07.06.2010

GESUNDHEIT Unter Haifischen

Jürgen Windeler wird der mächtigste Medizinprüfer im Land. In seinem neuen Amt muss er mit ständigen Attacken der Pharma-Lobby rechnen.
Wenn Jürgen Windeler von seinem Schreibtisch aufblickt, schaut er auf ein Foto eines Werks von Ernst Barlach. Das Bild mit dem Titel "Der lesende Klosterschüler" zeigt eine Figur, die in ein auf ihren Knien liegendes Buch versunken ist - der Traum eines jeden Wissenschaftlers.
Windeler, 53, hatte in den vergangenen Jahren viel Zeit zum Lesen, meist Studien über den Nutzen von Arzneimitteln oder Therapien. Und er hatte in seinem Büro beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen in Essen dafür auch die nötige Ruhe: Kaum jemand interessierte sich für ihn.
Damit ist nun Schluss. Denn Windeler wird Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Am Mittwoch vergangener Woche sprach sich der IQWiG-Stiftungsrat einstimmig für Windeler aus, diese Woche soll der Vorstand die Personalie absegnen.
Das Institut wurde vor sechs Jahren gegründet, es verfasst die entscheidenden Gutachten darüber, welche Therapien von den Krankenkassen künftig noch bezahlt werden sollen und welche nicht. Deshalb steht es unter Dauerbeschuss der Lobbyisten im Gesundheitswesen. Der bisherige Institutsleiter Peter Sawicki wurde offiziell wegen laxen Umgangs mit seinem Dienstwagen abserviert, in Wirklichkeit aber ging Sawicki der Deutschen Krankenhausgesellschaft und den CDU- und FDP-Staatssekretären im Gesundheitsministerium wegen seiner Hartnäckigkeit auf die Nerven (SPIEGEL 11/2010).
Doch Windeler ist nicht weniger kritisch. Sein Doktorvater Johannes Köbberling gab ihm in den achtziger Jahren ein Thema, das den jungen Arzt prägte. Damals wurde der sogenannte Hämoccult-Test zum Nachweis von Darmkrebs schon massenhaft angewandt. Wie so häufig in der Medizin machten alle Ärzte mit, ohne zu wissen, was der Test wirklich bringt. Windeler wertete weltweit alle relevanten Studien zum Hämoccult-Test aus und fand keine Belege dafür, dass der damalige Test zu einer Verringerung der Sterblichkeit führte.
"Damals war es revolutionär, solche Fragen überhaupt zu stellen und sie zu untersuchen", erinnert sich Windeler. "Als echte Forschung galt damals nur, Ratten zu untersuchen."
Erst in den neunziger Jahren etablierte sich die sogenannte evidenzbasierte Medizin, die systematisch nach Beweisen für die Wirksamkeit von Medikamenten sucht. Windelers und Sawickis Lehrer, die Professoren Köbberling und Michael Berger, gehörten zu den Ersten, die diese neue Herangehensweise in Deutschland praktizierten. Wichtig war für die skeptischen Mediziner von Anfang an, sich aus der Umklammerung der Pharmaindustrie zu lösen.
Windeler organisierte schon damals pharmawerbefreie Fortbildungen für Ärzte. "Wir druckten unsere Unterlagen auf Umweltpapier, und die Ärzte mussten 50 Pfennig für ein Brötchen zahlen. Das ging gut. Ich kann also die Klagen nicht ganz ernst nehmen, dass man ohne die Hilfe der Pharmaindustrie heute keine Fortbildung mehr organisieren könne."
In den neunziger Jahren erarbeitete Windeler zusammen mit anderen Wissenschaftlern eine Positivliste für Arzneimittel, wie sie in vielen anderen europäischen Ländern üblich ist. Sie nennt Medikamente, die nachweislich nutzen und unter denen die Ärzte dann gezielt auswählen sollen. Doch die Liste wurde auf Druck der Pharmafirmen vom Gesundheitsministerium wieder verworfen, sie wurde, wie Windeler rückblickend sagt, "den mittelständischen Unternehmensinteressen zum Fraß vorgeworfen".
Windeler gehört nebenbei auch zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, einem Skeptikerclub, der gegen Esoterik kämpft und pseudowissenschaftliche Phänomene wie Astrologie oder Homöopathie erforscht. Als er sich in einer Zeitung dagegen aussprach, dass die Homöopathie Prüfungsstoff für Medizinstudenten werden sollte, zog er einigen Ärger auf sich. Das sei aber nicht schlimm gewesen, sagt er. "Als Methodiker bin ich unter Medizinern schnell der Outsider. Methodiker finden immer ein Haar in der Suppe, meistens mehrere, sogar ganze Büschel. Deshalb gibt es auch regelmäßig Unmut, wenn Mediziner und Methodiker aufeinandertreffen."
Diesen Unmut wird Windeler bald auch als IQWiG-Chef spüren. Denn die Arzneimittelhersteller behaupten stets, dass ihre Präparate besser sind als alles, was bisher auf dem Markt ist. Dazu legen sie Ergebnisse vor, die evidenzbasierte Mediziner regelmäßig anzweifeln. Oft können diese nachweisen, dass Neuheiten nicht besser, sondern nur teurer sind als bisherige Präparate.
Dennoch wird sich unter Windeler einiges ändern. "Ich werde mich als Person zurücknehmen", verspricht er. "Das IQWiG ist zuletzt in einer permanenten Verteidigungsrolle gewesen. Die Mitarbeiter sollen aber nicht das Gefühl haben, ständig unter Dampf zu stehen. Das Institut muss in ein ruhigeres Fahrwasser kommen, sein Niveau ist so hervorragend, dass es sich leisten kann, ruhig und souverän aufzutreten."
Es ist der Wunsch eines Klosterschülers vor dem Sprung ins Haifischbecken.
Von Grill, Markus

DER SPIEGEL 23/2010
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