07.06.2010

Im Tunnel

Von Berg, Stefan und Fleischhauer, Jan

Mit seinem Rückzug vom Amt des Bundespräsidenten wollte Horst Köhler ein Zeichen setzen gegen die Zumutungen des Berliner Politikbetriebs. Es ist das Ende einer Verzweiflung.

Sein letzter offizieller Termin als Bundespräsident beginnt etwas verspätet. 200 Gäste hat Horst Köhler am vorvergangenen Sonntag für 11 Uhr zu einer "Matinee" ins Schloss Bellevue geladen; ein Buch über Afrika, dessen Herausgeber er ist, soll vorgestellt werden. Ein Radrennen in Berlin blockiert die Straße, aber Köhler ist aufgeräumter Stimmung.

"Seien Sie herzlich willkommen", sagt er und zitiert dann ein Sprichwort aus Kamerun: "Wer Fragen stellt, muss auch akzeptieren, dass er Antworten bekommt." Das Publikum lacht, einige denken sofort an die Kritik, die Köhler gerade wegen eines Interviews zu Afghanistan einstecken musste.

Nach der Lesung steht man noch zusammen. Der Präsident plaudert länger mit dem Botschafter von Burkina Faso, wo er für die kommende Woche zum Staatsbesuch angesagt ist. "See you in your village", ruft Köhler dem Diplomaten zum Abschied fröhlich zu, dann steigt er in seinen Wagen und lässt sich zurück in seine Dienstvilla nach Dahlem fahren.

Das nächste Mal, dass die Öffentlichkeit von ihm hört, ist kaum 24 Stunden später, am Montag, um 14 Uhr. Kurz zuvor hat die Presseabteilung des Bundespräsidialamtes die Hauptstadtjournalisten zu einer Pressekonferenz eingeladen, Thema "Allgemeine Lage". Die Einladung kommt so überraschend, dass viele Korrespondenten gar nicht erreichbar sind, als Köhler, gefolgt von seiner Frau, im Saal Langhans zum Rednerpult eilt.

Drei Minuten dauert der Auftritt, elf Sätze, in denen er "mit sofortiger Wirkung" seinen Verzicht auf das Amt erklärt. "Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen", sagt Köhler, dann sieht er kurz über seine Brille ins Publikum und wendet sich zur Tür. Das Letzte, was man von ihm sieht, sind die Rockschöße seines Jacketts.

So endet die Präsidentschaft des neunten bundesdeutschen Staatsoberhaupts. Nicht nur die Bürger im Lande rätseln seitdem, was den Mann im Schloss getrieben haben mag, auf einen Schlag alles hinzuwerfen. Weggefährten und Mitarbeiter fragen sich, wie es zu dieser Flucht aus der Verantwortung kommen konnte. "Ich bin traurig und ratlos", schrieb danach einer, der ihm lange gedient hatte.

Nichts deutete in den Tagen zuvor auf die Amtsaufgabe hin. Es gab auch für die engste Umgebung keinen Hinweis, keine Andeutung. Noch am Mittwoch vorletzter Woche saß Köhler mit seinem ehemaligen Pressesprecher Martin Kothé und seiner langjährigen Büroleiterin Elisabeth von Uslar im Berliner Restaurant Entrecôte zusammen. Es war ein heiterer, entspannter Abend, man sprach über vergangene Zeiten, aber auch Projekte der zweiten Amtszeit. Am Tag zuvor hatte das Amt gerade den Termin für die nächste "Berliner Rede" bekanntgegeben: 21. Juni, 11 Uhr, im Audimax der Humboldt-Universität.

Der Montag der vergangenen Woche beginnt für die Mitarbeiter im Schloss Bellevue wie immer. Um 9 Uhr trifft sich die Führungsebene des Hauses beim Chef des Präsidialamtes, Staatssekretär Hans-Jürgen Wolff, zur sogenannten Lage. Ein Thema sind die Berichte im SPIEGEL, "Tagesspiegel" und in der "Frankfurter Allgemeinen" vom Wochenende über Köhler, alle im Ton kritisch. Wolff beklagt eine Verfolgung durch die Medien, aber dann wendet man sich der Wochenplanung zu. Um 10 Uhr kommt der erweiterte Leitungsstab zusammen, auch hier ist das beherrschende Thema der Terminplan.

Das erste Zeichen, dass sich Ungewöhnliches anbahnt, ist die überraschende Einberufung einer Pressekonferenz. Mitarbeiter versammeln sich in kleinen Gruppen auf den Fluren des sonst so stillen Amtes. Keiner weiß Genaues, aber alle haben ein schlechtes Gefühl. Einige versuchen, Köhlers Büroleiterin etwas zu entlocken, die ihre letzte Arbeitswoche hat, aber die blockt ab. "Was ist bei euch los?", fragt jemand aus einem anderen Ministerium, der von der Presseeinladung Wind bekommen hat. "Keine Ahnung, ich vermute das Schlimmste", lautet die Antwort.

Für die meisten Kommentatoren ist der Rücktritt das Eingeständnis einer verfehlten Präsidentschaft. Dieser Deutung zufolge hatte Köhler eingesehen, dass er der falsche Mann am falschen Platz war, jemand, der nie richtig angekommen war und bis zum Schluss mit dem Amt fremdelte.

Aber das ist die Deutung von Leuten, die immer fanden, dass er keine gute Figur abgab. Köhler selbst hatte nie Zweifel daran, ein guter Präsident zu sein, das gilt bis zuletzt. Seine herausragenden Umfragewerte waren ihm Beleg und Bestätigung, dass er sein Amt so ausfüllte, wie er sich das vorgenommen hatte: als Bürgerpräsident, unabhängig von der Politik, und notfalls auch gegen sie.

Wer sich gegen die politische Klasse stellt, darf nicht zu empfindlich sein. Das Problem war, dass Köhler die erforderliche Härte nicht besaß, er ist im Gegenteil ein besonders ehrpusseliger Mensch, für den Wörter wie "Respekt" und "Achtung" besondere Bedeutung haben.

Das politische Berlin mit seinen Intrigen, Durchstechereien und Verdrehungen hat Köhler immer verachtet, seine Frau Eva Luise hat es gehasst. Die beiden sprachen zuletzt fast mit Ekel über das Hauptstadtgeschäft, in dem eine unglückliche Formulierung zum Fallstrick werden kann.

Solange er nur die Respektlosigkeit der Politik ertragen musste, war Köhlers Welt intakt, aber als sich mit Beginn der zweiten Amtszeit nach seinem Gefühl auch noch die Presse gegen ihn verschwor, war es mit der Selbstsicherheit vorbei. Köhler war zunehmend ratlos, er rang um ein überwölbendes Thema, das den noch verbleibenden Jahren Rahmen und Sinn hätte geben können: "Schreibt mir etwas auf", bat er seine Mitarbeiter wiederholt fast flehentlich.

Zuletzt erlebten ihn Beobachter oft resigniert. "Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen sagen soll, mir wird ja jeder Satz im Mund umgedreht", begann er ein Hintergrundgespräch bei seiner letzten Reise nach China, "ich dachte, es gäbe noch so etwas wie journalistisches Ethos, aber was soll's." Es folgte ein bitteres Lachen. Zum Schluss fragte ein Reporter, welchen Ausgang der Präsident für das Spiel Bayern München gegen Inter Mailand erwarte. "Horst, jetzt reicht's", sagte seine Frau darauf und legte ihm die Hand aufs Bein.

Alle, die ihn näher kennen, sind dennoch überzeugt, dass Köhler heute noch im Amt wäre, wenn er nicht in kurzer Zeit zwei seiner wichtigsten Vertrauten verloren hätte. Ende September schied erst sein Vertrauter Gert Haller aus, der ihm sein Amt organisiert hatte, im April starb dieser Duzfreund an Krebs. Dann war auch noch Martin Kothé weg, der Mann, der das öffentliche Köhler-Bild mit entworfen und kontrolliert hatte.

An die Stelle von Amtschef Haller rückte der Jurist Hans-Jürgen Wolff, ein kluger, aber allen misstrauender Staatsrechtler, der binnen weniger Wochen das eigentlich offene und leutselige Haus in eine Festung verwandelte. Wolff, der über das Thema "Kriegserklärung und Kriegszustand" promoviert hat, witterte hinter jedem kritischen Wort von außen einen gezielten Angriff auf den Präsidenten.

Alles wurde jetzt zur Kränkung, zum Affront. Als das Kanzleramt einen Brief des Präsidialamtes zum Thema Internetsperrgesetz länger unbeantwortet ließ, galt dies sofort als empörender Vorgang. Als die Kanzlerin bei dem Notgesetz zur Bankenrettung, das binnen einer Woche durch die Instanzen gepeitscht wurde, Köhlers Einverständnis bekanntgab, war dies im Schloss Bellevue ein Beleg für die "Missachtung des Verfassungsorgans".

Von einer "beinah paranoiden Atmosphäre" berichten Beamte aus dem Präsidialamt, die Stimmungsverschlechterung forderte ihren Tribut. Etliche Mitarbeiter der Leitungsebene verließen das Haus, der Protokollchef, der Personalchef, mehrere Referatsleiter, Redenschreiber, zuletzt die Büroleiterin. Einige warnten Köhler vor dem Ehrgeiz seines Staatssekretärs, vergebens. Bald hatte Wolff auch den Zugang der verbliebenen Mitarbeiter zum Präsidenten auf ein Minimum begrenzt, allmählich zog er Köhler in seine düstere Vorstellungswelt.

So kam es, dass der Präsident am Sonntag nur noch einen Menschen hatte, mit dem er sich beraten konnte, seine Frau. Gemeinsam gelangten sie zu dem Entschluss, dass es keinen anderen Ausweg gebe, als ein Zeichen zu setzen gegen die Zumutungen der Berliner Welt. Ein Fanal sollte der Rücktritt sein, ein aufrüttelndes Signal, zu einem respektvollen Umgang mit dem Staatsoberhaupt zurückzukehren. Die Aufgabe des Amtes sollte das Amt retten - eine Logik, die das Ausmaß der Verzweiflung zeigt, die die beiden ergriffen hatte.

Als Köhler am Montagvormittag in sein Amt fährt, steht die Entscheidung unwiderruflich fest. Sein erster Anruf gilt Angela Merkel, aber als die Kanzlerin nicht gleich zu erreichen ist, weil sie in einer Präsidiumssitzung steckt, ruft er den amtierenden Bundesratspräsidenten an, den Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen von der SPD. Damit ist die Nachricht beim politischen Gegner und nicht mehr zurückzuholen.

Nur die engsten Mitarbeiter bekommen ihn noch einmal zu sehen. Am Dienstag ruft er eine Handvoll Beamte zu sich ins Büro, die privaten Dinge sind schon gepackt, und verabschiedet sich mit wenigen Sätzen. Den anderen lässt er über Staatssekretär Wolff "gute Wünsche" ausrichten. Dann ist er weg.


DER SPIEGEL 23/2010
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