23.11.1998

POP

Eine wunderbare Verrückte

Der Popstar Paul McCartney gibt im Interview mit der britischen Rocksängerin Chrissie Hynde Auskunft über die letzten Tage seiner Ehefrau Linda, ihre musikalischen Ambitionen und seine Trauer nach ihrem Krebstod im April dieses Jahres.

Hynde, 47, ist Frontfrau der Rockband The Pretenders ("Brass In Pocket") und arbeitete in den siebziger Jahren als Journalistin für die britische Musikzeitung "New Musical Express". McCartney, 56, veröffentlicht nun postum Linda McCartneys erstes Soloalbum.

Hynde: Paul, wie kam Lindas Soloalbum "Wide Prairie" zustande?

McCartney: Schon Anfang der siebziger Jahre hatte Linda damit begonnen, eigene Songs zu schreiben und aufzunehmen. Doch weil sie sich musikalisch immer in meinem Schatten fühlte, wollte sie eigentlich nie eine eigene Platte herausbringen. Bis ihr vor ein paar Jahren ein Mädchen schrieb und erklärte, wie gut ihr Lindas Song "Seaside Woman" gefalle, den sie vor langer Zeit einmal unter anderem Namen veröffentlicht hatte. Linda entschloß sich, ein eigenes Album einzuspielen.

Hynde: War Linda da schon an Krebs erkrankt?

McCartney: Ja. Auf den langen Fahrten zu ihren Behandlungen in London haben wir für ein paar Songs die fehlenden Texte gedichtet. Wir wollten die Zeit nutzen, anstatt uns Sorgen zu machen. Wir haben viel gelacht und vergessen, warum wir eigentlich im Auto saßen.

Hynde: Wann wurde das Album fertig?

McCartney: Beendet haben wir die Aufnahmen einen Monat vor ihrem Tod - kurz bevor wir nach Arizona gingen, wo Linda im April starb.

Hynde: Und nun ist aus der Platte eine Art Gedenk-Album geworden.

McCartney: Nein. Sie selbst wollte das Album veröffentlichen. Eigentlich wollten wir nach unserer Rückkehr die Platte fertigmischen. Und natürlich hätte sie an meiner Stelle jetzt hier sitzen sollen, um für ihr Soloalbum Werbung zu machen. Ich habe nach ihrem Tod die Songs zusammen mit dem alten Beatles-Toningenieur Geoff Emerick gemischt, der seine Frau ebenfalls durch Krebs verloren hatte. Ganz oft saßen wir heulend am Mischpult, aber es war gleichzeitig auch eine sehr schöne, erhebende Arbeit, weil ich Lindas Geist spüren konnte. Manche Leute haben natürlich sofort gedacht, "Wide Prairies" sei nur eine Tribut-Platte, die wir überstürzt herausbringen. Dabei lag Linda sehr viel an diesem Album und mir auch: Wenn in 20 Jahren jemand in einen Plattenladen geht und nach einer Linda-McCartney-Platte fragt, möchte ich, daß er eine richtige Linda-McCartney-Platte bekommt.

Hynde: Stimmt es, daß Sie beide in den 30 Jahren Ihrer Ehe kaum eine Nacht getrennt verbracht haben?

McCartney: Das hat sich einfach so entwickelt. Ich hatte nie Lust, in irgendeinem noblen Hotel zu übernachten, wenn ich wußte, daß Linda nicht weit weg war. Ich fand es wunderbar, in ihrer Nähe zu sein. Und diese körperliche Nähe vermisse ich jetzt am meisten.

Hynde: Bevor Sie einander kennenlernten, war Linda eine erfolgreiche Fotografin. Wie hat sich die Ehe auf ihre Karriere ausgewirkt?

McCartney: Früher sagte ich immer im Scherz: Ich habe ihre Karriere ruiniert. Inzwischen glaube ich, daß da ein Stück Wahrheit drinsteckt. Was immer sie auch machte, alle dachten nur: "Paul hat es eingefädelt." Aber das stimmt nicht. Egal, ob manche Leute es mögen oder nicht: Sie hat ein großes Werk hinterlassen.

Hynde: Ich habe sie nie ohne Kamera gesehen.

McCartney: Ich nur im Bett. Sie hatte diese langen Finger, diese wunderschönen, langen Finger. Wir hatten uns kennengelernt, als sie die Beatles fotografierte. Ich weiß noch genau, was ich damals dachte: "Mein Gott, wie anmutig sie die Kamera hält!" Ich bin voreingenommen, aber ich glaube wirklich, daß sie zu den besten Fotografen der Welt gehört - neben Leuten wie Henri Cartier-Bresson und Ansel Adams. Ich bin mir sicher, daß man sie mehr und mehr als große Fotografin respektieren wird und nicht nur als Anhängsel von Paul McCartney.

Hynde: Wessen Idee war es, daß Linda bei den Wings singt und Keyboards spielt?

McCartney: Nach dem Ende der Beatles hatte ich Angst, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, weil es ja offensichtlich schwierig war, die Beatles zu übertreffen. Deshalb habe ich sie gefragt, ob es ihr Spaß machen würde, mit mir auf einer Bühne zu stehen. Linda hat die Sache sehr ernst genommen und viel geübt. Und ich war sehr froh, daß sie da war: Wann immer ich mich auf der Bühne umdrehte, war dort ein Freund, ein Kumpel.

Hynde: Wann begann Linda, sich als Tierschützerin zu engagieren?

McCartney: Als Kinder waren wir beide Einzelgänger. Sie hat viele Stunden ihrer Kindheit damit verbracht, unter Steinen nach Salamandern zu suchen, und ich habe am anderen Ende der Welt in Liverpool genau das gleiche gemacht. Irgendwann, das muß mehr als 25 Jahre her sein, wir wohnten längst auf unserer Farm und saßen gerade vor unserem Sonntagsbraten, einer Lammkeule, sagte einer von uns beiden: "Schau dir die wunderschönen Lämmer auf der Wiese an, wie sie dort herumhüpfen - und wir essen jetzt eine dieser Keulen, auf denen sie herumhüpfen. Vielleicht sollten wir einfach aufhören, Fleisch zu essen."

Hynde: Wie schwer fiel Ihnen das?

McCartney: Linda hatte ein großes Talent, dieses Loch auf unserem Teller zu füllen. Sie tüftelte eigene vegetarische Rezepte aus und ließ schließlich sogar in einer Fabrik vegetarische Fertiggerichte produzieren. Sie hat Werbekampagnen gegen das Tragen von Fuchspelzen fotografiert, und wir haben uns in vielen Tierschutzorganisationen engagiert und gespendet, wo immer es nur ging. Eine von Lindas großartigen Eigenschaften war es, daß alles, was sie tat, sinnvoll sein mußte. Es ist ihr zu verdanken, daß es in Großbritannien eine vegetarische Revolution gab.

Hynde: Sie wurden für Ihre Verdienste als Musiker zum Ritter geschlagen, und aus Linda wurde eine Lady. Was hielt sie von ihrem Titel?

McCartney: Sie hatte kein Interesse daran, Lady McCartney zu sein. Sie stammte aus einer Schicht, die man wohl als amerikanische Aristokratie umschreiben kann und mit der sie nie etwas zu tun haben wollte. Sie hat sich trotzdem über den Titel gefreut, weil sie wußte, daß er mir als Briten etwas bedeutet, aber sie fand es nie lustig, wenn ich sie als Lady McCartney ansprach. Vermutlich hatte sie recht damit: Wir haben Premierminister und Adelige kennengelernt, aber ich behaupte, daß die Arbeiter Liverpools intelligenter, unterhaltsamer und ganz bestimmt ehrlicher sind.

Hynde: An welche gemeinsamen Abenteuer erinnern Sie sich besonders gern?

McCartney: Ans Autofahren zum Beispiel. Es machte uns Spaß, einfach loszufahren, und manchmal sagte diese wunderbare Verrückte zu mir: "Versuch mal, dich zu verfahren." Ich sagte dann immer: "Liebling, das ist das letzte, was ich möchte. Wenn ich Auto fahre, will ich ankommen und mich eben nicht verfahren." "Nein, nein", rief sie, "bieg jetzt hier ab und fahr einfach weiter, auch wenn du nicht weißt, wohin die Straße führt." Sie sah Dinge, die ich nie bemerkt hätte. Wir fuhren einmal auf dem Highway von Dallas nach Fort Worth, und da entdeckte sie auf einer Wiese ein Pferd und befahl mir, die nächste Ausfahrt zu nehmen. Es war ein Appaloosa-Hengst, den wir dann kauften und mit nach Großbritannien nahmen.

Hynde: Auch das Reiten war eine Leidenschaft, die Sie miteinander teilten.

McCartney: Sie liebte es, durch die Wüste Arizonas zu reiten. Ich habe mir Sorgen gemacht, wegen der Klapperschlangen. "Das brauchst du nicht", sagte sie. "Klapperschlangen bekommt man nie zu Gesicht und falls doch, greifen sie nie an."

Hynde: Auch Ihre Mutter ist an Brustkrebs gestorben. Wie groß war Ihre Angst, als man bei Linda Brustkrebs diagnostizierte?

McCartney: Ich hatte fürchterliche Angst. Zweieinhalb Jahre lang haben wir alles Erdenkliche versucht, um die Krankheit zu besiegen, und auch nachdem die Lymphknoten angegriffen waren, haben wir versucht, optimistisch zu bleiben. Sie hat alles ausprobiert, auch die merkwürdigsten Wundermittel. Nach den ersten Behandlungsrunden machten wir uns noch so große Hoffnungen. "Wir werden das Kind schon schaukeln", sagte sie.

Hynde: Wann kam der Rückschlag?

McCartney: Als bei einer Mammographie neue Krebszellen in ihrer anderen Brust gefunden wurden. Ach, du Heiliger! Es ging wieder von vorne los. Und weil sie durch die anstehende Chemotherapie wahrscheinlich ihre Haare, diese wunderschönen rotblonden Haare, verlieren würde, beschloß sie, sich die Haare selbst abzuschneiden. Sie sah hinreißend aus mit ihrem Bürstenschnitt. Sie hatte einen wunderschön zarten Knochenbau und einen wunderschönen Hals. Schließlich hat sie sich ihre Haare ganz abrasiert und sah aus wie eine Heilige.

Hynde: Sie haben neue Hoffnung geschöpft?

McCartney: Ja. Wir machten Urlaub, ihre Haare waren nachgewachsen, und dennoch begann sie plötzlich wieder sich schlechter zu fühlen. Der Arzt stellte fest, daß ihre Leber vom Krebs befallen war. Trotz dieses Schocks hofften wir weiter. Die Zuversicht, die sie ausstrahlte, hat zumindest uns geholfen, das alles durchzustehen. Zwei Tage vor ihrem Tod sind wir noch mal ausgeritten. Sie war so schwach, daß ich ihr einen Heuballen neben das Pferd stellen mußte, um ihr beim Aufsteigen zu helfen. Das war immer unsere Horrorvision: nicht mehr reiten können, weil wir zu alt sind. Auf dem Ausritt haben wir dann zum erstenmal eine große Klapperschlange gesehen, die quer auf dem Weg lag. Es war ein Zeichen.

Hynde: Wann ist sie ins Koma gefallen?

McCartney: Am Tag danach. Sie fühlte sich müde, und ich fragte sie, ob sie sich nicht ein wenig an den Pool setzen will. "Ich habe keine Lust", antwortete sie. Eine Stunde später versuchte ich noch einmal, sie aus dem Bett zu kriegen. "Du willst noch ein bißchen im Bett rumgammeln?" fragte ich, und sie antwortete: "Ja". Es war, als ob sie sich selbst gesagt hatte: "Sehen wir zu, daß wir es schnell hinter uns kriegen." Mitten in der Nacht wurde sie unruhig, ich weckte die Krankenschwester. Ich saß an ihrem Bett und begann, mit ihr zu reden, so wie ich es immer gemacht hatte,

* Mit Sohn James, Tochter Stella (2. v. r.).

während sie bei ihren Operationen in der Narkose war: "Du sitzt auf deinem Pferd, es ist ein herrlicher Frühlingstag, wir reiten durch die Wälder, die Glockenblumen blühen, und der Himmel strahlt blau." Dann ist sie gestorben. Morgens um fünf.

Hynde: Wer hat Ihnen in den Tagen und Wochen danach geholfen?

McCartney: Vor allem meine Kinder. Wir haben zusammen geweint, und eigentlich weinen wir noch heute jeden Tag. Ich habe mir einen Therapeuten genommen, weil ich Schuldgefühle hatte. In so einem Moment des Verlustes erinnert man sich plötzlich an Auseinandersetzungen und Momente, in denen man nicht so nett zum anderen war. Eigenartigerweise - das hatte ich nicht erwartet - waren mir auch die vielen Briefe, die ich bekommen habe, eine Hilfe.

Hynde: Was machen Sie jetzt, wenn Sie traurig sind?

McCartney: Am schwersten ist es, wenn ich heute allein ausreite. Aber ich versuche, jeden traurigen Gedanken mit einem glücklichen aufzuwiegen. Ich denke daran, was für ein optimistischer und fröhlicher Mensch Linda war. Wenn ich in Gesprächen mit ihr eine etwas feuchte Aussprache hatte, dann sagte sie immer: "Gibt es zu der Dusche auch ein Handtuch?" Sie war ein glücklicher Mensch, und sie hatte Sinn für Humor. Es würde ihr nicht gefallen, wenn ich trübsinnig bin.

Hynde: Sie wird nicht dasein, wenn Sie 64 sind.

McCartney: Soviel ist sicher: Ohne sie wird es sehr viel weniger Spaß machen.

* Mit Sohn James, Tochter Stella (2. v. r.).

DER SPIEGEL 48/1998
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