31.05.2010

AUSSENMINISTERÜberdosis Guido

Der FDP-Vorsitzende Westerwelle hat sich und die Liberalen auf dem Weg zurück an die Macht in nie für möglich gehaltene Höhen geschraubt. Von dort stürzten sie in Rekordzeit in eine tiefe Existenzkrise. Stationen eines beispiellosen Niedergangs. Von Christoph Schwennicke
Dem Gast, der da durch den Mittelgang und den Vorhang aus höflichem Beifall und Buhrufen schreitet, müsste der Saal vertraut vorkommen. Genauso haben Aulas von Universitäten ausgesehen in den Achtzigern. Aber sonst ist von Heimat, Heimeligkeit oder Heimkehr nichts zu merken.
"Pfui! Geh nach Hause!", gellt es von hinten nach vorn, was ungewollt komisch ist, denn Guido Westerwelle ist doch genau hier zu Hause. Hier an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn hat er studiert, wenige Meter entfernt von hier ist er aufgewachsen, in der Heerstraße, wo gerade die Blüten der mächtigen japanischen Zierkirschen auf das Pflaster rieseln.
Aber wenn das ein Heimspiel sein soll, dann möchte man bei einem Auswärtsspiel lieber nicht dabei sein. Hinten rüttelt der Mob an den Glastüren, dass die Aula von ohrenbetäubendem Lärm erfüllt ist, Trillerpfeifen gellen, ein Student mit blondem Zopf, moosgrünem T-Shirt und Talent für Agitation überzieht Westerwelle mit einer Schimpftirade, noch bevor der sich in der ersten Reihe setzen kann. Die Honoratioren, der Rektor und Klaus Kinkel schauen betreten, die Situation ist unangenehm.
Dann ist Westerwelle am Mikrofon, versucht sich zu bedanken für die Einladung, als Außenminister über Europa zu reden. "You are not welcome!", ruft ihm sein Freund im moosgrünen T-Shirt zu. "If I wouldn't be welcome, why am I here?", meint Westerwelle schlagfertig zu parieren, und wie so oft tut er sich keinen Gefallen damit, immer das letzte Wort haben zu müssen. "That's English!", behauptet er kühn in einem missglückten Versuch von Selbstironie. Hinten in einer der letzten Reihen ist unterdessen ein Quartett junger Frauen aufgestanden und stimmt die Parodie der "Perfekten Welle" von Juli an, ein Hit auf YouTube: "Das ist Guido Westerwelle, das ist der, den keiner mag, lass ihn einfach nur noch labern, denk am besten gar nicht nach ...!"
Der, den keiner mag. In der Rolle des Brechmittels ist Guido Westerwelle groß geworden. Daraus hat er zeit seiner zwei Jahrzehnte im politischen Betrieb Kraft geschöpft. Allein gegen alle, so wie Mario Basler, der einmal von sich sagte, er brauche das: ein ganzes Stadion gegen sich. Auch Westerwelle nahm es mit allen auf: dem Zeitgeist, den parasitären Gewerkschaften, mit Großmaul Joschka Fischer oder diesem Zopfträger in der Uni-Aula an diesem Dienstagnachmittag in Bonn. Es sind noch genau zwölf Tage bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, die, das weiß er selbst, über sein politisches Schicksal entscheidet. Westerwelle glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, dass er es wieder allen zeigen wird. "Ich hab dich auch lieb!", bescheidet er seinen Zopfträgerfreund. "Noch jemand 'n Gedicht?", bedenkt er die Sängerinnen.
Wahrscheinlich möchte auch er nur gemocht werden. Aber im Kampf gegen alle und alles ist er zu ganz großer Form aufgelaufen. 18 Prozent, was hatte Deutschland gelacht vor Jahren, und dann ist Westerwelles FDP mit 14,6 Prozent aus der
Bundestagswahl vergangenen Herbst hervorgegangen, und dann hat Westerwelle gelacht. Angela Merkel konnte ihre angestrebte bürgerliche Koalition nur verwirklichen, weil Westerwelle über alle Maßen geliefert hatte.
Bis zum 27. September 2009 ging alles gut, und von da an ging alles schief. Der ungestüme Tatendrang, der Westerwelle zum Vizekanzler der Bundesrepublik gemacht hat, kehrt sich in den Wochen nach der Wahl gegen seinen Herrn. Es ist wie so oft bei Westerwelle. Es ist immer von allem zu viel. Er ist zu ungestüm, zu nassforsch, zu naseweis, zu ungeduldig, zu vorwitzig, zu besserwisserisch, übrigens auch das: zu höflich, zu zuvorkommend. Er ist für viele einfach " too much".
Westerwelle ist drauf und dran, die tragischste politische Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte zu werden. Keiner flog je so hoch und stürzte so schnell so tief ab wie er. Gegen ihn hat Ikarus einen kontrollierten Sinkflug hingelegt. Das allein wäre ein persönliches Schicksal, aber noch kein politisches Drama. An einem Parteivorsitzenden aber hängt eine Partei. Der FDP droht das Schicksal, von Westerwelle erst aufgeputscht worden zu sein und nun an einer Überdosis Guido zugrunde zu gehen. Sie spürt das. Und sie reagiert. Sie wendet sich von ihm ab. Der Parteivorsitzende Westerwelle, vor einem guten halben Jahr gefeiert als Wahlheld, ist ein einsamer Mann geworden in der FDP.
Es sind, sieht man von der Möllemann-Affäre ab, die härtesten Tage und Wochen im Leben des Politikers Guido Westerwelle. Trotzdem trifft man auf dem Höhepunkt des Dramas auf einen Mann, der zur Tür hereinkommt wie aufgezogen, geschwind, überenergetisch und fröhlich, aufgekratzt. "Danke schön!", sagt er, als eine Mitarbeiterin ihm eine eigene Tasse Kaffee hinstellt. "Das ist kein Schnaps, nicht, dass Sie das denken. Ich mag nur diese Pöttchen!" Niemand ist so verkrampft dabei, wenn er entspannt sein will, wie Guido Westerwelle. "Ich bin mit mir im Reinen", sagt er, daher sei er so ruhig. Seltsam. "Der ist komplett dejustiert, dem fehlt jedes Maß und jede Mitte!", bricht es aus gestandenen Leuten in der FDP heraus, wenn sie über den reden, der selbst mit sich im Reinen sein will.
Er macht einen Spruch auf Kosten seines Besuchers, legt den Kopf schief und sagt: "Das ist jetzt nicht persönlich gemeint, das wissen Sie doch, dafür kennen wir uns doch nun wirklich lange genug."
Hört sich gut an, schmeichelt irgendwie auch. Die Frage ist nur: Stimmt das denn? Ja gut, er ist lange da, er war schon da, als Kohl noch da war. Man saß bei ihm in Bonn auf dem Sofa, 1997, als auf sein Haus ein Säureanschlag verübt worden war. Er hat erschüttert gewirkt, im Mark getroffen, als Mensch. Aber war das Westerwelle oder wieder nur eine Rolle, Pose? So wie später bei der gemeinsamen Schlabberpizza aus der Pappschachtel. Im Wahlkampfbus vor Jahren lange Gespräche auf der Fünferbank über die Selbstgerechtigkeit der 68er. Das war alles physisch nah, ja. Aber kam man ihm nah dabei? Geht das überhaupt?
Könnte es sein, dass Westerwelle die Hauptrolle in einem Film über sich selbst spielt, immer gespielt hat - being Guido Westerwelle? Mit dieser Frage ist man nicht allein, sondern in bester Gesellschaft. Sie stellen sich Leute bis ins Kanzleramt hinein. Wieso ist der so? Immer Haltung, immer Pose, nie echt. Vor zwei Wochen, als das Kabinett wegen Krise ausnahmsweise schon am Dienstag zusammenkam, da, sagt einer, der am Tisch saß, "da war er richtig gut! Wie er da über den Euro geredet hat! Besonnen, überzeugend, staatstragend!"
Schön. Nur: Was heißt das im Umkehrschluss, wenn ein Kabinettskollege es für bemerkenswert hält, dass der Außenminister und Vizekanzler einmal seine Rolle angemessen ausübt?
Guido Westerwelle ist verrutscht. Er hat viele Fehler gemacht in den vergangenen Monaten, die Verengung der FDP auf Steuersenkungen war einer, die Verengung auf einen Koalitionspartner vermutlich auch, der Übereifer des Einstiegs definitiv, die großen Töne obendrein. Den entscheidenden Fehler aber macht Westerwelle in den 24 Stunden zwischen dem Morgen des 9. und 10. Februar.
Aus Karlsruhe melden die Agenturen, dass das Bundesverfassungsgericht die Regelsätze für Hartz-IV-Kinder gekippt hat. Um kurz vor elf Uhr läuft Thomas Oppermann, Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, über den Ticker: Damit seien "die ohnehin absurden Steuersenkungspläne der Koalition endgültig obsolet". Das geht an Westerwelles Lebensnerv, die Steuersenkungspläne der Koalition, das sind seine Steuersenkungspläne.
Die Welle hat sich aufgebaut. Einer muss einen Keil in die Tür schieben, sonst überrennt die ganze Sozialmafia die letzten Reste seines Leistungs-Deutschlands. Wer, wenn nicht er? Eine Anfrage der Tageszeitung "Die Welt" geht ein. Ob Westerwelle sich vorstellen könne, einen Gastbeitrag zu verfassen. Er kann. Das ist die eine Lesart, wie sich der größte Fehler im Leben des Guido Westerwelle zugetragen hat. Es gibt aber auch eine andere, bis hinein in die Reihen der FDP, wonach Westerwelle nur seinen Namen hergegeben hat für einen fertigen Text.
Möglich auch, dass Westerwelle mit diesem Paukenschlag zeigen wollte, wer den großen Klöppel schwingt. Der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat und Bundes-Vize Andreas Pinkwart wird in dieser Phase um Dreikönig herum zweimal verhaltensauffällig. "Guido", sagt ein FDP-Mann über diese entscheidenden Tage, "ist keine Konkurrenz gewohnt, im Unterschied zu Merkel. Er ist früh der Sonnengott geworden und hellwach, wenn sich einer aufplustert, selbst wenn der ihm nicht das Wasser reichen kann."
Am Abend setzt die Redaktion seinen Beitrag auf die Meinungsseite. Über "Hartz IV und die Frage, wer das alles zahlt" schreibt der "Vize-Kanzler und FDP-Vorsitzende" auf Seite 6 unten: "Diese Leichtfertigkeit im Umgang besorgt mich zutiefst. Die Missachtung der Mitte hat System, und sie ist brandgefährlich. Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern."
Der Schmetterling hat seinen Flügelschlag getan, der Orkan wird sich entfalten.
In diesem Orkan ist Westerwelle seither unterwegs, von Straubing in Niederbayern bis Lüdenscheid im Sauerland.
Die Joseph-von-Fraunhofer-Halle am Stadtrand von Straubing ist ein Veranstaltungsort wie das Klischee der FDP: kühl, kahl, modern und seelenlos. Blasses Neonlicht flutet die Decke.
Westerwelles Flügelschlag ist eine Woche her, der Sturm ist aufgezogen. "Der Hyperventilator", "Guido gegen den Rest der Welt", "Der Spalter","Westerwelle sieht rot". Schlagzeilen jener Tage. Die Kanzlerin hat ausrichten lassen, das sei nicht ihr Duktus, Heiner Geißler hat ihn als Esel bezeichnet, und Guido Westerwelle hat angefangen, sich die Welt in zwei Hälften einzuteilen: in die realen Menschen, die ihn verstehen und begeisterte Mails schreiben, und die surrealen, die über ihn schreiben. "Die Menschen sind eher meiner Meinung!", sagt er.
Als Westerwelle aufsteht, um auf die Bühne zu gehen, strafft er sich wie immer und knöpft sein Jackett zu. Er kommt schnell auf Temperatur. In Deutschland werde "nicht in Kommentarspalten Politik gemacht!", sagt er. Da ist sie, seine Zweiteilung der Welt in Zeitungsmeinung und öffentliche Meinung. Er erhebt sich nicht nur über ignorante Leitartikler, sondern distanziert sich von der eigenen Klasse, den Politikern, stilisiert sich zu einem, der das Leben kennt, er, der sein erwachsenes Leben unter der Käseglocke der Politik zugebracht hat. "Ich spreche nur aus, was in Wahrheit alle Politiker wissen, aber es sich nicht trauen auszusprechen, aber das Volk will die Wahrheit wissen!" Die da, die Politik und die Presse, und ich und die Menschen. Das ist nicht mehr polemisch, das ist niederträchtig seinen Kollegen gegenüber.
Westerwelle versucht, Wind unter die Flügel zu kriegen, aber die FDP kommt einfach nicht hoch. Neun Prozent zeigt das Politbarometer eine Woche nach Straubing an. Im März geht es weiter abwärts, und es ist Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen.
Westerwelle tut, was er am besten kann: Er erhöht die Dosis. "Ich bin ja nun als Außenminister viel unterwegs", sagt er in Bonn in der Aula, abends beim Wahlkampf in der Beethovenhalle, in Euskirchen, im Festsaal Hohe Steinert in Lüdenscheid. An der Stelle macht er jedes Mal eine Kunstpause. "Brasilien, Argentinien - Entwicklungsländer haben wir diese Länder zu meiner Schulzeit genannt! Und jetzt sitzen diese Länder mit uns am Tisch bei den G 20, den größten Wirtschaftsnationen der Welt!" Argentinien wird uns Beine machen. Die strengen sich an. Hierzulande hingegen, variiert er in Euskirchen sein Schlagerrepertoire um einen seiner Klassiker: "20 Semester Soziologie abgebrochen und dann Fahrradbeauftragter in Aachen!"
Diese Platte gab es schon auf Vinyl. "Es ist immer dasselbe mit den großen Kulturen", schrieb Westerwelle geschichtsschwer als 36-Jähriger 1998 in "Neuland": "Erst werden sie groß, dann werden sie satt, dann werden sie starr, und dann sind sie weg." Weiter, wie im Skript einer Roland-Emmerich-Apokalypse: "Touristenbusse können auch unsere Innenstädte aufsuchen, die pittoreske Pracht bestaunen und Wiesbaden, Düsseldorf, Hamburg, Dresden und München bewundern, wie eine Opernkulisse von gestern, in der seit Jahrzehnten keine Arie mehr gesungen wurde und keine Aufführung mehr stattfindet. Wenn es in Deutschland so weitergeht wie jetzt, geht es nicht mehr weiter."
Ein Jahrzehnt später hat Deutschlands Zukunft als Freilichtmuseum immer noch nicht begonnen, Argentinien hingegen einen Finanzcrash und eine Staatspleite hingelegt.
Das ist sein Problem: Es tönt so laut und stark, aber wenn man genau hinhört, dann bleibt nichts übrig von all seinem Getöse. Er ist laut, aber rückstandsfrei. Und so ist es im Grunde immer gewesen.
Von der Aula der Bonner Uni über die Hofgartenwiese sind es nur wenige Meter zu Fuß zur Universitätsbibliothek. Der Bibliothekscomputer weist unter dem Stichwort Westerwelle einen Buchtitel aus. Ansonsten ist vom Studenten Westerwelle an seiner Alma mater nichts geblieben. Der ehemalige Bonner Professor Christian Tomuschat sagt, an einen Studenten Westerwelle könne er sich nicht erinnern. Kollege Bernhard Schlink: "Nein, an den Studenten Westerwelle habe ich keine Erinnerungen." Staatsrechtler Josef Isensee: Von Spuren Westerwelles am Juridicum in Bonn sei ihm nichts bekannt.
Westerwelles Vater Heinrich hatte seinem Sohn damals geraten zu promovieren. Mit einem Doktortitel, hat er gesagt, "da kannst du jeden Unsinn erzählen". Er interveniert für seinen Sohn an der Fernuni Hagen. Martin Morlok sagt, Westerwelles Entree bei ihm sei "denkbar schlecht gewesen". Morlok, heute Professor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, betreute den Doktoranden Westerwelle. Er findet, Westerwelle habe eine "sehr solide Arbeit geschrieben, die man nicht wegschließen" müsse, wenngleich sie nicht geeignet sei, "akademischen Lorbeer zu ernten". Der Jungliberale Westerwelle schrieb über "Das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen". Morloks Meinung in Ehren, aber es sind 170 Seiten beflissene Trostlosigkeit, so thesenfrei und gedankenarm wie der Titel.
Ihm fällt nicht viel ein. Meist ist es die alte Leier, die spätrömische Dekadenz in allen Variationen. Fast nie ist es wie an jenem Abend bei der Kabinettsklausur in Meseberg, einem der diversen Neustartversuche. Merkel, Schäuble, Rösler, Westerwelle saßen beisammen. Und Westerwelle sinnierte plötzlich, ob jemand was merke. Eine ostdeutsche Frau als Kanzlerin, ein Behinderter als Finanzminister, ein Mann mit Migrationshintergrund als Gesundheitsminister "und ich mit meiner Lebensweise". Ein Kabinett, wie es die 68er sich vielleicht erträumt hätten, aber eine bürgerliche Koalition zustande brachte. In dem Moment habe Westerwelle einmal authentisch gewirkt, sagt einer, der dabei war.
Meine Lebensweise. Westerwelle redet immer von "meiner Lebensweise", wenn er von seiner Homosexualität spricht. In der September-Ausgabe des schwulen Magazins "Du&Ich" gibt Guido Westerwelle vor der Bundestagswahl 2005 ein Interview. Er wird das Gleiche noch einmal tun, vier Jahre später. Ob er einen Rat habe für Leute, die vor einem Coming-out stehen in einer doch immer noch sehr repressiven Umwelt. "Lebe dein Leben!", sagt er da. "Es ist nämlich keine Generalprobe, sondern das, was da kommt, ist dein Leben."
Im Prinzip ein guter Rat.
Die Glocken läuten, als Guido Westerwelle am 9. Mai morgens um zehn Uhr im St.-Helena-Pfarrsaal, einem Wahllokal in der Bonner Nordstadt, Ellerstraße 44, zu Fuß auftaucht. Die Fotografen witzeln, ob er wohl nicht genau wisse, was er ankreuzen solle, weil Westerwelle so lange in der Wahlkabine verschwindet. Er witzelt und hat wieder das letzte Wort.
Keine neun Stunden später steht Westerwelle auf der Bühne im Lichthof des Thomas-Dehler-Hauses in Berlin, und die Jackettärmel hängen an ihm herunter, als wären keine Arme drin. Die FDP ist halbiert worden. Er ist halbiert worden.
"Das ist ein sehr enttäuschender Wahlabend für die Freien Demokraten. Das ist ein Warnschuss, und er ist auch gehört worden." Eine ehrliche Aussage in Demut. Selten hat Westerwelle so sympathisch gewirkt wie in diesem Moment. Es war Westerwelles Sieg, wie das jetzt seine Niederlage ist. Der Beleg ist da: Die Menschen sind eben nicht seiner Meinung. Die FDP-Riege hinter ihm auf der Bühne sieht aus, als käme sie aus der Geisterbahn.
Westerwelles Biograf Majid Sattar schreibt, dass Westerwelle Selbstzweifel hatte, als er in den Bundesvorstand der Jungliberalen einzog. "Ich kann das nicht!", hat er zu einem Freund gesagt. Vielleicht muss man ihn sich bis heute viel angstgesteuerter, verletzlicher vorstellen, als er wirkt. Es wäre besser für ihn, wenn man das auch mal merkte. Der Westerwelle hinter der Fassade ist verunsichert und erschüttert wie zu Zeiten der Möllemann-Affäre.
Es gibt Leute in der FDP, die die Partei durch so manche tiefe Krise haben gehen sehen. Möllemann, die Besserverdiener, das Lambsdorff-Papier. Immer habe es in schwieriger Zeit aber ein Licht am Ende des Tunnels gegeben. Diese Leute sagen, sie sähen das erste Mal kein Licht. Die alten Herren im Hintergrund raufen sich die Haare und klagen sich ihr Leid. Keiner der Altvorderen springt ihm öffentlich bei, kein Kinkel, kein Hans-Dietrich Genscher, aber Wolfgang Gerhardt, den Westerwelle von Parteispitze und Fraktionsvorsitz verdrängt hat, meldet sich schweflig zu Wort. Generalsekretär Christian Lindner wird als letzte Hoffnung betrachtet und ist klug genug, in Interviews die Balance zwischen Loyalität und Chance zu wahren. Die letzten Westerwellianer reden nicht gut über Lindner in diesen Tagen.
"Es muss immer Leute geben, die der Gegenwart etwas vorauseilen, damit eine Truppe für die Zukunft gebildet wird." Dieses Wort von Friedrich Naumann hat Guido Westerwelle seiner Doktorarbeit vorangestellt, aber es in den Jahren seither nicht beherzigt. Er ist nicht "etwas vorausgeeilt". Er ist enteilt.
Die FDP merkt: Westerwelle hat aus ihr eine One-Man-Show gemacht und eine isolierte Ein-Thema-Partei. Es ist wie nach einer rauschenden Nacht, in der man am falschen Ort aufwacht. Es war aufregend. Aber es war falsch. ◆
(*1) Nach seiner Rede an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn am 27. April.
Von Christoph Schwennicke

DER SPIEGEL 22/2010
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