21.06.2010

BUNDESWEHRDie große Leere

Jedes Jahr zwingt der Staat Zehntausende junge Männer zum Wehrdienst. Die Bundeswehr hat keine Verwendung für sie, in den Kasernen gammeln sie herum. Während die Regierung über die Abschaffung der Wehrpflicht streitet, kämpfen die Rekruten gegen ihren Hauptfeind: die Langeweile.
Er hatte sich auf die Bundeswehr gefreut, gut möglich, dass er sich nach dem Wehrdienst als Zeitsoldat verpflichtet hätte. Es war ein Tag im März, als David einsehen musste, dass seine Freude einseitig war.
Er stand mit anderen Wehrpflichtigen im Kasernenhof eines Logistikbataillons in Bayern. Drei Dutzend Jungs zum Dienstantritt, die meisten 18 Jahre alt, eine halbwegs motivierte Truppe. Die Ausbilder aber blickten David und die anderen Rekruten auf dem Hof resigniert an. "Schon wieder so viele", zischte einer der Vorgesetzten. Was sollten sie bloß machen mit den jungen Männern?
Ja, was soll man mit ihnen nur machen? In Berlin wird darüber in diesen Tagen heftig gestritten. Geht es nach Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, wird der Wehrdienst bald kippen. Er will keine Zwangsrekruten mehr, obwohl der CSU-Mann bis vor kurzem noch als entschiedener Anhänger der Wehrpflicht auftrat. Jetzt sagt der Unteroffizier der Reserve: "Faktisch wird sie in zehn Jahren wohl abgeschafft sein."
Mit dieser Aussage hat er die eigenen Parteifreunde gegen sich aufgebracht, allen voran Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Kauder sagt, die Wehrpflicht reiche in den Kernbereich seiner Partei, sie sei ein "Instrument, Gesellschaft und Bundeswehr miteinander zu verbinden". Auch CSU-Chef Horst Seehofer meint, die CSU sei "eine Partei der Bundeswehr, wir sagen ja zur Wehrpflicht". Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Wehrpflicht für eine "Erfolgsgeschichte". Sie bremste den Verteidigungsminister, weil sie glaubt, dass ein großer Teil ihrer Wähler den Wehrdienst gut findet.
Es sind die alten Rituale. Die Wehrpflicht war eines der großen Tabus der Politik. Bis in die achtziger Jahre brauchte man Hunderttausende Männer noch, um im Ernstfall rasch ein Massenheer gegen die Armeen des Warschauer Pakts zu rekrutieren. Doch mit der Implosion des Ostblocks und dem Ende des Kalten Kriegs hat sich der Zwangsdienst überlebt.
Deutschland ist eingekesselt von Freunden, die Landesverteidigung spielt kaum eine Rolle mehr. Soldaten der Bundeswehr kämpfen inzwischen in Afghanistan oder überwachen das Waffenembargo vor der Küste des Libanon. Niemandem nutzen die jungen Männer, die schlecht ausgebildet und vom Staat vernachlässigt die Zeit totschlagen.
Doch nun gibt es Hoffnung, denn nun muss gespart werden. Ohne Geld gibt es wohl bald auch keine Wehrpflicht mehr. Beamte des Verteidigungsministeriums haben ausgerechnet, wie viel die Bundeswehr ohne Wehrdienstleistende weniger kosten würde: fast eine halbe Milliarde Euro jedes Jahr.
Neun Monate dauert der Wehrdienst bislang noch, drei Monate Grundausbildung, sechs Monate in einer Kaserne irgendwo in der Republik. Sechs Monate in der Kaserne müssen nicht lang sein. Sechs Monate können aber lang werden, wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Niemand weiß es. David nicht, seine Kameraden beim Logistikbataillon nicht, kaum einer der rund 60 000 deutschen Wehrdienstleistenden weiß es, die Bundeswehr auch nicht.
Nach der Grundausbildung lernen deshalb viele Wehrpflichtige vor allem, was man machen kann, wenn man nichts macht. Sie lernen, wie man Stunden, Tage, Wochen und Monate verbummelt, wie man Zeit bei Botengängen und auf Bürostühlen verplempert, sie lernen, vor sich hin zu träumen in ihren Einheiten und Dienststellen, auf den Fluren, Stuben und Kasernenhöfen. Das große Rumlungern. Sie werden dabei entweder träge, albern oder kreativ, manchmal alles zusammen, dann veranstalten sie Schlafsackwettkriechen und zeichnen es mit ihren Handykameras auf, das Internet ist voll von solchen Filmchen.
Eine gigantische, neun Monate währende Jungsparty, positiv gesehen. Aber wozu der Unsinn? Wofür hat der Staat letztes Jahr 63 413 Männer zum Wehrdienst einberufen? Warum greift er in das Leben junger Menschen ein, obwohl er nicht erklären kann, was sie in den Kasernen sollen, wenn sie angetreten sind?
Der Staat wird schon wissen, warum er uns einzieht, denken viele, er wird wissen, warum er uns neun Monate lang die Freiheit nimmt. Die Wirklichkeit ist banaler: Er weiß es nicht. Sonst würde er die jungen Männer anders behandeln. Fünf Jahrzehnte nach ihrer Einführung ist die Wehrpflicht zu einer riesigen Maschine geworden, die mit jungen Männern gefüttert wird und in den Kasernen staatlich organisierte Massenarbeitslosigkeit produziert.
Die Soldaten haben ein Wort für Tätigkeiten erfunden, deren ausschließlicher Zweck darin besteht, Betriebsamkeit zu simulieren. Sie nennen es "Dummfick". David, der in Wahrheit anders heißt, erhielt in seinem Logistikbataillon kurz nach Dienstantritt den Befehl, Gewehre zu reinigen - saubere Gewehre, aus denen noch nie ein Schuss abgefeuert wurde. Man könnte denken, es sollte eine Übung sein, aber David hatte das schon in der Grundausbildung gelernt. Er setzte sich trotzdem auf einen Stuhl vor der Waffenkammer, ein sauberes MG 3 vor sich, zerlegte es in seine Einzelteile, polierte sie und setzte sie zusammen. Zerlegen, putzen, zusammensetzen, stundenlang, tagelang. Dummfick.
Zu allem Ärger sei die Kaserne völlig überfüllt gewesen, erzählt er, vier Doppelstockbetten in einer Stube. Einige Kameraden mussten ihre Ausrüstung auf dem Dachboden lagern, weil kein Schrank mehr in die Zimmer passte. David stammt aus einem kleinen Ort in Hessen, nach dem Abitur fand er das Angebot verlockend, bei der Bundeswehr zu studieren und in der Luftwaffe die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Seine Euphorie hielt nicht lange. Nach zwei Wochen wurde er von der Waffenkammer in das Geschäftszimmer der Kompanie versetzt, wo ähnlich viel zu tun war.
Zumindest ging es ihm nicht wie dem Rekruten eines westdeutschen Transportbataillons, der dazu abkommandiert wurde, ein Telefon zu bewachen und dort Dienstgespräche in Empfang zu nehmen. Es war eine eintönige Aufgabe, denn der Apparat klingelte nie. Wochenlang. Erst als ein Vorgesetzter die Büromöbel verrücken ließ, bemerkte der Soldat den Stecker hinter dem Schrank. Das Telefon war gar nicht angeschlossen.
Anstatt David und die anderen herumbummelnden Rekruten zum Anlass zu nehmen, sich von der Wehrpflicht zu verabschieden, hat der Bundestag vergangene Woche den Dienst nur verkürzt, von neun auf sechs Monate ab 1. Juli. Die sechs Monate wurden von Union und FDP in den Koalitionsverhandlungen beschlossen, weil die Liberalen die Wehrpflicht aussetzen wollten, wogegen sich die Union sträubte. Der Kompromiss macht das Dilemma nur noch größer, weil man die Rekruten in der kürzeren Zeit noch weniger sinnvoll einsetzen kann.
"Militärischer und persönlicher Nutzen des Grundwehrdienstes müssen mindestens gleichgewichtig sein", sagt Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte des Bundestags. Andernfalls würde die Wehrpflicht in Konflikt mit der Verfassung geraten. Königshaus bekommt gelegentlich Briefe von Soldaten, die sich unterfordert fühlen und sich über sinnlose Arbeiten beschweren. Allerdings sei "davon auszugehen, dass ,Gammeldienst' bei Wehrdienstleistenden verbreiteter ist, als sich dies in den Eingaben niederschlägt".
Bereits vor elf Jahren ließ der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping untersuchen, wie die Bundeswehr moderner, billiger und effizienter werden könnte. Die Kommission unter der Leitung von Richard von Weizsäcker diskutierte schon damals über die Abschaffung der Wehrpflicht. Scharping wollte das aber nicht, er befürwortet die Wehrpflicht bis heute (siehe Kasten). Verteidigungsminister Guttenberg setzte im April ebenfalls eine Reformkommission ein. Die Ergebnisse sollen im September vorliegen.
Bis dahin rücken immer neue Rekruten in die Kasernen, die wie David bei den Logistikern nichts lieber killen würden als die Zeit. Als David ins Geschäftszimmer versetzt wurde, waren dort drei andere Kameraden damit beschäftigt, die große Leere zu verwalten. Da sie zu viert nur drei Bürostühle hatten, machte einer von ihnen Pause auf der Stube oder lehnte sich an den Tresen im Flur. David sagt, der Höhepunkt des Tages war der Botengang vom Geschäftszimmer zur 300 Meter entfernten Poststelle. Er hat versucht, den Highscore bei Solitaire, dem Kartenspiel, auf dem Dienstrechner zu knacken, und mit den anderen Online-Poker gespielt oder gewürfelt. Häufig sei er schon am späten Nachmittag ins Bett gegangen.
Dabei stehen die Chancen gut, ausgemustert zu werden. Von 417 300 abgeschlossenen Musterungsverfahren im vergangenen Jahr endeten fast 43 Prozent mit dem Ergebnis "nicht wehrdienstfähig", was auch politisch so gewollt ist. Deutschland verfügte 2009 über das vermutlich größte Heer von Untauglichen in Europa, eine Invalidenarmee von 178 325 Mann, das entspricht etwa einem Dutzend Divisionen.
Seit Jahren wird das Heer der Untauglichen größer. "Die Zahlen lassen auf eine deutliche Minderung der allgemeinen körperlichen Konstitution und Leistungsfähigkeit schließen", schrieb der frühere Wehrbeauftragte Reinhold Robbe bereits in seinem Jahresbericht 2007. Er machte dafür psychische Belastungen, gestiegenen Drogen- und Medikamentenmissbrauch sowie das Fernsehen und den Computer verantwortlich. Es war ein trostloses Bild, das fast die Hälfte der Wehrpflichtigen wie einen Haufen verhaltensgestörter Phlegmatiker erscheinen ließ, die kiffend vor ihrer Playstation hocken und Pizza in sich hineinstopfen.
Außerdem hat die Bundeswehr gar kein Interesse an vielen Wehrpflichtigen. Sie kosten Geld, nehmen Platz weg und binden Personal. Die Bundeswehr soll eine Einsatz- und Interventionsarmee werden, Soldaten, die man nicht im Ausland einsetzen kann, sind nur eine Last. Damit wenigstens der Anschein von Wehrgerechtigkeit gewahrt bleibt, werden die Tauglichkeitskriterien immer weiter verschärft, so dass die gewünschte Zahl von Männern wegfällt.
So wurden 2009 erst die Untauglichen, dann die Kriegsdienstverweigerer, angehende Polizisten und Feuerwehrleute ausgesiebt und gerade noch 96 185 Einberufungsbescheide verschickt, die wiederum zu Zehntausenden aufgehoben wurden. Dank überschrittener Altersgrenzen, der Aufhebung von Einberufungsbescheiden, Zurückstellungen oder einfach aus "organisatorischen Gründen" mussten nur 68 304 Mann einrücken, von denen 4891 die Truppe bereits innerhalb der ersten vier Wochen wieder verließen. Am Ende blieben 63 413 Wehrpflichtige, die ihren Dienst am Vaterland simulieren durften.
Zur Umsetzung der politischen Vorgaben stecken die Musterungsvorschriften voller Skurrilitäten, die dazu dienen, den Kreiswehrersatzämtern möglichst viel Spielraum zu öffnen, um großzügig auszusortieren. Laut Zentraler Dienstvorschrift 46/1, Anlage 3, sind Rekruten untauglich, wenn sie allergisch auf Sellerie reagieren. Sellerie findet bei der Bundeswehr Anwendung unter anderem in Fleisch- und Gemüseeintöpfen.
Nicht diensttauglich ist, wer allergisch auf Bienen- und Wespenstiche reagiert. Außerdem wird jeder nach Hause geschickt, der keine Malaria- oder Gelbfieberprophylaxe verträgt, obwohl weder Malaria- noch Gelbfiebergebiete in der jüngeren Geschichte in Deutschland bekannt wurden und Wehrdienstleistende nie dienstlich im Dschungel waren.
Junge Männer, die vor oder während der Musterung den Kriegsdienst verweigern, haben dagegen weniger gute Chancen, ausgemustert zu werden. Denn anders als die Bundeswehr hat das Bundesamt für Zivildienst viele Interessenten, die billige Arbeitskräfte gern einstellen, zum Beispiel private Pflegefirmen.
In den Kreiswehrersatzämtern dagegen herrscht oft Willkür. Einen Rekruten, der an den Zähnen Karies hatte, sortierten die Musterungsbeamten aus, während sie einen anderen mit einem verheilten Trümmerbruch für tauglich hielten.
So schafft es die Bundeswehr, auch die Begeisterten zu verprellen. Sven aus Hannover, 21 Jahre alt, wurde nach der Grundausbildung als Sanitäter eingesetzt. "Da lerne ich medizinische Dinge, die mir später nutzen", dachte er am Anfang. Stattdessen lernte er den Umgang mit dem Blutdruckmessgerät. Als er sich bewährt hatte, durfte er von Bett zu Bett gehen, kurz nach dem Wecken, und die Kameraden fragen, ob der Stuhlgang in Ordnung gewesen sei.
Wenn man bei YouTube die Wörter "Bundeswehr" und "Langeweile" eintippt, wird das Ausmaß der großen Leere noch viel deutlicher: deutsche Rekruten im Gefecht mit ihrem Hauptfeind, der Langeweile.
In einem Video wippt ein Soldat im Tarnanzug und mit Gasmaske zu Techno-Musik hin und her, einen Besen als Tanzpartner. In einem anderen Film spielen sie "Betten würfeln" und kippen einen Kameraden von der Matratze; es gibt den Bundeswehr-Twist, bei dem Rekruten in Tarnkleidung, mit Stahlhelm und Gasmaske tanzen; es gibt auch einen Film, in dem sich Männer auf der Stube gegenseitig die Oberschenkel enthaaren mit der Hilfe von Klebeband.
Es sind Soldaten zu sehen, die sich Stahlhelme an Ellbogen und Knie schnallen und damit auf allen vieren über den Linoleumboden hoppeln, im "Schildkrötenrennen"; und Männer, die sich eingewurstet in Bundeswehrschlafsäcken wie fette Raupen über den Kasernenflur wälzen, unter dem Applaus der Kameraden.
Ein Drei-Minuten-Video zeigt einen Soldaten auf einem Stuhl, dem vor Müdigkeit ständig die Augen zufallen, eine komische und traurige Gestalt, zugleich eine großartige Allegorie auf den gesamten Unsinn der Wehrpflicht. Es wird natürlich auch viel gesoffen und erbrochen.
David gelangte nach vier Wochen Nichtstun im Geschäftszimmer seines Logistikbataillons in Bayern zu der Erkenntnis, dass er sinnlos seine Zeit vergeude. Er ging zu seinen Vorgesetzten, verweigerte nachträglich den Kriegsdienst und arbeitet jetzt als Zivi bei einem Pflegedienst.
Von Michael Fröhlingsdorf, Sven Röbel und Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 25/2010
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