31.05.2010

MEDIZIN „Dubios und unwissenschaftlich“

Der deutsche Kinderarzt Ulrich Heininger, 48, Chef der Abteilung für Pädiatrische Infektiologie am Universtitäts-Kinderspital Basel, über langlebige Impf-Mythen
SPIEGEL: Unter Eltern kursiert immer wieder das Gerücht, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) könne frühkindlichen Autismus verursachen. Ist da was dran?
Heininger: Absolut nicht. Der Mythos gründet sich auf eine einzige Studie, die der britische Arzt Andrew Wakefield 1998 im Fachblatt "The Lancet" publiziert hat. In zahllosen Folgestudien konnte der Zusammenhang nie wieder belegt werden. Jetzt hat die britische Ärztekammer gegen Wakefield sogar ein Berufsverbot ausgesprochen. Die Studie ist offenbar unter dubiosen und unwissenschaftlichen Bedingungen entstanden.
SPIEGEL: Und dennoch glauben die Leute solchen Unfug?
Heininger: Manche leider ja. In einigen Ländern ging die Akzeptanz der MMR-Impfungen deutlich zurück, in Deutschland glücklicherweise nicht. Wenn an einem Impfstoff erst mal ein Makel haftet, ist der ganz schwer wieder aus der Welt zu schaffen. In den siebziger Jahren etwa gab es Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen der Keuchhusten-Impfung und schweren Hirnschäden belegen wollten. Auch das konnte nie reproduziert werden; der vermeintliche Zusammenhang war purer Zufall. Dennoch wurde diese Impfung 17 Jahre lang nicht empfohlen - obwohl Keuchhusten für Säuglinge eine durchaus bedrohliche Krankheit ist.
SPIEGEL: Aber Impfungen können doch auch Schaden anrichten?
Heininger: Wie jedes Medikament kann auch ein Impfstoff Nebenwirkungen haben, etwa bei Unverträglichkeiten, bis hin zum allergischen Schock. Das ist aber extrem selten, der Nutzen einer Impfung überwiegt bei weitem. Vielen Eltern ist das nicht klar, weil sie die Krankheiten nicht mehr kennen. Wer heute sein Kind gegen Polio impfen lässt, hat nicht erlebt, welche Verheerungen die Krankheit noch in den sechziger Jahren angerichtet hat.

DER SPIEGEL 22/2010
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