07.06.2010

JUSTIZ„Er schläft mit ihr!“

Seit fast drei Monaten sitzt der Wettermoderator Jörg Kachelmann in U-Haft, weil er seine Freundin vergewaltigt haben soll. Mit der Anklage schien der Fall eine klare Richtung zu nehmen. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass die Staatsanwaltschaft sich vorschnell festgelegt haben könnte.
Polizeidirektion Heidelberg, 30. März, 10.15 Uhr. Die Frau sitzt in einem Vernehmungsraum. Seit kurzem ist sie die bekannteste Unbekannte der Republik. Sie heißt "Simone" - ihr richtiger Vorname, aber nur der zweite, den sie nicht benutzt - und sie ist: das Opfer. Kachelmanns Opfer. Die Frau, die behauptet, dass der TV-Wetteransager Jörg Kachelmann sie in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar in ihrer Wohnung vergewaltigt habe, mit einem Messer am Hals.
Die Video-Vernehmung dauert 91 Minuten, es ist ihre dritte. Das Protokoll vermerkt hinterher, dass die Zeugin sichtlich mitgenommen wirkte, so wie sie weinte, so wie sie zitterte, so wie sie ihre Fingerkuppen immer wieder an den Nägeln wetzte. Aber vielleicht gab es dafür noch eine andere Erklärung, eine andere als das Trauma einer Vergewaltigung: Die Frau hatte sich entschieden nicht die Wahrheit zu sagen. Auf jeden Fall nicht die ganze.
Wieder soll sie alles noch einmal schildern: wie sie ihrem Freund Jörg dahintergekommen war, dass der sie betrogen hatte. Nämlich durch ein anonymes Schreiben, das bei ihr im Briefkasten lag, genau an diesem 8. Februar. Darin die Kopie von zwei alten Flugtickets, ausgestellt auf Kachelmann und eine Frau S., dazu noch eine Notiz "Er schläft mit ihr!". Abends hatte sie Kachelmann deshalb zur Rede gestellt. Und da sei er plötzlich durchgedreht, und dann und dann und dann …
Am Ende fragen die Beamten, ob ihr eigentlich Facebook ein Begriff sei, diese Kontaktbörse im Internet. Ja sicher, Facebook, kenne sie, aber selbst sei sie da nicht. Und der Name Christina? Ob der ihr was sagt? Sie überlegt, nein, höchstens von früher, im Kindergarten war sie mal mit einer Christina befreundet. Und Brandner, der Name Brandner? Nein, sagt ihr überhaupt nichts.
Das hätte er aber müssen: Christina Brandner ist ein Name aus der Vorabendserie "Verbotene Liebe". Unter diesem Namen hatte "Simone" versucht, Frau S. auszuspionieren. Ihre Nebenbuhlerin. Sie hatte ihr geschrieben, über Facebook, sie hatte so getan, als hätte man sich früher mal flüchtig in Kanada kennengelernt. Und weil das alles über Wochen ging, war "Simone" auch nicht erst am 8. Februar auf den Namen der Konkurrentin gestoßen, wie sie in drei Vernehmungen eisern behauptete. Sondern lange vorher.
Deshalb stellt sich in den Ermittlungen nun die Frage, ob an der Geschichte mit dem Brief überhaupt etwas wahr ist. Denn fest steht: Zumindest die Notiz in dem Umschlag, wonach Kachelmann und Frau S. miteinander schliefen, hatte "Simone" sich vor diesem 8. Februar selbst geschrieben. Auf ihrem Laptop. Eine Fälschung also. Das hat sie inzwischen alles zugegeben.
Ein Opfer, das die Polizei belügt, ein Täter, der die Frauen belügt. Fast drei Monate nach der Festnahme des bekanntesten deutschen Wettermanns stellt sich der Fall Kachelmann damit nun auch in der Öffentlichkeit als das heraus, was er in der strafrechtlichen Aufarbeitung immer schon war: komplex und undurchsichtig. Es ist also wie so oft, wenn es eine Vergewaltigung in einer Beziehung gegeben haben soll - nur dass die Suche nach der Wahrheit für das zuständige Landgericht Mannheim diesmal noch schwieriger sein wird. Nicht wer gelogen hat, ist die Frage, sondern wer jetzt weiterlügt.
So werden die Richter auf ein Verfahren blicken, in dem beide Seiten ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt haben: zuerst Kachelmann, der schwört, dass er unschuldig ist, der aber, wie mehrere Ex-Freundinnen ausgesagt haben, äußerst geübt darin ist, anderen etwas vorzumachen. All diesen durchaus intelligenten Partnerinnen nämlich, die dachten, sie seien die Frau seines Lebens, die einzige Frau in seinem Leben. Spätestens seit vergangenem Mittwoch ist nun aber auch die Glaubhaftigkeit von "Simones" Aussage in einer Art erschüttert, dass dies nun zu einer Wende für das ganze Verfahren führen kann. Denn bei der Begutachtung des Opfers ist die Bremer Psychologieprofessorin Luise Greuel zu dem Schluss gekommen, dass "Simones" Darstellung nicht belastbar sei.
In einer Vorabmeldung hatte Greuel das der Staatsanwaltschaft Mannheim schon eine Woche früher mitgeteilt. Die Aussagen seien mit zu vielen Mängeln behaftet, als dass sich die geschilderten Erlebnisse einer Vergewaltigung belegen ließen - jedenfalls nicht mit der vor Gericht erforderlichen Zuverlässigkeit. Weil Greuel ihr Gutachten nicht für die Verteidigung, sondern im Auftrag der Anklagebehörde erstellte, hatten alle Seiten dem Ergebnis von vornherein erhebliche Bedeutung zugemessen.
Wer also ist Täter, wer Opfer? Ist der Täter kein Täter, sondern ein Opfer des Opfers? Oder war es am Ende trotzdem eine Vergewaltigung, sind die Zweifel daran also eine neue, vielleicht noch schlimmere Verletzung? Schließlich beruft sich die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage auch auf DNA-Spuren. Und selbst wenn eine Vergewaltigung am Ende nicht beweisbar wäre, so bedeutet das nicht, dass es nicht doch dazu gekommen sein kann.
Eines allerdings steht fest: Es ist nun nicht mehr diese einfache Geschichte. Die perfekte Geschichte für den Boulevard, schwarz, weiß, gut, böse, sehr böse. Denn welche Story könnte auf dem Boulevard größer sein als die vom Aufsteiger, der von ganz oben abstürzt? Vom netten Herrn Kachelmann, den jeder kennt? Der aber offenbar doch ganz anders war.
Es ist so wie in den englischen Krimis, in denen der harmlos wirkende Gärtner der perfekte Mörder war. Im TV-Zeitalter gibt nun der Wettermann den perfekten Täter: der Gute, der ein Böser ist.
Jörg Kachelmann hat dafür selbst die Vorlage geliefert. Mit seiner Firma Meteomedia hat er in der ARD das Wetter zum Drama gemacht, aus einem Ergebnis ein Ereignis - ein bisschen Unwetter drohte doch fast immer irgendwo. Er war ein Wetterpopulist, weil er so sprach, wie die Leute über das Wetter sprechen, am Gartenzaun oder in der U-Bahn. Und er war populär, weil er jedem Zuschauer das Gefühl gab, was immer auch kommt, von oben, von der Seite oder vom Tief über Island, Kachelmann war bei ihm. Kachelmann, der Kumpel, der einen in diesem Schlamassel nicht allein ließ. So wurde er zum Star, zum Kult, zur Marke.
Das erklärt nun die öffentliche Erregung. Natürlich ist Jörg Kachelmann nicht weiter bedeutend, nur ein ordentlicher Wetterexperte, der im Fernsehen die Hochs und Tiefs aufsagt. Aber weil für einen großen Teil der Bundesbürger wichtiger ist, was in den zwei Kachelmann-Minuten vor der "Tagesschau" gesagt wurde als in den 15 Minuten in der "Tagesschau", wird Kachelmann nun selbst zum Dramastoff. Will fast jeder wissen, was wirklich passiert ist. Und es entweder schon immer gewusst haben - der Kachelmann also - oder aber besser wissen; gleich nach der Verhaftung meldeten sich im Internet die ersten Unterstützer für ihn.
Das Fernsehvolk sitzt zu Gericht. Schuldig ist hier allerdings schon, wer sich verdächtig macht, unschuldig nur der, der seine Unschuld beweisen kann. Denn in diesem Fernsehvolk-Gericht gilt die Schuld-, nicht die Unschuldsvermutung, und das nun für beide, Jörg Kachelmann und die Frau. Ohne einen Freispruch erster Klasse, wegen erwiesener Unschuld, wird er wohl nie wieder auftreten können. Und vielleicht nicht mal dann, wegen dieser vielen Frauengeschichten. Umgekehrt wird auch die Frau nur dann zurückfinden in ein normales Leben, wenn kein Verdacht mehr an ihr hängt, sie könnte die Vergewaltigung nur vorgetäuscht haben, um sich an ihm zu rächen.
Es geht also um Existenzen. Gerade deshalb muss sich das Landgericht im weiteren Verfahren auch mit der Frage befassen, ob Polizisten und Staatsanwälte ruhig genug ermittelt haben, gründlich genug, umfassend genug. Oder ob sich die Fahnder, wie ihnen das Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock vorwirft, von den Erwartungen der Öffentlichkeit mitreißen ließen, vom eigenen Jagdeifer, auch auf die Gefahr hin, dass Kachelmann unnötig vorverurteilt würde.
Darauf gibt es nach Aktenlage einige Hinweise: Da wurde beschleunigt, wo man besser abgewartet hätte, da wurde schon abgehakt, wo man besser noch mal eingehakt hätte, da wurde bereits gewertet, wo man besser weiter ausgewertet hätte. So wird der Fall Kachelmann, egal wie er ausgeht, schon jetzt zum Lehrbeispiel für den Umgang mit Prominenz und Öffentlichkeit in Strafverfahren.
Das Verhältnis zwischen Kachelmann und "Simone" begann am 11. September 1998, mit einem Interview. Kachelmann hatte damals schon ein Fernsehgesicht, seit vier Jahren moderierte er das Wetter vor der "Tagesschau". Der Sohn eines Eisenbahners hatte es geschafft: Denn Kachelmann hatte mit seiner Firma erfolgreich den Deutschen Wetterdienst angegriffen, eine Behörde, eine Institution, staatstragend, scheinbar unantastbar, aber auch ziemlich verkrustet. Kachelmann, der Autodidakt aus der Schweiz, scherte sich nicht um deutsche Institutionen, und wenn er auch nicht besser aussah als der geschniegelte Herr Wesp von der Konkurrenz, sah er dafür schon mal besser voraus, etwa mit Hilfe ausländischer Wetterdienste.
Das Interview an jenem Tag im September 1998 muss ziemlich belanglos gewesen sein. Mit Radio Sunshine aus Schwetzingen, einem badischen Lokalsender, der schon so heißt wie das Wetter, das Kachelmann am wenigstens interessiert: immer nur sonnig. Das Spannendste für Kachelmann, damals 40, war die Frau, die ihm die Fragen stellte. Frisch beim Sender, gutaussehend, 15 Jahre jünger. "Simone".
Beim Abschied nahm er ihre Hand, hielt sie lange. Und mag Kachelmann heute auch behaupten, sie habe ihm ihre Visitenkarte doch geradezu aufgedrängt, dann muss das nicht bedeuten, dass ihm das unangenehm gewesen wäre. Fremde Frauen in Minuten mit seinem Beschützercharme zu überwältigen, die Visitenkarte zu tauschen als das unausgesprochene Versprechen auf ein Später-mehr, das gehörte zu seinem Flirtmuster.
Vier Tage nach dem Interview, so erinnert sich "Simone" in einer Vernehmung, rief Kachelmann sie tatsächlich an. Schon am folgenden Wochenende kam er zu ihr. Und dann immer wieder. Zehn- bis zwölfmal im Jahr, schätzt Kachelmann, manchmal mehrfach im Monat, manchmal auch monatelang nicht. In verschiedenen Hotels, sagt sie, oft aber auch in ihrer Wohnung in Schwetzingen. Und diese Stunden in "Simones" Wohnung liefen immer gleich ab: zuerst ins Schlafzimmer. Hinterher gemütliches Essen auf der Couch im Wohnzimmer, vor dem Fernseher, denn zum Ritual gehörte, dass "Simone" vorgekocht hatte.
Die einzige Abwechslung bei solchen Treffen, so erfuhren die Ermittler, bestand darin, dass erst das Essen, dann die Liebe kam, aber das eher selten. In Chats sprachen beide schon mal von ihrer "Hauptaufgabe". Damit sei Sex gemeint gewesen, erklärte das "Simone" später in einer Vernehmung.
Es war deshalb, da lassen ihre Aussagen auch für die Ermittler wenig Zweifel aufkommen, vor allem ein erotisches Verhältnis. Eine Beziehung, in der sich zwei Menschen einig sind, dass beim Verkehr nichts verkehrt sein kann, so lange beide mit allem einverstanden sind. Ein Verhältnis, das sich so seine Spannung erhielt, über elf Jahre. Aber es war kein Zusammenleben.
Als "Simone" nach der Nacht, in der es zu Ende ging, alles wegwarf, was sie an Kachelmann erinnerte, gab es da nur das Foto von ihm am Kühlschrank, außerdem ein Polo-Shirt, das sie ihm mal gekauft, das er aber nie angezogen hat-te. Sonst nichts. Nicht mal eine Zahnbürste.
Trotzdem, erklärte sie den Ermittlern, sei da mehr gewesen, zumindest für sie: die Liebe ihres Lebens. Und er? Er habe ihr das Gleiche vorgeschwärmt. Sogar von Kindern habe er gesprochen, immer wieder. Nein, die gemeinsame Perspektive sei nie ein konkretes Thema gewesen, bestritt das Kachelmann vor dem Haftrichter. Doch dagegen spricht, was er ihr am 8. November 2006 in einem Chat geschrieben hatte: dass er versuchen wolle, ihr ein Kind zu machen. Oder am 17. November 2008: die Frage, ob sie überallhin mit ihm mitkommen würde. Oder am 14. Juli 2008, als es wieder um Kinder ging: Die Uhr ticke.
In Wahrheit verbrachte er kaum Zeit mit ihr. Nur einmal flogen sie zusammen eine Woche weg, nach Oklahoma. Allerdings sei das eher ein Frusterlebnis gewesen, sagte Kachelmann dem Haftrichter. Deshalb habe es auch sonst keine Urlaube oder kompletten Wochenenden zu zweit gegeben. Kein gemeinsames Weihnachten. Auch sein Haus im Schwarzwald, in Herrenschwand, habe er ihr nie als Heim für eine gemeinsame Zukunft ausgemalt.
Sie sich aber. Sie träumte von einem Leben mit ihm, das haben die Ermittler sogar schriftlich, aus ihrem Chat-Verkehr Anfang 2010: "Simone" versprach darin Kachelmann, eine gute Haus- und Ehefrau zu sein, die auf ihren Liebsten wartet, in jenem Schwarzwald-Haus. Sie versprach, ihm wenigstens ein Kind zu schenken, auch ohne Hochzeit. Sie versprach ihm die Erfüllung seiner erotischen Wünsche, auf dass er ihre Hoffnungen erfülle. Kachelmann nahm ihr diese Hoffnungen nie. Er müsse sie nachträglich um Verzeihung bitten, sagte Kachelmann jetzt aus, er habe ihr sicher nicht klargemacht, dass er keine weitere Perspektive für sie sehe.
Schon gar nicht sagte er "Simone", dass er sie mit ihrer Hoffnung betrog - indem er sie mit anderen Frauen betrog. Er sei nicht treu gewesen, habe nebenher noch mehrere feste Beziehungen gehabt, ja, von der gleichen Art, und auch nicht nur nacheinander, gab Kachelmann in der Vernehmung zu. Also mindestens drei gleichzeitig.
Die Ermittler haben sich inzwischen ein Bild von den multiplen Beziehungen des Jörg Kachelmann gemacht. Die wichtigste war jene mit einer Wirtschaftsprüferin, die in Kanada lebt. Die Beziehung begann 1995, drei Jahre vor "Simone". Kachelmann heiratete die Frau im August 2004 - da war er schon sechs Jahre mit "Simone" liiert und sollte es noch weitere fünf Jahre bleiben; die Trennung kam im Mai 2006. Anschließend lieferten sie sich einen Rosenkrieg, auch um ihre beiden Kinder, der 2009 mit der Scheidung endete. Seitdem allerdings leben beide in einem freundschaftlichen Verhältnis.
Um einzuschätzen, wie Kachelmann mit Frauen umging, fragten die Ermittler auch bei jener Frau S. nach, der "Simone" unter dem falschen Namen Christina Brandner hinterherspioniert hatte. Start der Verbindung: im März oder April 2004, Dauer: bis zur Festnahme von Kachelmann, mit einer Unterbrechung von Dezember 2004 bis Februar 2007.
Außerdem auf der Liste: eine Sekretärin aus dem Saarland (November 2005 bis Juni 2006), eine Meteorologin (Februar 2005 bis Juli 2006) und eine Studentin, die er im Januar 2009 kennengelernt hatte. Sie holte ihn ab, als er am 20. März von seinem Moderatorenjob bei den Olympischen Spielen in Kanada zurückkam und am Frankfurter Flughafen festgenommen wurde.
Er habe Bestätigung gesucht, und diese Suche nach Bestätigung sei sicher etwas vielfältiger ausgefallen, versuchte Kachelmann dem Haftrichter sein Leben mit mehreren Frauen gleichzeitig zu erklären. Ein Leben in Parallelwelten, denn fast alle Frauen durften von einer zweiten, dritten, vierten nichts wissen. Auch ihnen, so haben es zumindest die meisten in den vergangenen Wochen der Polizei erzählt, soll er wie "Simone" eine gemeinsame Zukunft versprochen haben. Mit Ehe, Kindern, einem Altwerden zu zweit.
Damit ihm dieses vollsynchronisierte Liebesleben nicht entglitt, steuerte er seine Frauen vollelektronisch. Verabredete sich per E-Mail, Chat, Skype. Legte sich für jede Beziehung einen eigenen Kommunikationskanal zu und dachte sich - Aufmerksamkeit oder Gedankenstütze - bei der Sekretärin im Saarland zum Beispiel den Skype-Namen "amateurdelananasarroise" aus - Französisch für "der Liebhaber der Saarland-Mieze".
Elektronisch war Kachelmann omnipräsent. Allein die Chat-Protokolle zwischen ihm und "Simone" aus knapp vier Jahren füllen 1400 Seiten, kaum ein Tag ohne Kontakt. Der letzte Chat mit ihr datiert deshalb auch vom 8. Februar. Vom letzten Tag, an dem Kachelmann ihr den treuen Lebensgefährten vorspielte. Aber war das auch der Tag einer Vergewaltigung? Das eine mag mies sein, unfair, gemein. Aber nicht strafbar. Das andere bedeutet mindestens fünf Jahre Gefängnis, eine besonders schwere Vergewaltigung, mit einem Messer. Das andere ist ein Verbrechen, und beides wird das Landgericht nun sauber trennen müssen. Schuldig? Es wird nicht um die Moral gehen, nur um das Strafrecht, und deshalb sind sie für die Richter nun so entscheidend: die zwei Versionen jenes Tages.
Gegen 16 Uhr meldet sich "Simone" bei Kachelmann, per Chat, mit einem Juhuuuuu. Ob alles im Plan sei, fragt sie, für das Treffen am Abend bei ihr. So weit ja, antwortet Kachelmann, der noch bei Meteomedia in der Schweiz im Büro sitzt. Gut, bei ihr auch, antwortet "Simone". Alles im Plan also, nur dass ihr Plan schon ein anderer ist als der von Kachelmann. Sie will ihn an diesem Abend zur Rede stellen. Wegen einer anderen Frau. Dass es dazu später gekommen ist, gilt als unstrittig.
Kachelmanns Version, die er am 24. März in seiner einzigen Aussage dem Haftrichter vorgetragen hat, geht nun so: Abends um elf kommt er in Schwetzingen an, er klingelt, geht die Treppe in den dritten Stock hoch, die Tür ist nur angelehnt, das übliche Verfahren, wie er das nennt, und "Simone" erwartet ihn bereits. Es kommt sofort zum Sex, zu einvernehmlichem Sex, das betont Kachelmann immer wieder, nur eines findet er ungewöhnlich: dass "Simone" ihn dabei zwei-, dreimal fragt, ob er sie überhaupt liebe. Dann essen sie auf der Couch - Penne Bolognese -, nippen am Wein - Pinot Grigio -, und als sie fertig sind, zeigt ihm "Simone" das Kuvert mit den Flugtickets von ihm und Frau S. aus dem Jahr 2008. Ein Rückflug aus Kanada in derselben Maschine. Sie will wissen, ob da was zwischen ihnen gelaufen sei.
Er gibt zu, dass er mit Frau S. zusammen war, es geht eine halbe Stunde hin und her, sie sagt, dass es damit für sie zu Ende sei, kein Vertrauen mehr. Sie weinen, sie schweigen, er geht. Fährt ins Holiday Inn nach Mörfelden, nah am Frankfurter Flughafen, am nächsten Tag fliegt er als Wetterexperte zu den Olympischen Spielen nach Kanada. So weit die Kachelmann-Version.
Das Messer habe er gar nicht in der Hand gehabt, sagte er aus, dann schränkte er ein, er könne sich auf jeden Fall nicht daran erinnern. Aber bei allem, was ihm heilig sei: Er habe sie nicht vergewaltigt, darauf will er schwören. Und als er in jener Nacht gegangen sei, sei sie auch nicht verletzt gewesen. Wenn, dann müsse sie sich die Verletzungen selbst beigebracht haben.
Dagegen steht für die Richter nun die andere Version, die von "Simone", die Summe ihrer Angaben aus den ersten drei Vernehmungen. Diese Version beginnt früher, schon am Nachmittag des 8. Februar: Nach dem Chat mit Kachelmann geht sie in die Stadt, kauft ein, als sie zurückkommt, guckt sie in ihren Briefkasten, da liegt ein Brief. Nimmt ihn mit nach oben, macht ihn auf, so gegen 17 Uhr, schätzungsweise, sie schaut nicht auf die Uhr. Darin: die Tickets, das Schreiben - "Er schläft mit ihr!". Sie googelt den Namen der Frau, will mehr über sie wissen.
Abends um 23 Uhr: Kachelmann klingelt, sie macht auf, sie küssen sich, aber dabei bleibt es, kein Sex. Er ist später dran als erwartet, deshalb essen sie erst mal. Danach nimmt sie all ihren Mut zusammen, zeigt ihm die Tickets, den Brief, fragt ihn, ob das stimme, ob er was habe mit dieser Frau. Er leugnet, spricht von gefälschten Tickets, bettelt um Zeit, nur 24 Stunden, damit er das bei der Lufthansa klären kann, aber sie bleibt hart. Sagt, wenn es vorbei sei mit der Frau, könne sie damit leben.
Er schweigt, schließlich das Geständnis: dass er mit dieser Frau etwas hatte und dass diese Frau S. nicht mal die Einzige war. Dass sich bei ihm manchmal ein Schalter umlegt und er sich dann Frauen nimmt, um ihnen ein paar Wochen oder Monate etwas vorzuspielen, sie zu benutzen. Nur bei ihr sei das etwas anderes. Auf ihre Fragen - mehr als fünf Frauen?, mehr als zehn? - antwortet er nicht, sie begreift: Es waren viele. Sie sagt, er solle sofort gehen. Er aber bleibt sitzen, starrt sie an, sein Blick verändert sich, in den Augen nur noch Hass.
Und dann - auch das immer noch die Darstellung von "Simone" gegenüber den Ermittlern - kommt es zur Vergewaltigung. Er geht in die Küche, nimmt ein schwarzes Tomatenmesser, das gespült in einem Abtropfkorb steht, sie hinter ihm. Er packt sie an den Haaren, zieht den Kopf nach hinten, drückt ihr das Messer an den Hals, sagt, sie solle die Klappe halten, oder sie sei tot. Sie denkt, dass er sie tatsächlich umbringt, ist so geschockt, dass sie sich kaum wehrt. Er wirft sie aufs Bett, sofort wieder das Messer an den Hals, er kniet auf ihren Oberschenkeln, kurz danach dringt er in sie ein. Als es vorbei ist, geht er ins Badezimmer, dann verlässt er sie mit den Worten, er werde sie töten, wenn sie einer Menschenseele etwas sage.
Hinterher steht sie völlig neben sich. Räumt das Geschirr vom Wohnzimmer in die Küche, fängt an zu staubsaugen, obwohl sie das nachmittags schon getan hat, sortiert die CDs, die auf der Stereoanlage liegen, in den CD-Ständer ein, alphabetisch, hört mittendrin auf, spült die Pfanne ab. Hebt das Messer auf, das im Schlafzimmer auf dem Boden liegt, legt es woanders wieder ab. Irgendwann in der Nacht beschließt sie, Kachelmann anzuzeigen. Damit endet die Version "Simone".
Frühmorgens sitzt sie bei ihren Eltern im Wohnzimmer, bis sie wach werden, erzählt von der Vergewaltigung. Um 8.11 Uhr wählt ihr Vater die 110, meldet sich, gibt ihr den Hörer weiter. Sie sagt, dass es eine Vergewaltigung gegeben habe, in ihrer Wohnung, der Täter: ihr Freund. Und was ist jetzt mit dem Freund?, fragt der Polizist. Der sei weg. Definitiv.
Zwei Versionen. Eine muss falsch sein, aber keine richtig. Zumindest nicht in allen Teilen. Vielleicht ist ein Teil richtig, der andere falsch, in der Hoffnung, dass der wahre Teil dann glaubwürdiger wirkt. Nur das Landgericht Mannheim wird am Ende entscheiden, was stimmen kann, was nicht. Ob es die Anklage zulässt, ob es Kachelmann verurteilt.
Bis dahin gilt im Verfahren auch nicht der Satz, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Denn diese eine Lüge kann auch aus der Not eines Opfers geboren sein. Andererseits wird das Gericht natürlich nicht um die Aufklärung herumkommen, wie weit die Lüge reicht, die Fähigkeit zum Fake. Sagt "Simone" wenigstens im Kern die Wahrheit?
Es gibt einige Untersuchungen, die sich mit vorgetäuschten Vergewaltigungen beschäftigen, und die Statistiken sprechen im Fall Kachelmann für die Opferseite. Schon in den achtziger Jahren kam eine Hamburger Studie zu dem Ergebnis, dass nur 6,1 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungen in Wahrheit gar keine waren, andere Untersuchungen kommen auf höchstens 20 Prozent. Gut drei Viertel der Falschmelderinnen waren laut einer Auswertung bayerischer Fälle unter 30 Jahre alt, vier Fünftel hatten höchstens die Hauptschule geschafft, mehr als die Hälfte kamen auf wenigstens zwei Einträge in ihrer Kriminalakte - auf "Simone", 37, Studium, unbescholten, trifft nichts davon zu.
Ihre Eltern beschreiben sie als starke Schülerin, sehr gewissenhaft, zielstrebig und eine erstklassige Sportlerin. Trotzdem scheu. Fix und fertig sei ihre Tochter, sagten sie der Polizei, und das Schlimmste, was sie sich vorstellen könne, sei doch, dass jetzt alles an die Öffentlichkeit komme. Umso mehr habe sie sich überwinden müssen, die Polizei einzuschalten, aber das sei ihre Entscheidung gewesen, ganz allein ihre.
Das alles spricht für die Version von "Simone". Auch dass Kachelmann ein mögliches Motiv hatte: die Kränkung durch den Rauswurf; außerdem musste er fürchten, dass "Simone" auch Frau S. warnt und noch ein Lügengebäude zusammenbricht. Doch gegen "Simone" sprechen nun ihre eigenen Lügen. Mehr noch: die Art und Weise, wie hartnäckig sie log.
20. April, die vierte Vernehmung, auch der Staatsanwaltschaft ist inzwischen klar, hier stimmt etwas nicht. Auf Drängen der Verteidigung hat sie den Laptop von "Simone" ausgewertet und festgestellt, dass sie schon ein Jahr vorher den Namen von Frau S. gegoogelt hatte, ihrer Nebenbuhlerin. Frage des Vernehmers: ob sie vielleicht doch nicht immer die Wahrheit gesagt habe. Längeres Schweigen. Rückfrage "Simone": Vielleicht, als es darum ging, wann sie im Internet zum ersten Mal nach Frau S. gesucht habe? Dann gibt sie zu: Nicht erst am 8. Februar, wie bisher immer behauptet, sondern schon viel früher. Ja, sie habe das nicht erzählt, aus Angst, dass jeder sonst gedacht hätte, sie habe doch alles von langer Hand geplant.
In Wahrheit, so korrigiert sie sich jetzt, habe sie schon vor einem halben oder Dreivierteljahr einen Anruf bekommen, anonym, von einem Mann, der gefragt habe, ob er mit der Frau S. spreche, mit der Kachelmann nach Kanada geflogen sei. Frau S. - das habe ihr überhaupt nichts gesagt. Der Anrufer habe aufgelegt. Sie aber habe sich den Namen notiert, Monate später mal im Internet nachgeschaut, Frau S. bei Facebook gefunden und Kontakt mit ihr aufgenommen. Unter falschem Namen. Christina Brandner. Aber erst am 8. Februar sei dann dieser Brief gekommen. Mit den Tickets von Kachelmann und Frau S. Mit dem Zettel: "Er schläft mit ihr!"
Der Vernehmer wird jetzt streng. Ihr müsse klar sein, wenn das wieder nicht stimme, komme sie in Teufels Küche. Aber es stimmt doch, antwortet sie trotzig. Wann genau also kam der Brief? Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags, sagt sie. Nun wird sie vom Vernehmer belehrt, sehr eindringlich belehrt, aber sie bleibt dabei: erst am 8. Februar 2010. Es sei so gewesen, wie sie es gesagt habe, wirklich. Dann wird die Vernehmung unterbrochen.
Nach zwanzig Minuten Pause heißt es im Protokoll, die Zeugin wolle noch etwas hinzufügen. Sie habe auch die kopierten Tickets schon Monate vorher im Briefkasten gefunden, nicht erst am Tag der angeblichen Tat. Den Text auf dem Zettel habe sie später selbst getippt, wahrscheinlich zu Hause, dann auf einen USB-Stick gezogen und bei Radio Sunshine ausgedruckt. Sie habe doch nur wissen wollen, was Kachelmann dazu zu sagen habe. Was aus ihrer Beziehung werde. Sie habe ihn doch nicht verlieren wollen. Sie weint, sie zittert, sie hat also schon wieder gelogen, aber die Ermittler haken nicht weiter nach, brechen die Vernehmung ab.
Natürlich muss das für das Gericht nicht heißen, dass nun alles erlogen ist. Dass Kachelmann nur das Opfer einer verlassenen, verzweifelten Geliebten ist. Doch nicht nur für die Verteidigung, auch für die von der Staatsanwaltschaft beauftragte Gutachterin Greuel, sind das zumindest Hinweise, dass die Frau durchaus fähig ist, einen Sachverhalt zu erfinden, zu konstruieren, abzusichern.
Und es sind nicht die einzigen Hinweise, die den Ermittlern vorliegen. Allein schon, wie sie versuchte, sich über Facebook in das Vertrauen ihrer Konkurrentin, Frau S., einzuschleichen: Am 10. Dezember 2009 hatte sich "Simone" erstmals bei ihr gemeldet. Sie hätten sich doch 2008 in Kanada mal kennengelernt, log sie; sie erfand einen "Frank", mit dem sie, "Simone", damals zusammen gewesen sei, leider habe man sich getrennt. Wie es denn ihr und Kachelmann so gehe?
Frau S. konnte sich nicht erinnern, natürlich nicht, also schickte "Simone" ihr sogar ein Foto von sich - aber wieder keine Erinnerung bei Frau S., woher auch. Dann im Januar fabulierte "Simone" weiter, nun bösartiger: Warum ihr Frau S. denn nicht gesagt habe, dass zwischen ihr und Kachelmann Schluss sei? Ein Freund habe Jörg kürzlich erst mit einer Neuen gesehen. Liebe Grüße, und schade, dass es bei ihnen nicht geklappt habe. Frau S. schrieb empört zurück, woher sie das denn habe; sie sei immer noch mit Kachelmann zusammen. Danach brach "Simone" den Kontakt ab.
Das alles mag im Verfahren nun viel über die Glaubwürdigkeit von "Simone" sagen und trotzdem nicht entscheidend sein für die Frage: Vergewaltigung oder nicht? Eines jedoch bedeutet das sicher: dass die Staatsanwaltschaft Mannheim in höchstem Maße vorsichtig und umsichtig hätte vorgehen müssen, bevor sie die Anklage zustellte, an jenem 19. Mai, als die Öffentlichkeit den Eindruck gewinnen musste, dass Kachelmann wahrscheinlich schuldig war. Das nämlich ist die Voraussetzung für eine Anklage: mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verurteilung.
Doch genau diese Vor- und Umsicht hat die Anklagebehörde aus Sicht von Kachelmann-Verteidiger Birkenstock vermissen lassen. Besonders als es darum ging, die Aussagen ihrer wichtigsten Zeugin auf ihre Glaubhaftigkeit zu überprüfen.
Zunächst wollte es der junge Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge den späteren Richtern überlassen, einen Gutachter zu bestellen, für den Prozess. Das kann man durchaus so tun, es entspricht sogar der üblichen Praxis. Aber sollte man so verfahren, wenn die wichtigste Zeugin schon durch Unwahrheiten aufgefallen ist? Für Oltrogge offenbar kein Problem. Unter Rechtsanwälten, die mit ihm zu tun hatten, gilt er zwar als eher vorsichtiger Charakter. Wenn er sich aber erst mal in etwas verbissen habe, könne er nur schwer wieder loslassen.
Kachelmann ist sicherlich der größte Fall seiner Karriere, in Oltrogges Anklageschrift heißt es recht nonchalant, die Staatsanwaltschaft selbst müsse die Belastungszeugin im Grunde gar nicht aussagepsychologisch untersuchen las-sen. Schließlich sei die Frau erwachsen und weise keine nennenswerten psychischen Krankheiten auf.
Es war erst Kachelmanns Kölner Anwalt Birkenstock, der im Team mit seiner Frau Johanna doch noch Oltrogges Blockade aufbrach. Denn Birkenstock hatte selbst drei Sachverständige rekrutiert, um die Aussagen der Frau untersuchen zu lassen. Sie waren anhand der Vernehmungsprotokolle zu dem Schluss gekommen, dass die Darstellung von "Simone" nicht plausibel sei, ihre Wahrnehmung verzerrt, der Vergewaltigungsvorwurf mit einiger Wahrscheinlichkeit falsch. Dagegen spreche für Kachelmann, dass ihn alle Geliebten, mit einer Ausnahme, nun gegenüber der Polizei als einen Mann beschrieben hatten, der nie aus der Haut gefahren sei. So hatte seine Ex-Frau aus Kanada angegeben, Kachelmann sei in ihrer Beziehung nie gewalttätig geworden, nicht mal in ihrem schmutzigen Scheidungskrieg.
Am 12. April reichte Birkenstock seine Gutachten ein, drei Tage später bestellte Staatsanwalt Oltroggge dann doch noch sein eigenes: bei der Bremer Psychologin Luise Greuel. Das Ergebnis aber wartete er nicht ab, erhob schon am 17. Mai Anklage, mit allen Folgen für das Bild, das die Öffentlichkeit so gewinnen musste: Kachelmann, der Vergewaltiger. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte zwar, dass das Greuel-Gutachten noch fehlte. Aus einer Kurzmitteilung der Gutachterin gehe allerdings hervor, dass "der Tatverdacht gegen Kachelmann nicht entkräftet wurde".
Das war, freundlich gesagt, getrickst. Tatsächlich hatte Greuel zwar mit dem Staatsanwalt telefoniert, doch wie Oltrogge selbst in einem Aktenvermerk am 12. Mai notierte, absolut nichts zum Ausgang ihres Gutachtens gesagt. Die Gespräche mit der Probandin seien beendet, das Ergebnis noch nicht absehbar. Eine aussagepsychologische Bewertung könne erst gegen Ende Mai erfolgen. Keine drei Wochen hätte sich Oltrogge mithin noch gedulden müssen.
Doch er preschte vor. Und offenbar hielt ihn auch kein Vorgesetzter zurück. "Haftsachen müssen mit der größtmöglichen Beschleunigung betrieben werden", rechtfertigt Jürgen Gremmelmaier von der Karlsruher Generalstaatsanwaltschaft die Eile. Außerdem habe die Sachverständige in ihrer Kurzmitteilung die Ansicht vertreten, die Zeugin sei aussagetüchtig. Was stimmt - aber nichts darüber sagte, ob die Zeugin log oder nicht.
Vergangene Woche traf nun das Greuel-Gutachten ein, 126 Seiten dick, und für die Mannheimer Ankläger ist es ein Desaster. Das Fazit: Die Aussage der Frau enthalte zu viele Mängel, als dass sich die vorgeworfene Vergewaltigung als echtes Erlebnis belegen lasse. Zumindest nicht mit aussagepsychologischen Methoden.
Elf Stunden hatte Greuel mit "Simone" gesprochen, die ihren Ex-Geliebten heute ein "Monster" nennt, ein "Schwein", für den sie nach ihren Worten nur noch Hass und Wut fühlt. Ihre Schilderung, so Greuel, leide unter so starken Defiziten, dass sie nicht einmal die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz erfülle. So lange die Zeugin den Streit mit Kachelmann wiedergab, fanden sich nach Einschätzung von Greuel zwar noch zum Teil Verankerungen im wirklich Erlebten wieder. Das aber könne die eklatanten Qualitätsmängel der Aussage zur Vergewaltigung nicht ausgleichen.
"Simone" gebe die eigentliche Tat nur vage und oberflächlich wieder; dafür, dass es sich um ein sehr schnell ablaufendes Geschehen mit vielen Positionswechseln gehandelt haben soll, wirke ihre Aussage auffallend statisch. Selbst nach eingehender Befragung habe "Simone" aber auch zu zentralen Aspekten der angeblichen Vergewaltigung keine Angaben machen können; die Erinnerungslücken seien außergewöhnlich umfassend. Andererseits habe sie wiederum Dinge berichtet, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien. Etwa, dass Kachelmann ihr nahezu ständig das Messer an den Hals gehalten haben soll.
Die Gutachterin weist "Simone" zwar keine Falschaussage nach; darauf ziele die Methode auch nicht ab. Doch weder lasse sich überzeugend entkräften, dass sie gezielt falsch aussage, noch, dass sie sich etwas einbilde. Dazu könne die Zeugin zu wenig trennen zwischen Dingen, die sie selbst erlebt, und anderen, die sie hinterher nur geschlussfolgert habe. Gerade bei solch einer Gemengelage sei die Gefahr von Einbildungen deutlich erhöht.
Thomas Franz, der Anwalt von "Simone", wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Greuel-Gutachten äußern. Er kenne es nicht, so wenig wie die anderen Gutachten. Kachelmann-Anwalt Birkenstock hatte dagegen sofort die Haftentlassung beantragt, als am 26. Mai der Vorabbescheid von Greuel bei ihm einging. Nun sieht er sich bestätigt: "Die von mir beigebrachten und veranlassten Beweisergebnisse haben Kachelmanns Unschuld belegt." Dass die Staatsanwaltschaft ihr eigenes Gutachten nicht abgewartet, stattdessen ohne Not Anklage erhoben habe, sei ein Skandal.
Das wollte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage des SPIEGEL zwar ebenso wenig kommentieren wie das Gutachten selbst. Dafür schrieb sie aber schon am vergangenen Mittwoch an das Landgericht und sperrte sich gegen den Antrag der Verteidigung, Kachelmann aus der Haft zu entlassen. Das Gutachten ändere nichts an ihrer bisherigen Beweiswürdigung und deshalb auch nichts am Tatverdacht. Die Gedächtnislücken und sonstigen Mängel der Aussage erklärt Staatsanwalt Oltrogge nun mit einer starken Traumatisierung des Opfers. Außerdem argumentiert die Anklagebehörde aber auch noch damit, dass - Aussage hin oder her - die übrigen Beweise für eine Verurteilung weiter ausreichten. Die Logik: Wenn die Spuren eindeutig sind, kann die Aussage auch nicht falsch sein.
Tatsächlich stützt sich die Anklage nicht nur auf die Aussage der Frau. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fanden die Ermittler am Messer DNA-Material von Kachelmann, außerdem DNA- und Blutspuren der Frau. Ebenfalls belastend: der Untersuchungsbericht der Rechtsmedizin am Heidelberger Uni-Klinikum, wo sich "Simone" nach dem 8. Februar zweimal vorgestellt hatte.
Ihr Leiter Rainer Mattern kam zu dem Schluss, Rötungen am Hals ließen sich durch das mehrmalige Andrücken des Messerrückens erklären, die Blutergüsse an den Oberschenkeln mit einem gewaltsamen Auseinanderdrücken der Beine, etwa mit den Knien des Täters. Zwar gebe es keine Haltespuren an den Armen, wie bei Vergewaltigungen zu erwarten, auch hätte die Frau alle auffälligen Stellen für eine Selbstverletzung erreichen können. Trotzdem: Das Verletzungsbild lasse sich der Darstellung der Frau zuordnen, widerspreche ihr jedenfalls nicht.
Wie klar diese Sachbeweise sind, muss sich vor Gericht indes noch zeigen. Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg fand zwar eine Spur von "Simone" an der Messerklinge, bei der es sich um Blut von ihr gehandelt haben könnte. Doch die Menge war so winzig, dass es für die Experten auch Tierblut hätte sein können, verunreinigt mit Hautzellen der Frau - eine Spur also, wie sie auch bei normaler Küchenarbeit entstehen könnte. Diesen unklaren Befund meldete das LKA schon am 27. April, drei Wochen vor der Anklageerhebung. Und die DNA-Spur von Kachelmann am Messer? Wieder das LKA: Es handele sich um eine Mischspur von mindestens zwei Personen, aber nur im Bereich der Nachweisgrenze. Kachelmann lasse sich als Verursacher nicht ausschließen, mehr aber nicht.
Auch hier hat die Verteidigung ein Gutachten besorgt, eines von insgesamt sieben. Der münstersche Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, einer der anerkanntesten Sachverständigen der Republik für die Spurenbewertung, hält demnach eine Sekundärübertragung für wahrscheinlich. Die entsteht, wenn eine Person - das Opfer? - eine zweite anfasst - Kachelmann? - und später einen Gegenstand berührt - das Messer? - und dabei DNA der ersten Person mitüberträgt. Die DNA, noch dazu lückenhaft, beweise deshalb keinesfalls, dass Kachelmann das Messer in der Hand gehalten habe. Zur angeblichen Messerspur am Hals wird Brinkmann noch deutlicher: Nach seiner Auffassung scheidet das Tomatenmesser, Marke Tramontina, als Tatwaffe aus. Sehr viel wahrscheinlicher sei ein Kratzen mit dem Daumennagel.
Und bei den Hämatomen auf den Oberschenkeln schließt Brinkmann ebenso aus, dass es wie behauptet die Knie eines Täters gewesen sein sollen. Er tippt auf Faustschläge. In diesem Fall also: Selbstverletzung.
Auch Mattern, der Rechtsmediziner, auf den sich die Staatsanwaltschaft stützt, reagiert in einem zweiten Gutachten vorsichtig. Zwar widerspricht er den Schlüssen Brinkmanns in ihrer Eindeutigkeit. Doch in der Tat, ob Vergewaltigung oder Selbstverletzung, das Spurenbild sei für beide Fälle ungewöhnlich, schrieb er am 4. Mai, ebenfalls noch vor der Anklageerhebung, an Oltrogge. Unter gewissen Umständen komme eine Vergewaltigung in Betracht. Zu beweisen sei sie anhand der Verletzungen nicht. Er stimmte nun sogar dem Kollegen Brinkmann zu, dass auch heftige Faustschläge für die Oberschenkelflecken verantwortlich sein könnten. Dagegen setzten Hämatome, verursacht durch die Knie des Täters, einen heftigen Gegendruck mit den Oberschenkeln voraus. Davon sei in den Aussagen der Frau aber keine Rede gewesen.
Mit solchen Zweifeln haben die Ermittler das angebliche Opfer nie konfrontiert. Sie hatten "Simone" das letzte Mal am 20. April vernommen, deutlich vorher, und sie hatten diese entscheidende Vernehmung ausgerechnet dann abgebrochen, als die Frau gerade zwei Lügen zugegeben hatte. Aus Sicht der Verteidigung ein schwerer Fehler, und bei weitem nicht der einzige: So hatten sie anfangs am Laptop der Frau nur die E-Mails und Chats vom 8. und 9. Februar überprüft, alles Weitere erst weit später, Mitte April. Dadurch, so Birkenstock, hätten sie Entlastungsmaterial viel zu spät gefunden.
Ebenso unverständlich für ihn: Gleich nach der Anzeige am 9. Februar hatte die Staatsanwaltschaft überlegt, Kachelmann noch vor dem Abflug nach Kanada zu vernehmen. Damals kam sie zu dem Schluss, es bestehe keine Fluchtgefahr, und ließ ihn reisen. Deshalb aber sei auch die Festnahme am Tag seiner Rückkehr unbegründet gewesen, argumentiert Birkenstock - hätte sein Mandant flüchten wollen, wäre er als Schweizer doch nach Zürich-Kloten zurückgeflogen, vermutet der Anwalt.
Für seinen Mandanten habe das auch noch einen gravierenden Nebeneffekt gehabt: Kachelmann wurde nicht gleich am 9. Februar körperlich untersucht. Das Ergebnis hätte Kachelmann nach Birkenstocks Ansicht entlasten können. Für ihn steht fest: "Hier wurde ein Unschuldiger zum Vergewaltiger gestempelt." Die Staatsanwaltschaft allerdings widerspricht entschieden und warnt vor vorschnellen Schlüssen."Nach allen uns heute vorliegenden Ermittlungsergebnissen sehen wir nach wie vor einen sich daraus ergebenden dringenden Tatverdacht, den wir auch der Anklage zugrunde gelegt haben", sagte ein Sprecher am vergangenen Freitag. Demnach ist Kachelmann aus Sicht der Anklagebehörde immer noch mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Vergewaltiger.
Wahr oder nicht: Die Aufklärung im Fall Kachelmann hat gerade erst begonnen. Doch wahr oder nicht - die Fernsehkarriere des Jörg Kachelmann dürfte zu Ende sein, so oder so. Es ist, möglicherweise, eine Tragödie für Kachelmann, in jedem Fall aber auch für das Opfer - ob ein wahres oder nicht. Denn auch "Simone" ist eine Verlorene, entweder ist sie das Opfer einer brutalen Vergewaltigung, das sich nun sogar noch verteidigen muss gegen Gutachter und Gegenanwälte. Oder sie hat jetzt auch noch ihre Unschuld verloren, weil sie selbst durch Kachelmann vorher alles andere verloren hatte. Ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung. Elf Jahre ihres Lebens.
Ich hab ja nichts mehr, sagte sie der Gutachterin Greuel, er hat mir mein ganzes Leben genommen. Wahr oder nicht?
Wahr.
Von Jürgen Dahlkamp, Simone Kaiser und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 23/2010
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