Von Goetz, John; Mittelstaedt, Juliane von; Neukirch, Ralf; Schmitz, Gregor Peter; Schult, Christoph; Steinvorth, Daniel; Windfuhr, Volkhard; Zand, Bernhard
SPIEGEL: Nach dem Angriff auf die "Mavi Marmara" sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel zerrüttet. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spricht von "Staatsterrorismus". Hat er recht?
Yilmaz: Ein unbewaffnetes Schiff wurde in internationalen Gewässern geentert, dabei griffen die israelischen Streitkräfte zu unverhältnismäßig brutalen Mitteln. Das war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht.
SPIEGEL: Es sei den Aktivisten nicht darum gegangen, Hilfsgüter nach Gaza zu bringen, sondern die Seeblockade zu durchbrechen, behaupten die israelischen Militärs.
Yilmaz: Für so eine Sichtweise habe ich überhaupt kein Verständnis. Wenn die Aktivisten tatsächlich nur die Aufmerksamkeit der Medien gewinnen wollten, dann haben ihnen die Israelis erst recht geholfen, dieses Ziel zu erreichen.
SPIEGEL: Die Israelis behaupten auch, an Bord der "Mavi Marmara" seien Unterstützer der Hamas gewesen.
Yilmaz: Natürlich gibt es in der Türkei Sympathisanten der Hamas. Aber das ist kein Rechtfertigungsgrund für das Vorgehen Israels. Die israelischen Behörden müssen jetzt nachweisen, ob tatsächlich Waffen an Bord waren.
SPIEGEL: Hätte die türkische Regierung die Organisatoren der Gaza-Hilfsflotte nicht von ihrem Vorhaben abbringen müssen?
Yilmaz: In der Tat hat unsere Regierung in dieser Krise versagt. Es war klar, dass die israelische Seite es nicht zulassen würde, dass der Konvoi in Gaza einläuft. Trotzdem hat die türkische Regierung diplomatische Kanäle ungenutzt gelassen. Die Tragödie auf der "Mavi Marmara" hätte verhindert werden können.
SPIEGEL: Die Türkei arbeitet seit langem auch militärisch mit Israel zusammen. Sind Sie für eine Fortsetzung dieser Kontakte?
Yilmaz: Wir sollten die aktuelle Krise nutzen, um unsere militärische Abhängigkeit von Israel deutlich zu reduzieren.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, Ankara reiche heute lieber Iranern und Syrern die Hand?
Yilmaz: Die Türkei hat im israelisch-palästinensischen Konflikt stets eine distanzierte Haltung eingenommen. Erst die jetzige Regierung wollte eine Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt spielen, hat sich mit ihren allzu engen Kontakten zur Hamas aber ziemlich unglaubwürdig gemacht. Trotzdem: Dass unsere Beziehungen zu Israel an einem Tiefpunkt angekommen sind, dafür mache ich vor allem Israel verantwortlich.
SPIEGEL: Müssen wir mit einem Abbruch der türkisch-israelischen Beziehungen rechnen?
Yilmaz: Das türkische Parlament hat vergangenen Mittwoch eine Resolution verabschiedet, welche die Regierung auffordert, alle politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zu Israel zu überprüfen. Das bedeutet, dass unser bilaterales Verhältnis auf absehbare Zeit beschädigt ist.
DER SPIEGEL 23/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.