31.05.2010

DEBATTEMeine Eltern

Die Publizistin Bettina Röhl über den Mythos Ulrike Meinhof und die sexuellen Übergriffe ihres Vaters Klaus Rainer Röhl
Ein lausiger Februarmorgen 1982! Müde und in einer glücklichen Katerstimmung kam ich morgens um fünf aus dem After Shave, einem der Clubs auf der Reeperbahn, der in dieser Zeit mein nächtliches Wohnzimmer war, nach Hause. Ich war jedes Mal froh, wenn mein kleiner Fiat 127 den Weg aus der Innenstadt in die Elbvororte ohne Zwischenfälle geschafft hatte.
Ein kleines schlechtes Gewissen plagte mich. Ich hatte mir fest vorgenommen, die letzten vier Wochen vor den schriftlichen Abiturarbeiten in den Fächern Philosophie, Altgriechisch und Deutsch ganz der Vorbereitung zu widmen. Na ja, eine Woche hatte ich noch, und ich war froh über meinen Entschluss: After Shave ade, her mit Goethe.
Als ich in unsere Straße einbog, war ich etwas verwirrt. Da waren weiße Schlangenlinien auf der Straße, und die führten mich dann auch noch direkt in unsere Einfahrt. Ich stieg aus und sah mir die Sache näher an. Von beiden Straßenseiten her führten Pfeillinien zu unserem Haus, und auf der Straße stand in großen weißen, weithin sichtbaren Buchstaben geschrieben: HIER WOHNT EIN KINDERSCHÄNDER!
Auf dem Jaguar meines Vater Klaus Röhl, der in unserer Einfahrt stand, prangte ein mächtiger Penis. Das Auto war vollgesprüht mit sehr vielen Unnettigkeiten. Sprüchen wie: Klaus Röhl ist ein Vergewaltiger, Sexist, Sexverleger, frauenfeindlich, und auch hier das Wort: Kinderschänder.
Ich schaute mich verunsichert um und guckte mir jeden Busch etwas genauer an. Und ging dann so unauffällig wie möglich ins Haus. Sollte ich Klaus Röhl nun wecken? Sollte ich gar die Polizei holen? Ich entschloss mich, einen Zettel zu schreiben: Achtung, Papi, keinen Schreck kriegen. Guck mal raus! Und legte mich ins Bett.
Das Telefon klingelte Sturm. Es war Vormittag geworden, und ich dachte im Halbschlaf: Nicht drauf achten, dann wird's schon wieder ruhig werden. Aber nein, das Telefon klingelte ununterbrochen. Außer mir war niemand mehr im Haus. Mein Vater, seine damalige Freundin, meine Zwillingsschwester, alle ausgeflogen, in der Küche fand ich einen Zettel von Klaus Röhl: Auto in Werkstatt. Polizei informiert. Kümmer dich um dein Abitur! Papa.
Um mein Abitur wollte ich mich jetzt wirklich kümmern, aber das musste ich um zwei Tage verschieben. Ununterbrochen, den ganzen Tag bis zum Abend, riefen Nachbarn bei uns an, von deren Existenz ich bis dahin nichts gewusst hatte. Hier ist Frau Soundso, wir sind verunsichert. Was ist da los? Wir haben kleine Kinder, mein Mann ist oft unterwegs. Allmählich bekam ich heraus, dass in der Umgebung Flugblätter in die Briefkästen geworfen worden waren, auf denen der Name Klaus Röhl, unsere Telefonnummer und die "Information" zu lesen war, dass der enttarnte Vergewaltiger, Kinderschänder, Sexist unter dieser Adresse zu finden sei.
Ich entwickelte rasch eine Routine, die Nachbarschaft zu beruhigen. Ich war innerlich cool und sehr nett zu den Leuten und versuchte, die "Familienehre" hochzuhalten; keine Sorge, man kann ohne Gefahr an unserem Haus vorbeigehen. Mein Vater macht Zeitungen, in denen auch nackte Mädchen abgebildet werden, und das Ganze muss wohl ein Anschlag irgendwelcher Feministinnen sein.
Klaus Röhl erfuhr später, dass die sogenannte Rote Zora, der weibliche Arm der terroristischen Organisation "Revolutionäre Zellen", zugeschlagen hatte, ohne Rücksicht auf die drei jungen Damen, meine 19-jährige Zwillingsschwester und mich und die damals 23-jährige Freundin Klaus Röhls, die auch im Hause wohnten.
Es war nicht der erste Penis, mit dem Klaus Röhl angegriffen wurde. Schon 1969 war eine Gruppe der Apo mit Leuten aus dem SDS und anderen Aktivisten aus Berlin und Frankfurt, darunter auch spätere RAF-Terroristen, in einem langen Autokonvoi in Hamburg-Blankenese vorgefahren und hatte das damalige Haus von Klaus Röhl, aus dem die seit April 1968 von ihm geschiedene Ulrike Meinhof gemeinsam mit meiner Schwester und mir ausgezogen war, verwüstet, die Einrichtung aus den Fenstern geworfen und einen dicken, tröpfelnden, erigierten Penis an die Hauswand gepinselt.
Auftraggeberin dieses Anschlages war bekanntlich Ulrike Meinhof. Meinhof und Röhl hatten sich im Februar 1968 getrennt, danach entwickelte sich eine Art Scheidungskrieg - Ulrikes nimmer endende Nachscheidung, wie Peter Rühmkorf das nannte, der Klaus Röhl an diesem Tag bei sich Asyl gab, bis der Sturm der Meinhof-Bande vorbei war.
Die Apo und Meinhof hatten auch schon zuvor Klaus Röhl ein paar Rocker aus dem Märkischen Viertel auf den Hals gehetzt, die in dessen Abwesenheit verquere Besitzansprüche von Ulrike Meinhof auslebten, indem sie in das Haus einbrachen und dort eine Woche lang Vandalismus feierten.
Auch danach und auch als meine Schwester und ich nach 1970 wieder bei Klaus Röhl wohnten, gab es Überfälle auf das Haus. Wir standen unter Polizeischutz, und die tapfere Emmi Biermann, die Mutter von Wolf Biermann, die bei uns zwei Jahre lang einhütete, rettete Klaus Röhl nicht nur einmal aus brenzligen Situationen, zum Beispiel indem sie beherzt Röhls berühmt-berüchtigten Biberpelz rettete, den eine Gruppe linker Aktivisten gerade verbrennen wollte. Das Aufschlitzen der Reifen des roten Porsche und des weißen Mercedes verstand sich für die Struppies, wie Klaus Röhl diesen Typus seiner Feinde nannte, von selbst.
Klaus Röhl war nicht nur ein medialer Wegbereiter der Neuen Linken und der 68er-Bewegung in der Bundesrepublik, er war nicht nur einer der ersten Nachkriegskommunisten in Westdeutschland, er war auch einer der ersten Renegaten dieser Republik. Und vor allem in seiner Rolle als Renegat zog Klaus Röhl schon früh den Hass des linken Establishments auf sich. Das begann mit dem ausufernden Scheidungskrieg zwischen ihm und Ulrike Meinhof und setzte sich in den Jahren danach fort. Obwohl sie es war, die geradezu zwanghaft ihre mit marxistischen und feministischen und neolinken Parolen garnierten "Aktionen" betrieb und schließlich in den Untergrund ging, wurde Röhl nach einer Formulierung Meinhofs zu Röhl, dem Schwein. Röhl, der Schuft, und Meinhof, die heilige Johanna, wie Peter Rühmkorf es einmal nannte.
Mit dieser klaren Rollenverteilung in den Köpfen rollte in den vergangenen 40 Jahren ein Medien-Tsunami nach dem anderen über mich hinweg. Die RAF war eine Medienveranstaltung. Die Terroristen haben ihre Morde und ihre Anschläge ja nicht wegen des unmittelbaren Tatergebnisses unternommen.
Sie wollten nicht den Generalbundesanwalt Siegfried Buback aus dem Verkehr ziehen, weil dessen Person sie gestört hätte oder weil an dessen Person irgendeine politische Entscheidung gehangen hätte. Die Terroristen wussten, als sie Schleyer ermordeten, dass auf den Posten des Arbeitgeberpräsidenten bald jemand anderer folgen würde. Die Taten der RAF waren Sabotageakte, die von den Medien verbreitet werden sollten, um den revolutionären Funken in die Apo hineinzutragen. Die RAF wollte, dass die Medien ihre Anschläge verbreiten, um auf diese Weise die Gesellschaft zu destabilisieren.
Sehr schnell, schon in den siebziger Jahren, ging es auch mit der künstlerischen Verwurstung in Theaterstücken, Filmen, Büchern, Biografien der RAF und Meinhofs mitsamt ihrer Familie los. Die Beschäftigung dieser Gesellschaft mit dem Terrorismus hatte auch etwas Schizophrenes, weil sie ständig schwankte zwischen starker Attraktion und fast ebenso starker Abstoßung. Das ist der Stoff, aus dem Mythen sind.
Heinrich Böll warf sich für Ulrike Meinhof ins Zeug, indem er nicht nur 1972 im SPIEGEL "freies Geleit" für Ulrike Meinhof forderte oder 1974, da war er schon Nobelpreisträger, mit seinem Buch "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" recht unverhohlen der "Bild"-Zeitung die Schuld an Meinhofs Terrorismus gab und sie von einer Täterin zu einem Opfer der Gesellschaft ummünzte. Auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stilisierte einige Jahrzehnte und viele Theaterstücke später Ulrike Meinhof in ihrem Theaterstück "Ulrike Maria Stuart" (2006) entgegen ihrer erklärten Absicht zu einer großen politischen Figur.
So wie Meinhof in vielen Köpfen ihrer inzwischen grau und gribbelig gewordenen Altersgenossen auf ewig eine attraktive Mittdreißigerin bleibt, genau so bleiben deren Kinder seit 40 Jahren 5 bis 13 Jahre alt. Je nach Gusto sind meine Schwester und ich mal zwei Luftballons, die in einem höchstgelobten Kresnik-Stück einfach so auf der Bühne zerplatzen, oder wir geistern als zwei nackte kleine Mädchen am FKK-Strand von Kampen in der Eröffnungsszene des Baader-Meinhof-Films über die Leinwand. Mal springen zwei süße Kinder als Röhl-Zwillinge mit der Kalaschnikow im Anschlag auf eine Theaterbühne, mal jammern diese ewigen Meinhof-Zwillinge, als sogenannte Prinzen verkleidet, auf der Bühne über die Übermacht der Mutter.
War Meinhof nun eine liebende Mutter, oder war sie unfähig, Mutter zu sein? Diese Frage scheint unfassbar viele Menschen seit 40 Jahren zu beschäftigen. Für diese Phantasien benötigen diese Menschen, die ihrerseits inzwischen 40 Jahre älter geworden sind, allerdings zwei kleine Kinder, meine Schwester und mich, die statisch im Alter von damals stehenbleiben müssen. So kommt es zu Projektionen auf meine Person, wie ich heute sein soll oder wie ich damals angeblich war, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Ein sehr nerviges Phänomen.
Und damit komme ich zur jüngsten Stilblüte der nimmer endenden Röhl-Meinhof-RAF-Soap.
Vor dreieinhalb Wochen veröffentlichte meine bis dahin der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte 55-jährige Halbschwester Anja Röhl, Tochter von Klaus und Bruni Röhl, auf sechs Seiten im "Stern" eine Geschichte über ihren Vater Klaus Röhl, in dem sie sexuelle Übergriffe schildert.
Anja Röhl beschränkte sich nicht auf ihre eigenen Erlebnisse. Stattdessen insinuierte sie, unverschämt und unmoralisch, dass es auch pädophile Übergriffe von Klaus Röhl auf meine Person gegeben habe. Der "Stern" zeigte dazu ein Bild, auf dem ich als Vierjährige und meine Mutter zu sehen sind.
Kaum war der Text im "Stern" veröffentlicht, schaltete sich Jutta Ditfurth ein und trat mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, dass auch meine Zwillingsschwester und ich von Klaus Röhl als Kleinkinder latenten sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen seien und dass dies ein Grund Ulrike Meinhofs gewesen sei, meine Schwester und mich 1970 für vier Monate in ein Barackenlager auf Sizilien verschleppen zu lassen.
Demnach wäre unsere Verschleppung damals kein terroristischer Akt gewesen, sondern ein fürsorglicher. Die Geschichte der RAF gehöre jetzt also umgeschrieben.
Ditfurth erging sich in mehreren Veröffentlichungen darin, meine Schwester und mich mit Phantasien zu überziehen. In der "Tageszeitung" sagte sie: "Röhl sexualisierte die Kleinen früh, war mal der witzige Vater, dann tat er ihnen weh. Er ließ sie als Kleinkinder zuschauen, wenn er mit seinen erwachsenen Freundinnen schlief … Er gab ihnen Anschauungsunterricht und zeigte ihnen, welche Brüste und Körperlichkeiten er bei erwachsenen Frauen schätzte. Er gab damit an, dass er seine ältere Tochter Anja entjungfern wollte … Sie (Meinhof) schritt ein, wenn er die kleinen Mädchen in die Oberschenkel zwickte oder sie schlug, bis sie weinten. Er nannte das ,patschen'."
Hierzu stelle ich fest, dass Ditfurths Behauptungen falsch sind. Es hat bis 1970 keinen einzigen, wie auch immer gearteten sexuell motivierten Übergriff von Klaus Röhl auf meine Person gegeben. Ich wurde nie geschlagen, und ich sah in meinem Leben bei keinem Beischlaf Klaus Röhls mit irgendeiner Frau zu. Mein Vater hat nie zu mir gesagt, dass er meine Halbschwester Anja Röhl entjungfern wolle.
Auch Ditfurths Behauptung, die RAF und Ulrike Meinhof hätten meine Schwester und mich wegen der väterlichen Übergriffe in eine Art Schutzhaft nach Sizilien verschleppen lassen, ist falsch. Es waren nicht "Freunde" von Ulrike Meinhof, die meine Schwester und mich in ein Barackenlager nach Sizilien verschleppten, sondern es waren Terroristen, die zum Kern der RAF gehörten. Es war kein fröhliches Sommercamp, sondern ein extrem hartes Leben in einem extrem primitiven Lager.
Auch die Behauptung, es habe keine ernsthaften Pläne von Meinhof und der RAF gegeben, meine Schwester und mich in ein palästinensisches Waisenlager im damaligen Kriegsgebiet auf jordanischem Boden zu verschleppen, entbehrt jeder Grundlage. Meine Schwester und ich sollten 1970, als Meinhof in den Untergrund ging, auch nicht zu einer gewissen Wienke Zitzlaff, der Schwester von Meinhof, um bei dieser zu leben. Wienke Zitzlaff war seit damals eine heftige Sympathisantin Ulrike Meinhofs und der RAF. Ihre Rolle bei dem sogenannten Sorgerechtsstreit war, anders als Ditfurth es darstellt, nicht die der fürsorglichen Tante, vielmehr war sie ein von den Akteuren eingeplanter Teil der ganzen Verschleppungsaktion und wusste Bescheid. Um es klar zu sagen: Ditfurth verbreitet die uralten Täterversionen. Und natürlich wollen die Täter mit ihrer miesen Kinderverschleppung heute nichts mehr zu tun haben.
Ohne jede Nachfrage und gegen meinen Willen bin ich nun also halb als pädophiles Missbrauchsopfer geoutet worden, während die viermonatige terroristische Verschleppung aktiv geleugnet wird. Ich fühle mich von Anja Röhl, Jutta Ditfurth und einigen Medien in eine furchtbare Situation gebracht, weshalb ich mich entschlossen habe, weiteren Spekulationen und Anwürfen hier zuvorzukommen.
Nachdem meine Schwester und ich von Stefan Aust aus der sizilianischen Gefangenschaft befreit worden waren, kehrten wir zurück nach Hamburg und lebten dann bei unserem Vater. Während Ulrike Meinhof die Sache mit dem Terrorismus durchzog, gingen meine Schwester und ich von September 1970 an wieder zur Schule. 1982 machten wir unser Abitur.
Klaus Röhl war nach meiner Wahrnehmung ein anderer Mensch geworden. Hatte er sich früher darauf konzentriert, sich mit Meinhof auseinanderzusetzen, so war er jetzt faktisch ein alleinerziehender Vater mit einem großen Haus in Blankenese, einer politischen Zeitung, die im Zuge der sexuellen Revolution das Thema Sex immer mehr in den Mittelpunkt hob, einem roten Porsche, einem weißen Mercedes und einer sogenannten Geliebten in Köln.
Röhl war damals 42 Jahre alt und machte sich in seiner neuen Rolle als Ex der berühmtesten Terroristin des Landes auf seine Art Luft. Er behauptete zwar, dass ihn das alles nicht tangiere, aber das nehme ich ihm nicht ab. Er machte das, was, glaube ich, seinem Wesen am nächsten kommt und was er in schwierigen Situationen immer gemacht hat: Er inszenierte eine möglichst öffentliche Show. Er vermarktete alles, was nicht niet- und nagelfest war, den Terrorismus seiner Frau, die Verschleppung seiner Kinder (ich hatte ihm alles erzählt), die Jugend und das angebliche Sexleben Ulrike Meinhofs. Er vermarktete seine Seitensprünge, seine und ihre jahrelange Mitgliedschaft in der KPD, seine Kontakte zu ranghohen Genossen in Ost-Berlin.
Er schrieb Meinhof auch noch einen, man muss schon sagen, widerwärtigen Roman, "Die Genossin", ins Gefängnis hinterher, in dem er machohaft von den Sexproblemen seiner Ex erzählte und sich selbst zum Sexriesen stilisierte. Ich glaube, dass das der endgültige Bruch der Linken mit ihrem einstigen Vormann Klaus Röhl war.
Noch einmal betätigte sich Klaus Röhl als Avantgardist. Aus seinem Polit-Magazin "Konkret", der Hauspostille der Apo, machte er mehr und mehr eine Sexpostille, die zwar immer noch politische Beiträge brachte, aber in ihrem Erscheinungsbild eine starke Hinwendung zur sexuellen Revolution erfuhr.
Röhl lebte damals in einer Art Rausch, einerseits. Und andererseits war er einsam und verloren. Er behauptete immer, er sei ein Stehaufmännchen, und das mag zum Teil richtig sein, aber er litt auch darunter, dass ihm die Orientierung abhandengekommen war, die ihm Meinhofs Beton-Kommunismus und die Verankerung in der Hamburger Society gegeben hatten.
In dieser Zeit war im öffentlichen Raum die Tabuisierung des Themas Sex schon lange gefallen. Sexberater hatten Konjunktur, Abtreibung war ein großes Thema, die Pille durchgesetzt. Die ersten Softpornos fanden Verbreitung, Beate Uhse expandierte, und "Konkret" und später Klaus Röhls Zeitung "das da" waren immer dabei. Der "Stern" kam bald kaum noch ohne oben ohne aus. Und auch bis dahin randständige Themen wurden plötzlich enttabuisiert. Auch in den Publikationen von Klaus Röhl tauchte das Thema Sex mit Kindern auf. Es war die Zeit von Kommunen und Sexexperimenten mit Kindern. "Hilfe, meine Tochter ist vier und onaniert noch nicht", so ähnlich hießen die Titelzeilen damals.
Das Wohnzimmer und das ganze Haus von Klaus Röhl waren voll mit Sexheften und Sexbüchern, die er aus seiner Firma mitbrachte. Sex sells, das war das eine, was Klaus Röhl wusste. Und mir scheint, dass er sich auch in seinem persönlichen Leben mit dem Thema der Grenzverschiebungen befasste. Das Erste, an das ich mich nach meiner Rückkehr aus Sizilien erinnere, ist ein vollkommen skurriles Erotikbuch namens "Die Abenteuer der Phoebe Zeit-Geist", ein sadistischer Comic, den mir mein Vater in die Hand drückte. Er setzte mich mit Minirock auf die Fensterbank und fotografierte mich. Ganz bald redete er von der großen Liebesgeschichte zwischen ihm und mir, dass ich die bessere "Ulrike" sei, und ich fand mich, aus meiner Sicht, emotional eigentlich bald in einer Art "Beziehung" mit meinem Vater, quasi als Ehefrauersatz und Trost, was für mich eine unangemessene Last war. Das Ganze bedeutete, dass ich mit acht Jahren seine Vertraute wurde, der er abends die Sorgen aus seiner Firma erzählte und auch von seinen jeweiligen Verknalltheiten.
Klaus Röhl redete plötzlich auch fröhlich und ausgiebig davon, dass er pädophil sei. Meine Frage, was das sei, beantwortete er ganz offen und in jedermanns zufälliger Gegenwart mit den Worten, er liebe nun mal Kinder. Eine Antwort, die mich ratlos zurückließ. Auch das Wort Inzest fiel. Das sei ein gesellschaftliches Tabu, das die Sexualität zwischen Eltern und Kindern verbiete. In Wirklichkeit spreche nichts dagegen, wenn Väter und Töchter sich liebten, das schade der Tochter nicht, im Gegenteil, es sei gut, wenn der Vater der erste Mann sei. Der Vater sei der erste Mann, die erste Liebe, ein Lieblingswort von Klaus Röhl damals war: Väter sind unkündbar.
Und weil es ein öffentliches Abstreiten von Klaus Röhl gibt, widerspreche ich ihm hier: Er nannte Frauen, zumindest wenn er alkoholisiert war, was gelegentlich vorkam, "Nutte" oder "alte Nutte". Er sagte dies über Frauen, die nicht da waren, über die er sich geärgert hatte oder auch gern einfach nur so. Auch zu mir sagte er ziemlich häufig, wenn wir abends vor dem Fernseher saßen, "alte Nutte" oder "Pissgör" oder "Liebling". Es kam auch vor, dass er mich "Ulrike" rief. Unsere Beziehung in den Jahren 1970 bis 1973 nannte er damals und auch Jahre später "eine wunderbare Liebesgeschichte". Die wunderbare Liebesgeschichte endete an manchem Abend mit einem Zungenkuss als Gute-NachtAbschied, und seine Hände blieben später, als ich elf war, nicht mehr zuverlässig in seiner Sphäre, vor allem nicht, wenn er betrunken war. Küsse habe ich da schon erfolgreich abwehren können.
Es gab keine gewalttätigen Übergriffe, aber natürlich Übergriffe, es gab eine Ausnutzung der häuslichen Lebensgemeinschaft zwischen Vater und Kind.
Er wollte oft, dass ich bei ihm übernachte, und ich habe auch bei ihm übernachtet, was mir wegen seiner zur Schau gestellten Leidenschaftlichkeit und wegen seiner Nacktheit missfiel.
Ein unschöner Charakterzug Klaus Röhls offenbarte sich damals, als er Meinhofs Versagen als Mutter ausnutzte und überall gern erzählte, dass ich so liebebedürftig und anhänglich gewesen sei, weshalb er sich besonders um mich habe kümmern müssen. In den Jahren dieser "Liebesgeschichte" bescherte mir die Terrormutter Meinhof beinahe täglich neue Horrormeldungen. Das wusste Klaus Röhl natürlich, aber er hat sich davon in seinem Tun nicht beeinflussen lassen.
Irgendwann, als ich elf Jahre alt war, beschloss ich eines Morgens, nie wieder bei ihm zu übernachten. Der 25. Dezember 1973 war der letzte Morgen, an dem ich aus dem Doppelbett von Klaus Röhl ausstieg. Der erste Eintrag in meinem ersten Tagebuch, das mir mein erster kleiner Freund zu Weihnachten geschenkt hatte, lautet: Ich habe heute wieder bei Papi im Bett geschlafen. Dass mir das unangenehm war und peinlich, erkennt man daran, dass ich das Wort "Bett" wieder durchstrich und "Zimmer" schrieb, dann habe ich das Wort "Zimmer" wieder durchgestrichen und das Wort "Bett" erneut hingeschrieben.
Ich glaube nicht, dass es Röhl zu irgendeinem Zeitpunkt um den Vollzug eines Beischlafes ging, sondern mehr um das "Mittelstück". Dieser Ausdruck war ein geflügeltes Wort zwischen Röhl und seinem Freund Rühmkorf. Das "Mittelstück" war die entfachte Leidenschaft, die Liebe, die Verknalltheit, mit Küssen und ein bisschen Party-Petting vor dem großen sexuellen Urknall.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich diese emotionalen, ansexualisierten Übergriffe nennen soll. Der Ausdruck "Liebesgeschichte" ist unter keinen Umständen meine Diktion. Für mich war das eine Lebenslast. Daran ändert auch nichts, dass er sich selbst den besten Papa der Welt nannte. Ich musste damit jahrelang umgehen, bis 1975 wieder eine Frau, zumindest teilweise, bei uns einzog.
Klaus Röhl bestand auch noch 1991, als ich "die wunderbare Liebesgeschichte" mit ihm thematisierte, schwärmerisch auf diesem Ausdruck und feixte, dass mir die Liebesgeschichte nicht geschadet habe.
Zweifelsfrei hat Klaus Röhl auch sehr positive Impulse in mein Leben gebracht.
Im Sommer 2007 habe ich den Kontakt zu Klaus Röhl abgebrochen. Pädophile Entgleisungen spielten dabei nicht die entscheidende Rolle. Ich stand nie auf der Seite der RAF, aber der Eindruck, den Klaus Röhl stets erweckte, dass ich deswegen auf seiner Seite gestanden hätte, ist auch falsch. Er wusste, dass es um seinen Ruf, ob verdient oder unverdient, nicht immer zum Besten stand, und er hätte mich unter allen Umständen vor Belastungen, die aus seiner Sphäre kamen, als Kind und auch als Erwachsene, bewahren müssen.
Hier möchte ich noch anmerken, dass Meinhof keineswegs, quasi naturgesetzlich, in den Untergrund gehen musste. Sie war nicht gezwungen, Terroristin zu werden.
Klaus Rainer Röhl, 81, hat in einer schriftlichen Stellungnahme alle Vorwürfe abgestritten. "Die mir vorgehaltenen Erzählungen meiner Tochter Bettina über praktizierte Pädophilie vor 40 Jahren sind unwahr oder absichtlich missverständlich formuliert. Wahr daran ist nur, dass ich diese Tochter sehr geliebt habe." Er habe zwar später einmal erklärt: "Na klar bin ich pädophil! Was dachtest du denn?" - dies sei aber ironisch gemeint gewesen. "'Zungenküsse' oder andere als sexuelle Annäherungen zu verstehende Berührungen beruhen auf einer pubertären Phantasie." Außerdem sei "Nacktheit den jeden Sommer auf der Insel Sylt aufgewachsenen Kindern selbstverständlich" gewesen.

Bettina Röhl

ist Publizistin und Buchautorin. 2006 erschien von ihr "So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret" über die Biografien ihrer Eltern und über die Geschichte der Linken in Deutschland bis 1968. Röhl wurde im Mai 1970 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester von Mitgliedern der sich gerade konstituierenden RAF nach Sizilien verschleppt. Ihre Mutter, die Journalistin Ulrike Meinhof, war 1970 Gründungsmitglied der RAF und beging 1976 in Stammheim Selbstmord. Bettina Röhl wuchs nach ihrer Befreiung im September 1970 bei ihrem Vater in Hamburg auf. Klaus Rainer Röhl, der in den sechziger und siebziger Jahren Magazine mit Politik- und Sexgeschichten herausgegeben hatte, trat 1995 in die FDP ein. Röhls Halbschwester Anja bezichtigte vor kurzem in der Illustrierten "Stern" ihren Vater des sexuellen Missbrauchs - nun schildert Bettina Röhl, 47, ihre Erinnerungen.
Von Bettina Röhl

DER SPIEGEL 22/2010
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