07.06.2010

Rickes Reise

Ortstermin: In Berlin hadert der Radioredakteur, dessen Interview Horst Köhlers Rücktritt auslöste, mit seiner Popularität.
Am Morgen haben das ZDF und der Bayerische Rundfunk angerufen. Davor RTL. Der Kollege sprach "RTL" so aus, dass man es kaum verstand. Dafür betonte er sehr deutlich, dass Günther Jauch die Sendung moderiert. Ob Ricke von seinem Interview mit Köhler erzählen könne, dem Köhler-Rücktritts-Interview?
Günther Jauch, dachte Ricke.
Jauch ist ein seriöser Journalist, RTL hat Ricke zwar seit Jahren nicht mehr geschaut, aber zu Jauch kann man mit gutem Gewissen gehen.
Ricke sitzt in seinem Zimmer bei Deutschlandradio Kultur. Ein ruhiges Büro, das er sich mit einem Kollegen teilt. Das Gebäude hat weitläufige, menschenleere Flure, in denen man das Gefühl hat, man müsste hier flüstern. Es liegt an einem kleinen Park, der Fennsee ist nicht weit. Masar-i-Scharif, der Köhler-Rücktritt, die Pressekonferenzen in Mitte, das ganze Getöse, alles weit weg.
Ricke hat Horst Köhler gestürzt, heißt es. Köhler hatte vor zwei Wochen in einem Interview mit Ricke gesagt, dass Deutschland eine Außenhandelsnation sei und "im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren". Das Interview bekommen nicht viele mit, weil Pfingsten ist und weil Deutschlandradio Kultur kein Massenprogramm ist, aber nach und nach kommt ein Beben in Gang.
Die SPD und Grünen toben, die Presse schlägt auf Köhler ein, die Kanzlerin verteidigt den Bundespräsidenten nicht, schließlich tritt Köhler zurück. Alles wegen Ricke.
"Aber bitte, ich habe Köhler doch nicht gestürzt, ich bin ein Nachrichtenredakteur, der für einen öffentlich-rechtlichen Sender arbeitet. Das war doch nicht ich." Ricke hat eine wunderbare Radiostimme. Er spricht langsam, betont die Sätze an der richtigen Stelle, eine Stimme wie ein Enya-Song.
Acht Minuten, zehn Sekunden, so lange hat Ricke mit Köhler gesprochen. Sie saßen in der Regierungsmaschine "Theodor Heuss". Köhler war in Shanghai auf der Weltausstellung gewesen. Auf dem Rückweg legte Köhler einen Zwischenstopp ein. Er wollte Soldaten in Nordafghanistan besuchen. Der Halt war aus Sicherheitsgründen geheim gehalten worden, Ricke erfuhr erst in der Maschine davon.
"Ich hatte ja nie vor, über Afghanistan mit Köhler zu sprechen, ich hatte China vorbereitet, die Lage der Menschenrechte", sagt Ricke. Wäre er bei China geblieben, brauchte Schloss Bellevue jetzt keinen neuen Bewohner.
Ricke hat mittlerweile das Büro verlassen und ist auf dem Weg zum Flughafen. Zu Jauch. Er trägt bequeme Schuhe, ein bügelfreies Hemd in mutigem Pastellgrün, dazu ein Sakko, das deutlich zu weit ist.
Sieben Minuten, 50 Sekunden schickte Ricke nach Berlin zu Deutschlandradio Kultur und zum Schwesterprogramm Deutschlandfunk nach Köln. Er hatte nur die paar "Ähs" rausgenommen, ließ ansonsten alles unverändert. Das hatte er Köhlers Pressesprecher versprochen. Der ist zufrieden. Rund acht Minuten Interview mit Köhler zum Thema Afghanistan. So etwas sendet kein privater Sender. Das macht nur Rickes Sender.
"Das ist unser Kapital. Bei uns kann man auch mal eine Antwort geben, die länger als 30 Sekunden dauert, bei uns darf man einen Gedanken entwickeln, und ich schneide auch nicht Halbsätze raus, damit die Aussage zugespitzt wird. Politiker reden gern mit uns", sagt Ricke.
Vermutlich saßen sich in der "Theodor Heuss" zwei Menschen gegenüber, die ein wenig untypisch für ihre Zunft sind. Ein Bundespräsident, der kein Profipolitiker ist. Den das Volk mag, weil er nicht so abgezockt ist wie die anderen, tapsig manchmal, ein Bundespräsident, den man in den Arm nehmen möchte, wenn er eine Rede fehlerfrei zu Ende gebracht hat. Ihm gegenüber Christopher Ricke. Einst Volontär beim "Donaukurier", später Radio Gong, seit Jahren Deutschlandradio Kultur. Kein News-Junkie, kein Newsroom-Man, kein Plasberg. Ricke fährt zu den Passionsfestspielen nach Oberammergau, geht regelmäßig zum Gottesdienst. Seine Fragen sind niveauvoll, kontrovers, aber er treibt niemanden in die Enge. Rickes Art des Journalismus scheint etwas aus der Zeit gefallen zu sein, sie stammt aus einer Zeit, als die Moderatoren im Radio sagten: "Verehrte Hörer, nun ein Blick auf die Studiouhr, es ist …" Ricke hat kürzlich eine 30-Minuten-Reportage über ein altes, dampfbetriebenes Karussell in München gemacht.
Vermutlich hat sich Köhler sehr wohl gefühlt bei dem Interview. Ricke fragte nach dem Grund seiner Reise, nach der Debatte in Deutschland, ob man sich an gefallene Soldaten gewöhnen müsse. Ricke ließ ihn ausreden, bohrte nicht nach. Köhler konnte seine Gedanken fliegen lassen. Er tappte in eine Falle, die Ricke nie gestellt hatte.
"Ich mag den Bundespräsidenten, und ich bin sicherlich nicht froh darüber, dass man mir zuschreibt, ich hätte ihn gestürzt", sagt Ricke, der gerade am Flughafen Berlin-Tegel angekommen ist. Die junge Redakteurin vom ZDF kommt in die Abflughalle, sie hat das Handy in der Hand und nicht viel Zeit. Er muss jetzt ganz schnell gehen. Rickes Maschine geht in 30 Minuten, und vorher braucht sie ein paar Töne vom Mann, der Köhler gestürzt hat.
"Sind Sie Ricke?", fragt die Frau.
Ricke streicht sich den dunklen Mantel zurecht.
"Ja", sagt Ricke, "leider."
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 23/2010
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