31.05.2010

HANDEL Welpen vom Wühltisch

In Osteuropa werden in großem Stil Hunde für den westeuropäischen Markt gezüchtet. Viele der Tiere überleben nur wenige Tage bei den neuen Besitzern.
Der silbergraue VW-Bus steht ein wenig abseits an der Parkplatzzufahrt neben dem trubeligen Markt im polnischen Slubice (Słubice). Der Fahrer öffnet die Hinterklappe. Seine Ladung braucht Luft. Sie winselt.
In dem Transporter stehen Käfige, vollgepfercht mit Hunden. Ein Wurf winziger Yorkshire-Terrier drängelt sich aneinander, Kampfhund-Welpen lugen zwischen den Gittern heraus, zwei Husky-Babys hocken in ihrem Kot.
Der Mann, ein Pole, spricht kaum Deutsch. Zumindest nicht, wenn seine deutsche Kundschaft nach Dingen fragt wie Alter, Impfpässen, Herkunft. Achselzuckend zieht er einen Packen Tierpässe hervor. Die sind offensichtlich gefälscht.
Doch viele Kunden, die über den Grenzübergang Frankfurt (Oder) zur Schnäppchenjagd kommen, wollen das nicht wahrhaben. Zu süß sind die Welpen, zu groß ist das Mitleid mit den Kreaturen. Und zu verlockend der Preis: Rassehunde kosten bei seriösen Züchtern Hunderte Euro, hier bekommt man einen Szenehund schon für 35 bis 50 Euro.
Wer da zugreift, ist nicht nur stolzer Hundebesitzer, sondern schnell auch ein Opfer der osteuropäischen Welpenmafia. Im großen Stil und unter erbarmungswürdigen Zuständen werden Hunde in Polen, Ungarn, Rumänien und der Ukraine für den westeuropäischen Markt produziert. Gefüttert mit Abfall und eingepfercht in dreckigen Zwingern müssen die Hündinnen zweimal pro Jahr werfen, bis sie ausgelaugt verenden. Die Welpen werden viel zu früh, oft schon im Alter von vier Wochen, auf den Märkten verramscht. Kein Wunder, dass sie immungeschwächt und manchmal verhaltensgestört sind.
"Der Welpenhandel ist ein Millionengeschäft geworden", sagt Birgitt Thiesmann von der Tierschutz-Stiftung Vier Pfoten. Die Aktivistin beobachtet seit Jahren, wie der Markt für die Importkläffer immer stärker wächst. Beschleuniger des Booms ist das Internet, wo die Hunde angepriesen werden, als kämen sie von verantwortungsvollen Züchtern. Das Problem ist so groß, dass der europäische Tierschutzverein ETN, das Haustierregister TASSO und der Bund gegen den Missbrauch der Tiere 2010 zum Jahr "gegen den unseriösen Welpenhandel" erklärt haben. Sie wollen aufklären und so die Nachfrage besonders im schnäppchenliebenden Deutschland mindern.
Denn das Leid der Tiere ist beträchtlich. Aus Kostengründen sind sie weder entwurmt noch geimpft. Illegal gelangen sie im Kofferraum über die Grenze, ohne die nach europäischen Tierschutzbestimmungen vorgesehenen Pässe, Impfausweise und Chip-Registrierung.
Fliegt ein Transport auf, droht höchstens die Beschlagnahmung und eine Geldstrafe, denn Tiere werden nach den für Sachen geltenden Vorschriften behandelt. Zudem sehen die Kontrolleure gern weg. Die Tierheime, die die konfiszierten Tiere aufnehmen müssten, wären dem Ansturm nicht gewachsen.
So hat niemand ein Interesse, das lukrative Geschäft zu stoppen. Geschätzte fünf Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für die Hundehaltung aus.
Wie teuer das vermeintliche Schnäppchen kommen kann, merken viele erst, wenn sich ihr neuer Liebling zu Hause auf dem Teppich erbricht. Im Preis sind oft Durchfall, Staupe, Parvovirose enthalten, gratis gibt's Zwingerhusten, Bakterien, Leberentzündung dazu.
Sandra Meier aus Danndorf hat drei Tage lang zusehen müssen, wir ihr Mops Maja vor ihren Augen qualvoll verendete. Sie hatte die schwarze Hündin in einem dieser Internetanzeigenportale gefunden, irgendwo bei Ebay, quoka.de et cetera.
Der Verkäufer gab sich als Züchter aus, und weil der Preis mit 590 Euro reell war, schöpfte sie keinen Verdacht. Auch nicht, als der Verkäufer vorschlug, sich am Bahnhof zu treffen, weil seine Adresse im Navi nicht verzeichnet sei. Dort zog er dann den Hund aus einem Karton, kassierte das Geld und rauschte ab - kein Kaufvertrag, kein Impfausweis. Später stellte sich heraus: Sein Name war falsch, die Handy-Nummer stillgelegt, und er besorgte Hunde aller Rassen aus dem benachbarten Polen.
Zu Hause baute die Hündin nach wenigen Stunden ab. Sie hatte Durchfall und erbrach sich. Selbst Infusionen konnten das Tier nicht mehr retten, es starb nach vier Tagen.
Nun suchte Sandra Meier lokal weiter. In einer Zeitung sah sie einen Golden Retriever inseriert, angeblich von einer Züchterin. Meier kaufte Fine für 990 Euro, geimpft und entwurmt. Doch diesmal wollte sie Papiere. Das kostete eigentümlicherweise 220 Euro mehr. Als die Ahnentafel zwei Wochen später zugeschickt wurde, glaubte Meier an einen üblen Scherz: Das Papier war verziert mit kitschigen Comic-Hunden, die Namen der Ahnen waren frei erfunden, und der ausstellende Verband existiert gar nicht.
"Wir stellen fest, dass auch immer mehr Deutsche im Welpenhandel mitmischen", erklärt Birgitt Thiesmann von Vier Pfoten. Händler und findige Privatpersonen decken sich in Polen oder auf dem ungarischen Welpenmarkt in Monor mit Hunden ein, die sie daheim, als Züchter getarnt, verkaufen. Das einzige Mittel gegen den unseriösen Hundehandel wären stärkere Kontrollen und härtere Strafen. Doch dazu kann sich die Europäische Union bislang nicht aufraffen.
Bleibt den Hundeliebhabern nur, beim Kauf aufzupassen: Empfohlen wird, den Hund schon als Welpen mehrfach zu besuchen und darauf zu bestehen, die Elterntiere zu sehen. Auch wer mehrere Rassen anbietet, gilt als verdächtig. Vor Spontankäufen aus Mitleid sollte man sich tunlichst hüten, sagt Thiesmann: "Damit heizt man nur den Wühltisch-Welpenmarkt an."
Von Schiessl, Michaela

DER SPIEGEL 22/2010
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