31.05.2010

MEDIZINKloß im Hals

Ein Hamburger Hotelmillionär erstickte an seinem Essen - eine Todesart, die erschreckend häufig ist. Als besonders gefährdet gelten Kleinkinder und Alte.
Im Tode wurde Dieter Bock Opfer jenes schlechten Geschmacks, den das Schicksal mitunter offenbart. In einer Suite des Hamburger Luxushotels Atlantic, dessen Miteigentümer Bock war, erlag er dem volkstümlich so genannten Bockwurstbuden-Tod.
Ein Stück Fleisch war in seiner Luftröhre stecken geblieben, als der Hotelmillionär ein Nachtmahl verzehrte. "Tod durch Aspiration der Atemwege", notierte die Polizei.
Dieser grausige Vorgang ist der jüngste Fall in einer Serie von Attacken, die ihre Opfer stets während des Essens von den Beinen holen. Erst vor wenigen Wochen rang in einem Cottbusser Biergarten ein 58-jähriger Mann nach Luft, ehe er tot über seinem Essen zusammenbrach. Kurz zuvor sorgte das Schicksal eines 52-Jährigen im österreichischen Klagenfurt für Aufsehen. Der Mann hatte sich vor den Augen seiner beiden Töchter tödlich an einem Stück Schweinshaxe verschluckt.
Geht plötzlich der Schlucktod häufiger als früher um?
Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2008 allein in Deutschland 615 Menschen, die aufgrund von "Obstruktion der Atemwege oder Verschlucken von Nahrungsmitteln" gestorben waren - doppelt so viele wie noch zehn Jahre zuvor. Weit höher liegt inzwischen wohl die Zahl jener, die in der ständigen Angst leben, sie könnten dieses Schicksal teilen. Phagophobie nennt sich dieses Leiden.
Doch gerade übergroße Vorsicht am Esstisch kann die Katastrophe erst heraufbeschwören. Entgegen der verbreiteten Schulweisheit steigt nach neuen Erkenntnissen von Rechtsmedizinern vor allem bei Fleischverzehr die Gefahr durch ausdauerndes Kauen. Auch kleinere Brocken schwellen im Mund nach geduldiger Einspeichelung im Volumen deutlich an und bleiben dadurch leichter in den Atemwegen hängen.
Die meisten Betroffenen ersticken allerdings nicht, sondern sterben einen blitzartigen Herztod. Der Kollaps wird ausgelöst, weil die zu einem Kloß gepampte Nahrung gegen das hochempfindliche Nervengeflecht direkt unter der Kehlkopfschleimhaut drückt. Während viele eilige Retter hastig mit den Fingern im Hals der Hilflosen nach Speiseresten pulen, brauchten die Ohnmächtigen eigentlich eine Herzmassage.
Die Tücke der Nahrungsaufnahme bekam 2002 auch George W. Bush zu spüren, der sich, damals noch US-Präsident, während eines gemütlichen Fernsehabends im Weißen Haus an einer Salzbrezel verschluckte. Bush wurde ohnmächtig und schlug mit dem Kopf auf den Fußboden. Dass er den Zwischenfall überlebte, ist angesichts des Risikos solcher Kalamitäten keine Selbstverständlichkeit.
Experten haben drei Gruppen als besonders gefährdet ausgemacht: Kleinkinder schlingen häufig allzu große Bissen hinunter. So starb im vergangenen August der dreijährige Sohn des Schweizer Schriftstellers Martin Suter während des Essens einer Wurst.
Ähnlich betroffen sind Menschen im Greisenalter. Immer wieder, so warnen Ärzte, verheddern sich Speisereste in Zahnprothesen, von wo aus sie schließlich in unerwarteten Momenten in die Luftröhre purzeln. Berühmtester Fall ist die inzwischen verstorbene Königinmutter Großbritanniens, deren Wohlbefinden Anfang der neunziger Jahre ernsthaft in Gefahr geriet, als eine Fischgräte ihren Hals blockierte.
Besonders in den Blick der Mediziner ist inzwischen eine dritte, scheinbar völlig unbeteiligte Gruppe geraten: Erfolgsmenschen im mittleren Alter, die an der Tafel aus dem Tritt geraten, weil sie nicht nur schmausen, sondern nebenher noch mit den Tischnachbarn links und rechts plaudern, SMS verschicken und telefonieren.
2004 war die Hollywood-Schöne Nicole Kidman am Tisch eines New Yorker Szenelokals unerwartet in Luftnot geraten. Die Schauspielerin hatte frittiertes Gemüse zu sich genommen.
Bang fragen sich Zeugen solcher Vorfälle, wie den in solchen Nöten befindlichen Menschen wohl zu helfen sei. Bislang galt der sogenannte Heimlich-Handgriff vielfach als Methode der Wahl. Das von dem US-Arzt Henry Heimlich in den siebziger Jahren entwickelte Manöver sieht vor, von hinten beide Arme um die Taille des nach Luft Ringenden zu schließen. Die eine Hand bildet eine Faust, die von der anderen fest umschlossen wird. Der Helfer drückt mit knappen, kräftigen Bewegungen auf das Zwerchfell des Patienten. Im Idealfall schießt der störende Nahrungsklumpen dann aus der Gurgel des Gepeinigten empor.
Doch inzwischen ist Heimlichs Erfindung in Verruf geraten. Das Internationale Rote Kreuz etwa verzichtet seit kurzem darauf, den Notgriff weiterhin wie seit Jahrzehnten zu empfehlen. Diverse Studien hatten den Nutzen entweder völlig in Frage gestellt oder auf mögliche Komplikationen hingewiesen. Im schlimmsten Fall drohe ein Leberriss.
Derzeit erlebt eine so altbekannte wie simple Hilfeleistung im Würgefall eine unverhoffte Renaissance: einige kräftige Schläge auf den Rücken.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 22/2010
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