstzerstörung 1969 - verläuft merkwürdig parallel zu der Beatles-Kurve. Doch sie berühren sich nicht.

John Lennon schreibt zwar einen Song mit dem Titel "Revolution", doch ihm geht es nicht mehr um die gemeinsame Bewegung, sondern nur noch um sich selbst. Auf ihn könne man nicht zählen, singt Lennon, wenn es zu Zerstörungen komme. Und am Ende versichert er grundlos, dass schon alles in Ordnung kommen werde.

In Zeiten politischer Morde und Straßenschlachten waren die Leichtigkeit und der Sarkasmus dieses Songs ein politischer Affront. Affirmativ und sogar konterrevolutionär sei er, fanden die Linken, während im selben Sommer die Rolling Stones "Street Fighting Man" heraushauten, einen Song wie ein Maschinengewehrfeuer, der direkt und unironisch den Aufstand feiert und romantisiert. Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden rivalisierenden Bands schienen die Stones die erodierenden Beatles zu überholen.

Und es gab noch etwas, das die Beatles von der linken Gegenkultur wegtrieb. Sie waren jetzt Kapitalisten. Sie besaßen ihre eigene Firma, die im Frühling 1968 langsam ihren Betrieb aufnahm. Sie nannten diese Firma Apple, und es ist kein Zufall, dass der Hersteller von iPhones und iPads heute genauso heißt. Die Beatles nahmen mit ihrer Platten-, Film- und Modefirma vorweg, was 30 Jahre später Dotcom und Start-up genannt werden würde: ein Unternehmen, das, obschon profitorientiert, seinen Mitarbeitern neben einem Arbeitsplatz ein Lebenskonzept bietet. Die Angestellten bei Apple sollten sich wohl fühlen, es gab kostenlos Champagner und auch Drogen. Wer wollte, konnte in den Büros übernachten, einmal wohnte sogar eine ganze Delegation Hell's Angels dort.

Heute ist es selbstverständlich für eine große Rockband, eine eigene Plattenfirma zu haben, denn es lässt sich so mehr verdienen. Damals war die Verbindung zwischen Rock'n'Roll und Unternehmenskultur revolutionär.

Damals zog die Idee der Beatles einigen Spott auf sich. Dass der "Hippie-Kapitalismus", wie McCartney ihn nannte, nicht funktionieren könne, galt als ausgemachte Sache.

Tatsächlich trieb man einigen Aufwand. Überall auf der Welt ließen die Beatles die diversen Abteilungen ihres geplanten Großkonzerns eintragen - Apple Films, Apple Electronics, Apple Boutique, Apple Records. Dann passierte nicht mehr viel, ein paar Platten erschienen, mehr nicht. Bis Apple 1978 erfuhr, dass eine kleine Computerfirma in Kalifornien einen Apfel als Logo benutzte. Deren Gründer, der ehemalige Hippie-Nerd Steve Jobs, gab sogar zu, von seiner Lieblingsband dazu inspiriert worden zu sein. Mehrere Gerichtsprozesse epischer Länge folgten, die die Vertreter der Beatles mit immer weniger Glanz gewannen, bis sie den letzten 2006 schließlich verloren.

Dieser Streit ist ein Grund, warum es die Musik der Beatles bis heute nicht legal im Internet zum Download gibt. Apple ist mit seinem iTunes Store marktbeherrschend. Aus den Ankündigungen, eine eigene Download-Plattform zu erstellen, ist bis heute nichts geworden.

Intern sollen bei Apple längst Studien liegen, die nachweisen, wie viel Geld der Konzern durch die Weigerung, ins Netz zu gehen, verloren hat. Dass McCartney, Starr, Ono und Olivia Harrison im November 2008 einer Beatles-Version des Computerspiels "Rock Band" zustimmten, ist auch ein Versuch, die Generation derjenigen zu erreichen, die noch nicht auf der Welt war, als John Lennon erschossen wurde. Harrisons Sohn Dhani, 31, überzeugte den Vorstand. Eine Musik, die einstmals als Stimme einer wütenden Generation begonnen hatte, soll nun Großvater, Sohn und Enkel vor der Playstation vereinen.

Im Empfangsfoyer der Abbey Road Studios in London wird gesägt und geschraubt. Die Sitzecke bekommt eine neue Stoffverkleidung. Das ist eine gute Nachricht. Sie bedeutet: Hier geht es weiter.

Im Februar hieß es, die legendären Studios stünden zum Verkauf. Der Konzern EMI, einst der Stolz der britischen Musikindustrie und heute wie alles im Besitz von Finanzinvestoren, habe große Geldsorgen. Der Verkauf ihrer Studios könne ein paar Millionen bringen. Protest formierte sich. Nicht nur Paul McCartney, auch Andrew Lloyd Webber bot an zu helfen. So weit kam es dann doch nicht.

Die britische Regierung stellte das Gebäude unter Denkmalschutz und verhängte die Auflage, dass hier weiter Musik aufgenommen werden müsse.

Als die Beatles hier am 6. Juni 1962 ihre ersten Probeaufnahmen machten, waren die Studios schon seit über 30 Jahren in Betrieb. Die Schallplattenaufnahme war in dieser Zeit noch mehr oder weniger ein Live-Mitschnitt. Die Band spielt das Stück ein, ein Ingenieur nimmt auf, das war es. So waren auch die Arbeitsabläufe. Die Angestellten trugen Schlips und Kragen.

Heute arbeiten hier Leute wie Allan Rouse, cool und übellaunig, kurz geschnittener grauer Bart, am Abend zuvor war er sehr lange trinken. Rouse ist Mitte fünfzig, ein altgewordener Hipster. Er arbeitet seit 1973 in diesem Gebäude. Er sagt von sich, er sei der einzige Mensch der Welt, der alles von den Beatles gehört habe, jede Sekunde, die sie jemals aufgenommen haben. Selbst die Beatles hätten nicht jeden Ton gehört, den sie im Lauf der Jahre von sich gegeben hätten. Rouse schon. Er hat das gesamte Archiv der Band digitalisiert, seit 1991. Auch das aufwendige Remastering, mit dem die Musik der Beatles digital entstaubt wurde und im vergangenen Jahr noch einmal auf den Markt kam, lief unter seiner Leitung.

Als er sich 1971 bei der EMI für ein Praktikum vorstellte, sei er gefragt worden, wo er denn hinwolle. In die Abbey Road Studios, habe er gesagt. Das sei für ihn klar gewesen, seit er "Sgt. Pepper's" gehört habe.

Niemals alt werden zu müssen ist einer der großen Träume der Menschheit. Biologisch bleibt er das auch noch eine Weile. Kulturell hat Pop ihn wahr gemacht. "Sgt. Pepper's" hat einer ganzen Generation gesagt: Dies kann euer Leben sein. So gesehen haben die Beatles nicht nur dem Konzeptalbum zu Ruhm verholfen, auch der Mittfünfziger in Jeans und Turnschuhen geht auf ihr Konto.

Es sind auch jene Mittfünfziger, die seit vergangenem Herbst die Millionen restaurierten Beatles-Alben gekauft haben. Lieder, die sie in- und auswendig kennen und wahrscheinlich längst als LP und CD zu Hause stehen haben. Natürlich geht es auch um Nostalgie, das Gefühl, damals sei die Musik besser gewesen. Jetzt könne man sie endlich so hören, wie sie gemeint war. Aber das ist nur das Offensichtliche. Tatsächlich haben Rouse und seine Kollegen mit der Musik der Beatles gemacht, was die meisten 50-Jährigen, die etwas auf sich halten, mit ihrem Körper machen. Entschlacken, trainieren, jung halten.

Und in der Hollywood Bowl, in den Bergen hinter Los Angeles, ist an diesem Abend des McCartney-Auftritts das Dorado dieser ewig Junggebliebenen. Die Band von Paul McCartney, sein Betreuerstab, das Publikum - 17 000 Kehlen singen "Let it be" und benehmen sich, als wäre alles noch einmal aufs Neue zu erkämpfen, das Recht auf Abtreibung oder die Schwulenehe oder die Wehrdienstverweigerung. Dabei haben wir sogar schon Energiesparlampen.

"Ist die Geschichte der Beatles am Ende eine Metapher für den gescheiterten Aufbruch der sechziger Jahre?" Paul McCartney wiederholt die Frage langsam in seiner indischen Garderobe. Seit fast einer Stunde spricht er über seine ehemalige Band. Hat er in den ersten Minuten des Gesprächs jede Frage mit einem gutgelaunten Witz oder einer Anekdote begonnen, wird er jetzt nachdenklich.

"Gucken Sie hinaus, gucken Sie mich an. Die Sechziger sind nicht gescheitert. Wir waren die Boom-Generation, wir waren zahlenmäßig überlegen, wir hatten mehr Freiheit, wir hatten mehr Wohlstand. Rock'n'Roll hatte begonnen, alles war frisch, alles hatte einen frischen Geist. Und wir waren die Ersten, die diesen Spirit nahmen und aus ihm etwas Neues schufen. Darum ging es bei den Beatles."

Natürlich ist, wie jede große Erzählung, die Geschichte der Beatles eine Tragödie. Am Ende kommt einer hinterm Vorhang hervor und zieht den Dolch. Manchmal heißt diese Figur Brutus, manchmal Jago, bei den Beatles heißt sie Allen Klein.

Seit Jahren wollte Klein sich die Beatles packen. Er war Manager der Stones, doch die hatten ihn rausgeschmissen und später verklagt. Jetzt versuchte er es bei den Beatles. "Klein versprach John alles, was er wollte. John mochte so was", sagt McCartney. Peter Brown ergänzt: "Was John besonders mochte, war, dass Klein kommen und alles zerstören würde, was Paul mit seinem Schwiegervater geplant hatte."

Paul McCartney war inzwischen mit Linda Eastman verheiratet, deren Vater ein berühmter New Yorker Showbusiness-Anwalt war. Paul wollte ihn als Manager. John gefiel das nicht. Es war doch seine Band. Klein kam Lennon gerade recht.

Aber hatte John nicht kapiert, dass Klein die Band zerstören würde?

"John war nicht dumm, John war pervers", sagt Peter Brown über seinen Freund heute.

"John war ein herrlicher Typ", sagt McCartney, "und ein merkwürdiger Typ. Das mochte man an ihm. Aber man kann nicht sagen, dass alles, was John machte, wirklich vernünftig war."

Mick Jagger rief noch an, versuchte, die Beatles zu warnen, sagt Peter Brown, Klein hatte den Stones die Rechte an all ihren Alben abgeluchst. Zu spät.

Und nachdem Allen Klein Manager der Beatles geworden war, fliegt im Sommer des Jahres 1969 alles in die Luft, was die sechziger Jahre an Hoffnungen aufgebaut haben. In der Nähe von Los Angeles hören Charles Manson und seine Jünger "Helter Skelter" von den Beatles, verstehen das Lied als Aufruf zur Zerstörung, überfallen das Haus von Roman Polanski und töten dessen schwangere Frau Sharon Tate und vier weitere Menschen. In Woodstock begraben eine halbe Million Hippies den Geist der Bewegung im Matsch. Südlich von London treibt die vollgedrogte Leiche des Stones-Chefs Brian Jones im Swimmingpool.

Die Beatles aber gehen in die Abbey Road Studios und versuchen sich an ihrer letzten Platte.

Inzwischen wollte Lennon so wenig mit McCartney zu tun haben, dass er vorschlug, auf der einen Seite von "Abbey Road" seine Kompositionen zu sammeln, auf der anderen die von McCartney. Aber es gab inzwischen nicht mehr genügend Stücke, es gab nur noch Fragmente. In früheren, in besseren Zeiten hätten Paul und John aus solchen Fragmenten große Songs gemacht. Nun aber machte Paul allein aus den Fragmenten ein Medley, das sich fast über die ganze B-Seite erstreckt und mit dem Stück "The End" endet.

Es ist das Epitaph der Beatles. Für dieses Stück gelang es Paul noch einmal, dass alle vier zusammen spielten, und er führt die Beatles musikalisch zurück zu dem Ort, wo alles begonnen hatte: der Zeit vor den Streitereien im Studio, vor den harten Drogen, vor Yoko Ono und Allen Klein, vor dem Maharishi, vor den Riesenkonzerten, vor der Beatlemania. Sie spielen noch einmal wie im Star-Club in Hamburg, hämmernde Gitarrensoli, hintereinander weg, eine Art Battle. Dann endet das Stück mit der inzwischen berühmten Zeile: "And in the end, the love you take is equal to the love you make."

Diese Zeile erscheint in den letzten Monaten der Sechziger. Und vielleicht fasst sie zusammen, was von jenem Jahrzehnt geblieben ist: eine Binsenweisheit.

Im selben Monat, im September 1969, im Apple-Büro von Peter Brown, versuchte McCartney, die Beatles noch einmal zu vereinen. Doch John sagte: "Ich glaube, du bist bescheuert. Ich verlasse die Band. Ich will die Scheidung."

Dass John Lennon ausgerechnet von Scheidung sprach, bringt die Beatles-Erzählung zurück zu ihrem allzu menschlichen Kern. Es ist keine Musikgruppe, die da zu Ende geht, sondern das Versprechen einer besseren Zukunft, wie es jede Ehe auch ist.

"Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben", so eröffnete die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion einen EssayBand, den sie, inspiriert von den Beatles, "The White Album" genannt hat. Diese Geschichten, so hoffte Didion, können uns vielleicht bei der Suche nach dem Sinn des Erlebten helfen. Egal, wie sie ausgehen.

Die Geschichte der Beatles ging zunächst schlecht aus und wurde immer schlimmer. Paul McCartney musste John, George und Ringo verklagen, um aus dem Vertrag mit Allen Klein herauszukommen.

"Das war sehr, sehr schmerzhaft. Niemand sollte die Beatles verklagen, aber vor allem ich nicht! Es war grauenhaft. Aber es ging nicht anders. Die folgenden Jahre verbrachte ich in reiner Dunkelheit."

Draußen in der Hollywood Bowl fängt es an zu dämmern, ein Assistent klopft an und sagt, McCartney müsse jetzt bald auf die Bühne. Die Beatles-Show! Er zieht sich also die engen Beatles-Boots über die alten Füße und geht auf die Bühne. Als viertes Stück stimmt er "All My Loving" an, und sofort leben die Beatles wieder.

Auch ohne die Beatles. Die Beatles brauchen keinen John Lennon mehr, keinen George Harrison, keinen braungebrannten Ringo aus Beverly Hills. Sie brauchen noch nicht mal mehr Paul McCartney. Sie sind zu einer Idee geworden. Das ist Unsterblichkeit. ◆


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